Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Die antisemitische Ritualmord-Legende

Eine hartnäckige alte Schauergeschichte.

BEHAUPTUNG:

Gab es tatsächlich jüdische Ritualmorde, wie manche Leute behaupten?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, es gab keine jüdischen Ritualmorde. Alle diese Erzählungen, die von Antisemiten verbreitet wurden und werden, sind nachweislich Fälschungen.

Die diffamierenden Gerüchte über das Judentum sind beinahe so alt wie das Judentum selbst. Schon vor vielen Jahrhunderten gab es Berichte über angebliche Ritualmorde der Juden an Christen. Einige dieser Erfindungen wurden mit recht drastischen Bildern illustriert und auch mit Unterstützung christlicher Kirchen verbreitet. Manche dieser erfundenen Behauptungen wurden mit zusätzlichen „Beweisen“ in Form gefälschter Talmud-Zitate garniert.

Barockes Ölgemälde mit einer düsteren Szene: Mehrere Personen in historischer Kleidung umringen ein Kind auf einem Tisch; eine gewaltsame, ritualisierte Darstellung in einer Kirche.

Dieses Gemälde von Charles de Prévot (1710) in der Kathedrale von Sandomierz zeigt, wie die mörderische Legende sogar Einzug in die sakrale Kunst der katholischen Kirche hielt.

Diese alten Vorlagen griffen die Nationalsozialisten dankbar auf, um sie zu modernisieren und für ihre antijüdische Propaganda zu nutzen. Neben zahlreichen Büchern stellten auch diverse Ausgaben der NS-Kampfzeitschrift Der Stürmer das Thema der angeblichen „jüdischen Ritualmorde“ immer wieder reißerisch heraus.

Faksimile einer Propagandaschrift: Aus den Körpern ermordeter Kinder strömt Blut, das Juden auffangen. Die Schlagzeile lautet. „Jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit aufgedeckt“.

Die Ritualmord-Nummer des Stürmer, Mai 1934

1934 erschien die „Ritualmord-Nummer“ des Stürmer, und 1943 wies Himmler seinen Untergebenen Kaltenbrunner an, ein Buch über die jüdischen Ritualmorde zu verteilen und diese Legende möglichst wirkungsvoll einzusetzen. Die „Ritualmord-Sondernummer“ des Stürmer vom 1. Mai 1934 ging dann aber wohl doch zu weit, denn sie wurde nach heftigen Protesten und empörten Zurückweisungen aus dem Ausland kurz nach Erscheinen beschlagnahmt. Trotzdem hat der Stürmer die antisemitische Legende von den Ritualmorden im Laufe der Jahre immer wieder von Neuem aufgegriffen.

In der zurückgezogenen Sondernummer druckte Streicher, der Herausgeber des Stürmer, als „Beweis“ für das angebliche schändliche Treiben der Juden ein Bibelzitat ab. Der Wortlaut entspricht keiner bekannten Bibelversion, wie man auch damals schon leicht überprüfen konnte. Der Tonfall und die Zielrichtung des antisemitisch verfälschten „Zitats“ waren den Lesern aber anscheinend durchaus genehm, und die Abweichung vom Original störte sie offensichtlich nicht.

Mordplan gegen Hitler?

In der Sondernummer zu den Ritualmorden behauptete der Stürmer auch, ein Mordplan gegen Hitler sei aufgedeckt worden, und bringt so die Erzählungen über die angeblich mordlustigen und gewissenlosen Juden in einen aktuellen Kontext.

Mordplan gegen Adolf Hitler

Das jüdische Volk begnügt sich nicht allein damit, einzelne Nichtjuden zu schächten und zu Tode zu foltern. Seine Geschichte beweist, daß es die Völker ermordet. Alljuda handelt nach dem Gebot:

„Und wenn Jahwe, dein Gott, die nichtjüdischen Völker in Deine Hand gibt, so sollst du sie umbringen. Du sollst ihnen keine Gnade erweisen. (5. Mos. 7.2)“

Der Stürmer, Ritualmord-Nummer, 1934

Antisemitische Erfindung: Mehrere Männer umringen ein geschächtetes Kind, dessen Blut in einer Schale aufgefangen wird.

