Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Theodore „Nathan“ Kaufman Germany Must Perish

BEHAUPTUNG:

Beweist das Buch Germany Must Perish von Theodore „Nathan“ Kaufman, dass das Weltjudentum Vernichtungspläne gegen Deutschland umsetzen wollte?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, das trifft nicht zu. Genau wie bei allen anderen sogenannten „jüdischen Kriegserklärungen“ wird auch hier eine historische Randerscheinung zu einer gigantischen Verschwörung hochstilisiert.

Gegenüberstellung Originalcover und NS-Version von T. Kaufman, Germany Must Perish

Links Kaufmans Original, rechts die Version der NS-Propaganda. Bildquelle: Villa ten Hompel

Theodore N. Kaufman wird von Holocaustleugnern meist „Nathan Kaufmann“ genannt. Das ist eine Fälschung. Kaufmans (mit nur einem 'n') zweiter Vorname lautete nicht Nathan. Wolfgang Benz schreibt dazu:

Das Initial von Kaufmans zweitem Vornamen findet sich nur ein einziges Mal (Im Nachrichtenmagazin Time) aufgelöst: Es steht für Newman.

W. Benz, Rechtsextremismus in Deutschland, S. 199.

Vermutlich klang den Autoren der Fälschung Kaufmans wirklicher Name nicht „jüdisch“ genug.

Kaufman, ein New Yorker jüdischen Glaubens, war offensichtlich kein Freund der Deutschen. Er verfasste eine Abhandlung mit dem Titel Germany Must Perish („Deutschland muss vernichtet werden“). In dieser durchaus unfreundlichen Schrift ist unter anderem die Rede davon, dass alle Deutschen sterilisiert werden müssten.

Am 24. März 1941 veröffentlichte die Zeitschrift Time unter dem ironisierenden Titel „A Modest Proposal“ eine Rezension dieses Pamphlets und leitete mit einer recht drastischen Bemerkung ein:

Im Jahr 1729 formulierte der große Dean [Dekan] Swift seinen „bescheidenen Vorschlag“, um die wirtschaftlichen Probleme Irlands zu lösen: Man solle die verhungernden Kinder als Schlachtfleisch verkaufen. Letzte Woche erhielten die US-amerikanischen Rezensenten einen modernen bescheidenen Vorschlag. Er war nicht weniger grausig als der des Dekans, und noch nicht einmal ironisch gemeint.

Time, A Modest Proposal, 24. März 1941
[eigene Übersetzungen / JL]

Die Begleitumstände, unter denen die Rezensionsexemplare verschickt wurden, waren nicht minder gruselig, denn kurz vor dem Empfang des Buchs selbst hatten die Rezensenten ein Päckchen erhalten, das einen kleinen schwarzen Sarg aus Pappe enthielt. Der Deckel ließ sich aufklappen, und darin lag eine Karte mit dem Text: „Lesen Sie GERMANY MUST PERISH! Morgen kommt Ihr Exemplar.“ Ein Absender war nicht angegeben [Time, 24. März 1941].

Im Folgenden schildert die Rezension Kaufmans Ideen im Detail. So sollten 20.000 Chirurgen nach Deutschland geschickt werden, um die Sterilisationen durchzuführen. Anscheinend hatte Kaufman sogar Berechnungen angestellt, wie schnell dies machbar sei, und ermittelt, dass die männliche Einwohnerschaft Deutschlands binnen höchstens drei Monaten behandelt sein könnte. Im Laufe zweier Generationen gebe es dann keine Deutschen mehr.

Der Name des Autors, den Time mit Julius Streicher verglich, sei freilich kaum jemandem bekannt gewesen; bekannt sei nur die Tatsache, dass Kaufman 1939 als Vorsitzender der American Federation of Peace aufgetreten sei und den Kongress gedrängt habe, die USA entweder aus europäischen Kriegen herauszuhalten oder alle Amerikaner zu sterilisieren, damit aus ihren Kindern keine mordlüstigen Monster würden. Time kommentiert dies lakonisch:

Ganz im Sinne des Zeitgeistes hat der Sterilisierer Kaufman seine Idee einfach auf den Feind übertragen.

Time, 24. März 1941

Germany Must Perish sei, so schreibt das Magazin, Kaufmans erstes Buch und „unbedingt ein Einmannjob“. Angeblich habe Kaufman keine Organisation hinter sich, und es gebe keine Helfer und Unterstützer. Kaufman habe vier Monate daran gearbeitet und schließlich den Verlag Argyle Press gegründet, um es selbst herauszubringen.

