Talmudfälschungen
Eine lange Tradition der Verleumdung
Geht aus Talmud-Zitaten hervor, dass Juden aufgrund ihrer Vorschriften bösartig und betrügerisch sind?
Nein, das trifft nicht zu. Die Textstellen aus dem Talmud, die dies angeblich beweisen, sind erfunden oder entstellend aus dem Zusammenhang gerissen.
Der Talmud ist nicht das definitive jüdische Gesetzbuch, als das manche Antitalmudisten (sprich: Antisemiten) ihn darstellen. Vielmehr handelt es sich beim Talmud um eine Dokumentation teilweise recht heftiger Auseinandersetzungen um Gebote und Vorschriften für das Alltagsleben und über Debatten um religiöse, ethische und moralische Fragen.
Das jüdische Gesetzbuch, die Halacha, wurde aus jenen Debatten kodifiziert, die zu einem klaren Abschluss und einem Konsens geführt hatten. Was der Talmud wiedergibt, ist ein Prozess, der Jahrhunderte vor der Entstehung der Halacha stattfand und teils auch ergebnislos blieb, weil es zu keinem Konsens kam. Da die Auseinandersetzungen sehr lebhaft und hitzig geführt wurden, was man vor allem in der „Gemara“ (einem Abschnitt des Talmuds) feststellen kann, fielen dort auch kontroverse Äußerungen. Dies sind allerdings immer nur Diskussionsbeiträge Einzelner, die gewissenhaft dokumentiert wurden, ohne jedoch den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit zu erheben.
Antitalmudisten suchen seit Jahrhunderten gezielt nach besonders provokanten Aussagen im Talmud und lasten diese dem gesamten Judentum an, als seien dort allgemeinverbindliche Regeln formuliert worden. Wenn ihnen das, was vorhanden ist, nicht reicht, erfinden sie provokante Äußerungen, reißen authentische Äußerungen aus dem Kontext oder verfälschen die Dokumentationen im Talmud, bis das Judentum in einem möglichst schlechten Licht erscheint.
August Rohling, Der Talmudjude, Neuausgabe 1891
Die Geschichte der Talmudfälschungen ist sehr alt; ein recht bekannter Agitator war August Rohling, der als außerordentlicher Professor an der damaligen Königlichen Akademie in Münster lehrte. Rohling veröffentlichte 1871 das Buch Der Talmudjude, das seinerseits auf noch ältere Fälschungen zurückgriff. Das Buch erschien im Münsteraner Adolph Russell-Verlag, und die katholischen Kirche Westfalens nahm die Veröffentlichung wohlwollend auf. Das „Portal Westfälische Geschichte“ berichtet, dass der Bonifatius-Verein allein von der sechsten Auflage (1877) 38.000 Exemplare kostenlos in Westfalen verteilt haben soll [vgl. JAHR 1871: August Rohlings "Der Talmudjude" wird in Münster veröffentlicht].
2021 erinnerte die Universität Münster unter dem Titel 1871–2021: 150 Jahre nach der Publikation der antisemitischen Schrift „Der Talmudjude“ von August Rohling an die Veröffentlichung:
Die Fakultät begreift die Publikations- und Lehrtätigkeit von August Rohling als bis heute belastenden Teil ihrer Vergangenheit.
Universität Münster, „150 Jahre“
Unter der Überschrift „Katholischer Antisemitismus in Münster“ erklärt Prof. Dr. Johannes Schnocks, der Dekan der Fakultät, warum diese Stellungnahme notwendig war, und fällt ein vernichtendes Urteil über Rohlings Buch.
Rohlings „Talmudjude“ war ein durch und durch antisemitisches Pamphlet, das über weite Strecken ein Plagiat älterer antijüdischer Texte darstellt und sich auf den jüdischen Talmud völlig sinnentstellend bezieht. Rohling stilisiert sich als Kenner des Talmuds, war aber nachweislich nicht in der Lage, darin zu lesen.
