Gerard Menuhin Wahrheit sagen, Teufel jagen
Wie man die Wahrheit zum Teufel jagt.
Das englische Original des Buchs erschien 2015 unter dem Titel Tell the Truth and Shame the Devil bei Barnes Review, einem „revisionistischen“ Verlag. Die deutsche Übersetzung mit dem Titel Wahrheit sagen, Teufel jagen fertigte Jürgen Graf an.
Es enthält eine Fülle von Zitaten, die mangels brauchbarer Angaben schwer oder gar nicht nachvollziehbar und überprüfbar sind. Die Tendenz wird jedoch schon nach wenigen Seiten klar: Hitler und NS-Regime wunderbar, alle anderen böse, Juden ganz besonders böse, der Holocaust ein großer Schwindel.
Holocaustleugnung
Die deutschen Gesetze, die das Leugnen des Holocaust unter Strafe stellen, bewertet Menuhin folgendermaßen:
Es belegt, dass es eine Lüge sein muss. Warum sonst sollte es jemandem verboten sein, ihn infrage zu stellen?
Gerard Menuhin
Wahrheit sagen, S. 244
Ich nehme die Wette an. Ich brauche knapp neun Stunden, um die Realität des Holocaust so schlüssig zu beweisen, dass Menuhin es glauben muss. Wie? Ganz einfach. Ich fliege in die USA. Da ist das Leugnen des Holocaust nicht strafbar, also ist er dort eine Realität. Wenn ich heimkehre, dauert es noch einmal neun Stunden, und er ist wieder so irreal, wie Menuhin sich das vorstellt.
Klingt das albern? Ja. Aber es ist nicht meine Albernheit. „Revisionismus“ ist halt, wie er ist.
So folgt das Buch dem üblichen rechtsextremistischen Muster: Antisemitismus, Hitler-Apologetik, Geschichtsfälschung, Holocaustleugnung.
Antisemitismus
Gerard Menuhin zitiert:
Von 3.000 bei den Nürnberger Gerichten beschäftigten Personen waren 2.400 Juden.
Louis Marschalko, Sonderkorrespondent; hier zit. n. Gerard Menuhin, Wahrheit sagen, S. 42
Menuhin nennt weder Titel noch Seite. Es handelt sich um das 1958 erschienene Buch World Conquerors von Louis Marschalko, der seinerseits für diese Behauptung keine Quelle hat. Marschalko schlägt in dem Buch deutliche antisemitische Töne an und behauptet, die Nürnberger Prozesse seien anhand der Protokolle der Weisen von Zion inszeniert worden (Marschalko, S. 138).
Auf Seite 195 bezieht Menuhin sich auf Arnold Leese, der 1938 in seinem Buch Jewish Ritual Murder das Märchen von den jüdischen Ritualmorden verbreitet hat.
Mehrfach zitiert er die britische Verschwörungsfantastin Nesta Webster. Die historische Fakultät der Kingston University (London) schreibt über sie:
Mrs. Webster’s malign influence has been regularly detected by academic observers in the works of other conspiracy theorists and like-minded networks and lobby groups.
[Frau Websters bösartiger Einfluss wurde von wissenschaftlichen Beobachtern regelmäßig in den Werken anderer Verschwörungstheoretiker und in ähnlich gesinnten Netzwerken und Lobbygruppen entdeckt. / Eigene Übersetzung]
Nesta Webster and her ideas: a case study in conspiracy theory (eigene Übersetzung)
In einem ihrer Bücher überschrieb sie ein Kapitel mit „The Jewish Peril“ – die jüdische Gefahr. Anscheinend hat sich der Verschwörungserzähler David Icke ebenfalls bei Nesta Webster bedient.
Auch ein komplett gefälschtes Zitat, angeblich aus dem Schulchan Aruch, taucht bei Menuhin auf:
Das gesamte Eigentum anderer Nationen gehört der jüdischen Nation (…) Ein orthodoxer Jude ist nicht verpflichtet, die Grundsätze der Moral gegenüber Menschen anderer Stämme zu beachten.
Gerard Menuhin
Wahrheit sagen, S. 230
Vergleiche hierzu auch: Talmudfälschungen.
