Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Richard Harwood Starben wirklich sechs Millionen?

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„Richard Harwood“ ist ein Pseudonym für Richard Verrall, der als Funktionär der neonazistischen britischen National Front in Erscheinung getreten ist. Sein Text Did Six Million Really Die (1974; deutsch: Starben wirklich sechs Millionen?) lehnt sich eng an The Myth of the Six Million von David Hoggan an [Stephen Atkins, Holocaust Denial, S. 118].

Gleich im ersten Kapitel seiner Ausführungen übernimmt Richard Harwood/Verrall eine Idee, die man direkt auf den rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten zurückführen kann:

Die Tatsache, dass Karl Marx ein Jude war, und dass solche Juden wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht eine unverhältnismässig bedeutende Rolle in den revolutionären Bewegungen in Deutschland spielten (…)

Richard Harwood, Starben wirklich sechs Millionen?, S. 9

Karl Marx wurde zwar als Sohn einer Jüdin geboren, jedoch im Alter von etwa sechs Jahren getauft. Er hat sich nie zu dieser Religion bekannt. Die Behauptung, für wichtige negativ bewertete Ereignisse seien Juden verantwortlich, könnte allerdings jeder Nationalsozialist, der etwas auf sich hält, sofort unterschreiben.

Im zweiten Absatz des ersten Kapitels fährt Harwood fort:

Bis 1939 war der grösste Teil der deutschen Juden ausgewandert, alle mit einem ansehnlichen Teil ihres Vermögens.

Harwood, Sechs Millionen, S. 9

Natürlich belegt Harwood diese Behauptung nicht mit historischen Quellen. Das kann er auch nicht, denn sie entspricht nicht der Wahrheit.

Wie man einer Studie des Außenministeriums entnehmen kann, haben die Nazis sogar ganz im Gegenteil versucht, die Juden möglichst mittellos in aller Herren Länder zu treiben, um dort den Antisemitismus zu verschärfen. Man hielt es für nötig, den Druck auf die Juden zu verstärken, denn:

Im Rückblick auf die vergangenen 5 Jahre seit der Machtergreifung ist jedenfalls festzustellen, daß weder das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums noch die Nürnberger Judengesetze mit ihren Durchführungsvorschriften, die jede Assimilierungstendenz des Judentums unterbanden, wesentlich zur Abwanderung der deutschen Juden beigetragen haben.

Auswärtiges Amt, Die Judenfrage (…)

Diese Studie wurde Ende Januar 1939 an alle deutschen Vertretungen im Ausland geschickt, um die Diplomaten davon zu unterrichten,

"(…) daß es sich bei diesen Verfolgungen nicht so sehr darum handle, die Juden loszuwerden, als den Antisemitismus in die westlichen Länder, in denen Juden Zuflucht gefunden haben, zu tragen (…) Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es im deutschen Interesse liege, die Juden als Bettler über die Grenzen zu jagen, denn je ärmer der Einwanderer sei, desto größer die Last für das Gastland."

W. Benz (Hrsg.)
Die Juden in Deutschland 1933-1945, S. 426

Unter der Überschrift Juden nannten Auswanderung ‚Vernichtung‘ geht Harwood dann auf das Buch Der gelbe Fleck (1936) ein, für das Lion Feuchtwanger das Vorwort schrieb. Es sei, behauptet Harwood, „ein antideutsches Propaganda-Buch“, was er folgendermaßen begründet:

Obwohl es nicht auf Wahrheit beruht, wird von den ersten Seiten an die Vernichtung der Juden besprochen und glatt die Auswanderung als „physische Vernichtung“ der deutschen Juden dargestellt.

Harwood, Sechs Millionen, S. 9

Auch dies entspricht nicht der Wahrheit. Möglicherweise hat Harwood sich gedacht, das Buch sei so alt und so schwierig zu bekommen, dass sich schon niemand die Mühe machen werde, seine Behauptung zu überprüfen. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass in Der gelbe Fleck sehr wohl von der physischen Vernichtung der Juden in Deutschland die Rede ist, freilich nicht durch Mordfabriken im Osten, sondern durch Ausgrenzung und Zerstörung der Lebensgrundlage.

