Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

„Verschwörungstheorie ist die
Metaphysik der Ahnungslosen.“

Richard Grenier

Verschwörungserzählungen

Sie meinen Sachbuch und schreiben Fantasy

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist eine anmaßende Adelung der Dinge, die manche Autoren in dieser Branche verbreiten. „Verschwörungserzählung“ trifft es besser, „Verschwörungsfantasy“ oft sogar noch besser. Eine Theorie beschreibt reale Vorgänge und beruht auf überprüfbaren Informationen, und wenn sie falsch ist, kann man sie widerlegen.

Natürlich gab und gibt es immer wieder Verschwörungen: Die Hitler-Attentäter am 20. Juli 1944, Watergate, in gewisser Weise auch die weitgehend geheim betriebene Vernichtung der Juden, in die nur relativ wenige Täter völlig eingeweiht waren. Diese realen Verschwörungen haben eines gemeinsam: Sie sind allesamt aufgeflogen, und es gibt für sie unwiderlegbare und vor allem überprüfbare Beweise, häufig sogar physische Spuren. Unzählige Journalisten und Autoren wollen sich einen Namen machen und bohren nach. Jede echte Verschwörung kommt früher oder später ans Licht.

Verschwörungserzählungen erkennt man dagegen daran, dass die Behauptungen mangels konkreter Angaben prinzipiell nicht widerlegbar sind. Ein Blick in die Quellenangaben ist oft sehr aufschlussreich. Manche Autoren verzichten von vornherein auf überprüfbare Angaben. Die Beweise für ihre Märchen sehen sie gern in der Tatsache, dass sie keine finden.

Andere Verschwörungserzähler simulieren Seriosität und garnieren ihre Behauptungen mit Quellenangaben. Schaut man nach, dann stößt man häufig ein oder zwei Ebenen tiefer auf Aussagen, die eben doch nicht belegt sind und sich offensichtlich auch nicht belegen lassen.

Viele Verschwörungserzähler geben sich zwar wissenschaftlich, haben aber keine belastbare Grundlage für ihre Ausführungen. Sie behaupten Fakten und schreiben Fantasien. Ihre „Theorien“ sind genauso gut gesichert wie die Überzeugung eines vergesslichen Menschen, der den im Hinterhof verlorenen Schlüssel unter der Straßenlaterne sucht, weil es da heller ist.

KI-Bild: Ein Mann in einem dunkel-olivgrünen Hemd hat einen Faden in der Hand. Der Faden führt zu aufgetürmten Wolknäueln, in denen er bis zu den Oberschenkeln steht. Hinter ihm eine weiter riesige Garnrolle.

Verschwörungsgarn: Jetzt nur nicht den Faden verlieren …

Holocaustleugung ist Verschwörungserzählung

Um zu verstehen, was die verschwörungsfantastischen Revisionisten eigentlich tun, muss man sich nur vor Augen führen, welches Ausmaß die Verschwörung, die angeblich den Holocaust erfunden hat, haben müsste, damit sie recht behalten.

Die Nürnberger Prozesse und Nachfolgeprozesse? Alle Dokumente seien gefälscht. Alle? Die Zahl geht in die Millionen. Nur die Schlüsseldokumente? Das wäre effizienter und eine Spur glaubhafter – aber warum fügen sich die angeblich gefälschten Schlüsseldokumente logisch, inhaltlich und zeitlich so gut in das riesige Konvolut der anderen Dokumente ein, von denen viele für sich genommen recht harmlos sein können? Also wohl doch alle – und schon wird es absurd. Sinngemäß das Gleiche gilt für die angeblich durch Folter erpressten Aussagen z. B. von Rudolf Höß und Dieter Wisliceny.