Hitler-Apologetik
Auf Seite 344f beruft Gerard Menuhin sich auf die Neonazi-Website „Globalfire“:
Wenn es jemals ein System gab, das sich dem Zuspruch nach demokratisch bezeichnen durfte, dann denken Historiker an Hitlers „Wohlfühl-Diktatur“. Adolf Hitler kam demokratisch an die Macht und wurde vom demokratischen Parlament sogar ermächtigt, die Not im Land zu beseitigen (Ermächtigungsgesetz). Nur einen Tag nach diesem urdemokratischen Mandat, erklärte das Weltjudentum nicht nur Adolf Hitler den Krieg, sondern gleich dem gesamten deutschen Volk
Gerard Menuhin
Wahrheit sagen, S. 344
Hitler kam keineswegs demokratisch an die Macht. Die 81 demokratisch gewählten kommunistischen Abgeordneten wurden an der Ausübung ihres Stimmrechts gehindert. Nur dadurch war die Einrichtung der Diktatur mithilfe der konservativen bis reaktionären und rechten Parteien überhaupt möglich. Die Bundeszentrale für Politische Bildung schreibt dazu:
Denn nicht als Führer einer parlamentarisch tragfähigen Mehrheit kam Hitler an die Regierung, sondern durch die „autoritären Einbruchstellen der Weimarer Verfassung“ (Bracher). Diese waren schon zuvor unter Ausnutzung des Notverordnungsartikels 48 von den Präsidialregierungen geöffnet worden.
Hans Ulrich Thamer in: Machtergreifung
Das sogenannte Ermächtigungsgesetz besiegelte den Untergang der Weimarer Republik. Es war kein urdemokratisches Mandat, und eine Kriegserklärung des Weltjudentums gab es nicht.
Auf Seite 69 bringt Menuhin es dann auf den Punkt:
In Wahrheit schuldet die Welt Adolf Hitler eine Entschuldigung.
Gerard Menuhin
Wahrheit sagen, S. 69
Geschichtsfälschung
Auf Seite 60 spricht Gerard Menuhin einen Punkt an, der sich direkt auf einen meiner Texte bezieht:
Ich empfehle die Lektüre von 1939 Der Krieg, der viele Väter hatte (2005) von General a. D. Gerd Schultze-Rhonhof
(…)
Auf einer Website mit dem Namen „Holocaust-Referenz“ – Schultze-Rhonhof bekennt sich pflichtgemäss zur offiziellen Holocaust-Version – knüpft sich ein seriöserer Rezensent den Verfasser wegen seiner Interpretation historischer Dokumente vor, als ob jede abweichende Deutung, mag sie auch noch so geistreich sein, von vorne herein verdächtig wäre.
Gerard Menuhin
Wahrheit sagen, S. 60
Hier stimmen mehrere Dinge nicht. Zuerst einmal bin ich absolut kein seriöser Rezensent. Jedenfalls nicht, wenn es nach Gerd Schultze-Rhonhof geht; der Herr wollte mich ja sogar wegen Rufschädigung verklagen, nachdem ich sein Buch kritisiert hatte. Zweitens hat Schultze-Rhonhof zwar nicht offen den Holocaust geleugnet, aber er hat unkritisch einen Holocaustleugner zitiert und sich mehrfach in die Nähe von Holocaustleugnern begeben.
Drittens, und das ist der wichtigste Punkt, sind Schultze-Rhonhofs Ausführungen zu verschiedenen historischen Zusammenhängen nicht geistreich, sondern nachweislich falsch; meiner Ansicht nach sogar vorsätzlich falsch, also im allerbesten Sinne „revisionistisch“.