Danach folgen in Harwoods Buch noch zahlreiche weitere Verdrehungen und offensichtliche Unwahrheiten. So greift er er beispielsweise die häufig zitierte Behauptung der Auschwitzleugner auf, die Wannsee-Konferenz habe nicht der organisatorischen Planung des Judenmordes gedient, weil dort nicht von der Vernichtung der Juden die Rede gewesen sei.

Seine Behauptung, in Auschwitz hätte es keine Massenvergasungen gegeben, will Harwood schließlich ausgerechnet mit dem Pamphlet Die Auschwitz-Lüge belegen, das vom Altnazi Thies Christophersen geschrieben und von Manfred Roeder herausgegeben wurde.

Im Abschnitt mit der Überschrift „Das Warschauer Ghetto“ stellt Harwood eine weitere unwahre Behauptung auf, die manchem Leser bekannt vorkommen dürfte:

Es wurde schon festgestellt, dass 1931 die jüdische Bevölkerung entsprechend der Volkszählung 2.732.600 Menschen betrug, und dass nach der Auswanderung und Flucht in die Sowjet-Union, nicht mehr als 1.100.000 unter deutscher Kontrolle waren.

Harwood, Sechs Millionen, S. 44

In leicht abgewandelter Form haben auch andere Autoren solche Ideen verbreitet. Diese Behauptung soll suggerieren, die polnischen Juden hätten womöglich schon vor Kriegsausbruch das Land verlassen und seien in den Osten geflohen, so dass die Nazis sie nicht ermorden konnten.

Zwei Fakten stehen der oben zitierten Behauptung entgegen. Erstens hat Hans Frank, Hitlers Statthalter in Polen, deutlich gemacht, dass die polnischen Juden bei der Besetzung des Landes durch die Deutschen noch dort waren:

Hier haben wir mit dreieinhalb Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist – sagen wir einmal – ausgewandert.

Hans Frank, Diensttagebuch, 02.08.1943

Auch wenn Franks Zahl zu hoch ist, geht aus diesem Zitat doch eindeutig hervor, dass die Juden unter der Regie der Deutschen verschwunden sind, denn sie waren in Ghettos konzentriert (allein in Warschau 1941 ca. 450.000). Die Juden waren Gefangene und durften das Ghetto unter Androhung der Todesstrafe nicht verlassen.

Harwood erklärt das Verschwinden der Juden aus dem Ghetto mit der Behauptung, sie seien in Arbeitslager geschafft worden, was immerhin der Tatsache Rechnung trägt, dass die NS-Täter ihre Opfer streng bewacht haben und als Bewacher für den Verbleib ihrer Gefangenen verantwortlich waren. Allerdings „vergisst“ Harwood auch hier wieder, seine Behauptung durch Quellen zu belegen.

Auch den Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, erwähnt Harwood in Starben wirklich sechs Millionen? Er wiederholt die längst widerlegte Behauptung, Höß sei gefoltert worden.

Ein weiterer beliebter Trick der Auschwitzleugner, um den Judenmord kleinzureden, sind irreführende Zahlenangaben; auch dafür gibt es in Harwoods Buch einige Beispiele wie etwa den Rechentrick mit den "4 Millionen von Auschwitz".

Es lohnt nicht, das Pamphlet von 92 Seiten Umfang eingehend durchzuarbeiten; mit jedem neuen Blick in den Text bestätigt sich, was nach der ersten Hälfte festzustellen ist: Irreführungen, Fälschungen und Ignoranz gegenüber wichtigen Kontext erlauben es Harwood/Verrall, zum gewünschten Schluss zu kommen, der offenbar schon vorher feststand. Atkins urteilt:

Verrall popularisierte; er war kein Historiker, und seine Recherchemethoden waren schlampig. [eigene Übersetzung]

Stephen Atkins, Holocaust Denial, S. 118

Offenbar war der Autor damit hinreichend qualifiziert, um in Ernst Zündels Samisdat-Verlag als publikationswürdig zu gelten.

Richard Harwood wird u.a. zitiert von: