Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Richard Korherr Der Korherr-Bericht

Eine Statistik der Vernichtung

Im Januar 1943 erteilte Heinrich Himmler den Auftrag, eine Statistik der Massenvernichtung zu erstellen. Dazu forderte er aus dem Innenministerium den Versicherungsmathematiker Dr. Richard Korherr an, der die Daten zur „Endlösung der Judenfrage“ im Korherr-Bericht zusammenfasste.

Ein älterer, freundlich dreinblickender Herr sitzt an einem Tisch, vor ihm geöffnete Aktenordner und Papiere.

Richard Korherr

Der nützliche Technokrat

Korherr „galt als Technokrat, der ganz in seiner Arbeit aufging“ (Enzyklopädie des Holocaust, S. 800), und der Historiker Reitlinger bezeichnet Korherrs Bericht als „vollkommen objektiv“ (Endlösung, S. 559) und hält ihn für eine zuverlässige Quelle für die Massenvernichtung.

Eichmann bestätigte bei seinem Prozess in Jerusalem, wie nützlich der „Korherr-Bericht“ bei der Planung der „Endlösung“ für ihn war, denn mit der Hilfe dieser Daten konnte er Transportkapazitäten, das benötige Personal und die aus seiner Sicht jeweils günstigsten Zielorte der Deportationen bestimmen [vgl. Enzyklopädie, S. 800].

Gegen die erste Fassung des Berichts hatte Heinrich Himmler Einwände. Er ordnete an, dass der Begriff Sonderbehandlung nicht verwendet werden durfte. Korherr änderte die Formulierungen, doch an einer Stelle blieb das Wort stehen. Korherr verfasste im März und April zwei Fassungen des Berichts von jeweils 16 und 6 Seiten Länge.

Später, nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes, behauptete Korherr zwar, er habe nichts von den Massentötungen gewusst, und die Zahlen seien übertrieben; Reitlinger machte an der erwähnten Stelle jedoch deutlich, dass die Angaben in Wirklichkeit sehr zuverlässig sind.

Der mörderische Kontext

In gewisser Weise war der Korherr-Bericht die Erfolgsmeldung zu den im Wannsee-Protokoll umrissenen Mordplänen [vgl. auch Wannsee-Konferenz]. Diese Statistik schlägt eine Brücke zwischen den im Januar 1942 vorausgesetzten Zahlen und den bis Anfang 1943 tatsächlich durchgeführten Vernichtungen.

Auffällig ist hier auch, dass in der Langfassung des Berichts mit auf die letzte Stelle genau jene Zahl erscheint, die im sogenannten Höfle-Telegramm die Massenmorde der sogenannten „Aktion Reinhardt“ zusammenfasste.

Ein Ausschnitt aus einem Telegramm, schwarze Schreibmaschinenschrift auf weißem Grund.

Ausschnitt aus dem Höfle-Telegramm: Bisher 1.274.166 Opfer der Massenmorde.

Verräterische Formulierung

Der letzte Absatz der kürzeren Fassung des Korherr-Berichts ist besonders interessant, weil er eine Formulierung enthält, die auf raffinierte Weise verschleiernd und dennoch entlarvend ist:

Insgesamt dürfte das europäische Judentum seit 1933, also im ersten Jahrzehnt der nationalsozialistischen Machtentfaltung, bald die Hälfte seines Bestandes verloren haben. Davon ist wieder nur etwa die Hälfte, also ein Viertel des europäischen Gesamtbestandes von 1937, den anderen Erdteilen zugeflossen.

Korherr-Bericht, Kurzfassung, letzter Absatz

Die Hälfte des Judentums war also „verloren“, davon wieder die Hälfte durch Auswanderung. Ein Viertel der europäischen Juden hatte demnach Europa verlassen, ein weiteres Viertel hatte Europa aber nicht verlassen und galt dennoch als „verloren“.

Wenn jemand „verloren“ ist, dann kann das heißen, er ist nicht mehr da. Für die erste Gruppe – die der Auswanderer – ist das zweifellos richtig. Sie waren für das europäische Judentum „verloren“, weil sie Europa verlassen hatten.

