Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Ingrid Weckert Feuerzeichen (Daily Express)

In ihrem Buch Feuerzeichen behandelt Ingrid Weckert unter anderem eine sogenannte „jüdische Kriegserklärung“, die angeblich am 24. März 1933 vom Londoner Daily Express veröffentlicht worden sei.

Ingrid Weckert in heller Bluse mit Blümchenmuster vor einer Bücherwand

Ingrid Weckert

Ihrer Ansicht nach

(…) war die „Kriegserklärung“ tatsächlich für die gesamte Weltjudenheit abgegeben, und die nach dem Krieg lautgewordenen Behauptungen von jüdischer Seite, es sei ja gar nicht so gemeint gewesen und selbstverständlich hätten nicht alle Juden hinter dieser Verlautbarung gestanden, widerspricht der jüdischen Mentalität.

Feuerzeichen, S. 42, (Hervorh. i. Original)

Die passivische Konstruktion ist auffällig. Sie umgeht die Frage: Wer war das? Wenn es eine Kriegserklärung „für die gesamte Weltjudenheit“ gab, müsste es Verantwortliche gegeben haben, die man benennen kann. Der Artikel im Daily Express erklärt dies nicht; der Beitrag ist nicht einmal namentlich gekennzeichnet. Bestenfalls wäre dies ein Bericht über eine jüdische Kriegserklärung, aber nicht die Kriegserklärung selbst. Wo ist der Wortlaut? Wer hat diese angebliche Kriegserklärung abgegeben?

Weckert weiß es nicht, und offenbar will sie auch nichts davon wissen. Vielmehr begründet sie ihre Behauptung mit einer

Eigenheit des jüdischen Volkes, im Angesicht einer Gefahr sich wirklich „wie ein Mann“ zu erheben, zusammenzustehen, alle internen Differenzen zu überwinden und eine Einheitsfront nach außen zu bilden.

Feuerzeichen, S. 39

Randnotiz: Der Holocaustleugner Germar Rudolf stellt an die Beweise für den Judenmord enorm hohe Ansprüche („forensische Beweise“ müssten es schon sein), bezieht sich andererseits aber mehrfach wohlwollend auf Weckert, die überhaupt keine Beweise hat. Anscheinend sind die hohen Ansprüche immer nur auf bestimmte Teile der Geschichtsschreibung begrenzt. So könnten die „Revisionisten“ als Beispiel dafür dienen, dass das Anspruchsvolle mitunter zugleich auch das Beschränkte ist.

Wie auch immer, Weckert behauptet ohne jegliche Belege weiter, im Judentum herrsche

ein unverbrüchlicher Zusammenhalt gegen den Feind, und der Gegner ist völlig im Recht, wenn er in seiner Politik und Verhaltensweise davon ausgeht, daß ihm das Judentum als geschlossener Block gegenübersteht.

Feuerzeichen, S. 41

Ein solcher „geschlossener Block“ des Judentums habe Deutschland auch in dem Augenblick gegenübergestanden, als in London die sogenannte „jüdische Kriegserklärung“ verfasst worden sei.

Nicht genug damit, dass Weckert keinerlei Quellen anbietet – ihre eigene Quelle, der Daily Express, widerspricht ihr sogar.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass im Artikel selbst keineswegs von einem Krieg mit bewaffneten Truppen die Rede war, sondern von einem Handelsboykott. Anlass des Zeitungsartikels waren Proteste und Boykottaufrufe jüdischer Geschäftsleute wegen der Übergriffe der Nazis gegenüber den deutschen Juden [vgl. "jüdische Kriegserklärungen"].

Der Artikel schildert einen klaren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, den Weckert vollständig unterschlägt.

Zweitens gibt es in diesem Zeitungsartikel einen Abschnitt, der Weckerts Behauptung, die Juden hätten als „geschlossener Block“ Deutschland angegriffen, sofort widerlegt. Er lautet in meiner Übersetzung:

Der Board of Deputies of British Jews, der die gesamte jüdische Gemeinschaft Großbritanniens vertritt, trifft sich am Sonntag zu einer Sondersitzung, um die Situation in Deutschland zu diskutieren und zu entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, um den Angriffen auf die deutschen Glaubensbrüder zu begegnen.

Daily Express, 24.3.1933; vgl. auch Benz, Legenden, S. 122

Manche Leugner behelfen sich mit der Behauptung, der Artikel selbst sei die Kriegserklärung gewesen. Das wirft allerdings sofort die nächste Frage auf: Was war das für eine merkwürdige Kriegserklärung, in der man lesen konnte, dass die Vertretung aller britischen Juden noch keine Entscheidung getroffen hatte?

Am Montag, dem 27. März 1933, konnte man dann in der Londoner Times nachlesen, dass der Board of Deputies entschieden hatte, keine Maßnahmen gegen Deutschland zu ergreifen [Benz, Legenden, S. 122].

Weckert muss diesen Abschnitt der so genannten „Kriegserklärung“ gesehen haben, denn sie hat einige Auszüge aus dem Text in ihrem Buch Feuerzeichen in ihrer eigenen durchaus eigenwilligen Übersetzung wiedergegeben.

Angesichts dieses Drucks der Tatsachen verschaffte Weckert sich auf typisch „revisionistische“ Weise Linderung vor den allzu aufdringlichen Waschbären. Da Weckert dem Leser suggerieren möchte, die Juden hätten sich zusammengerottet, um Deutschland Schaden zuzufügen, fällt zwangsläufig auch gleich der Abschnitt weg, aus dem hervorgeht, dass große nichtjüdische Organisationen mit mehreren Millionen Mitgliedern sich den Protesten gegen die Ausschreitungen in Deutschland anschließen wollten.

Einzelheiten dieser Arbeitsmethode sind einer Gegenüberstellung zwischen dem englischen Originaltext und Weckerts Auszügen zu entnehmen.

Die zahlreichen Hinweise auf Ausschreitungen gegen Juden in Deutschland konnte Weckert allerdings nicht völlig herauslöschen, denn dann wäre vom Text nicht mehr viel übrig geblieben. Daher entschloss sie sich, diesen Punkt auf andere Weise zu entsorgen.

Alles, was sie mühevoll als aggressiven Angriff der Juden gegen Deutschland zurechtfrisieren konnte, stellt sie übersteigert dar. Was aber belegen könnte, dass in Wirklichkeit die deutschen Juden die Verfolgten und die Opfer waren, drängt sie in den Hintergrund.

Zunächst tut sie dies, indem sie bei der Übersetzung ein wenig nachhilft, anschließend rundet sie das Zerrbild ab, indem sie in ihrem Buch die Verfolgungen der deutschen Juden durch die Nazis folgendermaßen in Abrede stellt:

Es sträuben sich die Haare – es muß ja schrecklich gewesen sein im Deutschland des Jahres 1933! Und was war wirklich geschehen? Vereinzelte Übergriffe einiger wüster Antisemiten – das war alles.

Feuerzeichen, S. 45

Wer das NS-Regime schönreden möchte, wird hier beifällig nicken. Wie man leicht nachweisen kann, entspricht dies allerdings nicht der Wahrheit:

Viele der jüdischen Selbständigen sind nicht nur durch die Wirtschaftskrise geschädigt worden, auch die Boykottbewegung gegen jüdische Unternehmen hat lange vor der Machtübernahme durch die NSDAP zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten beigetragen. Die antisemitische Boykottbewegung ist in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ausgeweitet worden.

W. Benz, Die Juden in Deutschland, S. 272

Der jüdische Central-Verein beauftragte einen Rechtsanwalt, um die Boykottkampagne der Nazis juristisch zu begleiten. Bereits im Jahre 1932 hatte der Jurist ein Archiv von 150 Gerichtsentscheidungen zu diesen Vorfällen angelegt. Auf jedes ergangene Urteil dürfte eine erheblich größere Anzahl weiterer Vorfälle kommen, die nicht bis zu einer gerichtlichen Entscheidung gereift sind.

Die Boykottbewegung war nur ein Standbein der Angriffe der Nationalsozialisten auf die deutschen Juden. Das zweite war spätestens ab dem 30. Januar 1933 folgendermaßen zu beschreiben:

Die Installierung der Regierung Hitler wurde zunächst allerdings mehr von terroristischen Gewaltakten begleitet, die sich sowohl gegen jüdische Personen wie gegen Synagogen, jüdische Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen von Juden richteten. Erst nach den Wahlen vom 5. März wurden Großaktionen planmäßig organisiert […]

W. Benz, Die Juden in Deutschland, S. 273

Darauf folgen im zitierten Buch mehrere Schilderungen solcher Aktionen. Beliebt war beispielsweise die gewaltsame Schließung jüdischer Geschäfte durch SA-Trupps. Das Israelitische Familienblatt hat die Ereignisse der Woche vom 8.-12. März 1933 folgendermaßen charakterisiert:

So wurden in Berlin, Frankfurt a.M., Hamburg, Gotha, Breslau, Würzburg, Leipzig, Chemnitz, Zwickau, Hannover, Kassel, Magdeburg, Königsberg, Mainz sowie in zahlreichen kleineren Orten nach dem gleichen System Geschäfte jüdischer Inhaber geschlossen. In fast allen Städten erklärten die Gauleiter der NSDAP, daß die Order für dieses Vorgehen nicht von ihnen stammte.

W. Benz, Die Juden in Deutschland, S. 274

Wie viel diese Dementis wert waren, zeigt die Tatsache, dass Hitler es am 10. und 12. März für nötig hielt, seine Partei zur Disziplin zu ermahnen, um die konservativen Kritiker seiner Bewegung zu beschwichtigen. Danach kehrte vorübergehend eine „gewisse Ruhe“ ein (vgl. Juden in Deutschland, S. 274), und die späteren Aktionen machten nicht mehr den Eindruck, zentral gesteuert zu sein.

Auch die Publikation Der gelbe Fleck (Paris 1936), für die Lion Feuchtwanger das Vorwort schrieb, dokumentiert eine Vielzahl von Ausschreitungen gegen Juden in Deutschland.

Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis, was Weckert behauptet hat:

Vereinzelte Übergriffe einiger wüster Antisemiten – das war alles.

Feuerzeichen, S. 45

In Wirklichkeit gab es:

Es waren nicht etwa „vereinzelte Übergriffe“, wie Weckert behauptet, sondern planmäßige, seit Jahren andauernde Verfolgungen der Juden in Deutschland durch die Nazis. Dies ist der Hintergrund, vor dem die Boykottaufrufe der Londoner Händler zu sehen waren. Es war keine Kriegserklärung, es war Angst und Verzweiflung angesichts des Schicksals der deutschen Glaubensgenossen.

Aus diesen Fakten macht Weckert dies: Erstens sei den Juden praktisch nichts passiert, und zweitens hätten sie Deutschland den Krieg erklärt.

Die „Revisionistin“ ist offenbar fest entschlossen, das Naziregime von allen Bären reinzuwaschen, und in dieses Bild fügt sich als letzter Mosaikstein auch die Gesellschaft, in die sie sich freiwillig begeben hat.

Das Vorwort zu ihrem Buch Feuerzeichen verfasste niemand anders als Wilfred van Oven, zunächst Freiwilliger der „Legion Condor“, die 1937 in Guernica Zivilisten bombardierte, später Presserefent in Goebbels' Propagandaministerium.

Weckert hat sich als Vorwortschreiber für ihr Buch also jemanden ausgesucht, der an führender Stelle aktiv das Naziregime getragen hat. Herr van Oven ist des Lobes voll für ihr Werk, und so sieht es denn auch aus.

Zu einer ausführlichen Kritik ihres Umgangs mit den Novemberpogromen vom 7. bis 13. November 1938 vgl. Jürgen Langowski, Argumente gegen Auschwitzleugner, S. 243–248. Auch dort wird klar, was Weckerts Buch „Feuerzeichen“ eigentlich ist: ein antisemitischer Brandbeschleuniger.

Siehe auch