Die antisemitischen Ausfälle in vielen „revisionistischen“ Büchern belegen, dass die Autoren nicht offen forschen, sondern Bestätigung für ihre Vorurteile gegenüber Juden suchen. Die Behauptung der Leugner, man könne jüdischen Autoren nicht trauen, weil sie der Opfergruppe angehörten und voreingenommen seien, ließe sich im Umkehrschluss mühelos auch auf die Angehörigen der Tätergruppe anwenden, sodass die deutschen „Revisionisten“ ihre Arbeit sofort einstellen müssten, wenn sie ehrlich mit sich selbst wären. Wissenschaftliche Theorie hat auch mit Logik zu tun. „Revisionismus“ eher nicht.

Wie wenig die Leugner in wissenschaftlicher Hinsicht zu bieten haben, beweisen sie in jedem Buch, in dem sie alte und längst widerlegte Märchen einsetzen und wie ein Bühnenzauberer ein Kaninchen aus dem Hut zaubern wollen, das sie regelmäßig in der Garderobe vergessen.

Ins Repertoire sehr vieler Bücher gehören die sogenannten jüdischen Kriegserklärungen, angeblich falsche Zahlen und sprachliche Tricks, missbrauchte Zitate und zwangsrekrutierte Zeugen.

Einige wie Fred Leuchter und Germar Rudolf haben es wissenschaftlich versucht und Pseudowissenschaft produziert. Wenn die Welt ihnen übel mitzuspielen scheint, liegt es nicht an ihrer nachlässigen Arbeit und ebenso mangelhaften Achtung von Regeln und Gesetzen, sondern irgendwie immer an den bösen Juden: Hauptsache, das Feindbild stimmt.

Christliche Verschwörungserzähler

Der Piusbruder Bischof Richard Williamson ist eine recht bekannte Figur, die in diese Kategorie gehört. Auch er leugnete den Holocaust. Deborah Lipstadt schrieb ihm daraufhin einen Brief. Sie erlaubte mir, ihn zu übersetzen und zu veröffentlichen: Deborah Lipstadt, „Sie haben nach Beweisen gefragt?“.

Johannes Rothkranz und Manfred Adler sind zwei Vertreter der katholischen Verschwörungskontemplation. Auch bei ihnen sind Juden oder Zionisten die Hauptfeinde. Unnötig zu betonen, dass die Freimaurer oder manchmal auch andere Gruppen wie die Illuminati ebenfalls zu den Übeltätern zählen. Ebenso unnötig der Hinweis, dass nach Ansicht der Autoren in allen Gruppen, egal wie sie gerade heißen, angeblich sehr häufig sehr viele Juden beteiligt seien. Beide, Rothkranz und Adler, leugnen im Übrigen auch den Holocaust. Was Rothkranz trieb und schrieb, war sogar der sonst eher hartleibigen Piusbruderschaft zu viel, und sie kündigte ihm die Mitgliedschaft.

Der christliche Antisemitismus und die damit verbundenen Verschwörungserzählungen wie die Blutritualfantasie haben eine lange Tradition. Die Nationalsozialisten griffen diese Vorlagen auf und modernisierten sie, und einige christliche Verschwörungserfinder verbreiten die Legenden heute noch.

Braune Esoterik

Jan van Helsing (d.i. Jan Udo Holey) verfasste mehrere mit NS-Propaganda durchwirkte Bestseller, die sich vor allem durch eine nahezu „revisionistische“ Unkenntnis historischer Fakten und Zusammenhänge auszeichnen.

Jo Conrad ist eine Art van Helsing „light“, aber kaum weniger rechtsextrem. Er orientiert sich mitunter am Altnazi Woltersdorf und hat auch sonst keine Berührungsängste mit einschlägigen Autoren und Publikationen.

David Icke ist der Ansicht, die wahren Verschwörer seien gar keine Menschen, sondern Echsenwesen in Menschengestalt. Auffällig ist allerdings, wie viele dieser Echsen-Tarnkörper er mit dem Judentum in Verbindung bringt. Auch die Torah sei von Echsen geschrieben worden, behauptet Icke. Das betrifft durchaus auch das Christentum, denn die ersten fünf Bücher der christlichen Bibel sind mit der Tora identisch. Ob Icke dies nicht bedacht hat (was ihm zuzutrauen ist), oder ob er darauf hinauswollte, dass Christen die Opfer jüdischer Echsen-Aliens geworden seien, ließ sich nicht klären. Sicher ist aber, dass sich in seinem Forum Holocaustleugner und Antisemiten recht heimisch fühlen.

Kennt man einen, kennt man alle

Chemtrails, Mondlandung, Hohlerde, UFOs, Globalisten, Umvolkung, Querdenker – die Liste der Verschwörungserzählungen ist so lang wie die Bärte der „Weisen von Zion“ [vgl. Antisemitismus]. Die Strukturen und Denkweisen sind verblüffend ähnlich, auch wenn die Themen sehr unterschiedlich sind.

Und immer wieder fällt auf, dass die Grenzen nach rechts häufig so offen sind, dass man beinahe von einem Schengener Abkommen des Rechtsextremismus sprechen könnte.

Mitunter nutzen clevere Geschäftsleute die schon vorhandene Vorliebe für Verschwörungsbelletristik aus, klinken sich beispielsweise in die UFO-Szene ein und transportieren auf diese Weise ihre politischen (antisemitischen) Inhalte. Dies ist keine Verschwörungserzählung von der anderen Seite; Ernst Zündel gab genau dies in einem Interview tatsächlich zu, und die mangelnde Abgrenzung nach rechtsaußen ist in Bezug auf diese Kreise keine Unterstellung, sondern belegbare Tatsache.

Grenzenlose Gläubigkeit

Die amerikanische Zeitung Weekly World News gab ihren Lesern ein Versprechen und eine Warnung: Es sei die einzige Publikation, in der garantiert keine Meldung stimmt. Manche Leser glauben, das sei nur ein Trick, um durch die Hintertür eben insgeheim doch die Wahrheit zu sagen, was aber nur wenige Eingeweihte verstehen könnten.

Vor vielen Jahren schrieb ich eine Satire zur der Verschwörungsidee, Hitler habe überlebt und sei irgendwie aus Berlin entkommen. Als „Quelle“ gab ich dabei genau dieses Blatt an und schrieb noch einige möglichst absurde und frei erfundene Behauptungen dazu.

Was als Spott über allzu leichtgläubige Verschwörungserzähler gemeint war, bekam nach einiger Zeit eine überraschende Wendung. Eine japanische Website (nicht mehr online) nahm meine Spielerei für bare Münze und zitierte meine Eskapaden als Beweis für Hitlers Überleben.

Verschwörungsgläubigkeit scheint eher ein strukturelles als ein inhaltliches Phänomen zu sein. Wer unsicher ist, sucht Halt, und es ist vermutlich kein Zufall, dass in Zeiten gesellschaftlicher Verwerfungen und Umbrüche Verschwörungsideologien, Sekten und Fundamentalisten besonders viel Zulauf bekommen. Worauf man anspringt, ist beinahe beliebig, solange man nur einen Geborgenheit spendenden Rahmen findet.

Weitere Informationen zu Verschwörungsfantasien

Bekannte Verschwörungstheorien
Die Website von ard alpha / Planet Wissen beschreibt einige gängige Verschwörungstheorien und bietet außerdem eine umfangreiche Quellenliste zum Thema.
„Verschwörungstheorien“, Verschwörungserzählungen – Wege in die Radikalisierung?
Auf der Website der Konrad-Adenauer-Stiftung gibt es Informationen zu Verschwörungsfantasien und einen weiteren Text mit Blick auf bestimmte Gruppen wie die Querdenker.
Dossier: Verschwörungstheorien
Die baden-württembergische Landeszentrale für politische Bildung hat ein umfangreiches Dossier bereitgestellt, das in zahlreichen Unterpunkten verschiedene Aspekte und Verschwörungserzählungen behandelt.
Verschwörungstheorien: Die 13 skurrilsten Geschichten, die Menschen glauben
Die Online-Präsenz der Zeitschrift National Geographic gibt einen Überblick über besonders skurille Verschwörungserzählungen.