Rudolf Höß Die Legende von der Folter
Wurde der ehemalige Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß durch Folter gezwungen, bei den Nürnberger Prozessen eine belastende Aussage zu machen?
Nein, das trifft nicht zu. Rudolf Höß wurde zwar unmittelbar bei seiner Festnahme misshandelt, aber nicht zu einer vorgegebenen Aussage gezwungen. Er hat später seine Aussage in Nürnberg als Zeuge der Verteidigung gemacht und noch später in Polen die wesentlichen Punkte bestätigt.
Zu Anfang sollten wir eine Frage stellen, die beleuchtet, worüber wir überhaupt reden: Wäre der Holocaust genauso gut bewiesen, wenn die Aussage von Höß überhaupt nicht existieren würde? Zweifellos. Was wir „Holocaust“ nennen, ist keine Geschichte, die von einem einzigen Erzähler abhängt, sondern es ist wissenschaftliche Geschichtsschreibung, die auf einer extrem großen Zahl von gesicherten Fakten beruht. Höß' Aussage ist eines von vielen Beweismitteln, hat aber lange nicht die zentrale Bedeutung, die Holocaustleugner ihr zumessen.
Rudolf Höß 1947 in Warschau
Die Taktik der Leugner sieht so aus: Sie stilisieren immer wieder einzelne Belege für den Holocaust zu einem alles entscheidenden Beweisstück hoch, behaupten, sie könnten es widerlegen und verkünden dann, sie hätten den gesamten Massenmord widerlegt.
Tatsächlich ist Höß' Aussage in der Öffentlichkeit sehr bekannt, aber die Bekanntheit sagt noch nichts über Beweiskraft und Bedeutung aus der Sicht der Historiker aus. Diese Aussage ist ein wichtiges Dokument, aber letztlich nur ein einziges Element unter vielen. Unser Bild vom Holocaust setzt sich aus unzähligen Mosaiksteinchen zusammen, die sich nahtlos ineinander fügen und insgesamt eine äußerst zuverlässige Beschreibung der Ereignisse ergeben [vgl. Revisionismus: Das Alexandermosaik]. Ein ergänztes oder fehlendes Mosaiksteinchen unter einer Million kann die Aussage des Gesamtbildes nicht verändern.
Was ist damals geschehen?
Nach der deutschen Kapitulation setzte sich Rudolf Höß (25.11.1901–16.04.1947), der Kommandant und spätere „Standortälteste“ in Auschwitz, nach Norddeutschland ab. Britische Soldaten fanden ihn am 11. März 1946 und misshandelten ihn. Am 14. März 1946 unterzeichnete Höß seine erste Aussage.
Der britische Journalist Rupert Butler beschrieb in seinem Buch Legions of Death die Umstände der Verhaftung und die Misshandlungen. Holocaustleugner benutzen dieses Buch als „Beweis“ dafür, dass Höß eine bestimmte Geschichte vorgegeben wurde, die er bei den Nürnberger Prozessen zu erzählen hatte.
Der erste Einwand, der das Thema eigentlich schon zu den Akten legt, ist die Tatsache, dass Butler zwar die Misshandlungen beschreibt, aber nirgends erwähnt, dass Höß eine bestimmte Aussage vorgegeben wurde. Diese Quelle gibt nicht her, was die Holocaustleugner behaupten. Hinweise auf weitere Misshandlungen an anderen Orten und zu anderen Zeiten gibt es nicht.
Der zweite Einwand ist noch gewichtiger. Wenn Höß' erste Aussage von den Briten vorgegeben wurde, dann muss diese Einflussnahme zwischen Höß' Entdeckung und der Unterzeichnung seiner Aussage geschehen sein, also zwischen dem 11.3. und dem 14.3.1946.
Zu diesem Zeitpunkt wusste aber noch niemand, dass Höß in Nürnberg aussagen würde.
Antrag Verteidigung Kaltenbrunner: Höß soll als Zeuge zugelassen werden.
Erst am 25. März 1946 (Eingang am 26.3.) stellte Ernst Kaltenbrunners Anwalt Kurt Kauffmann den Antrag, Höß als Zeugen zuzulassen. Kaltenbrunner war als Chef des Reichssicherheitshauptamts direkt unter Heinrich Himmler und als Vorgesetzter von Adolf Eichmann für die Massenvernichtung der Juden verantwortlich. Wie aus dem Antrag hervorgeht, sollte Höß allerdings als Zeuge der Verteidigung aussagen, was ihn offenbar selbst gewundert hat:
Nach Nürnberg war ich gekommen, weil mich der Verteidiger Kaltenbrunners als Entlastungszeuge angefordert hatte. Es ist mir nie aufgegangen und auch heute noch unerklärlich, wie ich, ausgerechnet ich, Kaltenbrunner entlasten sollte.
Höß, Kommandant in Auschwitz, S. 226
Die Anwälte einiger anderer Angeklagter schlossen sich dem Antrag an.
Würde die Behauptung zutreffen, dass Höß eine bestimmte Aussage vorgegeben wurde, die er in Nürnberg wiederholen musste, dann hätte Bernard Clarke, der Höß verhaftete, über hellseherische Fähigkeiten verfügen müssen. Clarke hätte sich demnach eine Aussage ausgedacht, die zu dem passte, was Höß später als Zeuge der Verteidigung vortragen musste.
Wenn man Höß' Befragung durch den Anwalt Kauffmann liest, stellt man fest, dass alles recht ruhig und gelassen ablief [vgl. Rudolf Höß, Aussage in Nürnberg als Zeuge der Verteidigung]. Kauffmann wollte seinen Mandanten entlasten und behandelte Höß nicht wie einen „feindlichen“ Zeugen, der überraschenderweise auf einmal Dinge sagte, die für seinen Mandanten – immerhin einen Haupttäter in Bezug auf die Judenvernichtung – schädlich gewesen wären.
Rudolf Höß in Polen
Nach dem Auftritt in Nürnberg als Zeuge der Verteidigung wurde Höß nach Polen ausgeliefert und selbst vor Gericht gestellt. Dort wurde er zum Tode verurteilt und am 16. April 1947 auf dem Gelände des ehemaligen KZ Auschwitz (Stammlager) erhängt.
In polnischer Haft schrieb er seine Erinnerungen auf, die später von Martin Broszat unter dem Titel Kommandant in Auschwitz: Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß herausgegeben und in großer Auflage verbreitet wurden.
Auch dort erwähnt Höß noch einmal die Misshandlungen bei seiner Festnahme, was von Holocaustleugnern als weiterer Beleg für eine angeblich manipulierte Aussage bewertet wird. Auch hier erklärte Höß nicht, dass ihm eine Aussage vorgegeben worden sei.
Während der Vernehmungen und auch in seinen Erinnerungen erwähnte und ergänzte Höß viele Details, die sich mit anderen historischen Quellen decken, und stellte Fehler in früheren Aussagen richtig. So hatte er in Nürnberg eine viel zu hohe Zahl der Opfer in Auschwitz genannt, die er jedoch von seinem Vorgesetzten Eichmann gehört habe. In polnischer Haft stellte er dies richtig.
Ich selbst wußte nie die Gesamtzahl, habe auch keine Anhaltspunkte, um sie wiedergeben zu können. Es sind mir lediglich noch die Zahlen der größeren Aktionen in Erinnerung, die mir wiederholt von Eichmann oder dessen Beauftragten genannt worden waren.
(…)
Ich halte die Zahl 2 1/2 Millionen für viel zu hoch."
Da Höß' Aufzeichnungen in Polen viele Details der Massenvernichtung klar benennen, greifen Holocaustleugner auch dieses Dokument an, produzieren dabei aber mitunter skurrile logische Verrenkungen. Der „Revisionist“ Wilhelm Stäglich etwa zitiert in seinem Buch Der Auschwitz-Mythos aus Höß' Krakauer Aufzeichnungen den Abschnitt über die Misshandlungen als glaubwürdig und gibt sich anschließend große Mühe, um die Glaubwürdigkeit eben dieses Dokuments zu erschüttern.
Einen besonders kapitalen Bock schießt in diesem Zusammenhang Germar Rudolf, denn in seinem Buch Auschwitz-Lügen erwähnt er auf S. 91. Höß' angebliche Folterungen und zitiert als Beleg Höß' eigene Aufzeichnungen in Polen, nur um später zu schreiben:
Prof. G. Jagschitz hat neulich darauf hingewiesen, daß die lediglich in Bleistiftschrift vorliegende Autobiographie von Höß nicht mit der Handschrift von Höß während des Krieges übereinstimmt. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß dies entweder eine Fälschung ist oder daß Höß unter den Haftbedingungen als Mensch völlig gebrochen wurde, so daß sich u.a. auch seine Handschrift völlig änderte. In beiden Fällen wäre diese Autobiographie nicht das Papier wert, auf dem es steht, da man einer gebrochenen Persönlichkeit schon durch einfachste Mittel alle gewünschten Selbst- und Fremdbelastungen abringen kann.
Germar Rudolf, Auschwitz-Lügen, S. 174
Demnach sei Höß in Polen „als Mensch völlig gebrochen“
worden und habe eine völlig unbrauchbare Aussage gemacht, die womöglich sogar eine Fälschung sei, die aber 80 Seiten vorher trotzdem ausreicht, um die angeblichen Folterungen zu beweisen.
Wäre das Thema nicht so ernst, man möchte der „revisionistischen Wissenschaft“ ein "tz" schenken und lösen.
Fehler im Detail
Es gibt zwischen den Aussagen von Höß gewisse Diskrepanzen, aber auch weitgehende Übereinstimmugen. Vor allem in Bezug auf den Vorgang der Massenvernichtung selbst äußerte Höß sich sehr klar und konsistent. John C. Zimmerman zeichnet in seinem Aufsatz How Reliable are the Hoess Memoirs? ein überzeugendes Bild und zeigt, wie gut Höß' Angaben in dieses Gesamtbild passen. Die Abweichungen, die es gibt, beruhen auf Irrtümern oder Verwechslungen und sprechen nicht gegen, sondern für die Authentizität der Aussagen. Hätte es eine Verschwörung gegeben, um Höß zu einer bestimmten Aussage zu nötigen, dann hätten die Verschwörer die Diskrepanzen bereinigt.
Einwurföffnungen
Einige Dinge, die Höß in seinen Aussagen erwähnte, waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht allgemein bekannt und wurden erst anhand später aufgefundener Quellen bestätigt. Die NS-Täter hatten vor Eintreffen der Roten Armee in Auschwitz die Gaskammern und Krematorien gesprengt und damit zunächst die Spuren ihrer Verbrechen zerstört. Höß beschrieb, wie das Gift durch Einwurfschächte in die zerstörten Gaskammern eingebracht worden war, ein Vorgang, der von Holocaustleugnern dank der Spurenvernichtung der NS-Täter jahrzehntelang heftig bestritten werden konnte [vgl. Einwurföffnungen – „No Holes no Holocaust“ in: Jürgen Langowski, Argumente gegen Auschwitzleugner, S. 96].
Erst viele Jahre später bestätigten die Akten der Zentralbauleitung der Waffen-SS und eine Rekonstruktion der Einwurfschächte die detaillierten Angaben, die Höß gemacht hatte [vgl. Daniel Keren u.a., The Ruins of the Gas Chambers]. Wäre Höß' Aussage vorgegeben gewesen, dann hätten die Instrukteure, wie schon gesagt, über äußerst zuverlässige hellseherische Fähigkeiten verfügt haben müssen, da sie Details vorgaben, die erst Jahrzehnte später forensisch bewiesen wurden.
Wolzek
Ein Aspekt, den Holocaustleugner immer wieder anführen, um Höß' Glaubwürdigkeit zu erschüttern, ist seine Erwähnung des nicht existierenden Vernichtungslagers „Wolzek“. In den Verhören vor der Verhandlung wurde Höß aufgefordert, die Lager der „Aktion Reinhardt“ zu benennen. Ihm fielen nur zwei Namen ein: „Belzac“[!] in der Nähe von Lemberg und Treblinka [vgl. Jamie McCarthy, The Wolzek Paradox]. Zum dritten Lager sagte Höß, es habe in östlicher Richtung etwa vierzig Kilometer von Chełm (Kulm) entfernt gelegen. Das Vernichtungslager, dessen Namen er nicht wusste, ist Sobibor. Es befand sich tatsächlich 40 Kilometer nordöstlich von Cholm. McCarthy zeigt dies auf der verlinkten Webseite sogar auf einer Karte.
An anderer Stelle gab Höß dann für dieses dritte Lager den falschen Namen „Wolzek“ an. McCarthy meint:
Der Leser möge selbst entscheiden, welche der rivalisierenden Hypothesen am besten zu den Fakten passt:
- Höß hat unter Folter Details erfunden und dabei zufällig ein nicht fiktives Lager genau dort platziert, wo das echte Lager der „Aktion Reinhardt“ war, das er nicht genannt hatte, oder
- er hat einen falschen Namen genannt.
McCarthy, „The Wolzek Paradox“
Wenn man von Chełm nach Sobibor fährt, muss man, um das ehemalige Vernichtungslager Sobibor und den Bahnhof zu erreichen, schon vor dem Ort selbst nach links in relativ menschenleeres Gelände abbiegen. Das letzte Ortsschild, das man sieht, gehört zu dem winzigen Flecken Wołczyny. Möglicherweise hat dieser Name, den man als Letztes vor dem Lager bzw. der heutigen Gedenkstätte sieht, zu Höß' Irrtum beigetragen, möglicherweise auch der Fluss Wolica (gesprochen „Wolitzka“), der in der Nähe verläuft.
Ortsschild Wołczyny in der Nähe von Sobibor
Jamie McCarthy ist dagegen der Ansicht, es lasse sich wohl nicht klären, wie Höß auf den falschen Namen gekommen sei, aber Höß habe dreihundert Kilometer entfernt die Leitung von Auschwitz innegehabt, und es habe damals eine Mischung aus polnischen und eingedeutschten Namen gegeben, sodass es leicht zu Irrtümern kommen konnte.
Fazit
Abgesehen von einigen kleineren Unstimmigkeiten sind die Aufzeichnungen und Aussagen des Kommandanten von Auschwitz glaubwürdig und durch zahlreiche andere unabhängige Quellen bestätigt. Wenn mehrere unabhängige Quellen in die gleiche Richtung weisen, entsteht ein überzeugendes Gesamtbild. Höß' Aussagen sind tatsächlich nur ein Faktor unter vielen, die alle gemeinsam ein äußerst beweiskräftiges Bild der Massenmorde zeichnen. Holocaustleugner verbeißen sich in geringfügige Unstimmigkeiten, um von diesem Gesamtbild abzulenken, das sie nicht erschüttern können.
Quellen und Verweise
- Jamie McCarthy, The Wolzek Paradox
- Daniel Keren u.a., The Ruins of the Gas Chambers
- John Zimmerman, How Reliable are the Hoess Memoirs?
- Martin Broszat (Hrsg.), Kommandant in Auschwitz: Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß
- Rudolf Höß, Aussage in Nürnberg als Zeuge der Verteidigung
Vertiefende Informationen zu Rudolf Höß
- Oliver Diedrich (ndr), Rudolf Höß: So wurde der Auschwitz-Kommandant festgenommen
- Insa Bethke, Der Mann, der Auschwitz zur Mordfabrik machte – und nebenan ein gutes Leben führte; dort auch in Bezug auf den Film Zone of Interest
- Karin Orth, Höß, Rudolf Franz Ferdinand, biografische Angaben