Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Antisemitismus: Geschichte, Fälschungen und moderne Formen

Das Gerücht über die Juden

Der Antisemitismus ist so alt wie das Judentum. Immer beruht er auf falschen Verdächtigungen, Verallgemeinerungen und Vorurteilen. Im Mittelalter hieß es, Juden veranstalteten blutige Rituale. Angeblich hätten sie christliche Kinder geschächtet, um deren Blut für ihre Praktiken zu benutzen. Einige dieser alten Geschichten erzeugen einen Anschein von Authentizität, da sie sogar mit sehr konkreten Angaben zu Orten und Namen aufwarten können.

Nichts davon ist wahr.

Eine Collage mit Abbildungen von 1493 und 1943 zu den Ritualmordvorwürfen

Ritualmordlegende 1493/1943: Kontinuität der Diffamierung

Die Nationalsozialisten, die den Antisemitismus zu einem grausamen Höhepunkt trieben, haben diese Feindschaft gegenüber Juden nicht erfunden, sondern alte Verschwörungserzählungen dankbar aufgegriffen und teilweise modernisiert. So tauchten beispielsweise die angeblichen jüdischen Ritualmorde in abgewandelter Form mehrfach in der NS-Propaganda des Stürmer auf.

Antisemitismus als Verschwörungserzählung

Eine weitere bekannte antisemitische Verschwörungserzählung trägt den Titel „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Wie viele andere ältere judenfeindliche Texte ließ das NS-Regime auch dieses gefälschte Pamphlet in hoher Auflage verbreiten. Es beschreibt angeblich einen geheimen jüdischen Plan, die Weltherrschaft zu erringen [vgl. bpb, Die Protokolle der Weisen von Zion].

Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg zeichnete 1923 für eine Neuauflage der „Protokolle“ verantwortlich, und der katholische Sektierer und Holocaustleugner Johannes Rothkranz vertrat um das Jahr 2010 in mehreren Büchern sogar die Ansicht, die „Protokolle“ seien längst verwirklicht, und die feindliche Übernahme der Weltherrschaft durch das Judentum sei längst geschehen [vgl. auch Religiöser Antisemitismus und Verschwörungsfantasien].

Links Buchcover Alfred Rosenberg 1923: „Die Protokolle der Weisen von Zion“;rechts Buchcover Johannes Rothkranz 2011: „Die Protokolle der Weisen von Zion erfüllt“

Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine alte antisemitische Verschwörungserzählung, die angeblich in jüngster Zeit wahr geworden sei.

Die heute kursierenden Varianten dieser Idee greifen zu unauffälligeren Vokabeln wie „Ostküste“, „Finanzoligarchie“ oder „Globalisten“. Auch der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen benutzt solche Codebegriffe [vgl. dlf nova, 11. Mai 2021, „Globalisten“: Wen Hans-Georg Maaßen mit solchen Codewörtern erreichen will].

Auch die Behauptung, das Judentum sei Satanismus oder von Satanismus geprägt, ist sehr alt und wird immer wieder aufgegriffen. Manche Fundamentalisten beziehen sich auf das Johannes-Evangelium und behaupten, Juden seien die „Kinder des Teufels“. Für das Nazi-Kampfblatt „Der Stürmer“ war der Sowjetkommunismus ein von Satan (d. h. von Juden) geprägtes System.

An einem Rednerpult steht drohend ein übergroßer, offenbar jüdisch gemeinter Mann mit Hammer, Sichel, Kelle und Winkelmaß. Die Artikelüberschrift enthält das Wort „Satanstat“ und behauptet, die Sowjets hätten Giftgas eingesetzt.

Der Stürmer 1936: Alle NS-Verschwörungsfantasien auf engstem Raum – Satan, Sowjets, Freimaurer und Juden.

Moderner Antisemitismus

Die größte Gefahr des modernen Antisemitismus liegt in seiner schleichenden Normalisierung. Die Übergänge sind fließend, und man muss in diesem Zusammenhang noch nicht einmal über eine nachweislich extreme Partei wie die AfD reden. Ein CDU-Rechtsausleger wie Maaßen benutzt antisemitische Codes und schickt seine Leser per Link auf die Website eines Holocaustleugners, und sein damaliger Parteifreund Armin Laschet nimmt Maaßen pauschal in Schutz, weil der doch gar kein Antisemit sei.

Kurz darauf sagte er [Laschet] über Maaßen noch: »Er ist nicht rechtsradikal und er ist auch kein Antisemit. Wäre er es, würde er die CDU verlassen müssen.«

Armin Laschet erschwert den Kampf gegen Antisemitismus, Kommentar von Jonas Schaible im Spiegel, 18.05.2021

Etwas später meinte der Parteichef und spätere Bundeskanzler Friedrich Merz verharmlosend, Maaßen sei nur ein einfaches Parteimitglied [vgl. Die Zeit, 21.01.2021, Merz hält Maaßen für Randerscheinung in der CDU]. Was beide damit implizit sagten, ist im Grunde dies: Man konnte damals in der CDU tun, was Maaßen getan hat, und durfte Parteimitglied bleiben. Irgendwo muss es eine Grenze geben, an der demokratische Kräfte sagen: „So nicht!“ Die Bereitschaft, solche Grenzen zu ziehen, ist allerdings in konservativen Kreisen mitunter eher schwach ausgeprägt.

Israelkritik oder Antisemitismus?

Offener oder latenter Antisemitismus zeigt sich häufig auch in aktuell zu beobachtenden Verallgemeinerungen. Nicht der israelischen Regierung sei dieses und jenes anzulasten, sondern verantwortlich seien „die Juden“ – ganz pauschal, ohne Unterschied und völlig unabhängig davon, wo sie gerade leben mögen und wie sie zur israelischen Regierung stehen. Sogar Linke, die sich als erklärte Antifaschisten einordnen würden, übernehmen manchmal den Slogan „From the River to the Sea“ und machen sich eine menschenfeindliche Haltung zu eigen, die sie eigentlich verabscheuen müssten; denn diese Parole meint, dass das Gebiet der Palästinenser vom Fluss Jordan bis zum Meer reichen solle – womit der dazwischen liegende Staat Israel von der Landkarte verschwinden würde. Der israelische Politiker und Wissenschaftler Nathan Sharansky entwickelte 2004 eine sogenannte „3D-Regel“, mit deren Hilfe man erkennen kann, ob Texte und Äußerungen lediglich als Kritik am Staat Israel oder obendrein auch antisemitisch zu verstehen sind.

Von der Diffamierung zur Vernichtung

Für antisemitische Agitatoren lag und liegt auch der Verweis auf den Talmud sehr nahe. Angeblich werde dort die Überlegenheit der Juden und andererseits die Minderwertigkeit anderer Menschen beschrieben, und außerdem seien dort noch viele andere abscheuliche Dinge zu finden, die man den Juden anlasten könne. Auch dies sind Verschwörungserzählungen, die auf krassen Fälschungen beruhen.

Die allgegenwärtige Diffamierung des Judentums im NS-Staat ging nach und nach in eine systematische Entrechtung, Ausgrenzung und Entmenschlichung über. In dem Film Der ewige Jude wurden Juden mit einer Rattenplage verglichen:

Sie sind hinterlistig und feige und grausam und treten meist in großen Scharen auf. Sie stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen, unterirdischen Zerstörung dar. Nicht anders als die Juden unter den Menschen.

NS-Propagandafilm

Der ewige Jude, Premiere 28.11.1940.
Das Bild zeigt einige Ratten, die der Film „Der ewige Jude“ mit Ratten vergleicht.

NS-Propaganda 1940: Der Film Der ewige Jude (1940).

Die Entmenschlichung der Opfer erleichterte es den Tätern, unmenschlich vorzugehen. Die NS-Propaganda verlangte, der deutsche Volkskörper sei von diesem Ungeziefer zu reinigen. Das rassistische Weltbild des NS-Regimes ging zudem davon aus, dass die Juden einer eigenen (minderwertigen) Rasse angehörten, und den „Ariern“ sei die Nähe zu diesen „Untermenschen“ nicht zuzumuten. Auf die Schmähungen der Juden folgten gewalttätige Ausschreitungen, die einen Höhepunkt in den Novemberpogromen fanden [vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Novemberpogrom 1938].

Schließlich gelangten die Nazis zu der Ansicht, dass die Juden nach Möglichkeit ganz und gar aus ihrem Herrschaftsbereich zu vertreiben seien. So wurde der Madagaskar-Plan entwickelt, der vorsah, die Juden auf die Insel umzusiedeln [vgl. ifz, Magnus Brechtken, Madagaskar für die Juden].

Nach den Überfällen auf Polen und die Sowjetunion war dies jedoch nicht mehr möglich, weil schlagartig mehrere Millionen Juden in die Gewalt des NS-Regimes gekommen waren und ein Transport über See wegen der feindlichen britischen Seemacht ausgeschlossen war.

Im Oktober 1941 erließ Heinrich Himmler ein Auswanderungsverbot für Juden, und an die Stelle der Auswanderung, so heißt es fast wörtlich im Protokoll der Wannsee-Konferenz am 20.1.1942, trete nunmehr die Evakuierung der Juden nach dem Osten – ein beschönigender Tarnbegriff für den Massenmord [vgl. Tarnbegriffe]. An dieser Stelle geraten Holocaustleugner regelmäßig in Beweisnot. Die Juden waren nun Gefangene in den Grenzen des NS-Regimes, und die NS-Täter waren als deren Wächter für den Verbleib der Juden verantwortlich [vgl: Wo sind sie geblieben?].

Antisemitismus und Holocaustleugnung

Nicht lange nach dem Krieg gab es in der jungen Bundesrepublik Deutschland schon wieder antijüdische Schmierereien, und relativ früh setzten auch die ersten Versuche ein, die Massenmorde des NS-Regimes zu verharmlosen oder gar gänzlich zu leugnen. Seit Jahrzehnten bemühen sich die „Revisionisten“, die Realität dieser Verbrechen zu bestreiten. In ihren Büchern und Äußerungen erkennt man allerdings oft, dass sie keineswegs streng wissenschaftlich und objektiv arbeiten und nur die Wahrheit suchen, sondern vielmehr häufig von einem Antisemitismus getrieben sind, der sich nur in Nuancen vom Weltbild des NS-Regimes unterscheidet. Die vermeintliche Wissenschaftlichkeit ist eine dünne Tünche, die kaum verdecken kann, dass die Holocaustleugnung letztlich auch nur eine sehr spezielle Form des Antisemitismus ist [vgl. bpb, Holocaustleugnung als Erscheinungsform des sekundären Antisemitismus].

Besonders deutlich wird dies, wenn die „Revisionisten“ – und fast alle tun es – über angebliche jüdische Kriegserklärungen schreiben und versuchen, die Juden als Todfeinde der Deutschen darzustellen. Damit liegen sie exakt auf der Linie, die Himmler und andere NS-Funktionäre damals vertreten haben. Allerdings schwenken die Leugner dann sofort um und behaupten, der Massenmord, den sie uns als logische Konsequenz eigentlich gerade erst nahelegen wollten, sei trotzdem nicht geschehen. Himmler dagegen sprach in Posen Klartext: Er und seine Untergebenen hätten das moralische Recht und die Pflicht gehabt, „dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen.“ Diese unmissverständlichen Aussagen Himmlers in Posen und Sonthofen sind sogar als Tondokumente überliefert [vgl. Himmler in Posen]. Auf seine furchtbare Art war er damit sogar ehrlicher als die heutigen Leugner seiner Verbrechen, und hier zeigt sich eine grundlegende Schwäche der sogenannten „revisionistischen Wahrheitssuche“: Dieses geschichtswissenschaftliche Dilettantentum ist konstitutionell unehrlich.

Es war eine grausame Folgerichtigkeit, dass das NS-Regime die Juden als blutsaugende Parasiten bezeichnete und zu deren Vernichtung das Insektenvertilgungsmittel Zyklon B einsetzte.

Eine ausgekippte liegende Dose mit Zyklon B. Das weiße Granulat, welches das Gift enthielt, ist um die Dose ausgebreitet.

Zyklon B war ursprünglich ein Insektenvernichtungsmittel. Die NS-Täter benutzten es für den Massenmord. Quelle: Goku122, CC BY SA 3.0

Vertiefende Informationen zum Antisemitismus

Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung und IHRA
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung erläutert auf seiner Website, was Antisemitismus ist und wie er sich äußert. Er verweist dort auf die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die inzwischen von fast allen Bundesländern und der Bundesregierung als Arbeitsgrundlage anerkannt ist.
arte
Auf der Website des Senders arte kann man sich in einer vierteiligen Video-Serie über die Geschichte des Antisemitismus von 38 n. Chr. bis heute informieren.
Bayerische Akademie der Wissenschaften
Die bayerische Akademie der Wissenschaften schreibt: „In nahezu allen Verschwörungsmythen spielt Antisemitismus – direkt oder indirekt – eine Rolle.“ Dieses Thema wird in dem Film „Antisemitismus - Geschichte, Hintergründe, Auswirkungen“ behandelt.
Bildungsstätte Anne Frank
Die Bildungsstätte Anne Frank hat eine Online-Ausstellung zu Verschwörungserzählungen. Viele antisemitische Vorurteile und auch die Holocaustleugnung gehören in diese Kategorie.
Bundeszentrale für politische Bildung
Die bpb informiert über das von Heinrich Himmler verhängte Ausreiseverbot für Juden und bietet ein sehr umfangreiches Dossier zum Antisemitismus an, das Unterpunkte wie „Antisemitismus in der extremen und populistischen Rechten“, „Was ist moderner Antisemitismus?“ und „Antisemitismus im linken Spektrum“ umfasst.
Deutsches Historisches Museum
Das DHM zeigt auf einem Zeitstrahl die historische Entwicklung des Antisemitismus vom Ende des 1. Weltkriegs bis in die 1930er Jahre.

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