Emil Aretz Hexeneinmaleins einer Lüge
Der Leugner, der Dichter und die Kehrseite
Emil Aretz begründet seine „Zweifel“ am Judenmord unter anderem mit der Behauptung, es gebe keine genauen Zahlen und Daten. In dem Buch, das in den 1970er Jahren erstmal erschien, behauptet er, die Zahl von sechs Millionen jüdischen Opfern habe „Kultstatus“
und sei jedenfalls viel zu hoch.
Buchcover Emil Aretz, Hexeneinmaleins einer Lüge
Die vermeintliche Ungenauigkeit der etablierten Geschichtsschreibung greift er beispielsweise folgendermaßen an:
In einer langen Artikelserie „Der Orden unter dem Totenkopf – die Geschichte der SS“ des Spiegel-Redakteurs Heinz Höhne ist auf Seite 60 der Nr. 1/2-1967 eine graphische Darstellung der Vernichtung der Juden Europas eingefügt. Eine Zusammenfassung der Zahlen dieser Spiegel-Graphik ergibt für Hitlers Machtbereich 5,1 Millionen ermordete Juden von einer jüdischen Gesamtbevölkerung dieses Bereiches von 9 Millionen. Die Herkunft dieser Schätzungen ist nicht angegeben.
Emil Aretz, Hexeneinmaleins einer Lüge, S. 18
1984 erschien bei Bertelsmann – offenbar auf der Grundlage der Artikelserie – vom gleichen Autor und unter gleichem Titel ein Buch, das 1990 noch einmal als Lizenzausgabe beim Gondrom Verlag nachgedruckt wurde. Auf Seite 367 steht die Tabelle, die Aretz hier anspricht.
Raul Hilbergs Zahlen in: Der Orden unter dem Totenkopf, S. 367
Wie man sieht, gibt der Autor den Historiker Raul Hilberg als Quelle an. Es ist zwar denkbar, dass Höhne in seinem SPIEGEL-Artikel die Quelle nicht nannte, aber es ist unwahrscheinlich, denn die Zahl stammt tatsächlich aus Hilbergs 1961 erschienenem Buch Die Vernichtung der europäischen Juden. Als Höhne 1966/1967 die Artikelserie schrieb, war das Werk seit sechs Jahren als fundierte Arbeit zum Thema etabliert.
Als Aretz 1970 sein Buch Hexeneinmaleins veröffentlichte, war Hilbergs Standardwerk schon seit fast einem Jahrzehnt verfügbar. Selbst wenn im SPIEGEL die Quelle nicht genannt wurde, muss man sich fragen, warum Aretz diese Zahl nicht von sich aus richtig zuordnen konnte. Offenbar war er mit den einschlägigen Werken nicht vertraut, hat also die Geschichtswissenschaft kritisiert, ohne sie zu kennen.
Dafür kennt Aretz die Werke der Hitler-Apologeten und Holocaust-Leugner offenbar umso besser. Wo er seriöse Historiker zitiert, fehlt nur selten ein kritischer Kommentar. Wenn Aretz sich aber auf Leute wie Härtle, Rassinier, Kern und Sündermann oder gar auf die Propaganda der Nazis selbst beruft, übernimmt er die Angaben in aller Regel völlig unkritisch.
Gleich auf den ersten Seiten des Buches zitiert Aretz einen gewissen Dr. Listojewski mit der Aussage, man käme bei allen statistischen Berechnungen auf höchstens 500.000 jüdische Opfer des Nationalsozialismus (Hexeneinmaleins, S. 18). Dieses Zitat taucht in zahlreichen „revisionistischen“ Werken auf. Welche sachliche Grundlage es hat und wo man die erwähnten Statistiken einsehen und prüfen kann, wird allerdings nirgends erklärt.
Selbstverständlich dürfen auch die hinlänglich bekannten Märchen über die „jüdischen Kriegserklärungen“ nicht fehlen (etwa: Hexeneinmaleins, S. 127).
In die Rubrik „die bösen Juden wollen uns vernichten“ gehört auch der sogenannte „Kaufman-Plan“ (Hexeneinmaleins, S. 152). Es handelt sich dabei um ein unerfreuliches kleines Buch eines amerikanischen Sonderlings, in dem es heißt, die Deutschen müssten sterilisiert und ausgerottet werden. Dieses Pamphlet spielte seinerzeit in der NS-Propaganda eine gewisse Rolle.