Kaufman habe die ganze Arbeit allein verrichtet, den Postversand selbst erledigt, Pakete geschleppt, Etiketten angeleckt und sich die Hände mit Packschnüren aufgeschnitten.

Offenbar wollte Kaufman niemandem verraten, was ihn dies alles gekostet hatte, und er wollte sein Buch auch keinem normalen Verlag anbieten, denn sein Standpunkt war: „Ein solches Buch würde ich nicht für Geld schreiben“. Kaufman vermutete, dass sich das Buch finanziell gerade eben rechnen würde [Time, 24. März 1941].

Mitte 1941 wurde das NS-Regime auf Kaufmans Buch aufmerksam und erkannte sofort die propagandistischen Möglichkeiten, die sich hier boten. Goebbels schrieb in sein Tagebuch:

Mittags fliege ich nach Salzburg. Unterwegs habe ich Gelegenheit, das Buch des Juden Nathan Kaufmann aus den USA: „Deutschland muss sterben!“ im Original durchzulesen. Es ist so aufreizend, dass einem direkt die Zornesröte ins Gesicht steigt. Im übrigen hat dieser Jude der Feindseite damit einen wahren Bärendienst geleistet. Hätte er dieses Buch auf meine Bestellung ausgearbeitet, er hätte es wahrlich nicht besser und vorteilhafter für uns machen können. Ich werde dieses Buch in einer Volksausgabe in Millionen Exemplaren verbreiten lassen, vor allem an der Front, und selbst das Vor- und Nachwort dazu schreiben.

Goebbels-Tagebücher, Eintragung 3.8.1941

Man sieht hier bereits den falschen Vornamen „Nathan“. Wenn heutige Antisemiten dieses Buch als angeblichen Beweis für die Bösartigkeit aller Juden verbreiten, benutzen sie häufig ebenfalls diesen Vornamen und greifen damit auf eine Vorlage der NS-Propaganda zurück.

In Goebbels' Propagandaministerium war Wolfgang Diewerge mit der Auswertung dieses „Bärendienstes“ befasst. Auftragsgemäß brachte er eine gekürzte Version heraus und ergänzte sie durch eigene Texte, die Kaufman einen Einfluss zuschrieben, den dieser nie besaß. Angeblich habe der New Yorker Selfpublisher Zugang zu amerikanischen Regierungskreisen gehabt und sogar Präsident Roosevelt beeinflusst. Unter der Schlagzeile „Roosevelt fordert Sterilisierung des deutschen Volkes" berichtete der Völkische Beobachter am 24. Juli 1941 auf der ersten Seite in großer Aufmachung über „ein ungeheuerliches jüdisches Vernichtungsprogramm“.

Eine weitere Ausgabe von Th. Kaufman, Germany Must Perish

Eine weitere Ausgabe von Th. Kaufman, Germany Must Perish

Wolfgang Benz überprüfte diese Behauptungen und stellte fest, in Roosevelts Papieren lasse sich

(…) nicht der geringste Hinweis auf Theodore N. Kaufman finden (…)

W. Benz, Rechtsextremismus in Deutschland, S. 195.

Benz ging auch dem Hinweis auf Kaufmans Organisation „American Federation of Peace“ nach und gibt an, bei folgenden Quellen recherchiert zu haben:

Schriftliche Auskunft der Library of Congress; YIVO Institute for Jewish Research, New York; Leo Baeck Institute, New York; The American Jewish Committee, New York; Aufbau, New York

W. Benz, Rechtsextremismus in Deutschland, S. 201

Sein Fazit: eine Organisation dieses Namens sei

(…) nirgendwo nachweisbar. Und auch in den jüdischen Organisationen Amerikas war Kaufman ein Unbekannter.

W. Benz, Rechtsextremismus in Deutschland, S. 195

Offenbar manipulierte die NS-Propaganda auch das Erscheinungsdatum von Kaufmans Schrift. Das Datum der Veröffentlichung wurde in die Nähe des 14. August 1941 gerückt, der Geburtsstunde der Atlantik-Charta. Damit sollte suggeriert werden, Kaufman und sein Buch hätten Einfluß auf die Charta gehabt. Die hier zitierte Time-Rezension erschien jedoch bereits im März 1941 [vgl. Benz, Rechtsextremismus, S. 194].

Die Idee des Autors, man müsse alle Deutschen sterilisieren, wird heute noch von Hitler-Anhängern und Antisemiten als „Beweis“ dafür angeführt, dass die Juden die schlimmsten Feinde der Deutschen seien. Dabei fällt die Tatsache unter den Tisch, dass Kaufman – zugegebenermaßen mit einer sehr unfreundlichen Haltung – nur über Sterilisationen geschrieben hat, während die Nazis tatsächlich Zwangssterilisationen und Kastrationen durchgeführt haben [vgl. Sterilisationen].

Der Goebbels-Mitarbeiter Wolfgang Diewerge, der sich um die propagandistische Auswertung des Kaufman-Buchs gekümmert hatte, bekam 1942 den Auftrag, den Schauprozess gegen Herschel Grynszpan, den Mörder des Botschaftsrats vom Rath, vorzubereiten [vgl. Lutz Hachmeister, Der Gegnerforscher, S. 308]. Nach dem Krieg trat Diewerge in Zusammenhang mit der FDP-nahen Naumann-Stiftung in Erscheinung. Der Namensgeber Naumann hatte als Staatssekrektär in Goebbels' Ministerium mit Diewerge zusammengearbeitet [vgl. Alan E. Steinweis, Kristallnacht 1938, S. 173].

Screenshot eines Online-Shops: Diewerges Beabeitung von Kaufmans Text wird für 110 Euro angeboten.

Antisemitische NS-Propaganda: „Weltplutokratie“

Anscheinend finden Popagandaschriften wie das von Diewerge verantwortete Pamphlet auch heute noch zahlungswillige Abnehmer; hier ein Screenshot eines Shops, der Diewerges „Werk“ für eine recht stattliche Summe anbot.

Zweierlei Maß

Antisemiten und „Revisionisten“ führen sich mitunter wie zu Unrecht Verfolgte auf; wenn sie für hasserfüllte Äußerungen belangt werden, klagen sie lautstark über einen angeblichen Mangel an Meinungsfreiheit. Wenn aber ein Sonderling einen zugegebenermaßen unappetitlichen Text verfasst, dann lasten sie dies dem gesamten Judentum an, als sei dies eben nicht nur „free speech“ eines Einzelnen, sondern als habe das gesamte Judentum etwas ganz Furchtbares getan.

Erwähnenswert ist auch, in welchem grösseren Kontext die Aufbereitung von Kaufmans Buch für die NS-Propaganda stand:

„Nach dem Motto, dass Angriff die beste Verteidigung ist, wünsche ich daher, dass jeden Tag ein oder zwei sehr geschickte Lügenmeldungen über die Absichten Roosevelts oder auch Churchills in die Welt gesetzt werden.“

Aussenminister von Ribbentrop am 24.7.1941, zit. n. W. Benz, Rechtsextremismus in Deutschland, S. 183

Hitler liess angeblich – behauptet jedenfalls der Holocaustleugner Rassinier ohne Quellenangabe – Kaufmans Buch

(…) über alle Rundfunksender verlesen (…) Kurz und gut, die Verlesung des Buches von Theodore Kaufman im deutschen Rundfunk entfesselte eine Volkswut gegen die Juden.

Rassinier, Zum Fall Eichmann, zit. n. Rechtsextremismus in Deutschland, S. 197

Und genau dies – die Entfesselung einer „Volkswut gegen die Juden“ – ist der Grund, aus dem Auschwitzleugner auch heute die Schrift des amerikanischen Sonderlings Kaufman heranziehen; und wie man sieht, greifen sie dabei wissentlich oder unwissentlich auf Vorlagen zurück, die unmittelbar aus dem Propagandaapparat der NS-Diktatur stammen.

Nicht wenige Autoren setzen diesen Text von Kaufmann sehr erfolgreich ein, um zu beweisen, dass „Revisionismus“ eben doch nur ein Nebenfach im Hauptgewerbe „Antisemitismus“ ist. Eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Quellen und Verweise

  1. Benz, Wolfgang, Judenvernichtung aus Notwehr? Die Legenden um Theodore N. Kaufman, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1981/4, S. 614-630
  2. Benz, Wolfgang, Rechtsextremismus in Deutschland
  3. Time, A Modest Proposal
  4. Fundstück des Monats, Mai 2023: Wie lernt man Antisemitismus?
  5. Steinweis, Alan E., Kristallnacht 1938: Ein deutscher Pogrom
  6. Goebbels-Tagebücher

Die sogenannten „jüdischen Kriegserklärungen“

Es gibt noch einige weitere sogenannte „jüdische Kriegserklärungen“, die von heutigen Antisemiten immer wieder aufgegriffen und verbreitet werden, um die Rollen von Tätern und Opfern umzukehren und das NS-Regime als unschuldiges Ziel weltweiter jüdischer Aggressionen darzustellen. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich alle diese Vorwürfe als unhaltbar; teilweise greifen sie sogar auf Propagandamanöver des NS-Regimes zurück.