Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Hennecke Kardel Adolf Hitler: Begründer Israels

Eine besonders perfide zweistufige Variante der NS-Apologetik betreibt Hennecke Kardel in seinem Buch Adolf Hitler – Begründer Israels. Der erste Schritt besteht darin, die Schuld an buchstäblich allem und jedem irgendwelchen jüdischen Drahtziehern in die Schuhe zu schieben. Was danach noch übrig bleibt, wird unterschlagen oder wegdiskutiert.

Das Buchcover ist leuchtend rot, darauf in schwarzer Schrift Autor und Titel und darunter in Schwarz der Umriss des Staates Israel.

Buchcover Hennecke Kardel, Adolf Hitler: Begründer Israels

In dieses Strickmuster passt auch Kardels auf den ersten Blick recht verblüffende Behauptung, die führenden Nazis und überhaupt alle, die er mit irgendwelchen Missetaten in Verbindung bringt, seien entweder selbst Juden (bzw. Zionisten) oder von Zionisten beeinflusst gewesen [vgl. Zionismus und angebliche jüdische Vorfahren].

Es habe damals, so meint Kardel, eine Verschwörung von Zionisten gegeben, das NS-Regime als Mittel zum Zweck zu benutzen und Juden zum Zweck der Staatsgründung nach Israel zu treiben. Das eigens zu diesem Zweck geprägte, ebenso schäbige wie – leider – sehr griffige Wort „Nazionismus“ belegt, worauf Kardel hinauswill: Deutschland und der Nationalsozialismus seien entlastet, denn die Ausschreitungen gegen Juden im NS-Regime und der Holocaust (soweit nicht sowieso geleugnet) seien rein innerjüdische Angelegenheiten gewesen.

Bei der Behandlung von Hitlers Wiener Jünglingstraum, aus dem arabischen Palästina den Judenstaat Israel und damit Europa judenfrei zu machen, wird das Ausmass der jüdischen oder teiljüdischen Beteiligung von zwei Seiten mit Ausdauer und voller Absicht vertuscht: von den alten Nazis und den jungen Zionisten, sagen wir den Nazionisten.

H. Kardel, Adolf Hitler – Begründer Israels, S. 16

Kardel „beweist“ sogar, dass der Nationalsozialismus an sich überhaupt nicht antisemitisch gewesen sei.

Dass die Ideologie des nationalen Sozialismus an sich nicht antijüdisch ist oder sein muss, scheint zur Genüge bewiesen durch das Argentinien des Jahres 1973. Der vom Volk zurückgerufene Peron sagt laut, was er denkt und seine Hemdlosen malten es an alle Mauern: «Socialismo nacional!»

H. Kardel, Adolf Hitler – Begründer Israels, S. 16

Das ist eine hochinteressante Beweisführung: Peron benutzte 1973 den Begriff „nationaler Sozialismus“, und daher sei das NS-Regime nicht antisemitisch gewesen. Wenn das Schule macht, werden Stalin- und Mao-Betonköpfe irgendwann wohl ähnlich misshandelbare Zitate finden oder erfinden und analog zu Kardel behaupten, auch jene Terrorsysteme seien eigentlich ganz heimelig gewesen.

Möglicherweise glaubt Kardel auch, er könne sich durch diesen Trick gegen Kritik immunisieren. Wirft man ihm vor, er leugnete die Naziverbrechen, dann kann er antworten: Aber nein, ich spreche doch an einigen Stellen ganz klar von der Verfolgung der Juden in Deutschland. Wirft man ihm vor, er wolle Hitlers Regime schönreden, kann er mit der Gegenfrage kontern, welcher echte Nazi denn wohl Hitler und seine wichtigsten Helfer als Juden bezeichnen würde, wie er es ständig tut.

Auf den ersten Blick scheint dies bestechend, auf den zweiten Blick ist es ein leicht durchschaubares und nicht sonderlich intelligentes Manöver, das freilich andere Schreiber dankbar aufgegriffen und weiterentwickelt haben. In dem Online-Text WAL kommt als zusätzliche Windung noch hinzu, dass der Autor „Normarz“ die Juden als „Leviten“ bezeichnet und immer wieder betont, er wolle ja gar nicht die Juden, sondern nur einige wenige „levitische“ Drahtzieher angreifen – was ihn aber nicht davon abhält, ganz nach Kardels Vorbild allen möglichen Leuten, die er als Schurken beschreibt, jüdische (und eben nicht „levitische“) Vorfahren zu unterstellen. Unverkennbar sind bei dieser Art von Ahnenforschung die Anklänge an die Rassenlehre der Nazis [vgl. auch Karl „Mordechai“ Marx].

Dass es dem Strasserianer Kardel in der Tat darum geht, den Nationalsozialismus reinzuwaschen, wird allerdings gleich zu Anfang seines Buches deutlich:

Hier bestehen keine Bedenken gegen die Feststellung, dass Hitler keineswegs ein Nationalsozialist gewesen ist, sondern diese in den Gräben des ersten Weltkrieges geborene hehre Idee verraten und mithilfe der ihm angeborenen Rabulistik seinem Verwandtenhass und seinem Judenkomplex gefügig gemacht hat.

H. Kardel, Adolf Hitler – Begründer Israels, S. 16

Seine Ideen über diese Zusammenhänge hat Kardel in einem weiteren Werk mit dem Titel Hitlers Verrat am Nationalsozialismus dargelegt.

Kardel sieht Juden, wohin er schaut

Kardel ist von der Vorstellung, überall an den Schaltstellen der Macht stoße man auf Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren, auf eine Art und Weise besessen, die man nur als paranoid bezeichnen kann. In vielen Fällen sind die „Beweise“ freilich seiner eigenen überschäumenden Fantasie entsprungen. Hier einige Beispiele:

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Kaum eine Seite in Kardels Buch, auf der nicht das Wort „Jude“ in negativem Kontext vorkommt.

Um das Maß vollzumachen, erwähnt Kardel auch die so genannten jüdischen Kriegserklärungen (S. 139) – ein beliebtes Argumentationsmuster der Rechtsextremisten, das dem Leser suggerieren soll, das NS-Regime habe sich mit Recht gegen das vermeintlich böse und aggressive Judentum gewehrt, und seine Verbrechen – soweit sie nicht sowieso geleugnet werden – seien daher in gewisser Weise verständlich.

Relativierung und Leugnung der Verbrechen

Schließlich (ab S. 238) bezeichnet Kardel die bisherigen Erkenntnisse der Historiker zum Judenmord als „Schätzungen“ und beruft sich auf einen amerikanischen (natürlich angeblich jüdischen) Statistiker, der die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden als Lüge bezeichnet habe. Beides – die Diffamierung abgesicherter historischer Erkenntnisse als „Schätzung“ und die Behauptung, diese Zahlen seien eine „Lüge“ – gehört zum Standardrepertoire der „revisionistischen Wahrheitssuche“.

Wie unehrlich – oder auch unlogisch und unwissend – Kardels Argumentation ist, erkennt man, wenn man seine Angaben zur Wannsee-Konferenz liest. Auf Seite 88 schreibt Kardel über das Protokoll der Sitzung:

Und jetzt kommt das entscheidende Wort, das falsch übersetzt wurde, es heisst hier nämlich: für eine 'Gesamtlösung' und nicht für eine 'Endlösung'!

H. Kardel, Adolf Hitler, S. 235

Der Wortlaut des Protokolls ist an mehreren Stellen online dokumentiert. Das Wort „Endlösung“ kommt rund ein Dutzend Mal vor, das Wort „Gesamtlösung“ überhaupt nicht. Da wurde auch nichts „falsch übersetzt“. Das deutsche Dokument liegt als Faksimile im Original vor.

Es habe in Russland, schreibt Kardel weiter, schon Monate vor der Konferenz Tötungen von Juden durch Heydrichs „Einsatzgruppen“ gegeben, doch „über diese Erfahrungen sei am Kaminfeuer der Wannsee-Villa kaum gesprochen worden“ (S. 237). Zwei Seiten vorher schreibt er über die Wannsee-Konferenz:

[Heydrich] bezeichnete es als das Ziel, „auf legale Weise den deutschen Lebensraum von Juden zu säubern“. Von Vernichtung sprach Heydrich an diesem Tage nicht.

H. Kardel, Adolf Hitler, S. 235

Allerdings hat Eichmann in Jerusalem etwas ganz anderes zu diesem Thema gesagt. Wie ein Auszug aus Eichmanns Vernehmung zeigt, ließ er keinen Zweifel daran, dass auf der Wannsee-Konferenz sehr wohl „von Töten und Eliminieren und Vernichten gesprochen“ wurde.

Nachdem Kardel auf diese Weise die Verbrechen der Nazis entweder wegdiskutiert oder den Juden in die Schuhe geschoben hat, fehlt nur noch das Märchen von der sauberen Wehrmacht, um jeden Rechtsextremisten glücklich zu machen. Der deutsche Soldat, behauptet Kardel auf S. 224, hing der Irrlehre vom „Untermenschen“ wenig an,

(…) und den sogenannten Kommissar-Befehl, das heisst den Befehl zur Erschiessung zumeist jüdischer Kommissare auf dem Schlachtfeld, hat er nie ausgeführt.

H. Kardel, Adolf Hitler, S. 224

Und ein paar Seiten später gleich noch einmal:

Die kämpfende deutsche Truppe, die selbst den Kommissar-Befehl niemals ausgeführt hat, ahnte mehr als dass sie wusste von dem was in ihrem Rücken geschah.

H. Kardel, Adolf Hitler, S. 237

Dieser Versuch, die Wehrmacht zu entlasten, ist verständlich, denn sie repräsentiert für Kardel offenbar den „sauberen“ und vor allem „judenreinen“ Aspekt des Nationalsozialismus.

Dass Kardels Behauptungen über den Kommissarbefehl und die Beteiligung der Wehrmacht am Völkermord – vorsichtig ausgedrückt – die Wahrheit ein wenig strapazieren, bedarf keiner weiteren Erörterung; siehe dazu etwa auch einen Befehl der Offiziere v. Rundstedt und Reichenau, in dem sogar explizit von der „Sühne am jüdischen Untermenschentum“ die Rede ist.

Geradezu höhnisch wird Kardel, wenn er das letzte Kapitel seines Buches mit „Die Endlösung: Israel“ betitelt.

Die „Endlösung“ war nicht etwa die jüdische Auswanderung nach Palästina, wie Kardel und viele andere Nazi-Apologeten uns einreden möchten, sondern der Massenmord an etwa sechs Millionen Juden in Vernichtungslagern, mit Gaswagen und durch Erschießungskommandos.

Kardel wird u.a. erwähnt bei: