Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Roger Garaudy Gründungsmythen der israelischen Politik

Antisemitismus von links ist kein neues Phänomen und gar nicht so selten zu beobachten. Der ehemalige Kommunist und zum Islam übergetretene Roger Garaudy (1913–2012) ging noch einen Schritt weiter und leugnete auch den Holocaust. Anscheinend störte ihn nicht, dass er damit einigen Leuten sehr nahe kam, die das faschistische NS-Regime entlasten wollen. Beides, der Islam und die NS-Apologetik, sind mit sozialistischen oder kommunistischen Ideen unvereinbar. Anscheinend waren aber die verbindenden Elemente Antisemitismus und Anti-Zionismus so wichtig, dass Garaudy über diese fundamentalen Differenzen hinwegsehen konnte.

Buchcover: Hintergrund in Brauntönen, in der Mitte ein schwarzer Davidsstern, in zwei schwarzen Balken oben und unten Name des Autors und Buchtitel.

Roger Garaudy, The Founding Myths of Israeli Politics, hier neuere Ausgabe eines spanischen faschistischen Verlags.

Garaudy bedient in seinem Text eine ganze Reihe jener Erwartungen, die ein Auschwitzleugner hegen mag, wenn und falls überhaupt er ein Buch zur Hand nimmt und nach Bestätigung für seine historischen Fantasien sucht.

So erwähnt der Autor beispielsweise die Resolution der UN von 1975, die den Zionismus als eine Form des Rassismus verurteilte. Nur auf amerikanischen Druck, so Garaudy, sei die Resolution nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zurückgenommen worden:

In der Plenarsitzung vom 10. November 1975 hat die UNO den Zionismus als eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung verurteilt. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR haben die USA die UNO in der Hand und am 16. Dezember 1991 die Streichung der gerechten Resolution aus dem Jahre 1975 erreicht.

Garaudy, Gründungsmythen

Garaudy bezeichnet die Resolution als gerecht und im englischen Text die Rücknahme als „international banditry“, als internationale Schurkerei (Founding Myths, s. 39). Er bleibt den Nachweis schuldig, dass dies auf Druck der USA geschehen sei, und die Tatsache, dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen die Resolution von 1975 später noch einmal ausdrücklich als bedauerlichen Fehler und als Tiefpunkt der Beziehungen bezeichnete, verschweigt Garaudy seinen Lesern.

Ein beliebtes Element der antisemitischen Demagogie ist die Behauptung, die Juden hätten Deutschland den Krieg erklärt. Auf die „Kriegserklärung“ im Londoner Daily Express verzichtet Garaudy zwar, aber dafür zieht er als Trumpfkarte gegen das angeblich böswillige Judentum die Solidaritätsadresse aus dem Ärmel, die Chaim Weizmann am 29. August 1939 an den britischen Premier Neville Chamberlain schickte. Zusammen mit Chamberlains Antwort wurde der Brief am 6. September 1939 in der Times veröffentlicht.

Chaim Weizmann konnte in seinem Brief an Chamberlain natürlich nur im Namen der Organisation sprechen, die er vertrat. Die Zionistische Weltorganisation umfasste im Jahre 1939 etwas über eine Million Juden (nur wenig mehr als 6 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung auf der Welt) und nur einen Bruchteil der damals noch in Deutschland lebenden Glaubensjuden. Es ist also absurd zu behaupten, die Juden hätten Hitler 1939 den Krieg erklärt (…) Eine „Kriegserklärung“ kann auch nur die Regierung eines Staates abgeben und nicht eine privatrechtliche Organisation.

H. Auerbach in
Benz, Legenden, Lügen Vorurteile, S. 124

Wenn überhaupt, so erläutert Auerbach, dann könne man Hitlers Reden, in denen er die „Vernichtung der jüdischen Rasse“ angekündigt hat, als Kriegserklärung an die Juden betrachten und nicht umgekehrt. Garaudy sieht das anders; für ihn ist die Sache klar. Dieser Brief, schreibt er,

(…) war eine echte Kriegserklärung des jüdischen Volkes gegen Deutschland, die das Problem aufwarf, alle Juden in Deutschland als „Bürger einer mit Deutschland im Kriegszustand befindlichen Nation“ in Konzentrationslagern zu internieren.

Garaudy, Gründungsmythen, S. 28.

Vergleichbare Überlegungen tauchen übrigens auch bei Ernst Nolte auf, der in manchen Texten ebenfalls eine bedenkliche Offenheit für rechtsextremistische Argumentationsmuster zeigt.

Der Versuch, die Juden als Schurken darzustellen, die Deutschland vernichten wollten, ist ein fester Bestandteil der braunen Agitation, die Garaudy sich distanzlos zu eigen macht. Ein Beispiel sind die sogenannten „Kriegserklärungen“ der Juden, ein weiteres ist Theodore Kaufmans Text Germany Must Perish, in dem er die Sterilisation der Deutschen fordert, den Garaudy ebenfalls anklagend zitiert.

Garaudy kommentiert: „Das war ein gefundenes Fressen für die Antisemiten“, als wäre er keiner. An gleicher Stelle benutzt Garaudy ein gleichermaßen unschönes Zitat, das er fälschlich Ijla Ehrenburg zuschreibt.

Kaufman war ein Sonderling, der in der amerikanischen Politik keine Rolle spielte und seine Ideen nicht verwirklichen konnte – ganz im Gegensatz zu den zwangsweisen Sterilisationen und Kastrationen, die von den Nazis tatsächlich durchgeführt wurden.

Diese Einseitigkeit ist bezeichnend für Garaudys antisemitische Denkweise. Wenn der Jude Kaufman darüber nachdenkt, die Deutschen zu sterilisieren, wird dies groß herausgestellt; dass die Deutschen Millionen Juden in Gaskammern ermordet haben, wird von Garaudy hingegen bestritten, wie wir gleich noch sehen werden.

Auch die unwahre Behauptung, belastende Aussagen in Nürnberg (vgl. Rudolf Höß, Kommandant des Lagers Auschwitz, und Eichmann-Mitarbeiter Dieter Wisliceny) seien durch Folter erpresst worden, übernimmt Garaudy aus den Büchern der NS-nahen Geschichtsfälscher.

Auf geradezu klassische „revisionistische“ Weise behandelt Garaudy eine Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor höheren NS-Funktionären in Posen hielt. Garaudy zitiert Himmler folgendermaßen (die falsche Schreibweise wurde hier nicht korrigiert):

Ich meine jetzt die Judenevakuirung, die Ausrottung des judischen Volkes (…) Das judische Volk wird ausgerotte, usw. (…)

Garaudy, Gründungsmythen, S. 53

Im Anschluss daran erläutert Garaudy, dass mit „Ausrottung“ nicht die Ermordung der Juden, sondern lediglich ihre Vertreibung oder Umsiedlung oder etwas Ähnliches gemeint gewesen sei. Das ist falsch. Nur zwei oder drei Minuten nach dieser Bemerkung sagte Himmler:

Wir haben das moralische Recht, wir haben die Pflicht unserem Volk gegenüber, das zu tun, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen.

Heinrich Himmler, Rede am 04.10.1943 in Posen

Ein Ausschnitt dieser Rede, der die hier zitierten Textteile enthält, steht als Audio-Datei zur Verfügung. Am 6.10.1943 hielt Himmler eine weitere Rede in Posen, in der er noch einmal erklärte, was man sich vorzustellen hatte, wenn von der Ausrottung der Juden die Rede war:

Es trat an uns die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? – Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten – sprich also, umzubringen [!] oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluß gefaßt werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.

Heinrich Himmler am 6.10.1943 vor Reichs- und Gauleitern in Posen, zit. n. H. Graml, Reichskristallnacht, S. 264.

