Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Adolf Hitler – jüdische Abstammung? „Wer mag das alles ausdeuten können!“

BEHAUPTUNG:

War Hitler wirklich jüdischer Abstammung, wie man es manchmal hört?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das trifft nicht zu. Mehrere gründliche Überprüfungen haben ergeben, dass in Hitlers Ahnenreihe keine Juden nachweisbar sind.

Hin und wieder taucht in Diskussionen die Behauptung auf, Hitler hätte jüdische Vorfahren gehabt. Als Quellen werden verschiedene Publikationen genannt, beispielsweise Dietrich Bronder, Bevor Hitler kam oder auch Hennecke Kardel, Adolf Hitler – Begründer Israels.

Letztlich greifen jedoch alle diese Werke nur auf einen einzigen Urheber zurück: auf Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen.

Auf dem schwarzweißen Brustbild trägt Hitler ein weißes Hemd, eine Krawatte und einen grauen Anzug.

Adolf Hitler

Die Frankenberger-These

Hans Frank behauptete, der „Führer“ habe von Patrick Hitler, einem Sohn seines Halbbruders Alois, einen Brief erhalten – möglicherweise ein Epressungsversuch, weil es in Hitlers Familiengeschichte „gewisse Umstände“ gebe. Hans Frank schreibt dazu:

der Vater Hitlers war das uneheliche Kind einer in einem Grazer Haushalt angestellten Köchin namens Schickelgruber aus Leonding bei Linz.

Hans Frank, Im Angesicht des Galgens, S. 330

Hausherr und Arbeitgeber der Maria Schicklgruber sei ein Jude namens Frankenberger gewesen. Dieser Frankenberger war aber nach Hans Franks Darstellung nicht Hitlers Großvater, denn:

Adolf Hitler selbst wusste, dass sein Vater nicht von dem geschlechtlichen Verkehr der Schickelgruber mit dem Grazer Juden herstammte. Er wusste es von seines Vaters und der Großmutter Erzählungen.

(…)

Dass Adolf Hitler kein Judenblut in seinen Adern hatte, scheint mir aus seiner ganzen Art dermaßen eklatant erwiesen, dass es keines weiteren Wortes bedarf.

Frank, S. 331

Hitler Stammbaum geht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Johann Hiedler (1807-1888) war demnach der Vater von Alois Schicklgruber (Hitlers Vater) und der Großvater von Klara Pölzl (Hitlers Mutter).

Stammbaum Adolf Hitler: inzestuös, aber keine jüdischen Vorfahren

Anachronismus im Angesicht des Galgens

Hans Frank ist ein peinlicher Schnitzer unterlaufen: Adolf Hitler wurde 1889 geboren. Die Großmutter Maria Anna Schicklgruber ist aber bereits 1847 gestorben; sie kann ihm also nichts erzählt haben. Diese Darstellung ist offensichtlich falsch.

Aber damit nicht genug: Nachdem Hans Frank gerade noch eindringlich gesagt hat, Hitler habe „kein Judenblut in seinen Adern“ gehabt, schließt er nur sechs Zeilen weiter die Bemerkung an:

Ich muss also sagen, dass es nicht vollkommen ausgeschlossen ist, dass der Vater Hitlers demnach ein Halbjude war, aus der außerehelichen Beziehung der Schickelgruber zu dem Grazer Juden entsprungen. Demnach wäre dann Hitler selbst ein Vierteljude gewesen. Dann wäre sein Judenhass mitbedingt gewesen aus blutempörter Verwandtenhasspsychose. Wer mag das alles ausdeuten können!

Frank, S. 331

In der Tat, wer mag das alles ausdeuten können, was Hans Frank Im Angesicht des Galgens an sich gegenseitig ausschließenden Ideen durch den Kopf geschossen ist. Eine glaubwürdige, zuverlässige Quelle ist er jedenfalls nicht, und in zahlreichen Fällen lässt sich sogar nachweisen, dass seine Behauptungen nicht wahr sind.

Wenn die Angaben Hans Franks (…) zutreffen, müsste ein Jude namens Frankenberger 1836 in Graz gelebt haben (…) Und nachgewiesen werden müsste auch, dass Hitlers Großmutter Maria Anna Schicklgruber 1836 in Graz angestellt war. Alles das kann nicht bewiesen werden. Und bewiesen werden kann auch nicht, dass es im 19. Jahrhundert deutsche Juden mit dem Namen Frankenberger gegeben hat. Gerhard Kessler fand 1935 (unter Berücksichtigung aller Abwandlungen im Lauf des 19. Jahrhunderts) nicht einen einzigen Träger des Namens Frankenberger.

Werner Maser, Adolf Hitler, S. 25

Der erwähnte Kessler schrieb eine Arbeit mit dem Titel Familiennamen der Juden in Deutschland. Demnach gab es in Graz zwar Einwohner mit dem Namen „Frankenberger“, aber

keiner der nachweisbaren Grazer Frankenberger kommt als Vater Alois Schicklgrubers in Frage.

Maser, S. 26

Hinzu kommt noch folgender Gesichtspunkt:

In Graz gab es seit dem Ende des 15. Jahrhundert bis ein Jahrzehnt nach dem Tode Maria Anna Schicklgrubers keinen einzigen ansässigen Juden.

Maser, S. 27

Der Grund war eine kaiserliche Verfügung, die es Juden untersagte, dort zu wohnen. Da in Graz kein Jude namens Frankenberger lebte, kann Hitlers Großmutter nicht bei einem Juden dieses Namens in Diensten gestanden haben und von ihm geschwängert worden sein.

Das ist aber noch nicht alles.

Keine Spur in Graz

Was ich bisher wiedergegeben habe, unterstellt zu Hans Franks Gunsten, dass seine Behauptungen wenigstens insofern zutreffen, als dass Hitlers Großmutter tatsächlich in Graz als Hausmädchen beschäftigt war. Aber nicht einmal das entspricht der Wahrheit, denn:

Anna Maria Schicklgruber von Strones ist weder im Grazer „Dienstbotenbuch“ noch im „Bürgerbuch“ registriert.

Maser, S. 28

Außerdem hatte Hitlers Großmutter Anspruch auf Zahlungen aus einer Erbschaft. Diese Zahlungen flossen in der fraglichen Zeit bis nach der Geburt ihres Kindes aber nach Strones und nicht nach Graz, und

Da sie Untertanin der „Hochgräflichen Herrschaft Ottenstein“ war, konnte sie sich nicht einfach auf eine lange Wanderschaft von Strones nach Graz begeben, um sich womöglich mit einem Mann zu treffen.

Maser, S. 28

Brigitte Hamann, die sich in Hitlers Wien auf Maser bezieht, kommentiert Hans Franks falsche Darstellungen folgendermaßen:

Klarzustellen ist, dass die Frankenberger-Geschichte eine einzige Quelle hat: nämlich Hans Frank. Auf der Suche nach dem Motiv seiner doppelzüngigen Andeutungen kommt man auf den Verdacht, hier wolle der wütende Antisemit Frank den verhassten Juden auch noch die Verantwortung für einen angeblich jüdischen H. zuschieben und sie durch Gerüchte verunsichern.

Hamann, S. 77

Die unbelegten und teils offensichtlich unwahren Behauptungen Hans Franks übernahmen Autoren wie Kardel und Bronder unkritisch und ungeprüft in ihre Bücher.

Kardel auf der Bettkante

Der schon erwähnte Hennecke Kardel hat den Spuk sogar noch etwas weiter getrieben. In seinem Buch Adolf Hitler – Begründer Israels schreibt er über die Zeit, als Hitler sein Elternhaus verlassen wollte, um in Wien Maler zu werden:

Der Koffer, hauptsächlich mit Büchern über deutsche Heldensagen gefüllt, war bereits gepackt, da trat die Mutter ans Bett ihres Jungen und legte ihm ihre Hand auf seinen Arm. „Hörst“, kam es leise von den schmalgewordenen Lippen der abgehärmten Frau, die einige Monate vorher an Brustkrebs operiert worden war, „der Vater (…)“ Sie stockte. Sie setzte sich aufrecht und krampfte die Hände ineinander. „Ich sags Dir heit, das alles (…) Die Mutter vom Vater wurd schwanger, über vierzig Johr war sie alt damals. Sie war in Stellung beim Frankenberger in Graz, einem Juden, der aus Ungarn kommen ist (…)“

Kardel, S. 26

Herr Kardel muss über ausgezeichnete Zeugen verfügen. Derjenige, der ihm dies hier verraten hat, muss immerhin in der Lage gewesen sein, das Zimmer des damals 18jährigen Hitler zu betreten, während dieser im Bett lag und vertraulich mit seiner Mutter sprach.

Das Dumme ist nur, dass Kardel seine Quelle nicht nennt. Für dieses Gespräch zwischen Mutter und Sohn gibt es keine Zeugen, keine Belege, keine Quellenangaben – nichts. Herr Kardel hat sich das ausgedacht.

Ein dunkles Geheimnis?

Kehren wir noch einmal zum angeblichen Erpressungsversuch von Patrick Hitler und/oder Bridget Hitler zurück. Patrick und Bridget Hitler gaben in den USA zwar Interviews über ihren berühmten Verwandten, aber

In allen diesen Interviews war nie die Rede von einem angeblich jüdischen H.-Großvater. Wie viel Geld hätten Patrick und Bridget Hitler mit dieser Story verdienen können!

(…)

Auch die posthum veröffentlichen Memoiren Bridget Hitlers brachten nicht den leisesten Hinweis auf irgendwelche jüdische Verwandtschaft.

Hamann, S. 77

Was hatte es denn nun überhaupt mit dieser angeblichen Erpressung auf sich?

Ian Kershaw bezeichnet Patrick Hitler in Hitler 1889-1936 auf Seite 36 als „Schnorrer“. Geld hätte er haben wollen, und ein paarmal hätte er von Hitler auch Geld bekommen.

Es mag ja zutreffen, dass dieser Verwandte Hitler erpresst oder zu erpressen versucht hat, aber daraus kann man noch lange nicht schließen, dass Hitler jüdische Vorfahren gehabt hätte, zumal es noch einen ganz anderen, äußerst unangenehmen Sachverhalt gab, mit dem Hitler mindestens genausogut erpressbar gewesen wäre:

Trotz verschiedener Nachforschungen mehrerer Historiker konnten keine Hinweise auf jüdische Hitler-Vorfahren gefunden werden; in vielen Fällen konnten Behauptungen, die in diese Richtung zielten, sogar unzweideutig widerlegt werden.

Nachdem Frankenberger als Vater ausscheidet, kommen nur noch die beiden Brüder Johann Georg Hiedler und Johann Nepomuk Hüttler als Hitler-Großväter in Frage. Welcher der beiden es tatsächlich war, lässt sich wohl nicht mit absoluter Sicherheit entscheiden, doch spielt dies in Bezug auf die angeblichen jüdischen Hitler-Vorfahren keine Rolle, weil diese Männer keine Juden, sondern Katholiken waren.

Manfred Koch-Hillebrecht fasst den Forschungsstand prägnant zusammen:

Hitler besaß im Sinne seiner Rassenlehre eine Bilderbuchabstammung. Alle Vorfahren waren Waldviertler Bauern, nicht einmal ein Handwerker trübte die astreine Blut-und-Boden-Kulisse.

Manfred Koch-Hillebrecht, Homo Hitler, Siedler, München 1999, S. 69

Ian Kershaw erwähnt allerdings ein anderes dunkles Geheimnis, das Hitler veranlasst haben könnte, möglichst wenig über seine Abstammung preiszugeben: Anscheinend gab es in seinem familiären Umfeld mehrere inzestuöse Beziehungen [vgl. Jürgen Langowski, Argumente gegen Auschwitzleugner, S. 152–154].

Anmerkung

  1. Werner Maser war ein geschichtsrevisionistischer Autor, der u.a. auch die Präventivkriegsthese vertrat. Während die Behauptung einer jüdischen Abstammung primär auf den späten, unbelegten Erinnerungen von Hans Frank fußt, liefert die akribische Archivarbeit – unter anderem von Werner Maser, dessen dokumentarische Funde trotz seiner sonstigen „revisionistischen“ Tendenzen als gesichert gelten – ein völlig anderes Bild. In Übereinstimmung mit neueren Forschungen von Ian Kershaw und Brigitte Hamann zeigt sich: Die von Frank behaupteten Voraussetzungen (wie der Aufenthalt einer Familie Frankenberger in Graz zum fraglichen Zeitpunkt) halten der Überprüfung anhand von Primärquellen nicht stand.

Quellen und weiterführende Hinweise