Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Daily Express, 24.03.1933 „Judea Declares War on Germany“

Reißerische Schlagzeile, keine Kriegserklärung

BEHAUPTUNG:

Gab es am 24.03.1933 eine Kriegserklärung des Judentums gegen Deutschland?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, es gab keine solche Kriegserklärung. Die antisemitischen Falschmeldungen, die dies behaupten, beziehen sich auf einen Artikel des Londoner Daily Express, der über Protestaktionen von Juden und Nichtjuden gegen das sogenannte Ermächtigungsgesetz berichtet.

Am 24.3.1933 erschien der Londoner „Daily Express“ mit dem sechs Spalten breiten Aufmacher: „JUDEA DECLARES WAR ON GERMANY“ (Juda erklärt Deutschland den Krieg). Wenn man den Text des Artikels liest, erkennt man jedoch, daß es sich dabei um eine reißerische Schlagzeile handelt, die teilweise sogar im Widerspruch zum darunter folgenden Text steht.

Anlass der Schlagzeile waren Boykottaufrufe Londoner Händler gegen deutsche Erzeugnisse. Wie man dem Zeitungsartikel entnehmen kann, waren die Boykottaufrufe eine Reaktion auf die „mittelalterliche Hetze gegen Juden“ („medieval Jew-baiting“) in Deutschland.

Ganzseitiges Faksimile der Ausgabe des „Daily Express“

Daily Express: Judea Declares War on Germany (Morgenausgabe)

Zurückhaltende jüdische Organisationen

Etwa in der Mitte des Artikels erfährt man, dass der Jewish Board of Deputies, die Vertretung aller britischen Juden, erst am folgenden Sonntag zu einer Sondersitzung zusammenkommen wollte, um über eventuell gegen Deutschland zu treffende Maßnahmen zu entscheiden. Am 27. März 1933 wurde die Entscheidung des Board in der Londoner Times veröffentlicht. Das Gremium hatte beschlossen, sich ausdrücklich von den Boykottaufrufen zu distanzieren:

Die Vertretung der in Großbritannien ansässigen Juden, der Jewish Board of Deputies, erklärte vielmehr ..., er wolle sich nicht in innerdeutsche Angelegenheiten einmischen. Boykottmaßnahmen und Protestversammlungen seien 'spontane Ausbrüche der Empörung' einzelner Personen, aber nicht vom Board organisiert.

W. Benz, Legenden, Lügen, Vorurteile, S. 122

Genau wie die Angehörigen anderer jüdischer Organisationen im Ausland wussten auch die Mitglieder des Board of Deputies sehr genau, dass Hitler die deutschen Juden als Geiseln betrachtete. Eine allzu harte Haltung gegenüber Deutschland hätte nur verstärkte Repressalien gegenüber den deutschen Juden provoziert.

Auch amerikanische jüdische Organisationen waren zurückhaltend oder versuchten sogar, den zunehmenden Boykotten in den USA aktiv entgegenzuwirken. Edwin Black berichtet in The Transfer Agreement über diese Phase, zitiert die New York Times und schreibt:

Cordell Hull und das American Jewish Committee sollte bald erfahren, dass ihre Bemühungen, die Anti-Nazi-Bewegung einzudämmen, nur wenig Erfolg hatten. Schlagzeilen auf der Titelseite der New York Times vom 23. März 1933 widerspiegelten die Stimmung in der Öffentlichkeit.

„Landesweite Proteste gegen Hitler nehmen zu. Christliche und nicht konfessionelle Gruppen zeigen empört über das antijüdische Vorgehen und drängen Washington zum Handeln.“

„Boykottbewegung greift um sich. Händler stornieren Bestellungen deutscher Waren.“

Die Bewegung breitete sich spontan und über konfessionelle Grenzen hinweg aus.

Edwin Black, The Transfer Agreement, S. 48 [eigene Übersetzung].

