Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Ernst Gauss (Germar Rudolf) Vorlesungen über Zeitgeschichte

Wie man einem Buchtitel gerecht wird, ohne es zu bemerken

Germar Rudolf schrieb dieses Buch unter dem Pseudonym „Ernst Gauss“. Auch hier sollen einige besonders markante Textstellen in exemplarischer Weise aufzeigen, dass Germar Rudolf in seinem Werk Vorlesungen über Zeitgeschichte die üblichen Methoden der „revisionistischen Wahrheitssuche“ benutzt.

Im zweiten Kapitel behandelt Germar Rudolf das von Wolfgang Benz herausgegebene Buch Legenden, Lügen Vorurteile. Wolfgang Benz konnte nicht wissen, wie genau sein Titel das beschreiben würde, was Rudolf mit dem Buch angestellt hat. Rudolf kritisiert den Abschnitt über die alliierten Bombenangriffe auf Dresden im Frühjahr 1945 und hat Einwände gegen die Zahlenangaben:

Da ist zunächst die Untertreibung der Opfer des alliierten Bombenkrieges. Der Angriff auf Dresden soll nach diesem Buch lediglich rund 35.000 Opfer gekostet haben.

Ernst Gauss (d.i. Germar Rudolf),
Vorlesungen über Zeitgeschichte, S. 70

Als Beleg für erheblich höhere Opferzahlen in der Größenordnung von 200.000 bis 300.000 beruft Germar Rudolf sich ausgerechnet auf David Irvings Buch Der Untergang Dresdens, das der Verleger schließlich als „Roman“ ausgewiesen hat. Germar Rudolf benutzt die Ausgabe von 1964.

Zwei Jahre nach Erscheinen seines Buches hat David Irving jedoch in einem Leserbrief an die Londoner Times erklärt, dass die Zahlen viel zu hoch seien. Er habe absolut glaubwürdige Dokumente gesehen, aus denen hervorgehe, dass eine Zahl von etwa 25.000 Opfern richtig sei. Diese Größenordnung entspricht dem Stand der Wissenschaft, und dies erfährt man auch aus dem Bericht der Dresdner Historikerkommission.

Inzwischen ist bekannt, dass Irving damals gefälschte Dokumente benutzte [vgl. auch Luftkrieg, Dresden und Irving zu den Opfern von Dresden], was Irving 1995 ausdrücklich einräumte. Beide Korrekturen scheinen Rudolf völlig entgangen zu sein.

1999 zitierte Rudolf den entsprechenden Abschnitt aus dem hier besprochenen Buch noch einmal in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1999/3, S. 179, und bekräftigte die viel zu hohen und falschen Zahlen.

Bemerkenswert ist, dass Germar Rudolf nicht nach „forensischen Beweisen“ für die Opfer der Angriffe auf Dresden fragt. Geht es um jüdische Opfer, sind die Ansprüche an Beweise unerfüllbar hoch (genau das ist der Sinn der Sache). Geht es um deutsche Opfer, reichen auch längst widerrufene Zahlen, solange sie nur groß genug sind.

Ob Irving gekränkt war, weil Rudolf nicht zur Kenntnis nahm, wie sehr Irving über den „Revisionisten“ in sich hinauswuchs, als er die Fälschung eingestand, oder ob Rudolf dem Leugner-Doyen Irving böse war, weil dieser sich auf einmal genauso schäbig benahm wie ein quellensicherer Historiker, ist nicht bekannt.

Kurz darauf schreibt Germar Rudolf:

Das Buch suggeriert, daß im Konzentrationslager Dachau Gaskammern in Betrieb gewesen sein sollen, obwohl M. Broszat, nachmaliger Leiter des offiziellen Institutes für Zeitgeschichte, schon 1960 feststellte, daß es in den Lagern des Altreiches keine Vergasungen gegeben hat.