Im letzten Teil des Buches schreibt Aretz über die angebliche Verstrickung von Juden in die Hitler-Finanzierung und bemüht dazu den „Warburg-Bericht“, der 1933 unter dem Titel De Geldbronnen van het National-Socialisme in Amsterdam erschien. Dieser längst als Fälschung entlarvte Text wurde 1983 von Ekkehard Franke-Gricksch im Diagnosen-Verlag neu aufgelegt und ist außerdem in Jean Ledraque (d.i. Hennecke Kardel), Springers Nazionismus, enthalten.
Auf den ersten Blick mag es verblüffen, wenn Hitler auf diese Weise mit jüdischen Geldgebern in Verbindung gebracht wird, doch im Grunde ist dies nur eine zweite Phase oder eine Variante der Holocaustleugnung.
Da es den Auschwitzleugnern trotz aller Bemühungen nicht gelingen will, restlos alle Verbrechen des Hitler-Regimes wegzudiskutieren, geben sie Hitler gleichsam als Bauernopfer auf und transportieren ihn zusammen mit den restlichen Verbrechen, die auch beim bösesten Willen nicht mehr bestritten werden können, auf die „andere“ Seite. Sie lassen Hitler fallen, schieben seine Untaten jüdischen Drahtziehern unter und entlasten auf diese Weise pauschal die Deutschen und vor allem den Nationalsozialismus als Ideologie von jeglicher Verantwortung für die Verbrechen des Hitler-Regimes. Dies ist ein geringer Preis: Hitler wird geopfert, alle Deutschen und vor allem der deutsche Faschismus werden reingewaschen. Da es heute nicht mehr opportun ist, allzu offen antijüdisch aufzutreten, versucht eine modernere Variante dieses Verwirrspiels, Hitler und die NSDAP als Sozialisten darzustellen.
Auf dieser Linie liegt auch die Behauptung, Hitler habe im Auftrag jüdischer Drahtzieher zur Gründung des Staates Israel beigetragen:
Erst die Bedrängung und spätere Verfolgung der europäischen Juden unter dem Einfluß der antisemitischen Maßnahmen Hitlers steigerten die Zahl der Einwanderer so, daß die Möglichkeit einer jüdischen Staatsgründung näher rückte.
Aretz, Hexeneinmaleins, S. 250
Diese Argumentationsfigur – dass die Zionisten am Antisemitismus der Nazis Interesse gehabt hätten – taucht auch bei J. G. Burg auf. Mitunter gipfelt dies in der absurden Behauptung, eine jüdische Elite hätte die Nazis bezahlt, damit diese genügend Juden zur Staatsgründung nach Israel trieben – was auf engem Raum die Leugnung des Judenmordes und die Schuldzuweisung an angebliche jüdische Drahtzieher zusammenfasst.
In diesem Kontext erscheint gelegentlich ein Zitat des früheren Reichskanzlers Brüning, der Andeutungen über einen Bankier gemacht hat, der Hitler unterstützt habe. Hitlers Unterstützer seien Menschen gewesen, habe Brüning geschrieben, von denen man „dies am wenigsten erwartet hätte“ (Hexeneinmaleins, S. 239). Namen werden freilich nicht genannt, ein Zusammenhang zu jüdischen Geldgebern ist aus diesem Dokument nicht abzuleiten.
Beim Versuch, die Schuld aller anderen zu vergrößern und die der Deutschen zu verringern, schreckt Aretz nicht davor zurück, Fälschungen zu kolportieren, die direkt aus dem Propagandaapparat der Nazis stammen. So behauptet er beispielsweise, beim "Bromberger Blutsonntag" seien 58.000 Deutsche ermordet worden. Diese Zahl ist eine Erfindung des Goebbelsschen Ministeriums für „Volksaufklärung“.
Auch die echten und vermeintlichen Verbrechen der Alliierten während des Krieges behandelt Aretz. Auf Seite 340 schreibt er unter Berufung auf David Irving, bei den alliierten Luftangriffen auf Dresden Anfang 1945 seien 135.000 Menschen umgekommen.
Aretz unterschlägt die Tatsache, dass Irving selbst diese Zahl als zu hoch bezeichnete und in einem Leserbrief an die Londoner Times eine Korrektur veröffentlichte (nur um sie später doch wieder zurückzunehmen). Für Aretz ist Irvings Zahl allerdings immer noch zu niedrig; er bezieht sich lieber auf eine Fälschung der Nazis, in der von 202.040 Toten die Rede war [vgl. Dresden].
Auf den ersten Seiten seines Buchs bemüht Aretz den größten deutschen Dichter (wen sonst) und gibt den Ausschnitt „Die Hexenküche“ aus Faust I wieder. Wenn man weiterblättert, bekommt man allerdings den Eindruck, Aretz sei historischen Fakten nicht mit der Haltung Goethes, sondern mit der des Götz und mit einem ganz anderen Zitat auf den Lippen begegnet.