Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

„Es gibt nämlich gar keinen Antisemitismus!!!“

Weg mit dem Begriff

BEHAUPTUNG:

Darf man den Begriff des Antisemitismus nicht verwenden, weil Juden keine Semiten sind, oder weil nicht nur Juden Semiten sind?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Richtig ist: Das NS-Regime hat diesen Begriff verwendet. Auch Adolf Hitler benutzte dieses Wort in verschiedenen Reden und Texten. Der Begriff ist korrekt und eingeführt und beschreibt die Feindschaft gegen Juden. Und welches Wort man auch benutzt, es ändert nichts an der Realität dieser Feindschaft.

Historische Benutzung des Begriffs „Antisemitismus“

In vielen Lexika und Wörterbüchern kann man nachlesen, was mit „Antisemitismus“ gemeint ist: die Feindschaft gegen Juden und der Hass auf Juden. So verstand auch Adolf Hitler dieses Wort, und in diesem Sinne benutzte er es. Schon sehr früh formulierte er in Schriftstücken und Reden seine Vorstellungen vom Antisemitismus, so etwa in seinem Gutachten über den Antisemitismus, das er 1919 für seine militärischen Vorgesetzten erstellte. Er schrieb dort:

Der Antisemitismus als politische Bewegung darf nicht und kann nicht bestimmt werden durch Momente des Gefühls, sondern durch die Erkenntnis von Tatsachen.

Hitler-„Gutachten“, 1919

Auf einer Veranstaltung im Jahr 1920 sagte Hitler, er und seine Bewegung seien überzeugt,

(…) daß dieser wissenschaftliche Antisemitismus, der klar erkennt die fürchterliche Gefahr dieser Rasse für dieses Volk, nur Führer sein kann, daß aber die breite Masse stets auch gefühlsmäßig empfinden wird, den Juden in erster Linie kennenlernt als den im täglichen Leben, der immer und überall absticht - unsere Sorge muß es sein, das Instinktmäßige gegen das Judentum in unserem Volke zu wecken und aufzupeitschen und aufzuwiegeln, solange bis es zum Entschluß kommt, der Bewegung sich anzuschließen, die bereit ist, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Adolf Hitler, 13.08.1920,
zit. n. Buchheim u.a., Anatomie des SS-Staates, S. 566f

Den Text der Rede, die Hitler dort vortrug, hat das Institut für Zeitgeschichte in der Reihe Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte dokumentiert und kommentiert.

Auch im Propagandamaterial der Nazis tauchte dieser Begriff auf, hier beispielsweise in der Einladung zu der erwähnten Versammlung am 13.08.1920, auf der Hitler sich dieser Frage widmen wollte: „Warum sind wir Antisemiten?“

Leuchtend rotes Plakat mit schwarzer Frakturschrift: „Warum wir Antisemiten sind“.

Veranstaltungsplakat der NSDAP, 1920

Die rote Farbe mag überraschen, hatte aber – aus Hitlers Sicht – einen guten Grund. Über eine Versammlung am 24. Februar 1920 schrieb er:

Die Ankündigung derselben sollte durch Plakate und Flugblätter stattfinden (...)

Als Farbe wurde grundsätzlich Rot gewählt, sie ist die aufpeitschendste und mußte unsere Gegner am meisten empören und aufreizen und uns ihnen dadurch so oder so zur Kenntnis und in Erinnerung bringen.

Adolf Hitler, Mein Kampf, S. 401f.

Antisemitische Manöver gegen den Begriff

Die Folgen dieses Antisemitismus sind bekannt: Hitler und seine Helfer haben etwa sechs Millionen Juden ermordet. Genau dies, der Judenmord, wird jedoch von Holocaustleugnern bestritten, und so liegt es aus ihrer Sicht nahe, wenn sie neben der Tat auch das Motiv in Abrede stellen. Das hört sich dann beispielsweise folgendermaßen an:

Und was Antisemit betrifft: Ich liebe Araber und habe dort viele Freunde! Also auch hier luegst Du wieder.

„Hotte“ in de.soc.politik.deutschland
Betreff: Re: Auslaenderpolitik, 20. Nov. 1997
Message-ID: <34742fd6.4697291 @news.crosslink.net>

Begründet wird diese auf den ersten Blick verblüffende Wendung mit der Behauptung, die Juden seien überhaupt keine Semiten – vielmehr seien die Araber Semiten, und gegen die hätte man ja gar nichts.

Allerdings geht es hier nicht um sprachliche Spitzfindigkeiten, sondern um den sehr realen Judenhass der Auschwitzleugner – und der existiert unabhängig davon, wie man ihn nennt. Es scheint fast, als wollten die Rechtsextremisten an diesem Punkt eine Anleihe bei George Orwell machen: Wir nehmen einfach den Leuten das Wort weg, das unsere Einstellung zu Juden beschreibt, und schon können wir in aller Ruhe gegen Juden hetzen, ohne kritisiert zu werden.