Germar Rudolf, Vorlesungen, S. 71

Dieser Satz enthält gleich zwei „revisionistische Wahrheiten“. Die erste ist die Behauptung, Benz habe „suggeriert, daß im Konzentrationslager Dachau Gaskammern in Betrieb gewesen sein sollen“.

Benz hat nichts dergleichen suggeriert. Barbara Distel (Benz war nur Herausgeber und hat nicht alle Beiträge selbst geschrieben) erklärt in Legenden, Lügen, Vorurteile im Abschnitt über Dachau:

Die bis jetzt ungeklärte Frage der Benutzung der Gaskammer im Krematorium des Konzentrationslagers Dachau muß weiterhin Gegenstand zeitgeschichtlicher Nachforschungen bleiben.

Barbara Distel, „Dachau“, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Legenden, S. 51

Distel schreibt, die Benutzung der Gaskammern Dachau sei nicht geklärt und man müsse weiter forschen, und Germar Rudolf unterstellt, hier sei die Benutzung von Gaskammern suggeriert worden.

Die zweite „revisionistische“ Bearbeitung der Realität ist die Behauptung, dass „M. Broszat, nachmaliger Leiter des offiziellen Institutes für Zeitgeschichte, schon 1960 feststellte, daß es in den Lagern des Altreiches keine Vergasungen gegeben hat“.

Dies bezieht sich auf einen Leserbrief, den Broszat an DIE ZEIT geschickt hat.

Broszat hat darin aber keineswegs gesagt, dass im „Altreich“ keine Vergasungen stattgefunden hätten. Als Historiker weiß Broszat, dass es bereits im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“ die ersten Vergasungen im „Altreich“ gab [vgl. auch Euthanasie].

Broszat hat lediglich erklärt, was längst bekannt ist: Die Massenvernichtung der Juden durch Vergasung hat im Osten, aber nicht im Altreich stattgefunden. Damit schließt er natürlich nicht die Morde in Gaskammern aus, die es im „Altreich“ tatsächlich gab.

Die „Siege des Revisionismus“ bestehen in diesem Fall darin, dass sie die Behauptung, es habe im „Altreich“ keine Gaskammern gegeben, ausgerechnet mit einem Text belegen wollen, aus dem hervorgeht, dass im Osten Massenmorde in Gaskammern stattgefunden haben.

Anschließend schreibt Germar Rudolf:

Die Lüge von den Lampenschirmen aus Menschenhaut wird ebenso bemüht […]

Germar Rudolf, Vorlesungen, S. 71

Mitnichten. Hellmuth Auerbach, der diesen Beitrag geschrieben hat, äußert sich zu diesem Punkt vorsichtig und zurückhaltend. Er sagt, die Amerikaner hätten einen Lampenschirm aus Menschenhaut gefunden. Die Vorwürfe gegen Ilse Koch, sie habe tätowierte Hautstücke ausgesucht und gerben lassen, seien jedoch in Prozessen gegen die Frau des Lagerkommandanten von Buchenwald nicht bewiesen worden.

Nicht mehr ganz so vorsichtig schreibt Auerbach dann über tätowierte und gegerbte Stücke Menschenhaut, denn solche Stücke existieren und können im Museum der Gedenkstätte Buchenwald besichtigt werden.

Zum Einsatz der „Legion Condor“ im spanischen Bürgerkrieg fabuliert Germar Rudolf gleich darauf:

Hinter dem Stichwort „Guernica“ verbirgt sich eine baskische Stadt, die durch deutsche Bomber im spanischen Bürgerkrieg restlos zerstört worden sein soll. Dies soll angeblich erfolgt sein, um damit die neue Kriegstechnik des „totalen Krieges“ zu erproben, indem man ‚Terrorangriffe auf ungeschützte Zivilisten‘ fliegt.

Germar Rudolf, Vorlesungen, S. 72

Rudolf ist über die Quellenlage nicht im Bilde, oder er hatte einen Bildausfall, als er dies schrieb. Dass Guernica eine Generalprobe für seine „junge Luftwaffe“ war, sagte Göring selbst im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, und die Formulierung „Terrorangriff auf ungeschützte Zivilisten“ ist angesichts der Tatsache, dass Mädchen von Brandbomben getroffen wurden, eine zutreffende Beschreibung.

