In Guernica leben die glücklichsten Menschen.
Ihre Angelegenheiten regeln sie durch eine
Körperschaft von Bauern unter einer Eiche,
und stets verhalten sie sich klug.
Jean Jacques Rousseau
zit. n. Gordon Thomas und Max Morgan-Witts,
Der Tag an dem Guernica starb
Luftkrieg: Guernica
Die Erprobung der jungen Luftwaffe
War die baskische Stadt Guernica 1937 beim Angriff der deutschen Luftwaffe ein militärisches Ziel, und wurde die Zivilbevölkerung verschont?
Das trifft nicht zu. Die Flugzeuge hatten gute Sicht, und sie hatten Brandbomben geladen, die bei einem Angriff auf die strategisch wichtige Steinbrücke sinnlos und bei einem Angriff auf zivile Ziele besonders wirkungsvoll sind.
Im Jahre 1937 war es mit der Idylle, die Rousseau beschrieb, vorbei. Bis März 1937 hatten die Deutschen über 5000 Soldaten nach Spanien geschickt. Es handelte sich um die „Legion Condor“, eine Elitetruppe der modernen Luftwaffe, die Göring aufbauen wollte. Der Streitmacht standen unter anderem 25 umgebaute Ju 52 als „Behelfsbomber“ zur Verfügung [vgl. Heinz J, Nowarra, Luftrüstung, Bd. 3, S. 62, 63]. Die Junkers-Bomber hatten einen ausfahrbaren „Topf“ im Boden, in den sich der Bombenschütze beim Zielanflug kauern konnte. Nach 1938 wurden die Maschinen zu Transportflugzeugen umgerüstet.
Eine Ju 52 mit heruntergelassenem „Topf“. Quelle: Thomas u. Morgan-Witts, Guernica, Bildteil
Nachdem die Legion Condor die marokkanischen Truppen des Faschistenführers Franco nach Spanien transportiert hatte, griffen die deutschen Flugzeuge auch direkt in den Bürgerkrieg ein und bombardierten im Laufe der Zeit unter anderem Madrid, Durango, Munditibar und Bilbao.
Die Ursachen des Konflikts, der Spanien in zwei feindliche Lager spaltete, waren komplex. Zu Anfang konnte keineswegs davon die Rede sein, dass hier "das Militär" gegen die Bauern stand oder der Faschismus gegen den Kommunismus, wie es später von vielen Beobachtern vereinfacht wurde.
Max Morgan-Witts, Guernica, S. 12
Francos Nationalisten wollten ein vereinigtes Spanien schaffen, die Basken wollten die Unabhängigkeit oder wenigstens die Autonomie bewahren. Die Angehörigen der Legion Condor selbst waren zwar überwiegend der Ansicht, man habe sie nach Spanien geschickt, um die Ausbreitung des Kommunismus aufzuhalten, aber das entsprach nicht den tatsächlichen Gegebenheiten.
Falls überhaupt, so wußten nur sehr wenige Flieger, dass das Baskenland keineswegs kommunistisch orientiert war: Zwar gab es dort Kommunisten, doch die Mehrzahl der Basken wurde von dem Wunsch getrieben, sich die Unabhängigkeit zu erkämpfen.
Morgan-Witts, Guernica, S. 52
Am 26. April 1937 griff die Legion Condor Guernica an, die baskische „Hauptstadt des Herzens“. Das wichtigste Ziel war es angeblich, die Renteria-Brücke vor der Stadt zu zerstören, um die Bewegungsmöglichkeiten feindlicher Truppen einzuschränken. Von Richthofen, der Kommandant der Legion Condor, der später in Hitlers persönlichen Stab berufen wurde, ließ die übliche Bombenmischung laden: Sprengbomben, Splitterbomben und Brandbomben.
Hauptmann von Krafft sagte später aus, er habe „mit aller Entschiedenheit gegen die Verwendung von Brandbomben“
protestiert (Guernica, S. 236). Die nur 1 Kilogramm schweren Bomben würden unkontrolliert fallen, zumal die Einsatzleitung die Abwurfhöhe auf 2000 Meter festgelegt hatte – eine außergewöhnlich große Höhe, aus der es zu einer großen Zahl von Fehlwürfen kommen würde.