Wenn man schon so weit geht, Himmlers Worte auf diese Weise umzudeuten, dann fällt der nächste Schritt sehr leicht: Massenmorde in Gaskammern, so meint Garaudy, habe es natürlich auch nicht gegeben. Als Zeugen hierfür benennt er ausgerechnet den unsäglichen Fred Leuchter, der im Auftrag des Holocaustleugners Ernst Zündel in Auschwitz genau das herausfand, was er herausfinden sollte. Garaudy schreibt:

Das Shoah Business gebraucht nur Zeugenaussagen, die von verschiedenen Arten der Vergasung sprechen, ohne daß uns jemals die Funktionsweise einer einzigen Gaskammer erläutert wird (indes [der von einem kanadischen Gericht als Gutachter bestellte, u.a. die Gaskammern in den USA wartende] Leuchter uns die physikalische und chemische Unmöglichkeit des Betriebes erklärt). Entsprechendes gilt bezüglich dieser unzähligen LKWs, die, mit Dieselauspuffgasen, als „ambulante Gaskammern“ betrieben worden sein sollen.

Garaudy, Gründungsmythen, S. 62

Die sogenannten Gaswagen, mit denen Menschen ermordet wurden, hatten Benzinmotoren.

Einige weitere Taschenspielertricks und Verdrehungen, die Garaudy aufbietet, tauchen auch bei anderen „Revisionisten“ auf und sollen, da sie anderswo ausführlich behandelt werden, hier nur kurz erwähnt werden:

Schließlich bezeichnet Garaudy die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden als „Dogma“, also als einen Glaubenssatz, der keinen Bezug zur Realität habe. Dies deckt sich weitgehend mit der Sprachregelung, die man auch bei anderen Holocaustleugnern findet. Ben Weintraub lässt diese Unterstellung sogar im Titel seines Textes The Holocaust-Dogma aufscheinen.

Den zionistischen Anführern jener Zeit wirft Garaudy vor, sie hätten „in der Epoche des deutschen und italienischen Faschismus ein zweifelhaftes Verhalten an den Tag gelegt, das von der Sabotage des antifaschistischen Kampfes bis zum Versuch der Kollaboration ging“ (S. 27).

Er schließt sein Buch mit den Worten:

Es gibt keine wirksamere Verurteilung des Hitlerismus als die historische Wahrheit. Und dazu wollen wir mit diesem Buch einen Beitrag leisten.

Garaudy, Gründungsmythen, S. 118

Garaudy war zeitweilig in der Kommunistischen Partei und selbstverständlich explizit antifaschistisch eingestellt, was diese abschließenden Sätze auch zu bestätigen scheinen. Andererseits ging er mit seinem „Revisionismus“ und seinem Antisemitismus von links offenbar so weit, dass er es für sinnvoll hielt, die amerikanische Ausgabe seines Buchs bei Noontide Press erscheinen zu lassen, dem Verlag der antisemitischen und rassistischen Liberty Lobby. Garaudy war und ist kein Einzelfall im Hinblick auf diese Vergesslichkeit gegenüber fundamental wichtigen eigenen Positionen auf der linken Seite des Spektrums.

Screenshot einer arabischen Webseite: links Porträt von Roger Garaudy, rechts Laudatio zur Preisverleihung.

1986: Garaudy bekommt wegen besonderer Verdienste um den Islam den König-Faisal-Preis.

Wenn er den Holocaust und die darauf folgende Gründung des Staates Israel auf die Ebene der Mythen verschiebt (so sein Buchtitel) und damit dem Staat Israel das Existenzrecht abspricht, ist das gedanklich nicht weit entfernt von dem heute oft skandierten Spruch „From the river to the sea“, vom Fluss Jordan bis zum Meer: Das ganze Gebiet solle den Palästinensern gehören. Der Staat Israel, der dazwischen liegt, soll demnach wohl mitsamt allen Bewohnern einfach verschwinden.

So verwundert es nicht, dass Garaudys israel- und judenfeindliche Äußerungen in arabischen Ländern mehr als wohlwollend aufgenommen wurden. 1986 erhielt Garaudy den mit 200.000 Dollar dotierten saudiarabischen König-Faisal-Preis für Verdienste um den Islam, 2002 den vom libyschen Revolutionsführer Gaddafi verliehenen „Internationalen Menschenrechtspreis“ [vgl. Der Standard, Roger Garaudy verstorben]. In Frankreich wurde er dagegen wegen Holocaustleugnung verurteilt.

Siehe auch

Weitere biografische Informationen zu Roger Garaudy