Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Die Nazis waren keine Sozialisten

Eine beliebte Geschichtsfälschung

Die Behauptung, die Nazis seien Sozialisten gewesen, taucht hin und wieder in Diskussionen auf. Manchmal nur als Bild mit einem Goebbels-Zitat, manchmal mit enormen Verrenkungen verbunden, manchmal mit pseudo-historischem Anspruch.

Hier soll begründet werden, warum die Frage, ob die Nazis Sozialisten waren, aufgrund des verfügbaren historischen Materials mit „nein“ beantwortet werden muss.

Über den Sozialismus, seine Geschichte, seine theoretische und seine „real existierende“ Seite sowie über die vielen verschiedenen Strömungen in der sozialistischen Bewegung sind unzählige Bücher geschrieben worden, die hier natürlich nicht in aller Ausführlichkeit gewürdigt werden können.

Ich greife der Bequemlichkeit halber auf die Definition des Begriffs „Sozialismus“ in einen älteren Lexikon zurück. Dort heißt es:

Sozialismus [lat.], eine als Gegenmodell zum Kapitalismus entwickelte polit. Lehre, die bestehende gesellschaftl. Verhältnisse mit dem Ziel sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit verändern will, eine nach diesen Prinzipien organisierte Gesellschaftsordnung sowie eine polit. Bewegung, die diese Gesellschaftsordnung anstrebt; im Marxismus das Übergangsstadium von der kapitalist. zur kommunistischen Gesellschaftsformation (…)

Meyers Großes Taschenlexikon, Ausgabe 1983

Ein zentraler Faktor beim Übergang von der kapitalistischen zur kommunistischen Gesellschaft ist die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, sprich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Diesen Aspekt haben Marx und Engels im „Wissenschaftlichen Sozialismus“ ausführlich herausgearbeitet, und August Bebel hat dies folgendermaßen formuliert:

Alle soziale Abhängigkeit und Unterdrückung wurzelt in der ökonomischen Abhängigkeit des Unterdrückten vom Unterdrücker.

August Bebel, Die Frau und der Sozialismus

Die Aufhebung dieser ökonomischen Abhängigkeit, die sich aus der kapitalistischen Produktionsweise ergibt, ist trotz aller Unterschiede und Richtungskämpfe zwischen verschiedenen Schulen ein zentrales Anliegen aller Sozialisten. Egal wie ausführlich und tiefschürfend andere Erklärungen sind, die Beseitigung als ungerecht empfundener ökonomischer Bedingungen ist das Rückgrat und der Markenkern aller sozialistischen Theorien und Spielarten.

Man darf daraus den Umkehrschluss ziehen: Wer diesen Aspekt in seinem Denken und Handeln nicht berücksichtigt, ist kein Sozialist.

Wie hat das nun im NS-System ausgesehen?

Wenn man die frühen Äußerungen von Nationalsozialisten untersucht, findet man Zitate, die durchaus so klingen, als hätten da Sozialisten gesprochen. Hier und dort (etwa in den Goebbels-Tagebüchern am 17. März 1931) tauchen sogar Bemerkungen auf wie die, ein bestimmtes Verhalten eines politischen Gegners sei ein „glatter Verrat am Sozialismus“ gewesen.

Schwarzweiß-Brustbild, Strasser, in Krawatte und Anzug halb nach rechts gedreht, schaut den Betrachter an.

Gregor Strasser, Quelle: Deutsches Historisches Museum, Bild 119-1721 CC BY 3.0

Herausragende Vertreter des sozialistischen Flügels der NSDAP waren die Brüder Otto und Gregor Strasser. Doch war der Konflikt mit Hitler, der keineswegs ein sozialistisches System errichten wollte, bereits von Anfang an vorprogrammiert, denn die Strassergruppe

(…) machte sich jene revisionistischen Forderungen zu eigen, die in Mein Kampf als politischer „Unsinn“ verurteilt worden waren. Während Hitler Sowjetrussland als Objekt ausgreifender Eroberungspläne betrachtete und Rosenberg es als „jüdische Henkerkolonie“ beschrieb, äußerte sich Goebbels voller Hochachtung über den russischen Willen zur Utopie, oder plädierte Strasser selbst für ein Bündnis mit Moskau, gegen „den Militarismus Frankreichs, gegen den Imperialismus Englands, gegen den Kapitalismus der Wallstreet“.

Fest, Hitler, S. 330f

So kam es am 21. und 22. Mai 1930 in Berlin zur Konfrontation zwischen Hitler und den Strasserianern. Bei dieser Begegnung warf Hitler seinem damals wichtigsten Kontrahenten Otto Strasser vor, die Idee höher zu setzen als den Führer. Hitler erteilte allen Bestrebungen, innerhalb der Partei demokratische Prinzipien zu verwirklichen, eine klare Absage. Führer und Idee seien eins, und jeder Parteigenosse hätte das zu tun, was der Führer befahl. Hitler hat durch diese Betonung des Führerprinzips deutlich gemacht, dass er die NSDAP als faschistische und nicht als sozialistische Organisation verstanden wissen wollte.

Als Strasser ihm nach bewegter Diskussion die Kardinalfrage stellte, ob im Falle einer Machtübernahme die Produktionsverhältnisse unverändert blieben, antwortete Hitler: „Aber selbstverständlich. Glauben Sie denn, ich bin wahnsinnig, die Wirtschaft zu zerstören? Nur wenn die Leute nicht im Interesse der Nation handeln würden, dann würde der Staat eingreifen. Dazu bedarf es aber keiner Enteignung und keines Mitbestimmungsrechtes.“

Fest, Hitler, S. 392

Anfang Juli 1930 kam es endgültig zum Bruch, als die Gruppe um Otto Strasser den Aufruf Die Sozialisten verlassen die NSDAP veröffentlichte. Die enttäuschten Strasserianer waren der Ansicht, Hitler habe den Nationalsozialismus verraten [vgl. auch Hennecke Kardel, Adolf Hitler: Begründer Israels]. 1933 emigrierte Otto Strasser nach Wien, später ging er in die Schweiz, nach Portugal und nach Kanada. Sein Bruder Gregor Strasser blieb vorerst in der Partei; er wurde jedoch am 30. Juni 1934 während des so genannten Röhm-Putsches in Berlin erschossen.

Hitler hat zwar gelegentlich von sich selbst behauptet, er sei Sozialist, doch hatte er mit sozialistischen Ideen nichts im Sinn. Das scheinbare Bekenntnis zu sozialistischen Ideen war, wie der Historiker Fest erklärt, nichts weiter als ein taktisches Manöver:

Das linke Etikett trug diese Ideologie vor allem aus machttaktischen Erwägungen
(…)
im Jahre 1930 war die NSDAP nach der Vorstellung Hitlers „sozialistisch“, um sich den Stimmungswert einer populären Vokabel zunutze zu machen
(…)
Wie das Bekenntnis zur Tradition, zu konservativen Wertvorstellungen oder zum Christentum gehörten die sozialistischen Parolen ins manipulationsfähige Vorfeld, das der Tarnung, der Verwirrung diente und nach Opportunitätsmotiven mit wechselnden Schlagwörtern bestückt war. Wie zynisch zumindest an der Spitze die Programmgrundsätze mißachtet wurden, erfuhr einer der jungen enthusiastischen Überläufer zur Partei im Gespräch mit Goebbels; auf die Bemerkung, daß Feders Brechung der Zinsknechtschaft doch ein Element des Sozialismus enthalte, bekam er zur Antwort, brechen müsse höchstens der, der diesen Unsinn anhöre.

Fest, Hitler, S. 393

Von den Strasserianern auf die Widersprüchlichkeit seiner Position hingewiesen, machte Hitler kurzen Prozess: Er befahl die Entmachtung des sozialistischen Flügels der Partei.

Am 4. Juli [1930] verkündeten daraufhin Otto Strassers Zeitungen: „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“ Aber kaum jemand folgte ihm, die Partei besaß, so stellte sich heraus, fast keine Sozialisten und überhaupt kaum Menschen, die ihr politisches Verhalten theoretisch gedeutet wissen wollten.
(…)
Das Ausscheiden Otto Strassers beendete nicht nur ein für allemal den sozialistischen Grundsatzstreit in der NSDAP, es bedeutete auch einen erheblichen Machtverlust für Gregor Strasser, der seither keine Hausmacht und keine Zeitung mehr besaß.

Fest, Hitler, S. 394f

1930 hat Hitler durch die Entmachtung der Strasserianer verdeutlicht, dass er keineswegs die Absicht hatte, nach der Machtergreifung sozialistische Politik zu verwirklichen. Hitler war weder antikapitalistisch noch sozialistisch eingestellt, und da Hitler in der Partei das faschistische Führerprinzip durchgesetzt hatte, galt diese politische Positionsbestimmung auch für die NSDAP. Die Absage an den Sozialismus hatte Hitler schon zwei Jahre vorher festschreiben lassen.

Um dies über jeden Zweifel klarzustellen, wurde 1928 dem „unabänderlichen“ Parteiprogramm die Erklärung Hitlers angefügt, nach der „gegenüber den verlogenen Auslegungen von seiten unserer Gegner (…) die NSDAP auf dem Boden des Privateigentums steht“.
(…)
Noch deutlicher wurde Hitler im Gespräch mit dem Redakteur der Leipziger Neuesten Nachrichten: „Es kommt einzig und allein darauf an, dass der Grundgedanke im Wirtschaftsprogramm meiner Partei klar herausgestellt wird, und das ist der Autoritätsgedanke. Ich will die Autorität, ich will die Persönlichkeit, ich will, dass jeder den Besitz, den er sich erworben hat, behalten soll, nach dem Grundsatz: Gemeinnnutz geht vor Eigennutz. Nur soll der Staat die Kontrolle behalten, und jeder Besitzende soll sich als vom Staat Beauftragter fühlen. Er hat die Pflicht, seinen Besitz nicht zum Missbrauch gegen die Interessen seiner Volksgenossen zu verwenden (…)“

Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, S. 32f

Beachtenswert ist auch, dass Hitlers Politik nach seiner Ernennung zum Reichskanzler nicht auf Durchsetzung sozialistischer Ideale ausgerichtet war, und dass es in dieser Hinsicht keinen Streit mit den politischen Kräften gab, auf die er anfangs noch angewiesen war:

In der ersten Regierung Hitlers wurden alle wirtschaftlichen Ministerposten durch Vertreter der traditionellen Rechten besetzt, wie es in dem politischen Komplott dieser Kreise mit der NSDAP, das Hitlers Kanzlerschaft vorbereitet hatte, ausdrücklich vereinbart war.

Barkai, Wirtschaftsystem, S. 104

Mir sind aus der NSDAP allgemein und von Hitler selbst keinerlei Klagen bekannt, dass man sozialistische Politik durchsetzen wollte, aber aufgrund der Gemengelage leider nicht dazu gekommen sei. Hitler, der sich sonst über alles Mögliche beklagte und schnell bei der Hand war, wenn es galt, Schuldige (meist Juden) zu finden, verlor kein Wort darüber, dass die Deutschnationalen die sozialistisch gedachte „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ torpediert hätten. Ganz im Gegenteil fühlten sich ja die radikalen Strasserianer sogar schon vor Hitlers Kanzlerschaft um ihre „sozialistischen“ Ideale betrogen.

Natürlich war Hitler kein Befürworter einer liberalen Marktwirtschaft, wie wir sie heute kennen; er war ein faschistischer Diktator, dessen Vorstellungen sich auch die Wirtschaft unterzuordnen hatte.

Dies zeigte sich beispielsweise im „Vierjahresplan“. Die Tatsache, dass es im Ostblock Vierjahrespläne gab, reicht manchen schon, um das NS-Regime als sozialistisches System darzustellen. Tatsächlich dienten die Vierjahrespläne im Ostblock, wie die Propaganda ständig betonte der Verwirklichung sozialistischer Ideen. Im NS-System war dies nicht der Fall. Zwischen 1933 und 1945 begründete Hitler keine wesentliche Entscheidung aus dieser Motivation heraus. Der „Vierjahresplan“ war nicht sozialistische Planwirtschaft, sondern diktatorische Kriegswirtschaft, wie Hitlers Anweisung am Ende des Dokuments zeigen:

Ich stelle damit folgende Aufgabe:

I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein.

II. Die deutsche Wirtschaft muß in 4 Jahren kriegsfähig sein.

Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1955/3, Wilhelm Treue, Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936

Was aber unter „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ und den „Interessen der Volksgenossen“ wirklich zu verstehen war, das sollte sich in den dreißiger Jahren im Rahmen der sogenannten „Arisierung“ der Wirtschaft zeigen.

In dieser Phase wurden Juden enteignet, weil sie Juden waren und nicht etwa, weil die NSDAP die Kapitalisten entmachten und die Produktionsverhältnisse verändern wollte. Es wäre in dieser Zeit, als die Hitler-Diktatur gefestigt war, kein Problem gewesen, die enteigneten Betriebe zu verstaatlichen.

Doch ist dies nicht geschehen. Die enteigneten Betriebe, die vorher Juden gehört hatten, wurden zu Spottpreisen an „arische“ Unternehmer übergeben. Hitler hat nicht etwa durch Enteignung und Verstaatlichung sozialistische Ideen umgesetzt, sondern er hat lediglich den „arischen“ Unternehmern geholfen, ihre jüdische Konkurrenz auszuschalten. Zudem hat das NS-Regime alle Juden verfolgt und vernichtet – eingeschlossen jüdische Proletarier, die keineswegs im Sinne sozialistischer Ideale im vom Joch der Unterdrückung durch die Kapitalisten befreit wurden.

Im Übrigen haben die Nationalsozialisten ein umfangreiches Privatisierungsprogramm durchgeführt und vorher verstaatlichte Betriebe in Privateigentum zurückgeführt. Das Programm war so umfangreich, dass der englische Begriff „privatization“ während dieser Zeit geprägt wurde [vgl. Germà Bel, Retrospective und Against the Mainstream].

Beide Aufsätze wurden bereits 2006 veröffentlicht. Wer heute über das „sozialistische“ NS-Wirtschaftssystem spricht, sollte sie kennen und berücksichtigen. Aber andererseits, warum sollte man geschichtswissenschaftliche Arbeiten zur Kenntnis nehmen, wenn dem willigen Publikum ein Bild von Goebbels mit einem Text von jemand anders reicht?

Quellen und Verweise

Siehe auch