Brandbomben werden typischerweise gegen Menschen und Wohngebiete eingesetzt. Zur Zerstörung der Brücke vor der Stadt – angeblich das Ziel der Luftangriffe auf Guernica – waren sie denkbar ungeeignet, denn die Brücke besteht aus Stein [vgl. auch Luftkrieg, Guernica].

In der 6. Vorlesung bespricht Germar Rudolf schließlich noch einige „revisionistische“ Werke. Da seine Wertungen Auskunft über seine Vorstellungen von brauchbarer Literatur geben, sollen hier einige Beispiele erwähnt werden.

Wenige Jahre danach erschien Mitte der siebziger Jahre das Buch Hexen-Einmal-Eins einer Lüge von E. Aretz. Dieses Buch erreichte eine verhältnismäßig weite Verbreitung und stellt erstmals einen seriösen und fundierten, wenn auch noch nicht umfassenden Überblick zum Thema dar. Dem an der Geschichte des Revisionismus interessierten Leser sei dieses Buch empfohlen.

Germar Rudolf, Vorlesungen, S. 274

Das gelobte Buch ist eine Sammlung bekannter Fehlleistungen der „Revisionisten“. Überprüfbare und vor allem glaubwürdige Fakten sucht man dort vergeblich [vgl. Hexeneinmaleins], dafür findet man dort legendäre Albernheiten wie das Märchen von den jüdischen Kriegserklärungen.

Die nächste Empfehlung ist von ähnlich fragwürdiger Qualität:

Ein Donnerhall ging 1979 durch Deutschland, als der pensionierte Richter Dr. W. Stäglich in seinem Buch Der Auschwitz-Mythos der Beweisgrundlage der Geschichten über den Holocaust nachging und zu dem Ergebnis kam, daß nichts bewiesen, vielmehr alles zweifelhaft sei. Diese ‚Bibel der Revisionisten‘ mußte konsequenterweise verboten werden, da sie nach offizieller Meinung staatsgefährdend wirkte.

Germar Rudolf, Vorlesungen, S. 274

Wenn man das Buch liest, merkt man schnell, dass es wohl eher ein Theaterdonner war: Viel Lärm um nichts hieß offenbar das Stück auf Stäglichs Spielplan [vgl. Auschwitz-Mythos].

Und schließlich wird noch Jürgen Graf lobend erwähnt:

Ende 1992 erschien in der Schweiz ein Buch, das sich direkt dem Holocaust aus revisionistischer Perspektive widmete: Der Holocaust auf dem Prüfstand von J. Graf, einem Lehrer im besten Alter. Es stellt die prägnantesten Zeugenaussagen den Ergebnissen der in letzter Zeit entstandenen technischen und naturwissenschaftlichen Gutachten auf leicht verständliche Weise gegenüber. Dieses Buch eignet sich daher sehr gut als eine Einführung.

Germar Rudolf, Vorlesungen, S. 275

Das „sehr gut als eine Einführung“ geeignete Buch ist eine Sammlung genau jener „revisionistischen“ Legenden, Lügen und Vorurteile, die bereits hinlänglich besprochen wurden.

Wie nicht anders zu erwarten, taucht auch dort Broszats Leserbrief als „Beweis“ dafür auf, dass es im „Altreich“ keine Gaskammern gegeben habe, und natürlich darf auch die (unwahre) Behauptung nicht fehlen, Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz sei durch Folter seinem Geständnis gezwungen worden [vgl. Wurde Höß gefoltert?].

Inhaltlich unterscheidet sich Der Holocaust auf dem Prüfstand nicht wesentlich von Grafs Buch Der Holocaust im Klassenzimmer.

Texte zu Germar Rudolf und seinen Aktivitäten