Hinzu kam noch, dass Brandbomben aus einem ganz bestimmten Grund für das vorgegebene Einsatzziel nicht geeignet waren: Die Renteria-Brücke direkt vor der Stadt, die angeblich zerstört werden sollte, bestand aus Stein. Allein die drei Junker-Staffeln, die eingesetzt wurden, hatten jedoch mehr als 2500 Brandbomben an Bord, und eine „goldene Regel“ der Bomberpiloten besagte, dass alles, was man an Bord nimmt, auch abgeworfen wird – zur Not sogar „blind“ und ohne Rücksicht auf das, was sich gerade unter einem befindet. Mit den Bomben wieder zu landen, galt als zu gefährlich und kam nicht in Frage.
Insgesamt luden die Flugzeuge der Legion Condor für den Angriff auf Guernica 30 bis 40 Tonnen Bomben, dabei hätte ein einziger Stuka zur Zerstörung der Brücke völlig ausgereicht. In der Legion Condor diente damals auch Rudolf von Moreau, ein legendärer Bombenschütze, der sich immer wieder durch erfolgreiche Präzisionswürfe unter schwierigsten Bedingungen hervorgetan hatte. Dieser Pilot in einem Stuka mit einer 250-Kilogramm-Sprengbombe, und das angebliche Einsatzziel wäre im Handumdrehen erreicht gewesen. Der Kommandeur von Richthofen teilte die Stukas für den Einsatz in Guernica jedoch überhaupt nicht ein.
Hauptmann Krafft musste sich bei der von Major Fuchs geleiteten Besprechung vor dem Einsatz den Befehlen beugen. Alle Einwände wurden weggewischt, der Angriff wurde wie geplant durchgeführt.
Ein Haufen Brandbomben landete zwischen den fünfzig Mädchen, die in der Bonbonfabrik arbeiteten. Die Bomben explodierten unter grellem, weißem Aufblitzen. Dann flammten und brannten sie wild und versprühten rote und weiße Stückchen Thermit.
Guernica, S. 265
Die Stadt glich nach dem Angriff einem Trümmerfeld, 70% der Häuser waren zerstört, auch Rathaus und Kirche waren getroffen worden. Die Steinbrücke vor der Stadt hatte dagegen keinen Kratzer abbekommen. Pablo Picasso hat die Tragödie in einem Bild verarbeitet, das den Namen der Stadt als Titel trägt.
Wie nicht anders zu erwarten, wurden sofort nach dem Angriff die ersten Dementis veröffentlicht, und bis heute verbreiten Holocaustleugner und Hitler-Anhänger das Märchen, es sei alles ganz anders gewesen. Einige Behauptungen sollen hier behandelt werden
Apologetische Behauptungen zu Guernica
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Behauptung:
„Die Flugzeuge hatten keine Brandbomben geladen, die Basken haben Guernica selbst angezündet.“
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Diese Ausrede wird durch die Aussagen der Piloten der Legion Condor selbst widerlegt; siehe oben.
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Behauptung:
„In Guernica wurden nur rein militärische Ziele angegriffen.“
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Auch dies wird durch die Aussagen ehemaliger Offiziere der Legion Condor widerlegt. Sie erklärten, ihnen sei seinerzeit nichts über die Anwesenheit feindlicher Truppen in Guernica bekannt gewesen. Da sie nichts über feindliche Truppen wussten, kann es in der Stadt für sie auch keine militärischen Ziele gegeben haben (vgl. Guernica, S. 282).
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Behauptung:
„Die Sicht war schlecht, die Bombenabwürfe auf die Stadt waren ein bedauerliches Versehen.“
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Das ist nicht wahr. Die Sicht war vor Abwurf der Bomben sogar sehr gut; hierfür gibt es mehrere Belege.