Auf Seite 62 bezieht sich Gerard Menuhin dann auf die Schriftenreihe Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. In Heft 2001/1 wird ab Seite 97 das Tagebuch des Wehrmachtsoffiziers Gutschmidt als wichtige zeitgenössische Quelle besprochen. Menuhin zitiert:
Rassenideologische Erwägungen waren irrelevant; man vertrat das traditionelle Konzept, wonach wehrlose Menschen, und insbesondere in Gefangenschaft geratene Feinde, ‚anständig‘ zu behandeln seien. [Zitierweise Menuhin]
Rassenideologische Kategorien hatten da wenig zu suchen, eher schon die althergebrachte Vorstellung, daß man den wehrlosen und insbesondere den gefangenen Gegner „anständig" zu behandeln habe. [Original in VfZ]
a) Gerard Menuhin
Wahrheit sagen, S. 62
b) Christian Hartmann, Massensterben oder Massenvernichtung
Menuhin zitiert hier nicht Gutschmidt, sondern Hartmann, der an dieser Stelle lediglich mit eigenen Worten referiert. Trotz der falschen Wiedergabe formatiert Menuhin dies als wörtliches Zitat und schreibt auch noch dazu: „Zitat aus dem Tagebuch des Kommandanten eines Kriegsgefangenenlagers, in: Christian Hartmann, „Massensterben (…)“
Unmittelbar vorher und nachher sieht man in Hartmanns Aufsatz zwei relativierende Bemerkungen:
Ungewöhnlich ist freilich auch, daß dieses Tagebuch frei ist von Haß auf den Gegner (…)
Die „ehrliche Freude der Gefangenen“ habe ihm, so heißt es in Gutschmidts Tagebuch wenig später, „große Freude gemacht. Offenbar sind die Gefangenen sonst nicht so anständig behandelt worden.“
Christian Hartmann, Massensterben oder Massenvernichtung, S. 116
Dies sind zwei deutliche Hinweise darauf, dass man Gutschmidt eher als Ausnahme denn als die Regel betrachten sollte. Der Offizier sei, schreibt Hartmann auf S. 106, Monarchist gewesen und habe den Nazis distanziert gegenübergestanden. Auf S. 136 führt Hartmann dann aus, dass Gutschmidts freundliche Haltung gegenüber den Gefangenen in den Zwängen der Zeit und der Situation ihre Grenzen fand.
Anscheinend gab es zeitweilig gewisse Freiräume, die man in die eine oder in die andere Richtung nutzen konnte (Hartmann, S. 136). Gutschmidt habe jedenfalls „nicht zielgerichtet auf eine Vernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen hingearbeitet.“
Im Gegensatz dazu stand allerdings dies:
Im Falle Gutschmidts endete dessen Selbständigkeit an zwei Punkten: bei der Liquidierung ganz bestimmter Gefangener und beim Massensterben des Winters 1941/42.
Hartmann, „Massensterben“, S. 136
Menuhin hat sich aus Hartmanns Beitrag das herausgesucht, was ihm gut passte, den Rest hat er ignoriert, genau wie meine mit Quellen belegte Kritik an Schultze-Rhonhofs apologetischem Text.
Holocaustleugnung
An vielen Stellen in seinem Buch greift Gerard Menuhin längst widerlegte Behauptungen, Tricks und Vorlagen der Holocaustleugner auf, die hier nur summarisch erwähnt werden:
- Ben Weintraub, Holocaust Dogma
- Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, sei gefoltert worden
- Sonderstandesamt Arolsen / Die Sterbebücher von Auschwitz
- Auschwitz sei kein Vernichtungslager gewesen – ein verfälschtes Zitat von Gitta Sereny
- Udo Walendy, Lügen um Heinrich Himmler
- Lion Feuchtwanger, Der gelbe Fleck
- Richard Harwood, Did Six Million Really Die?
- Lampenschirme aus Menschenhaut
- Hitler als "Mann des Jahres"
- Dieter Rüggeberg, Geheimpolitik
Die Liste der irreführenden oder böswillig verfälschten Behauptungen und Zitate ließe sich beliebig verlängern.
Gerard Menuhins Buch Wahrheit sagen, Teufel jagen hat anscheinend für den „Revisionismus“ keinen großen Erkenntniswert, denn es wird von anderen Autoren kaum rezipiert; es sei denn wohlwollend und sehr allgemein in dem Sinne, dass endlich mal ein „mutiger Jude“ die Wahrheit ausspreche – was alleredings nur zutrifft, wenn man sich die rassistische Sichtweise des NS-Regimes zu eigen macht. Gerard Menuhins Vater Yehudi Menuhin war Jude, die Mutter aber nicht.
Bei den einschlägigen Konsumenten findet es dagegen als reichhaltige antisemitische Zitatsammlung durchaus regen Zuspruch.