Adolf Hitler Man of the Year 1938
Trifft es zu, dass die Zeitschrift Time Hitler im Jahr 1938 mit der Ernennung zum „Mann des Jahres“ besonders geehrt hat?
Das trifft nicht zu. Für die Redaktion war Hitler 1938 kein guter Staatsmann, sondern die größte Bedrohung für die Freiheit und ein gefährlicher Politiker, der die Welt an den Abgrund führte. Die Auszeichnung war nicht positiv gemeint.
Beim Versuch, Hitler und seine Diktatur möglichst verklärt darzustellen und einhornrosa zu färben, berufen sich Rechtsextremisten manchmal auf vermeintlich renommierte Zeugen; so habe Churchill Hitler als großen Staatsmann gelobt und die amerikanische Zeitschrift Time habe Hitler als herausragende Persönlichkeit jener Ära gewürdigt. Das klingt dann beispielsweise so:
Nun rate mal, welches internationale Magazin – das es bis heute gibt – 1939 Hitler auf der ersten Seite als „Man of the Century“ abgebildet hatte und warum?
„Hajott“, 26 Jan 1998, de.soc.politik, Subject: Re: Antisemitismus faellt nicht unter Meinungsfreiheit, Message-ID: 34cfe999.2215822@news2.wave.co.nz
Hitler wurde nicht zum Mann des Jahrhunderts, sondern nur zum Mann des Jahres gekürt, und wie dies wirklich gemeint war, werden wir gleich noch sehen. Da sind dem Hitler-Groupie wohl vor Begeisterung sämtliche Einhörner durchgegangen.
Richtig ist, dass Hitler für das Jahr 1938 von der Zeitschrift Time zum Mann des Jahres ernannt wurde (der betreffende Artikel erschien dann in der ersten Ausgabe von 1939), doch der Kontext war anders, als die Hitler-Fans uns suggerieren wollen.
Hitlers Ernennung zum Mann des Jahres 1938 war nämlich alles andere als schmeichelhaft, und die Entscheidung fiel kurz nach dem Münchner Abkommen [vgl. Zerstörung der Tschechoslowakei], das die Time-Redaktion ausdrücklich erwähnte.
Adolf Hitler, Zeitschrift Time, Man of the Year 1938
Wenn man bei Time die Serie der Männer des Jahres durchsieht, stellt man fest, dass fast überall Portraits der betreffenden Persönlichkeiten aufs Titelbild gesetzt wurden. Bei Hitler ist dies anders. Hier sieht man einen vergleichsweise winzigen Mann in SA-Uniform (möglicherweise soll es Hitler selbst sein), der auf einer riesigen Orgel spielt. Darüber dreht sich zu seiner Musik eine Art Riesenrad, an dem Leichen hängen.
Der Text, der zusammen mit Hitlers Ernennung zum Mann des Jahres 1938 von Time veröffentlicht wurde, bekräftigt diese negative Bewertung, wie einige Auszüge belegen [vgl. Time, 2. Januar 1939].
Man liest dort, Hitler habe 1938 in München die Früchte seiner dreisten, trotzigen und rücksichtslosen Außenpolitik geerntet. Er habe Deutschland bis an die Zähne bewaffnet und vor den Augen der fassungslosen und ohnmächtig zuschauenden Welt Österreich gestohlen.
Hitler sei mit Recht zum Mann des Jahres ernannt worden, weil „Hitler im Jahre 1938 zur gröẞten Bedrohung geworden ist, der die demokratische, freiheitsliebende Welt heute gegenübersteht“
. Vor einer Generation habe die westliche Zivilisation, vom Krieg zwischen Nationen einmal abgesehen, die schlimmsten Auswüchse der Barbarei überwunden. Die kommunistische Revolution der Russen stand für das Übel des Klassenkampfes, doch Hitler habe sie mit seinem Rassenkampf übertrumpft. Kommunismus und Faschismus, diese unterschiedlichen Formen der Barbarei, hätten 1938 ein Thema auf die Tagesordnung gesetzt, das vielleicht schon bald zu neuem Blutvergießen führen könne: den Kampf zwischen zivilisierter Freiheit und einem barbarischen, autoritären Regime.
Auch seine Persönlichkeit wird in Time eher negativ beurteilt:
Der Mann, der die Hauptverantwortung für diese Welttragödie trägt, ist ein launischer, grüblerischer und wenig einnehmender 49-jähriger, in Österreich geborener Asket mit einem Charlie-Chaplin-Bärtchen. (…) Adolf Hitler wurde als verwöhntes Kind einer abgöttisch liebenden Mutter aufgezogen. Da er beharrlich daran scheiterte, selbst einfachste schulische Anforderungen zu erfüllen, wuchs er als halbgebildeter junger Mann auf – ohne Ausbildung für irgendein Handwerk oder einen Beruf, anscheinend eine gescheiterte Existenz.
Time, 1/1939
In weiteren Abschnitten der Würdigung wird der Verlust an Freiheit und Kultur in Hitlers Diktatur beklagt. Hitler habe das Reich auf den Kopf gestellt, Bürgerrechte seien aufgehoben worden. Die Arbeitslosigkeit habe er mit Rüstungsprogrammen bekämpft, politische Gegner seien in Konzentrationslager gesteckt worden, und den 700 000 Juden Deutschlands sei es schlecht ergangen, denn man habe sie
physisch gefoltert, ihrer Heime und ihres Besitzes beraubt, am Erwerb des Lebensunterhalts gehindert und von den Straßen verscheucht
Time, 1/1939
Deutschland marschiere im Stechschritt zu Hitlers Musik, die Zehnjährigen würden schon im Werfen von Handgranaten unterwiesen und in Deutschland würde man eher Kanonen als Butter produzieren.
Nein, die Laudatio in Time ist alles andere als schmeichelhaft.
2019 veröffentlichte Time einen Artikel, dessen Überschrift Hitler als Symbol des Bösen bezeichnete. Dieser Artikel erwähnte auch die Ernennung zum „Man of the Year“ im Jahr 1938 und erklärte die Richtlinien des Time-Gründers Henry Luce. Demnach sei dieses Etikett keine Ehrung, „sondern vielmehr eine Herausstellung, die jenen Produzenten von Neuigkeiten vorbehalten bleibe, welche die Welt zum Guten wie zum Bösen am stärksten beeinflusst hätten“
(Hervorh. im Original, eigene Übersetzung).
Und wenn man schon dies alles unterschlägt und einhorngläubig suggeriert, Hitler sei von Time als „Mann des Jahres“ positiv gewürdigt worden, dann muss natürlich auch unerwähnt bleiben, dass einer seiner zeitweiligen Kumpane sogar zweimal auf diese Weise „ausgezeichnet“ wurde. 1939, also direkt nach Hitler, und noch einmal 1942, hieß der Orgelspieler Josef Stalin.
Quellen und Verweise
- Time, 02.01.1939, Adolf Hitler: Man of the Year, 1938
- Time, 19.04.2019, 130 Years After Hitler's Birth, He Continues to Live as a Symbol of Evil