Reinhard Heydrich Der eingebildete Jude
Stammte Reinhard Heydrich aus einer jüdischen Familie?
Das trifft nicht zu. Heydrichs Ahnenreihe ist bis ins 17. Jahrhundert lückenlos als nichtjüdisch belegt. Behauptungen wie diese sind frei erfunden und sollen der Entlastung des NS-Regimes dienen: Wenn führende NS-Täter Juden waren, sei der Holocaust eine „innerjüdische“ Angelegenheit gewesen.
Eine bestimmte Fraktion der Holocaustleugner verfügt über eine eher bescheidene historische Bildung, dafür aber über eine äußerst lebhafte Einbildung, wenn sie Juden entdecken, wo es keine gibt. So taucht beispielsweise in Hennecke Kardels Text Adolf Hitler – Begründer Israels ein Zitat aus Dietrich Bronders Werk Bevor Hitler kam auf, dem man entnehmen kann, dass zahlreiche NS-Größen jüdischer Abstammung gewesen seien. Auch Heydrichs Name wird dort genannt.
Reinhard Heydrich, Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-16 / Hoffmann, Heinrich, CC BY-SA 3.0
In Bronders Text erfährt man, dass diese Behauptung „auf den eigenen Untersuchungen des Verfassers über die führenden Nationalsozialisten“
beruhe. Welcher Art diese Nachforschungen waren und wo man die Ergebnisse einsehen und ggf. überprüfen kann, verschweigt der Autor seinen Lesern in den allermeisten Fällen. Heydrich jedenfalls sei, so liest man bei Bronder, „überwiegend jüdischer Abstammung“
gewesen, denn
sein Vater war Musikdirektor in Halle und hieß lt. Riemannschem Musiklexikon standesamtlich „Isidor Süß“
Bronder, Bevor Hitler kam, S. 333
Kardel ergänzt dies durch die Behauptung, laut Heinrich Himmler habe Heydrich „den Juden in sich überwunden“
. Nicht nur der Vater, schreibt Kardel, sondern auch die Mutter sei jüdischer Abstammung gewesen. Kardel hat für „revisionistische“ Ansprüche sehr gewissenhaft gearbeitet und belästigt seine Leser daher nicht mit Quellen [vgl. Kardel, Begründer, S. 142/144]
Hintergrund der Gerüchte um Heydrichs angeblich jüdische Vorfahren ist unter anderem ein Brief des Gauleiters von Halle-Merseburg, Rudolf Jordan, der am 8. Juli 1932 bei Gregor Strasser eingegangen ist. Dem Gauleiter sei zu Ohren gekommen, dass Heydrich möglicherweise der Sohn eines jüdischen Vaters sei.
Als „Beweis“ wurde ein Auszug aus Hugo Riemanns Musiklexikon aus dem Jahr 1916 beigefügt. Dort war Bruno Heydrich mit dem Zusatz „eigentlich Süß“ aufgeführt.
Günther Deschner, Reinhard Heydrich, S. 66f
Dr. Achim Gercke, der Ahnenforscher der Partei, wurde mit den Ermittlungen betraut und konnte nach zwei Wochen die Parteiführung beruhigen.
„Aus beiliegender Ahnenliste“, so schrieb er, „geht hervor, daß (…) Heydrich deutscher Herkunft ist und frei von farbigem und jüdischem Bluteinschlag.“
Deschner, S. 67
Weiter erfährt man bei Deschner, der Vater Bruno Heydrich sei offenbar kein Jude gewesen, aber einer seiner „Musikkonkurrenten“ habe das Gerücht verbreitet, er sei es. Der Künstler habe sich jedoch nichts daraus gemacht, es sei ihm gleichgültig gewesen.