Bei der zweiten Gruppe bekommt das Wort „verloren“ allerdings eine ganz andere Bedeutung. Die NS-Täter verfolgten etwa ab 1940 die Politik, die Juden an möglichst wenigen Punkten in großen Ghettos zu konzentrieren. Diese Konzentration war eine aus logistischer Sicht sinnvolle Vorstufe der Vernichtung. Die Ghettos wurden scharf überwacht, und wer das Ghetto ohne Erlaubnis verließ, konnte auf der Stelle erschossen werden.

Ende 1942 hatten die Nationalsozialisten fast ganz Europa besetzt, und aus allen Ländern wurden Juden deportiert. Natürlich geschah dies unter strenger Aufsicht der NS-Herrscher, denn es war Krieg, und Hitlers Truppen mussten jederzeit mit Feindseligkeiten und Sabotage rechnen.

Wie sollen die Nationalsozialisten nun ausgerechnet in dieser Zeit, in der die Juden strengstens beaufsichtigt wurden, ein Viertel aller europäischen Juden – wir reden hier über Millionen von Menschen – einfach „verloren“ haben? Das ist undenkbar, denn die Nazis hatten sich ja gerade – ganz im Gegenteil – große Mühe gegeben, alle Juden zu finden und in ihre Gewalt zu bekommen.

Das Wort „verloren“ muss hier in seiner anderen Bedeutung verstanden werden. „Verloren“ kann hier nichts anderes heißen, als dass die Menschen gestorben sind; und sie sind nicht irgendwie gestorben, sondern wurden ermordet.

Es mag lächerlich und übertrieben pedantisch scheinen, wenn ich diesen Punkt derart ausführlich betone und begründe, aber angesichts der Interpretationsakrobatik, zu der die Holocaustleugner neigen, hielt ich es für notwendig, von vornherein dem Einwand den Wind aus den Segeln zu nehmen, einige Millionen Juden wären tatsächlich „verloren“ worden, wie man ein Taschentuch verliert, und beispielsweise heimlich nach Asien entkommen – womöglich aus streng bewachten Ghettos heraus und an der deutsch-russischen Front vorbei; vielleicht nicht unbedingt zu Fuß, denn wir reden hier über Tausende von Kilometern, aber eventuell doch irgendwie unbemerkt in den Zügen, die nach Osten zur Front gefahren sind.

Weggerechnete Opfer

Was hier wie ein geschmackloser Scherz klingen könnte, ist bitterer Ernst. Es gibt tatsächlich Holocaustleugner, die behaupten, in Sibirien seien Millionen von Juden „aufgetaucht“. Wenn sie aber dort aufgetaucht sein sollen, dann müssen sie vorher unter den gerade eben umrissenen Bedingungen nach Sibirien geflohen sein – und das würde voraussetzen, dass sie im Sinne der ersten Bedeutung des Wortes „verloren“ wurden, dass sie also einfach unbemerkt und aus freien Stücken verschwunden sind. Die „Logik“ der Leugner: Wer nicht mehr da war, konnte auch nicht ermordet werden.

Es gibt, nebenbei bemerkt, auch eine Art „Gegen-Statistik“ der „Revisionisten“ von Walter Sanning (d.i. Wilhelm Niederreiter) mit dem Titel Die Auflösung des osteuropäischen Judentums. Mit vielen Zahlen und Tabellen will das Buch genau dies belegen: Die meisten Juden seien gar nicht in Reichweite der NS-Täter gewesen und konnten daher auch nicht ermordet werden. Dass dieses Werk eine „revisionistische“ Meisterleistung ist, erkennt man unter anderem daran, dass der Name Korherr im ganzen Buch kein einziges Mal vorkommt.

All diese Ideen der Holocaustleugner sind genauso gut bewiesen wie das rosa Einhorn in meinem Keller. Die historisch gesicherte Erklärung für die „verlorenen“ Juden ist natürlich die, dass sie erst in Ghettos konzentriert und dann in Zügen in die Vernichtungslager befördert wurden.

Korherr war die Situation in Europa bekannt, und ich bin überzeugt, dass Korherr die zweideutige Formulierung absichtlich verwendet hat, um mit einem Wort beide Gruppen gleichzeitig zu erfassen: Die eine Gruppe, die „verloren“ wurde, weil sie auswandern konnte, und die andere Gruppe, die Opfer genau jener Gaskammern wurde, von denen Korherr angeblich nichts wusste.

Quellen

Siehe auch