Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Heinrich Härtle Freispruch für Deutschland

Faktenfrei freigesprochen

Härtles Buch Freispruch für Deutschland wurde bereits 1965 erstmals aufgelegt, spielt aber in der Argumentation heutiger Holocaustleugner immer noch eine gewisse Rolle.

Der Autor bemüht sich zunächst, die Nürnberger Prozesse als „Rachejustiz“ oder „Siegerjustiz“ darzustellen und verfährt dabei nach dem üblichen Strickmuster: Apologien für Hitler und seine Helfer, Schuldzuweisungen an alle anderen. Ganz folgerichtig lautet der Titel des ersten Kapitels „Shylock als Richter“ – denn wer ein Schurke ist, der muss ein Jude sein.

Ein kurzer vergleichender Blick in Härtles Buch Deutsche und Juden zeigt, dass antisemitische Ausfälle des Autors die Regel und nicht die Ausnahme sind. Schon der Titel verrät sein von NS-Leitlinien geprägtes Bewusstsein: Ein Jude könne halt kein Deutscher sein. Das wurde damals so festgelegt, und das hat er gewissenhaft verinnerlicht und nie überwunden. Das Buch hält, was der Titel androht. Auf S. 302 schreibt Härtle allen Ernstes: „Soweit geheime Judenvernichtungen nachzuweisen sind, waren am Vollzug weitaus mehr Juden als Deutsche beteiligt.“ Natürlich hat er dafür keinerlei Belege, was ihn aus „revisionistischer“ Sicht zusammen mit seinem Antisemitismus zu einer über alle Zweifel erhabenen Quelle macht.

Gerichtssaal: Im Vordergrund mehrere Tischreihen mit Journalisten. Dahinter im Zentrum das Rednerpult und u-förmig angeordnete Plätze der Stenografen. Links die Anklagebank mit den Angeklagten und davor sitzenden Verteidigern, bewacht von Soldaten an der Wand. Rechts das erhöhte Richterpodium. Im Hintergrund an der Wand Glaskabinen für Übersetzer und Fotografenstative.

Verhandlungssaal in Nürnberg. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-H27798 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Diese „Vergeltungsjustiz“, schreibt Härtle auf Seite 28 in Freispruch für Deutschland, „steht in krassem Widerspruch zu jenen Friedensverträgen, deren Ziel der echte Friede war.“ Als Beispiel erwähnt er ausgerechnet den Frieden von Brest-Litowsk im Jahre 1917, der von anderen Autoren ganz anders eingeschätzt wird:

Die kaltblütige Brutalität der Friedensbedingungen ließ jene wohlmeinenden Pazifisten in den Ländern der Alliierten, die von einem Frieden der Verständigung auf der Basis der deutschen Friedensresolution vom Juli 1917 gesprochen hatten, für immer verstummen.

John W. Wheeler-Bennett, Der hölzerne Titan, S. 147

Unmittelbar danach folgt in Härtles Buch die nächste Verzerrung der historischen Wahrheit. Über die Verhandlungen nach der Niederlage Frankreichs schreibt Härtle:

Im Juni 1940 wurden die Besiegten im Walde von Compiègne nicht wie die Deutschen 1919 als Angeklagte behandelt, sondern mit allen Ehren, die ein ritterlicher Sieger einem Unterlegenen gewähren kann.

Härtle, Freispruch, S. 28

Der Historiker Joachim C. Fest schildert dieses Ereignis in seiner Hitler-Biographie etwas anders. Zwar seien die Bedingungen aufgrund verschiedener Überlegungen Hitlers eher gemäßigt ausgefallen, aber:

Weitaus weniger generös zeigte Hitler sich im Arrangement der Waffenstillstandszeremonie. Sein Bedürfnis nach demütigender Symbolik veranlaßte ihn, sie in jenem Wald von Compiègne, nordöstlich von Paris, zu veranstalten, wo am 11. November 1918 der deutschen Delegation die Waffenstillstandsbedingungen unterbreitet worden waren.

J. Fest, Hitler, S. 866f

Im Hintergrund ein Eisenbahnwaggon, aus dem ein Uniformierter des NS-Militärs steigt. Davor stehen Hitler und weitere Uniformierte.

Hitler und Begleiter in Compiègne. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Pleißer-001-19 / Pleißer / CC-BY-SA 3.0

Anschließend schildert Fest einige ausgesuchte Beleidigungen, die den Besiegten „mit allen Ehren“ erwiesen wurden. Zunächst stieg Hitler aus seinem Wagen und baute sich triumphierend vor der Gedenkstätte für den französischen Sieg von 1918 auf.

Dann befahl er, das Denkmal zu zerstören, und danach erst stieg er in den Eisenbahnwaggon, um sich den Verlierern zu widmen. Doch er ließ es sich nicht nehmen, die unfreiwilligen Gäste noch ein weiteres Mal zu brüskieren:

Noch bevor der Vertragstext selbst übergeben wurde, erhob Hitler sich, grüßte mit ausgestrecktem Arm und verließ den Waggon.

Fest, Hitler, S. 867

Die Verfälschungen, die Härtle gleich zu Anfang seines Buches vornimmt, sind symptomatisch für den Rest. Da die meisten Punkte auch bei anderen Holocaustleugnern auftauchen und bereits behandelt worden sind, reicht an dieser Stelle eine stichwortartige Aufzählung einiger Argumente und Scheinargumente, die Härtle in den folgenden Kapiteln benutzt.

Katyn

Den Umgang der Nürnberger Richter mit dem Massaker von Katyn bezeichnet Härtle als den „größten Skandal der Rechtsgeschichte“. Ab Seite 277 widmet er sich ausgiebig dem Versuch der Sowjets, den Deutschen die Schuld an diesem Massaker in die Schuhe zu schieben. Er bezeichnet die Beweise als überzeugend, für ihn sind die Russen überführt – und damit widerlegt er mit seinem 1965 veröffentlichten Buch zugleich die Holocaustleugner, die behaupten, die wahren Umstände der Morde in Katyn seien erst in jüngster Zeit ans Licht gekommen. Entweder, die anderen „Revisionisten“ kennen ihre eigene Literatur nicht, oder sie lügen [Hinweis für Nerds: OR, nicht XOR].

Madagaskar

Härtle behauptet, 1940/1941 hätten günstige Bedingungen für die Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Madagaskar bestanden. Dafür, dass der Plan nicht ausgeführt wurde, macht er indirekt die Zionisten verantwortlich. Doch bereits am 15. Januar 1939 hatte der NS-Chefideologe Rosenberg erklärt: „Es ist zu wünschen, daß die Judenfreunde in der Welt, vor allem die westlichen Demokratien, die über soviel Raum in allen Erdteilen verfügen, den Juden ein Gebiet außerhalb Palästinas zuweisen, allerdings nicht, um einen jüdischen Staat, sondern um ein jüdisches Reservat einzurichten“ [vgl. Auswanderung der Juden]. Es lag nicht im Interesse der Nazis, irgendwo auf der Welt – ob in Palästina oder anderswo – eine jüdische Machtbasis in Form eines völkerrechtlich anerkannten Staatsgebildes entstehen zu lassen.

Wannsee-Konferenz

Unter Bezugnahme auf Rassinier behauptet Härtle, im Protokoll der Wannsee-Konferenz sei nirgends von Gaskammern oder Vernichtung der Juden die Rede. Eichmann, der dort anwesend war, ließ allerdings keinen Zweifel an dem, was dort genau dies besprochen wurde: Es ging um die Vernichtung der europäischen Juden.

Zahlen der Opfer

Auch über die Bombenangriffe auf Dresden verbreitet Härtle Falschmeldungen. Er nennt eine um mehr als das Zehnfache überhöhte Zahl von Opfern (300 000) und behauptet gleich anschließend, die Zahl der Opfer des Judenmordes sei um das Zehnfache übertrieben worden. Ab Seite 184 bemüht er sich denn auch, die jüdischen Opferzahlen herunterzurechnen, bis er zu dem Ergebnis kommt, es könnten nicht mehr als eine oder anderthalb Millionen gewesen sein, „weil gar nicht mehr für Hitler und Himmler ‚greifbar‘ waren“. Diese Behauptung, die Härtle wahrscheinlich an Rassinier angelehnt hat, wird allerdings durch Statistiken der Nazis selbst widerlegt.

Die sogenannten „jüdischen Kriegserklärungen“ dürfen in dieser Sammlung von Geschichtslügen natürlich nicht fehlen:

Die ersten Kriegserklärungen gegen Deutschland kamen, das kann nicht verschwiegen werden, von jüdischer Seite.

Härtle, Freispruch, S. 245

Und wenn schon einmal von „jüdischen Kriegserklärungen“ die Rede ist, folgt unweigerlich der Hinweis auf die verrückten Ideen des Sonderlings Theodor „Nathan“ Kaufmann, der überhaupt nicht „Nathan“ hieß; Härtle hat dies vermutlich von Goebbels übernommen, der Kaufmans Pamphlet Germany Must Perish freudig für seine Propaganda aufgegriffen hat. Den Schreibfehler des Nachnamens (mit zwei statt einem 'n') übernahm er vermutlich ebenfalls von dort [vgl. Goebbels-Tagebücher, 3. August 1941].

Härtle wird auch von jüngeren „revisionistischen“ Autoren unter Missachtung ihrer eigenen Beweiskriterien („forensische Beweise“ müssen es sein) immer wieder herangezogen.

Fälschung, Entlastung, Freispruch

Das Reinwaschen des Nationalsozialismus findet manchmal ganz offen unter Buchtiteln wie „Freispruch für …“ statt.