Historischer Kontext

Ein wichtiges Handwerkszeug der „revisionistischen Wahrheitssuche“ ist das Verschweigen von wesentlichem Kontext, und dies ist auch hier zu beobachten.

Am 23.03.1933 wurde im Reichstag das Ermächtigungsgesetz beschlossen, am 24.03.1933 trat es durch Verkündung im Reichsgesetzblatt in Kraft. Von diesem Tag an konnte Hitler mit diktatorischen Vollmachten ohne Kontrolle durch das Parlament herrschen. Die Nationalsozialisten hatten auch vorher schon Juden in Deutschland drangsaliert und verfolgt. Wer politisch einigermaßen wach war, musste sofort erkennen, dass es den deutschen Juden, da Hitler nun mit einer enormen Machtfülle ausgestattet war, nicht besser, sondern mit Gewissheit noch viel schlechter ergehen würde.

Faksimile (Ausschnitt) in Frakturschrift: Oben Reichsgesetzblatt, dann das Datum und Berlin als Ausgabeort, darunter der Gesetzestext.

Ermächtigungsgesetz, 24.03.1933, Faksimile

Weiterhin erwecken Antisemiten den Eindruck, dies sei eine rein jüdische Aktion gewesen. Das trifft nicht zu. In der „Kriegserklärung“ erfährt man, dass im New Yorker Madison Square Garden am 27.03.1933 eine Großveranstaltung stattfinden sollte, auf der auch ein katholischer Bischof auftreten würde, um gegen die Verfolgungen der Juden in Deutschland zu protestieren; in insgesamt 300 US-Städten seien Protestveranstaltungen geplant. Amerikanische Gewerkschaften und viele andere nichtjüdische Organisationen schlossen sich den Protesten an.

Dies ist der historische Kontext, in dem die Proteste und Boykottaufrufe der Londoner Händer zu sehen sind. Die bedrohliche Schlagzeile, die der Daily Express über den Bericht setzte, würde man heute wohl als „click bait“ bezeichnen. Der Bericht erwähnt das Ermächtigungsgesetz zwar nicht ausdrücklich, streift aber zumindest den Zusammenhang zur Verfolgung der Juden in Deutschland und erwähnt auch die vielfältigen Proteste von Nichtjuden in verschiedenen Ländern.

Wenn Antisemiten die angeblichen jüdischen Kriegserklärungen heranziehen, um das gesamte Judentum als bösartige Feinde Deutschlands und als Aggressoren zu beschreiben, unterschlagen sie, dass

Widersprüchliche Positionen der Revisionisten

Wer trotz alledem noch behaupten möchte, es hätte im März 1933 eine „jüdische Kriegserklärung“ gegeben, sollte zunächst den Text der Kriegserklärung selbst vorlegen können, denn der namentlich nicht gekennzeichnete Zeitungsartikel im Daily Express war ja höchstens ein Bericht über eine Kriegserklärung.

Als Nächstes wäre zu klären, welche jüdischen Einzelpersonen oder Organisationen am Jewish Board of Deputies vorbei entscheiden konnten, Deutschland den Krieg zu erklären und die Erklärung im Daily Express zu veröffentlichen. Eine „Kriegserklärung“ der Juden, die diesen Namen verdient, kann nicht von irgendeinem einsamen Sonderling gekommen sein. Sie muss von einflußreichen Personen und Gruppen beschlossen und verkündet worden sein, und diese Leute haben Namen. Wer behauptet, es hätte eine Kriegserklärung gegeben, sollte die Urheber nennen können.

Aus dem Daily Express geht dies nicht hervor, denn dort werden keine Namen genannt. Andere Quellen gibt es offenbar nicht, und so entpuppt sich die Überschrift „JUDEA DECLARES WAR ON GERMANY“ rasch als reißerischer Aufmacher über einem Text, der eine ganz andere Geschichte erzählt.

Gelegentlich wird auch behauptet, der Artikel selbst sei die Kriegserklärung gewesen. Aber, so muss man die „Revisionisten“ sofort fragen, was war das denn das für eine seltsame „jüdische Kriegserklärung“ aus London, in der man lesen kann, dass die Vertretung aller britischen Juden überhaupt noch keine Entscheidung getroffen hatte?

Aufschlussreich ist auch ein Blick nach Deutschland. Die folgenden Fragen sind dabei von besonderem Interesse:

  1. Haben Hitler und seine Helfer den Boykottaufruf als Kriegserklärung verstanden?
  2. Gab es in den Augen der Machthaber des Dritten Reichs eine militärische Bedrohung, die eine militärische Reaktion erfordert hätte?

Beide Fragen können mit „Nein“ beantwortet werden. Eine völkerrechtlich verbindliche Kriegserklärung kann nur von einer Regierung ausgesprochen werden, der auch die Machtmittel – nach innen wie nach außen – zur Verfügung stehen, diese Erklärung in kriegerische Handlungen umzusetzen. Diese Umstände waren 1933 nicht gegeben. Es gab keine jüdische Regierung, es gab keinen jüdischen Staat, und es gab erst recht keine jüdischen Truppen, die für einen Angriff auf Deutschland mobilisiert worden wären.

Der Führung des Dritten Reichs war dies bewusst, und so lautete die Sprachregelung, soweit es um internationale Reaktionen auf die Ausschreitungen gegen deutsche Juden ging, denn auch „Greuelhetze“. In keiner nationalsozialistischen Veröffentlichung aus der damaligen Zeit ist von „Kriegserklärung“ oder „Kriegszustand“ die Rede.

Der „Abwehrboykott“

Am 1.4.1933 sollte – angeblich als Antwort auf die Boykottaufrufe aus London – in ganz Deutschland ein sogenannter „Abwehrboykott“ gegen jüdische Geschäftsleute stattfinden. Diese Aktion wurde am 4.4.1933 für beendet erklärt.

Der deutsche Abwehrboykott wird also am Mittwochvormittag nicht mehr aufgenommen, da er überflüssig geworden ist.

Deutsche Allgemeine Zeitung, 4. April 1933
zit. n. I. Brodersen, Wie die Deutschen (…)

Es wäre allerdings ein Irrtum, wollte man annehmen, dass der Konflikt erst mit dem Artikel im Londoner Daily Express am 24.3.1933 begonnen hätte. Der Boykottaufruf der NSDAP gegen jüdische Geschäftsleute in Deutschland war alles andere als eine Abwehrmaßnahme und erst recht keine Reaktion auf die Londoner Boykottaufrufe.

Er war vielmehr nur ein Punkt in einer langen Reihe von diskriminierenden Maßnahmen gegen deutsche Juden, denn bereits seit Mitte der zwanziger Jahre gab es eine von der NSDAP organisierte Boykottbewegung gegen jüdische Geschäftsleute.

Die antisemitische Boykottbewegung ist in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ausgeweitet worden.

Wolfgang Benz, Die Juden in Deutschland, S. 272/277

Wenn Auschwitzleugner mit den „jüdischen Kriegserklärungen“ argumentieren, bringen sie sich regelmäßig selbst in eine Zwickmühle: Einerseits stellen sie die Juden als üble Kriegstreiber dar, die strenge Vergeltung und womöglich sogar den Tod verdient hätten, andererseits versuchen sie, den Eindruck zu erwecken, den Juden sei im Dritten Reich überhaupt nichts Böses zugestoßen.

Ein amerikanischer Usenet-Teilnehmer hat das widersprüchliche und unehrliche Credo der Auschwitzleugner einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

  1. Der Holocaust ist nicht passiert.
  2. Er sollte schnellstens wiederholt werden.

Quellen und Verweise

Begleittext zum Ermächtigungsgesetz
Das Portal 1000 Schlüsseldokumente ergänzt das Faksimile und die Transkription des Ermächtigungsgesetzes durch einen ausführlichen begleitenden und erklärenden Text von Thomas Raithel und verweist auf weiterführende Literatur.
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