Uni Münster, „150 Jahre“
Der Dekan führt weiter aus, dass Rohling anhand seiner böswilligen Fälschungen Verschwörungsfantasien konstruiert habe, die wie Vorlagen für die Propaganda des NS-Regimes klingen. Die Juden, so Rohling, strebten die Weltherrschaft an, wollten Christen bestehlen, betrügen und töten und christliche Frauen vergewaltigen. Der Talmud sei die Lehre, der dies alles zu entnehmen sei, und danach müssten sich alle Juden richten.
Ein Blick in Rohlings Hetzschrift Der Talmudjude (Ausgabe 1891)
Machwerke wie dieses wurden von der NS-Propaganda dankbar verwertet; das Hetzblatt Der Stürmer griff häufig diffamierende Ideen auf, die auf Rohling zurückgehen. An der „Modernisierung“ dieser alten Vorlagen war maßgeblich Erich Glagau mit seinem Buch Der babylonische Talmud beteiligt. Glagaus Arbeit bestand weniger darin, neue Verleumdungen zu erfinden, sondern er beschränkte sich darauf, ältere Vorlagen auszuwerten und in eine zeitgemäße Form zu bringen, die der NS-Propaganda dienlich war. Glagaus Buch erschien 1939 im Nordland-Verlag, dem Verlag der SS-Organisation „Das Ahnenerbe“, und spielte in der antijüdischen NS-Propaganda eine nicht unerhebliche Rolle.
Glagaus und Rohlings Bücher werden auch heute noch von rechtsextremen Verlagen nachgedruckt, um das antisemitische Publikum zu bedienen, so etwa 1996 vom Verlag Neue Visionen in Würenlos (CH), oder (v.a. Rohling) im Selbstverlag im Online-Buchversand. Auch in der arabischen Welt werden solche antisemitischen Traktate verbreitet. Gelegentlich ziehen Antisemiten auch Talmud-Fälschungen heran, um zu „beweisen“, dass es jüdische Ritualmorde gegeben habe.
Weiterführende Informationen zum Talmud und zu Talmudfälschungen
- Gastbeitrag von Rainer Grieben
- Einen weiteren Autor, der Talmudzitate fälschte, behandelt Rainer Grieben in seinem Gastbeitrag. Er benutzte den Babylonischen Talmud von Lazarus Goldschmidt, eine wissenschaftlich anerkannte Übersetzung, um einem Usenet-Teilnhmer zahlreiche Verzerrungen nachzuweisen. Dessen Fälschungen beruhten höchstwahrscheinlich auf dem antisemitischen Buch Der Talmud in nichtjüdischer Beleuchtung, Budapest 1931, von Baron A. Luzsenszky zurück.
- Interview mit Vertretern der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster
- Ingo Wey sprach mit Professor Schnocks und Dr. Daufratshofer von der Universität Münster über die Aufarbeitung der Geschichte und den Umgang mit dem Antisemiten August Rohling, der 150 Jahre vorher an der Universität gelehrt hatte.
- Mendel Itkin über die Digitalisierung der Goldschmidt-Übersetzung
- In dem Artikel „Das Lernen hat kein Ende“ berichtet Mendel Itkin im Interview mit Aliyah Goldschmidt in der Jüdischen Allgemeinen (21.10.2021) über seine Beteiligung an der Digitalisierung der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt, die bei Sefaria veröffentlicht wurde. Diese Website gibt es nur in hebräischer und englischer Sprache; allerdings können die Talmud-Texte selbst auch deutscher Sprache dargestellt werden.
- talmud.de
- Die von Chajm Guski betriebene Website informiert über das jüdische Leben und den Talmud und klärt über verschiedene Fälschungen auf.
- Faktenfinder Tagesschau zu Talmudfälschungen
- Der „Faktenfinder“ der Tagesschau informiert über gefälschte Zitate aus dem Talmud und stellt sie richtig.
- Gefälschte Talmud-Zitate vor Gericht
- Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung bietet u.a. einen ausführlichen Bericht (Februar 2005) über ein Verfahren wegen Beleidigung, das August Rohling gegen einen Kritiker anstrengte. Dies eröffnete dem verklagten Rabbiner Dr. Joseph Samuel Bloch die Möglichkeit, nach langwierigen Recherchen Rohlings Fälschungen gerichtsfest nachzuweisen. Rohling zog jedoch seine Klage im letzten Moment zurück.