Abbildung der angeblichen rituellen Ermordung des Simon von Trient im Jahr 1475 aus Hartmann Schedels Weltchronik von 1493

Auch wenn damals schon den meisten Lesern und Produzenten solcher Machwerke völlig klar war, dass nichts davon der Realität entsprach, fügten sich diese Schauergeschichten recht gut in die Vorstellungen der Nationalsozialisten ein, man schwebte in einer tödlichen Gefahr und müsse mit aller Härte zurückschlagen. Heute bieten rechtsextreme Kleinverlage Nachdrucke der damaligen Veröffentlichungen an und halten so das Märchen vom „bösen Juden“ am Leben. In der von NS-nahen Kreisen erstellten „Liste zensierter Schriften in der BRD“ erscheinen mehrere alte und neu aufgelegte Bücher, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Einer dieser Kleinverlage kündigt etwa eine Neuausgabe des Buchs Der jüdische Ritualmord von Hellmut Schramm folgendermaßen an:

Niemand hätte Dr. Schramm noch vor wenigen Jahren abgenommen, daß seine Forschungsergebnisse den Tatsachen entsprechen, nämlich daß Juden über Jahrhunderte hinweg nichtjüdische Kinder schächteten und deren Blut einnahmen. Aber 2007 kam das Buch von Professor Ariel Toaff heraus, das die jüdischen Ritualmorde als tatsächliche historische Ereignisse bestätigt und Dr. Hellmut Schramm voll rehabilitiert.

Kleinverlag „Der Schelm“

Antisemitische Erfindung: Einem Kind auf einem Tisch werden Wunden beigebracht, und einige Männer fangen das Blut in Schalen auf.

Bavaria Sancta (1627), Darstellung eines angeblichen Ritualmords an sechs Regensburger Knaben im Jahr 1476

Das angesprochene Buch von Schramm erschien 1943 unter Aufsicht des NS-Propagandaministeriums im einschlägigen Theodor Fritsch Verlag, und der aktuelle Bezug ist Ariel Toaffs Buch Das Fest des Blutes – Die Juden Europas und ihre Ritualmorde. In der ersten Ausgabe (2007) führte Toaff angeblich den Nachweis, die jüdischen Ritualmorde seien historisch belegt. Allerdings stellte sich sehr schnell heraus, dass das Buch methodische Schwächen hatte, woraufhin der Verlag die Auflage zurückzog. Johannes Heil beschreibt Toaffs unsauberen Umgang mit dem Material und meint, der Autor müsse wohl

die Antwort auf die Frage schuldig bleiben, woher er bei so einseitiger und im wahrsten Wortsinn erzwungener Quellenlage den Beleg für tatsächliche Ereignisse beziehen wollte.

Allein Toaff scheint wenig Gefallen an solchen Standard der Geschichtswissenschaft zu haben.

Johannes Heil, „Pasque di sangue“ – Ariel Toaff und die Legende vom Ritualmord

Anscheinend hatte Toaff einige alte Legenden für bare Münze genommen, statt sie richtig einzuordnen und als Material für die Aufklärung über die Legendenbildung zu verwenden. Der Autor und der Verlag gaben etwas später eine überarbeitete Ausgabe heraus, die unmissverständlich klarstellen sollte, was längst bekannt ist: Es gab keine jüdischen Ritualmorde. Diese korrigierte Neuausgabe wird von interessierten Kreisen jedoch verworfen, denn:

Einzige deutsche Übersetzung der unverfälschten und vom Markt genommenen 1. italienischen Auflage des Verlages Società editrice Il Mulino, Bologna, 2007.

Dieses Buch ist aufgrund des immensen Druckes der Lobby der von Gott, dem Herrn, Auserwählten nicht mehr erhältlich (…)

Anfangs noch fest, knickte Toaff ob der Anfeindungen, die sein soziales und berufliches Leben zu zerstören drohten, ein. Nach einer Woche war der Verlag zum Rückzug der Restauflage des Buches bereit und erklärte, es habe nie jüdische Ritualmorde gegeben. Man sagte zu, den bisherigen Erlös aus dem Buchverkauf an die zionistische Anti-Defamation League zu übergeben.

