Feindbilder
Völkische Sprüche, verteufelte Feinde
Feindbilder und Verschwörungsfantasien gehören zusammen wie Jürgen und Graf oder wie Jan und van Helsing. Heutige populistische Bewegungen und damals der aufstrebende Faschismus hatten und haben beides. Um die innere Geschlossenheit zu festigen, braucht es das Böse, das draußen steht und die Gemeinschaft bedroht.
Dies hat in der Weimarer Republik den Aufstieg des Nationalsozialismus begleitet, und es funktioniert wieder im Nachkriegsdeutschland bei jenen, die angeblich nichts mit dem zu tun haben, was einfach nicht vergehen will und endlich vergehen soll: damit niemand merkt, was sie tatsächlich umtreibt.
Der Klassiker unter den mörderischen Feindbildern ist das Judentum. Der Antisemitismus hat eine lange Tradition, und ein fester Bestandteil dieser Tradition sind die Gerüchte über die Juden. Ein sehr altes und oft widerlegtes Gerücht sind die angeblichen jüdischen Ritualmorde.
Als Hintergrund-Desinformation kommt viel Erfundenes dazu: Die angebliche Bösartigkeit der Juden könne man, so behaupten die Judenfeinde, sogar schon im Schrifttum des Judentums erkennen. Und weil sie dort nicht finden, was sie gern den Juden vorwerfen würden, denken sie sich einfach ein paar Talmud-Fälschungen aus.
Auch das Hitler-Regime habe sich gegen Angriffe des Judentums wehren müssen. Heinrich Himmler sprach von Todfeinden, die man zu recht vernichtet habe. Den ersten Teil greifen moderne Antisemiten gern auf und fantasieren von jüdischen Kriegserklärungen, den zweiten Teil – die logische Konsequenz, die Himmler glasklar formuliert hat – bestreiten sie aus taktischen Gründen, weil sie meistens doch noch Hemmungen haben, allzu offen zu sagen, was sie am liebsten mit den Juden tun würden [vgl. Revisionismus].
Und wenn es ihnen mal an Juden mangelt, die man anklagen kann, dann malen sie sich welche, damit das Feindbild wieder stimmt, und erfinden jüdische Vorfahren.
Der Bolschewismus und Kommunismus war ein bekanntes Feindbild des NS-Systems, und als Zugabe kamen noch die Freimaurer oben drauf. Die vielen Vokabeln hätte man sich auch sparen können – am Ende waren es doch immer wieder die Juden.
Ein neueres Feindbild ist der Islam, und wieder sind es angeblich die „Kulturfremden“ da draußen, die uns hier drinnen bedrohen, wobei der gedankliche Schluss von der deutschen Kultur zum „deutschen Blut“, das zu bewahren sei, bei den Ewiggestrigen genauso kurz zu sein scheint wie bei den wirklich Gestrigen. Die Vokabeln wechseln, das Ressentiment bleibt.
Der Antisemit Johannes Rothkranz trieb diese Verschwörungskurbel noch eine Umdrehung weiter und witterte auch hier wieder die Juden als Übeltäter. Eines seiner Bücher heißt Wer steuert den Islam und gibt im ersten Kapitel die Antwort: „Der (radikale) Islam als Büttel Zions“.
Wie dünn der Kontakt zur Realität ist, zeigte sich nur wenige Jahre nach dem Krieg. Zu jener Zeit gab es in Deutschland kaum noch Juden; bis 1958 waren es mit Überlebenden und Rückkehrern höchstens 50.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 50 Millionen. Trotzdem gab es bereits 1959 wieder antisemitische Aktionen in Deutschland, und 20 Prozent der Befragten waren der Ansicht, am besten sollten überhaupt keine Juden mehr in Deutschland leben.
Das Bauchgefühl dieser vorurteilsgetriebenen Zeitgenossen hängt nicht von der Zahl der eingebildeten Feinde ab. Fällt ein Feindbild aus, weil ermordet, dann suchen sie sich einfach eine neue Zielgruppe, und manchmal, wie beim Zionismus, ist es nur ein neuer Name für das alte Hassobjekt.
Wer neue Tünche auf alten Feindbildern findet, darf sie abkratzen.
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