Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Joachim Hoffmann Gutachten für Germar Rudolf

Ein Historiker vergisst sein Handwerk

Auf dem kleinen Schwarzweißfoto ist der Historiker in Schlips und Anzug zu sehen.

Joachim Hoffmann

Germar Rudolf habe ihn, so erklärt Hoffmann zu Beginn seines Textes, um eine gutachterliche Stellungnahme zu dem von Rudolf (unter dem Namen Ernst Gauss) herausgegebenen Sammelband Grundlagen zur Zeitgeschichte gebeten.

Als Historiker und langjähriger Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, so fährt Hoffmann fort, sei er kompetent und sachverständig genug, um sich über das vorliegende Werk zu äußern, auch wenn ihm die Autoren nicht bekannt seien, was aber nicht weiter verwundert, weil es sich in einigen Fällen lediglich um Pseudonyme von Germar Rudolf handelt.

Hoffmann sei also befugt, sich zu äußern, und er äußert sich so:

Das vorliegende Werk, wie völlig richtig bemerkt, gibt keinen Gesamtüberblick über den Verlauf der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg. Behandelt werden vielmehr herausgehobene Einzelthemen über strittige und kontroverse Fragen der Judentötungen. Die verschiedenen Beiträge sind fachgerecht und überwiegend in einem untersuchenden Stil geschrieben.

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Das ist nun wirklich erstaunlich, denn im Abschnitt „Streitpunkt Judenvernichtung – Eine Einleitung“ wartet Germar Rudolf unter dem Namen Ernst Gauss mit einigen ziemlich unverfrorenen Unwahrheiten und Verdrehungen auf. Sollte Hoffmann tatsächlich völlig übersehen haben, was Rudolf da treibt? Sollte er trotz seiner langjährigen Berufserfahrung nicht die Quellenfälschungen durchschauen können, zu denen Rudolf gegriffen hat? Das ist kaum zu glauben. Entweder Hoffmann hat nicht gründlich genug gelesen oder er sieht absichtlich darüber hinweg und ist in seinem Urteil nicht ehrlich.

Weiter heißt es da:

Der Anmerkungsapparat läßt, was Ausführlichkeit und Vollständigkeit angeht, wenig zu wünschen übrig und ist für den Suchenden überaus hilfreich, zumal da auch die Gegenliteratur ohne Einschränkung angezogen ist.

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Wie bitte? In der Geschichtswissenschaft gibt es keine „Gegenliteratur“. Es gibt sauber erarbeitete Beiträge, die das Wissen erweitern, und unwissenschaftliche Texte von „Revisionisten“. Das Urteil der Unwissenschaftlichkeit ist dabei nicht vom angeblich unerwünschten Ergebnis her gedacht, sondern es beruht vielmehr auf der Tatsache, dass „Revisionisten“ die handwerklichen Regeln der Geschichtswissenschaft notorisch missachten und deshalb zwangsläufig zu falschen Ergebnissen kommen.

Der Titel eines Aufsatzes auf nizkor.org bring dies treffend auf den Punkt: „Die Techniken der Holocaustleugnung: Die ‚Wissenschaft‘ der Leugnung und die Verleugnung der Wissenschaft“ [vgl. Mike Stein, The Techniques of Holocaust Denial: The “Science” of Denial, the Denial of Science].

An der Unwissenschaftlichkeit der „revisionistischen“ Texte kann auch ein wissenschaftlich anmutender Anmerkungsapparat nichts ändern. Kaum zu glauben, dass Hoffmann darauf hereingefallen ist und nicht bemerkt hat, was Rudolf da zitiert:

Diese Auswahl ist allein dem Vorwort entnommen, in dem bereits mehrere typische rechtsextremistische Argumentationsfiguren auftauchen. Sollte Hoffmann wirklich nicht bemerkt haben, dass in diesem Text sein Historikerkollege Broszat in Zusammenhang mit den Gaskammern im Altreich auf eine äußerst unredliche Weise missverstanden wird? Sollte ihm wirklich entgangen sein, dass Rudolf mit seinem Verweis auf die jüdischen Kriegserklärungen tief in den Fundus antisemitischer Propaganda greift?

Offenbar ist Hoffmann all dies entgangen, den er bescheinigt Germar Rudolf und den anderen Autoren, sie hätten sauber gearbeitet:

Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes sind folgerichtig und sachlich-darstellend aufgebaut (…) Durchgängig ist jedenfalls ein auf neue Erkenntnis gerichtetes Bemühen feststellbar und spürbar. Der Charakter der Wissenschaftlichkeit kann diesem Sammelwerk von daher nicht abgesprochen werden (…)

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Hoffmann scheint allerdings die „revisionistische“ Geschichtsbetrachtung stark verinnerlicht zu haben, denn er schließt gleich danach einen Gedankengang an, den jeder Holocaustleugner sofort unterschreiben würde:

Vielleicht aber wäre es, um jedes Mißverständnis auszuschließen, ratsam gewesen, diese Dinge eindeutig beim Namen zu nennen und klarzustellen, daß es heute bei einer wissenschaftlichen Kontroverse nicht mehr um die Massentötungen an sich, sondern nur noch um die Opferzahlen und um die Methodik des Mordens gehen kann. In dieser Hinsicht allerdings sind freilich noch gewichtige Modifikationen zu erwarten.

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Was anfangs noch wie eine distanzierende Kritik an Rudolfs Werk daherkommt, gerät im Endeffekt dann doch zur Unterwerfung unter das „revisionistische“ Credo, dass die Opferzahlen jeden Augenblick „fallen“ werden und dass die „Vergasungslüge“ bald zusammenbrechen werde.

Nichts davon ist wahr, und als Historiker sollte Hoffmann eigentlich über den Stand der Geschichtswissenschaft informiert sein. Tatsächlich wurden die Zahlen der Opfer in den letzten Jahrzehnten aufgrund neuer Erkenntnisse sogar leicht nach oben korrigiert, und dies kann Hoffmann nicht entgangen sein, zumal sich ein großer Teil der Massenmorde im eroberten Teil der Sowjetunion abgespielt hat, also in jenem Gebiet, für das Hoffmann sich als ganz besonders kompetent empfiehlt:

Seit fast drei Jahrzehnten bin ich dienstlich ausschließlich mit Fragen des deutsch-sowjetischen Krieges befaßt gewesen.

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Vollends absurd wird es, wenn Hoffmann so tut, als ginge die Zahl von etwa sechs Millionen jüdischen Opfern ausschließlich auf eine einzige Aussage des SS-Mannes Hoettl und auf Behauptungen des russischen Propagandisten Ehrenburg zurück. Bei einem anderen Verfasser könnte man einen Irrtum annehmen. Bei einem Historiker wie Hoffmann muss man arglistige Täuschung unterstellen.

Ein heute noch wichtiges Grundlagenwerk ist die Anfang der sechziger Jahre erschienene Arbeit Die Vernichtung der europäischen Juden von Raul Hilberg. Auf weit über eintausend Seiten kommt Hilberg mit detaillierten Untersuchungen zu einer Gesamtzahl von 5,1 Millionen jüdischen Opfern. Hilbergs Buch wurde bereits Anfang der sechziger Jahre veröffentlicht. Die Zahl von 5,1 Millionen Opfern musste in den letzten Jahren, wie schon angedeutet, nach oben korrigiert werden, und heute geht man von knapp unter bis knapp über sechs Millionen jüdischen Opfern aus.

Die Zahl der jüdischen Holocaust-Opfer ist also seit vier Jahrzehnten weitgehend stabil und wurde von verschiedenen Forschern mit verschiedensten Methoden immer wieder verifiziert. Auch dies muss Hoffmann bekannt sein, und es spricht nicht für seine Redlichkeit, wenn in seinem Text der Name „Hilberg“ nicht einmal erwähnt wird, und wenn er obendrein grob irreführend den Anschein erweckt, die Zahlen der jüdischen Opfer seien nicht historisch gesichert, sondern beruhten auf fragwürdigen propagandistischen Behauptungen oder womöglich unzuverlässigen Zeugenaussagen.

Nach alledem verwundert es kaum noch, dass Hoffmann schließlich noch die Vier Millionen von Auschwitz heranzieht. Auch dies ist ein Griff in die Trickkiste der Holocausteugner, und wenn man schon einmal so weit gegangen ist, dann darf auch die „Seifen-Lüge“ nicht fehlen:

Es sei nur auf die bis vor kurzem besonders in Deutschland verbreitete, inzwischen aber selbst von Yad Vashem dementierte Behauptung verwiesen, die Deutschen hätten aus den Körpern ermordeter Juden fabrikmäßig Seife hergestellt, eine Fälschung, die ebenfalls der sowjetischen Kriegspropaganda entstammt.

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Wie sich leicht nachweisen lässt, ist auch dies eine bewusste Irreführung der Leser. Die enge Anlehnung an den vom Altnazi Remer und Germar Rudolf herausgegebenen Text Die Zeit lügt ist zudem unübersehbar.

Auch in den letzten Absätzen findet Hoffmann wieder einige lobende Worte für Germar Rudolfs „revisionistische“ Bemühungen:

Eine Unterdrückung dieser sorgfältig belegten Untersuchung aber würde einer gewaltsamen Behinderung des legitimen Strebens nach wissenschaftlicher Erkenntnis gleichkommen.

Joachim Hoffmann, „Gutachten für Germar Rudolf“

Zustimmen kann man der Forderung, dass missliebige Texte nicht einfach unterdrückt werden sollten.

Entschieden widersprechen muss man der Behauptung, Rudolf hätte nach wissenschaftlicher Erkenntnis gesucht und sein Werk sei „auf einem respektablen Niveau angesiedelt“, wie Hoffmann es ausdrückt.

Kleine Abbildung des roten Buchcovers. Autor und Titel in weißer Serifenschrift.

Joachim Hoffmann, Stalins Vernichtungskrieg, Buchcover

In Wahrheit hat Rudolf die ganz normale „revisionistische Wahrheitssuche“ betrieben: Er hat mit Verdrehungen und Fälschungen eine Klientel bedient, in deren Dunstkreis sich ein ehemaliger wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamts eigentlich nicht blicken lassen sollte.

Allerdings könnte der Zeitrahmen von Bedeutung sein: Joachim Hoffmann ist 1995 beim renommierten Militärgeschichtlichen Forschungsamt ausgeschieden, und im September desselben Jahres hat er das hier besprochene „Gutachten“ verfasst. Etwa zur gleichen Zeit erschien im rechtslastigen Herbig-Verlag sein Buch Stalins Vernichtungskrieg, in dem er ähnliche „revisionistische“ Kabinettstückchen zum Besten gibt; dort deutet er auch an, in Auschwitz könne lediglich eine Zahl von 74.000 Opfern als gesichert gelten [vgl. auch Joachim Hoffmann: Sterbebücher].

Bis heute sind mir keine Einwände von Hoffmann dagegen bekannt, dass sein wohlwollendes „Gutachten“ ausgerechnet in Rudolfs Leugner-Publikation Vierteljahreshefte freie Geschichtsforschung erschien. Im vorliegenden Band 1997/3 befindet sich Hoffmann dort als Mitautor im Kreis einschlägig bekannter Holocaustleugner und Antisemiten wie Jürgen Graf und Bradley F. Smith (CODOH).

Quellen und Verweise