Beim Anflug auf Guernica sah Krafft
„nichts von der Stadt, nur Rauch, der südwestlich darüber hintrieb“
. Aber der Hauptmann konnte die Renteria-Brücke ausmachen, die von Rauchschwaden völlig frei war.Guernica, S. 295
Die Rauchschwaden über der Stadt stammten von den Brandbomben, die kurz vorher abgeworfen worden waren. Danach war die Sicht natürlich behindert – aber vorher war die Sicht auch über der Stadt so gut, wie sie es hinterher noch über der Brücke war.
Ein weiterer Beleg dafür, dass die Sicht gut war, ist ein Foto, das Pater Eusebio Arronategui durch Zufall aufnehmen konnte. Es zeigt drei Bomber, die sich im Anflug auf Guernica befinden.
Drei Bomber der Legion Condor im Anflug auf Guernica. Quelle: Thomas u. Morgan-Witts, Guernica, Bildteil.
Wenn der Pater, der direkt vor der Kirche stand, die Flugzeuge sehen und fotografieren konnte, dann konnten natürlich umgekehrt auch die Flugzeugführer die Stadt sehen. Das Interessante an diesem Foto ist übrigens, dass die Bomber zu dritt nebeneinander flogen. Schon die Formation schließt aus, dass die schmale Renteria-Brücke das Ziel der Bomber war.
Die wahren Beweggründe für den Luftwaffeneinsatz in Spanien
In Wahrheit dürfte es den Nazis darum gegangen sein, eine moderne Luftkriegführung zu entwickeln und zu erproben, denn obwohl die Brücke – angeblich das Ziel des Angriffs – nicht beschädigt wurde, erklärte Freiherr von Richthofen in einem Geheimbericht nach Berlin, der Angriff sei „ein großer Erfolg“
gewesen.
Bestätigt wird diese Deutung auch durch eine Aussage von Hermann Göring. Er hatte demnach Hitler gedrängt, Franco zu unterstützen:
Der Führer überlegte sich, ich drängte lebhaft, die Unterstützung unter allen Umständen zu geben. Einmal, um der Ausweitung des Kommunismus an dieser Stelle entgegenzutreten, zum zweiten aber, um meine junge Luftwaffe bei dieser Gelegenheit in diesem oder jenem technischen Punkt zu erproben.
Hitler vertrat später anscheinend die Ansicht, der Einsatz der Luftwaffe habe entscheidend zu Francos Sieg beigetragen:
Wenn 1936 ich mich nicht entschlossen hätte, die ersten Ju's zu schicken, wäre Franco nicht durchgekommen.
(…)
Franco müsste der Ju 52 ein Denkmal setzen: Nur durch die Ju 52 ist die spanische Revolution zum Sieg gekommen.
01.08.1942 und 03.09.1942,
zitiert nach: Adolf Hitler, Monologe, S. 323, 386
Sehr deutlich wurde Wolfram von Richthofen im schon erwähnten Fernschreiben vom 30.04.1937 nach der Zerstörung Guernicas.
Guernica, Stadt von 5 000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Angriff erfolgte mit 250-kg- und Brandbomben, letztere etwa 1/3. Als die 1. Jus kamen, war überall schon Qualm (von VB, die mit 3 Flugzeugen angriffen), keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel erkennen und warf nun mitten hinein. (…) Die Brandbomben hatten nun Zeit sich zu entfalten und zu wirken. (…) Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.
Sven Felix Kellerhoff, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll; dort auch Faksimile des Dokuments
Das Zentrum von Guernica nach den Angriffen. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-H25224
Quellen und Verweise zur „Legion Condor“ und zu Guernica
- Adolf Hitler, Monologe im Führerhauptquartier
- Gordon Thomas und Max Morgan-Witts, Der Tag an dem Guernica starb
- Kunstwerk-Analyse: Guernica von Pablo Picasso
- WDR Zeitzeichen: 26. April 1937 – Die „Legion Condor“ zerstört Guernica
- Sven Felix Kellerhoff, „Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll“