Zionismus – Reaktion auf Antisemitismus
Neue Chiffre für ein altes Feindbild
Der Antisemitismus ist so alt wie das Judentum selbst. In vielen Regionen der Erde wurden und werden Juden seit Jahrhunderten ausgegrenzt und verfolgt. Ein grausamer Höhepunkt war der Judenmord der Nationalsozialisten. Aus dieser Not entstand das Bedürfnis, eine sichere Heimstatt zu schaffen, in der alle Juden Zuflucht finden konnten. Mit der Gründung des Staates Israel (1948) hat der Zionismus sein wichtigstes Ziel erreicht.
Das Basler Programm von 1897 legte die Erschaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina als Ziel des Zionismus fest. Vgl. Stadtgeschichte Basel: 1. Zionistenkongress
Der Begründer des Zionismus war Theodor Herzl, der 1897 in Basel die Gründung der World Zionist Organisation vorantrieb und deren erster Präsident wurde. Auf dieser ersten Zionistenkonferenz wurde das „Basler Programm“ verabschiedet, das fortan die Grundlage des politischen Zionismus bilden sollte. Theodor Herzl notierte am 3. September 1897 in sein Tagebuch:
„Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es Jeder einsehen.“
Theodor Herzl, 3.9.1897 zitiert nach Josef Schuster, 03.04.2017
Vergleiche hierzu auch eine Zitatfälschung unter Bezug auf Herzls Eröffnungsrede.
Die Tatsache, dass es die zionistische Weltorganisation heute noch gibt, darf allerdings nicht so verstanden werden, als sei der Zionismus eine monolithische, geeinte Bewegung des gesamten Judentums.
Tatsächlich gibt es innerhalb des Judentums in Bezug auf den Zionismus genauso viele verschiedene politische und auch religiös motivierte Strömungen wie in irgendeiner beliebigen modernen pluralistischen Demokratie. Das Judentum kennt seit jeher eine ausgeprägte „Streitkultur“, was man vor allem in den vielen, oft sehr kontroversen im Talmud dokumentierten Diskursen beobachten kann [vgl. Talmudfälschungen], und so gab und gibt es auch in Bezug auf den Zionismus heftig und leidenschaftlich geführte Auseinandersetzungen. Manche Juden betrachten den Zionismus als obsolet oder nicht sinnvoll, andere Gruppierungen befürworten zwar die Ziele des Zionismus, sind aber mit der der Existenz des heutigen Staates Israel nicht einverstanden.
Eine dieser Splittergruppen, die Neturei Karta, lehnt den Staat Israel und den Zionismus aus religiösen Gründen ab und sucht mitunter die Nähe von Antisemiten; diese Fraktion entsandte sogar eine Delegation zur Konferenz der Holocaustleugner in Teheran im Jahr 2006.
Antisemitische Modernisierung
In den letzten Jahren haben sich die Begriffe „Zionist“ und „Zionismus“ verstärkt zu negativ verstandenen Platzhaltern für das Judentum schlechthin entwickelt. In heutigen westlichen Gesellschaften ist es nicht opportun, allzu offen judenfeindlich aufzutreten; daher benutzen moderne Antisemiten diese Begriffe, um voller Empörung auf den angeblich rassistischen Zionismus hinzuweisen, womit sie aber letztlich eben doch wieder das gesamte Judentum diffamieren wollen.
Die Politik der israelischen Regierung und der Krieg in Gaza liefern willkommene Munition und einen Anlass, die Grenzen zwischen berechtigter Kritik an Staat und Politik und der Schmähung des Judentums allgemein zu verwischen. Einige Agitatoren gehen sogar so weit, „die Juden“ (und eben nicht: den Staat Israel und seine Organe) als die neuen Nazis zu beschimpfen und ihnen vorzuwerfen, sie verübten in Gaza eine Art Holocaust – bei allem Mitgefühl für zivile Opfer eine nicht zu rechtfertigende Verharmlosung der NS-Massenmorde. Erstaunt muss man feststellen, dass die Argumentation von der extremen linken und rechten Seite des Spektrums in dieser Hinsicht mitunter verblüffend ähnlich klingt.
Manche rechtsextreme Antisemiten sehen offenbar auch einen Kontext zwischen dem vermeintlichen Genozid in Gaza und den sogenannten jüdischen Kriegserklärungen. So sei der ewige Vernichtungswille der Juden „bewiesen“. Damit schließen die judenfeindlichen Agitatoren den Kreis zur Täter-Opfer-Umkehr und zu den alten Vorstellungen der NS-Propaganda, die Opfer seien immer die anderen, und die Täter seien immer Juden.
Vertiefende Informationen zum Zionismus
- Sind alle Juden Zionisten?
- Ein Beitrag des Anne Frank House, der erklärt, wie der Zionismus im Kontext des Judentums zu bewerten und zu betrachten ist.
- Zionismus
- Die schweizerische Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) informiert über den Zionismus und dessen Geschichte.
- Theodor Herzl, Der Judenstaat
- In seinem 1896 kurz vor dem ersten Zionistenkongress erschienenen Buch legt Theodor Herzl die Grundlagen für den politischen Zionismus.
- Ultra-Orthodoxe gegen den Staat Israel
- Der Untertitel dieses Artikels von Stefanie Oswalt lautet: „Die Idee des Zionismus ist ein Angriff auf unsere Religion“. Das widerspiegelt die Ablehnung, mit der manche ultra-orthodoxe jüdische Gruppen dem Staat Israel begegnen. Eine dieser Gruppen, die Neturei Karta, ging sogar so weit, 2006 am Holocaust-Leugner-Kongress in Teheran teilzunehmen.
- Francis R. Nicosia, Ein nützlicher Feind
- In seinem Beitrag „Zionismus im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1939“ für die Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte behandelt Nicosia den propagandistischen Nutzen, den die Nazis aus dieser Bewegung zogen.
- Theodor Herzl und der Zionismus
- Eine informative Webseite des G.-E.-Lessing-Gymnasium Döbeln zum geistigen Vater des Zionismus.
- Das Basler Programm
- Die Baseler Stiftung für Stadtgeschichte erinnert an den ersten Zionistenkongress, der 1897 im Ballsaal der Stadt abgehalten wurde. Auf dieser Sitzung wurde unter maßgeblicher Beteiligung von Theodor Herzl auch das sogenannte „Basler Programm“, eine Art Grundsatzprogramm des Zionismus, verabschiedet.
- Stenographische Protokolle der Verhandlungen der Zionisten-Kongresse
- Die Universität Frankfurt am Main hat die Mitschriften der Zionistenkongresse digitalisiert und stellt sie online zur Verfügung.
Siehe auch
- Eine bedauerliche UN-Resolution: Zionismus sei jüdischer Rassismus
- Zitatfälschung: Theodor Herzl, Eröffnungsrede zum Zionistenkongress 1897 in Basel