Toaff publizierte im Februar 2008 eine verharmlosende Neuauflage. Im Leipziger Verlag „Der Schelm“ erscheint im Sinne der grundgesetzlich verankerten Wissenschaftsfreiheit die 1. Auflage in deutscher Übersetzung.

Verlagsseite „Der Schelm“

Wissenschaftsfreiheit bedeutet für diese Herrschaften also offenbar, möglichst frei von allen Erfordernissen der Wissenschaft das zu verbreiten, was ins antisemitische Weltbild passt.

Auf der Verlagsseite wird nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen deutlich, wie diese Kreise mit der Wahrheit umgehen. Man liest dort und staunt:

Zudem wurde die Tatsache von Ritualmorden von einer jungen Jüdin im US-amerikanischen Fernsehen (am 1. Mai 1989) vor einem Millionenpublikum angeprangert. Sie sagte vor laufender Kamera, daß diese Ritualmorde auch heute noch stattfänden. Sie selbst habe einen Säugling morden müssen, erklärte sie. Da sie dieses Leben nicht mehr ertragen konnte, offenbarte sie sich der Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey, um sich durch Öffentlichkeit vor Fememord zu schützen.

Verlagsseite „Der Schelm“

Auch dies stellt sich – wie nicht anders zu erwarten – bei näherer Betrachtung etwas anders dar. Thema der Sendung waren satanistische Morde, die zuvor in Mexiko stattgefunden hatten.

Während der Sendung am Montag stellte Ms. Winfrey den Gast als jemanden vor, der wegen einer multiplen Persönlichkeitsstörung schon lange in psychiatrischer Behandlung ist. Die Frau sagte Ms. Winfrey, sie habe rituelle Opfer jüdischer Kinder gesehen und sei rituell missbraucht worden. Außerdem sagte sie über diese Praktiken: „Es gibt im ganzen Land noch andere jüdische Familien. Es ist nicht nur meine Familie.“ Die Aussagen fielen während einer Sendung, die sich um Sektenmorde an mindestens 13 Menschen drehte, deren Leichen in der Nähe von Matamoros in Mexiko gefunden wurden.

Winfrey Show Evokes Protests
New York Times, 6. Mai 1989
eigene Übersetzung

Der Produzent der Sendung erklärte außerdem: „Oprah wies darauf hin, dass diese Person nur über ihre eigene Situation sprach (…) und sie wurde am Anfang der Sendung als Mensch mit psychischen Störungen vorgestellt.“

Die „Revisionisten“ unterschlagen die unüberhörbare Skepsis und Zurückhaltung der Verantwortlichen im Sender und stellen die betreffende Frau dar wie eine Art Kronzeugin, die über die angeblichen „jüdischen Ritualmorde“ glaubhaft berichten könne. Natürlich ist eine psychische Störung keinesfalls ein Indiz dafür, dass jemand ständig etwas Unwahres erzählt; aber man kann sich lebhaft vorstellen, mit welcher Häme die Holocaustleugner reagieren würden, wenn sich herausstellen sollte, dass ein Zeuge für die Massenmorde des NS-Regimes psychische Probleme hatte.

Weiterführende Informationen zu den „jüdischen Ritualmorden“

Ritualmorde im Mittelalter – Urteile Prozesse Wirkungen
Die Arbeit von Maria E. Dorninger informiert über die Geschichte der Ritualmorde und bietet eine umfangreiche Sammlungen von Quellen an. Ihr Aufsatz behandelt einige wichtige und besonders bekannte Legenden.
Antisemitische „Fake News“: Die fürchterlichen Folgen der Ritualmordlegende
Arkadiusz Luba beleuchtet in seinem Beitrag die Ritualmordlegende und erklärt, dass überraschend viele Menschen auch in der Neuzeit noch an diese Legende glauben.
Der Ritualmord bei den Talmud-Juden
Die Freimann-Sammlung der Goethe Universität Frankfurt a. M. bietet online eine digitalisierte Version des antisemitischen Hetzwerks von Carl Mommert an, das 1905 beim Haberland Verlag in Leipzig erschien.