Die Sprachakrobatik in Bezug auf diesen Begriff ist nicht neu; man kann dies bis in die Nazizeit zurückverfolgen. Nachdem Hitler den Begriff „Antisemitismus“ anfangs noch selbst benutzt hatte, erwog man 1943, der Presse die Benutzung dieses Begriffs zu untersagen, weil damit „immer die arabische Welt getroffen“ würde. Wenn Antisemiten heute mit diesem Manöver arbeiten, dann benutzen sie ein Argumentationsmuster, das auf einer politischen Idee der Nazis beruht [vgl. NS-Archiv: Begriff abschaffen].

Der nächste Schritt ist nicht selten die Umkehrung von Tätern und Opfern. Nicht die Juden seien die Opfer eines Völkermordes geworden, sondern die Juden seien die wahren Verbrecher, die den Begriff des Antisemitismus als Waffe und Tarnung benutzten – und als Krönung folgt noch die Behauptung, die Juden seien ja eigentlich selbst die wahren Antisemiten:

Juden dürfen morden und herrschen wo und wie sie wollen. Wer sie kritisiert und an ihren Lügenwurzeln packt, der hat Vorurteile und ist 'Antisemit'. (Keine 10% der Juden sind Semiten).

Antisemiten sind die, die Araber (Semiten) morden, treiben und vergasen!

„Normarz“ in de.soc.politik
Betreff: Re: Was Juden eigentlich sind, 13. Okt 1996
Message-ID: <6IoDSja41wB @normarz.snafu.de>

Interessant ist das Wort „vergasen“ in diesem Kontext. Dieser Begriff führt die Täter/Opfer-Umkehrung auf besonders perfide Weise eine Stufe weiter: Die Juden seien nicht vergast worden, sondern sie seien Verbrecher, die ihrerseits andere Menschen vergast hätten.

Eine andere Variante dieses Verwirrspiels liest sich folgendermaßen:

Können wir uns darauf einigen, daß »Semitismus« definiert sein muß, um von »Antisemitismus« reden zu können? Nun definiere mal schön!

„Hajott“ in de.soc.politik
Betreff: Re: Erschreckendes Ergebnis in Sachsen-Anhalt
06 Mai 1998
Message-ID: <3550bf51.782853 @news.wave.co.nz>

Der rabiate Antisemit Wilhelm Marr hat „Hajott“ diese Arbeit schon vor langer Zeit abgenommen, als er in Sieg des Judenthums über das Germanenthum (1879) schrieb: „Dem Semitismus gehört die Weltherrschaft!“ [S. 46]. Im diesem Jahr gründete Marr auch die „Liga der Antisemiten“. Marr unterstellt fälschlich, es gebe eine „semitische Race“ [S. 22] und lässt keinen Zweifel daran, dass er damit die Juden meint. Die Beschreibung der Juden als Menschenrasse ist wissenschaftlich genauso wenig haltbar wie die Überlegenheitsansprüche der sogenannten „Arier“. Durch biologisch/genetisch gesicherte Tatsachen lassen sich Rassisten und Antisemiten allerdings nicht davon abhalten, bestimmte Gruppen von Menschen zu verleumden und zu diskriminieren.

Die Bemerkung des Germanisten „Hajott“ ist mit Sicherheit kein peinliches Versehen. Bei anderer Gelegenheit lässt der Herr nämlich durchblicken, dass er sehr genau weiß, was unter Antisemitismus zu verstehen ist. Sprachliche Tricks wie dieser dienen einzig und allein dazu, jene Diskussionsteilnehmer zu verunsichern, die den Antisemiten und Holocaustleugnern kritisch gegenüberstehen.

Zu guter Letzt sei noch ein Antisemit und Holocaustleugner zitiert, der sehr prägnant auf den Punkt bringt, was ihn umtreibt:

Es gibt nämlich gar keinen Antisemitismus !!! Das ist nur eine „Zauberformel“ der „Bösen“, die im Trüben fischen und sich damit absichern wollen. Wer das Böse erkennt, wird zum Antisemiten „umgewandelt“ ob man das nun will oder nicht.

„Manni“ in de.soc.politik
Betreff: Re: Schneiders Verzweiflungsakt, 29. Apr 1997
Message-ID: <3365400e.25727638 @netnews.worldnet.att.net>

Das „Böse“ sind natürlich die Juden, die manchmal auch als Kinder des Teufels und Anhänger Satans bezeichnet werden. Damit ist die Täter/Opfer-Umkehrung endgültig vollzogen.

Im Grunde könnte man die Diskussionen um den Begriff des Antisemitismus als einen lächerlichen Streit um Worte abtun, aber wir dürfen den Hintergrund nicht vergessen, vor dem solche Auseinandersetzungen stattfinden. Es sind vor allem Rechtsextremisten, die mit dieser Technik operieren, und diese „revisionistische“ Begriffsverwirrung ist meist in ein geschlossenes rassistisches und rechtsextremistisches Weltbild eingebunden.

Es geht nicht um ein Wort. Es geht um sechs Millionen Juden und um rund 500.000 Sinti und Roma, die von den Nazis ermordet wurden, und um die Ewiggestrigen, die diese Verbrechen leugnen.

Quellen und Fußnoten

  1. Vgl. Reginald A. Phelbs, Hitlers „grundlegende“ Rede über den Antisemitismus in: VfZ 1968/4, S. 390–420.