Jürgen Graf Holocaust im Klassenzimmer
Vom Lehrer zum Leugner
Jürgen Graf (1951–2025) macht seinen Text auf wie eine Reportage über die Behandlung eines Schwerpunktthemas in einer Schule. Die Rahmengeschichte sei erfunden, schreibt der Autor, aber die Fakten seien nachprüfbar.
Zu den nachprüfbaren Fakten zählt für Jürgen Graf offensichtlich auch die folgende Behauptung über Zionisten:
Sie hofften, dass Hitler mit seinen antijüdischen Massnahmen einen Grossteil der deutschen Juden nach Palästina vertreiben würde, wo der Aufbau eines jüdischen Staates geplant war. Für einen jüdischen Staat brauchte es jüdische Einwanderer!
Jürgen Graf, Holocaust im Klassenzimmer, 2. Kapitel (Online-Version, keine Seitenangabe).
Wie und wo man diese Behauptung überprüfen kann, verrät Graf leider nicht; für „Revisionisten“ und ihre gläubigen Anhänger gilt sie daher als bewiesen. Möglicherweise hat Graf diese längst widerlegte Behauptung von Kardel übernommen und vergessen, die Quelle zu nennen [vgl. auch Hennecke Kardel, Adolf Hitler, Begründer Israels].
Im Grunde lässt sich Jürgen Grafs Werk relativ knapp abhandeln, denn es ist trotz der ungewöhnlichen Aufmachung nichts weiter als eine Wiederholung sattsam bekannter Argumentationsfiguren der Auschwitzleugner. Einige Beispiele:
- Das „Weltjudentum“ hätte 1933 Deutschland den Krieg erklärt.
- Der Historiker Broszat hätte zugegeben, dass im Deutschen Reich niemand vergast worden sei.
- Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, sei durch Folter zu bestimmten belastenden Aussagen gezwungen worden.
- In den Lagern seien laut Angaben vom Roten Kreuz nicht mehr als 300 000 Juden gestorben.
- Bei den alliierten Luftangriffen auf Dresden seien mehrere hunderttausend Menschen umgekommen.
Den letzten Punkt ergänzt Graf folgendermaßen:
Da ihr euch so gerne auf den von euch hochgeschätzten britischen Historiker Irving beruft, solltet ihr ehrlicherweise auch erwähnen, dass er für Dresden eine Opferzahl von 135'000 annimmt, die freilich immer noch viermal über der heute offiziell genannten liegt. Irving zitiert das von euch genannte Dokument vom 23. März 1945 natürlich, meint aber, es sei wohl von den Nazis fabriziert worden, um eine übertriebene Opferzahl vorzutäuschen.
Jürgen Graf, Holocaust im Klassenzimmer, 2. Kapitel (PDF, o. S.).
Was Graf den Lesern verschweigt, ist die Tatsache, dass Irving selbst bereits in den sechziger Jahren in einem Leserbrief an die Londoner Times die Zahl von 135.000 auf den richtigen Wert von etwa 25.000 Opfern korrigiert hat. Irving bezog sich auf ein Originaldokument, dessen Echtheit für ihn nicht bezweifelt werden konnte, was ihn freilich nicht davon abhielt, später abermals seine Meinung zu ändern und sich auf eine Fälschung zu berufen.
Und selbstverständlich waren für Jürgen Graf die wahren Kriegsverbrecher die Alliierten, nicht die Deutschen:
Mit den Terrorangriffen auf reine Wohngebiete hatten die Briten begonnen, und zwar am 10./11. Mai 1940 in Mönchengladbach
Jürgen Graf, Holocaust im Klassenzimmer, 2. Kapitel (PDF, o. S.).
In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1940 gab es tatsächlich einen britischen Angriff auf Mönchengladbach. Ergebnis: Vier Tote, darunter eine Engländerin.
Vorher gab es am 10. Mai noch einen anderen Angriff. In Landsberg bei Augsburg starteten 45 deutsche Flugzeuge, um einen Flugplatz bei Dijon zu bombardieren. Ergebnis: 57 Tote, darunter 22 Kinder.
Allerdings nicht in Dijon, sondern in Freiburg im Breisgau. Die Piloten hatten sich verflogen und versehentlich die Stadt Freiburg angegriffen, was die deutsche Propaganda prompt den Gegnern in die Schuhe schob [vgl. Weissbuecher].
Der 10. Mai 1940 ist aber noch in anderer Hinsicht ein bemerkenswertes Datum. Am frühen Morgen dieses Tages begannen deutsche Truppen unter Verletzung der Neutralität der Niederlande und Belgiens mit dem Angriff auf Frankreich.
Am Morgen des 10. Mai 1940 wurde Rotterdam im neutralen Holland bombardiert, am 14. Mai gab es ebenfalls einen Angriff auf Rotterdam. Ergebnis: 900 Tote [vgl. Luftkrieg, Rotterdam].
Den Angriff vom 14. Mai 1940 behandelt Jürgen Graf, den Angriff vom 10. Mai 1940 auf Rotterdam erwähnt er überhaupt nicht; das hätte vermutlich die „revisionistische Wahrheitssuche“ zu sehr gestört.
Graf sieht eine Torheit und begeht auch eine
Auch das folgende beliebte Verwirrspiel der Antisemiten darf bei Jürgen Graf nicht fehlen:
Wenn die heutigen Juden grösstenteils keine Semiten sind, ist auch der Ausdruck „Antisemitismus“ eine Torheit.
Jürgen Graf, Holocaust im Klassenzimmer, 2. Kapitel (PDF, o. S.).
Hitler hat diesen Begriff für seine Feindschaft gegen Juden benutzt, und es scheint durchaus sinnvoll zu sein, ihn auch weiterhin für das zu benutzen, was seine Anhänger und Apologeten heute noch treiben.
Als letzter Punkt sei schließlich noch erwähnt, dass Jürgen Graf anscheinend die Juden für moralisch besonders fragwürdige Menschen hält; oder vielleicht ist er auch einfach nur der Ansicht, sie nähmen anderen Leuten die Arbeitsplätze weg:
Wie du weisst, sind 85% der männlichen Pornodarsteller Juden
Jürgen Graf, Holocaust im Klassenzimmer, 2. Kapitel (PDF, o. S.).
In Pornofilmen ist so etwas dank der übersichtlichen Beweislage natürlich leicht zu verifizieren. Gestehen wir Herrn Graf also zu, dass er wenigstens an dieser Stelle, gleichsam unter der Gürtellinie, im Sinne der „revisionistischen Wahrheitssuche“ intensive Nachforschungen betrieben hat.
Man mag sich kaum vorstellen, wie belastend es für einen Antisemiten wie Graf gewesen sein muss, sich stundenlang Nahaufnahmen von vermeintlich jüdischem Gemächt anzuschauen.
Was Herr Graf aber möglicherweise nicht weiß: Rund fünfzig Prozent aller amerikanischen Männer sind, von der Konfession völlig unabhängig, aus hygienischen Gründen beschnitten.
Siehe auch
- Biografische Informationen: Jürgen Graf
Grafs Übernahmen aus anderen „revisionistischen“ Texten
- Angebliche jüdische Kriegserklärungen
- Ein missbrauchtes Broszat-Zitat: Broszat-Zitat
- Rudolf Höß, angeblich Aussage erpresst
- Missbrauch der Zahlen aus Arolsen, angeblich nicht mehr als 300 000 jüdische Opfer
- Überhöhte Opferzahl für die Luftangriffe auf Dresden
Weitere Informationen zu Jürgen Graf
- Benjamin von Wyl, Antirassismusgesetz: Als die Holocaust-Leugner:innen in der Schweiz an die Öffentlichkeit drängten
- Letizia Vecchio, Der Schweizer Holocaust-Leugner Jürgen Graf ist tot
- Holocaust-Leugner Graf untergetaucht
- Jürgen Graf vom Schuldienst suspendiert (1993)
- Hans Stutz, Jürgen Graf wieder in Basel (2018)