Das Gerücht sei darauf zurückzuführen, dass Heydrichs Großmutter väterlicherseits in zweiter Ehe mit dem Schlossergehilfen Gustav Robert Süß verheiratet war und sich öfter Süß-Heydrich genannt habe. Der Name „Süß“ habe bei den Nachbarn offenbar den Verdacht erweckt, es müsse sich um eine jüdische Familie handeln. (Deschner, S. 67)
Von Süß zu Heydrich gab es aber keine direkte Abstammungslinie, und selbst der Schlossergehilfe Süß – das zu bemerken konnte sich der Rassenspäher Gercke nicht verkneifen – war „übrigens (…) nicht jüdischer Herkunft“
Deschner, S. 67
Für die Parteiführung war die Sache damit erledigt, für die Nachbarn nicht. Immer noch schwirrten die Gerüchte, und zum Nachnamen Süß gesellte sich auch noch der Vorname Isidor. Als die Gerüchte nicht verstummen wollten, unternahm Heydrich gerichtliche Schritte, die in einem Fall zu einer Gefängnisstrafe führten, denn für einen hohen Nazi-Funktionär galt es als ehrabschneidend, wenn man ihm wahrheitswidrig eine „nichtarische Abstammung“ unterstellte.
Auch später wurden immer wieder entsprechende Gerüchte in Umlauf gebracht. Der ehemalige SD-Offizier Wilhelm Höttl verbreitete nach dem Krieg die Behauptung, Heydrich habe alle belastenden Unterlagen verschwinden lassen und den Grabstein seiner jüdischen Großmutter „Sarah“ Heydrich ändern lassen. Dr. Wilhelm Stuckart, ein hochrangiger Ministerialbeamter, konnte sich angeblich erinnern, dass Heydrich jüdische Vorfahren gehabt habe, und Generalfeldmarschall Milch beteuerte, er habe persönlich Abschriften der erwähnten Unterlagen gesehen.
Felix Kersten, Leibarzt und Masseur des Reichsführers, hat sich in ähnlicher Weise geäußert. Von ihm stammt auch das oben schon erwähnte Himmler-Zitat, dass Heydrich „in sich den Juden rein intellektuell überwunden“ habe. Kerstens Darstellung wurde später von verschiedenen Leuten übernommen, und offenbar sind sogar einige seriöse Historiker auf diese Erfindungen hereingefallen.
Es handelt sich in der Tat lediglich um Gerüchte und Erfindungen, wie man inzwischen weiß, und aus diesem Grund hat Deschner vermutlich dem sechsten Kapitel seiner Heydrich-Biographie den oben zitierten Titel – „Der eingebildete Jude“ – gegeben.
1966 fertigte laut Höhne ein Doktorand eine Dissertation über Heydrich und die Anfänge der Gestapo und des SD an. Er rekonstruierte in diesem Zusammenhang auch Heydrichs Ahnenreihe, und zwar
die väterliche bis 1738 und die mütterliche bis 1688, und entdeckte nicht einen einzigen jüdischen Blutstropfen.
Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 153
Es ist müßig, im Einzelnen nachzuvollziehen, welcher Historiker aus welchen Gründen die Gerüchte über Heydrichs angeblich jüdische Vorfahren für Tatsachen hielt.
Karin Flachowsky untersuchte dies in ihrem Aufsatz Neue Quellen zur Abstammung Reinhard Heydrichs und sparte nicht mit Kritik an den Historikern, die diese Gerüchte ungeprüft übernommen haben.
Das Augenmerk soll hier vielmehr den Rechtsextremisten gelten, die diese Gerüchte bereitwillig aufgegriffen haben, denn in ihrem Fall sind die Motive eindeutig.
Der erste Schritt ist stets die Verleugnung der Verbrechen des Naziregimes. Der zweite Schritt besteht dann darin, diejenigen Verbrechen, die beim besten (oder übelsten) Willen nicht mehr zu verleugnen sind, den Juden anzulasten; und der einfachste Weg, dies zu tun, besteht darin, die führenden Nazis kurzerhand zu Juden zu erklären. Auf ähnliche Weise versuchen bildungsferne und einbildungsnahe Antisemiten dies auch mit Adolf Hitler [vgl. etwa Hitlers jüdische Vorfahren].