Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Luftkrieg: Alliierte Angriffe auf Dresden im Februar 1945

Wie Geschichtsfälscher deutsche Opfer instrumentalisieren

BEHAUPTUNG:

Trifft es zu, dass bei den alliierten Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945 mehrere hunderttausend Menschen getötet wurden?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das trifft nicht zu. Zwar werden die Angriffe selbst teils sehr kritisch bewertet, aber die Geschichtswissenschaft weiß, dass bei diesen Angriffen etwa 25.000 Menschen starben. Überhöhte und unbelegte Zahlen werden vor allem von Geschichtsrevisionisten verbreitet.

Ein Blick über die zerstörte Innenstadt von Dresden. Überall Ruinen, kein intaktes Haus ist zu erkennen.

Dresden 1945, zerstörte Innenstadt, Bundesarchiv, Bild 183-Z0309-310 / G. Beyer / CC-BY-SA 3.0

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde Dresden durch alliierte Luftangriffe stark zerstört. Diese Angriffe werden sehr unterschiedlich bewertet. Manche halten sie für grausam und unnötig, andere vertreten die Ansicht, die Angriffe seien aus strategischen oder taktischen Gründen notwendig gewesen. Es sind gewiss nicht nur Rechtsextremisten, die das Vorgehen der Alliierten kritisch sehen, aber bei allen Kontroversen hinsichtlich der Bewertungen herrscht in der Geschichtswissenschaft Einigkeit über die Fakten selbst. An dieser Stelle scheren Rechtsextremisten jedoch immer wieder aus. Sie missbrauchen die zivilen Opfer der Angriffe und binden sie in ihre Versuche ein, eine Täter-Opfer-Umkehrung vorzunehmen und Deutschland als unschuldiges Opfer feindlicher Mächte darzustellen.

Unbelegte Zahlenangaben der Holocaustleugner

Die meisten Zahlen, die von Rechtsextremisten genannt werden, haben keine sachliche Grundlage; mitunter gehen sie sogar direkt auf die damalige Propaganda der Nazis zurück. Auf den Seiten des National Journal beispielsweise wurden 500.000 Tote genannt, bei Germar Rudolf sind es 150.000 bis 200.000, anderer Stelle wieder 200.000 bis 300.000 Opfer.

Bei Jürgen Graf sind es in Der Holocaust im Klassenzimmer wiederum 250.000 Tote. Interessanterweise führt Graf in seinen Anmerkungen das Buch Der Untergang Dresdens von David Irving auf. Im Vorwort des Buch werden 135.000 Tote genannt, anderswo wieder 100.000 bis zu 250.000 Opfer. Graf begründet nicht, warum er sich für Irvings höchste Zahl entscheidet und die anderen unerwähnt lässt.

Der Holocaustleugner Ernst Zündel, der vom Verkauf „revisionistischer“ Propaganda lebte, sprach vom „wirklichen Holocaust namens Dresden“ und nannte mehr als 300.000 Opfer. Beim IHR, der kalifornischen Denkfabrik der Holocaustleugner, findet man eine Zahl von 200.000 Opfern, wie üblich ohne Quellenangabe.

Richard Harwood, dessen Werk Starben wirklich sechs Millionen? auf Ernst Zündels Website abrufbar war, bezieht sich wiederum auf David Irving und nennt 135.000 Opfer.

Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Eine Zusammenstellung wie diese – eine Liste stark voneinander abweichender Zahlen für ein und dasselbe Ereignis – ist für die Holocaust-Leugner normalerweise ein ausreichender „Beweis“, um die Realität des Ereignisses grundsätzlich in Frage zu stellen.

In Bezug auf den Holocaust tun sie das oft mit Zahlen, die sie selbst fabriziert haben, um solche (Schein-)Widersprüche überhaupt erst aufbauen zu können. Die Daten der seriösen Historiker geben in dieser Hinsicht nicht viel her, denn sie weichen seit Jahrzehnten nicht mehr wesentlich voneinander ab.

Damit entsteht die absurde Situation, dass die Holocaust-Leugner zu zwei Ereignissen stark schwankende, unbelegte und nicht überprüfbare Zahlen produzieren. Im ersten Fall benutzen sie die von ihnen selbst fabrizierten Zahlen, um das Ereignis wegzudiskutieren, im zweiten Fall benutzen sie die auf ähnlich unseriöse Weise entstandenen Zahlen hingegen, um das Ereignis zu „beweisen“.

Ein wesentlicher Arbeitsschritt, der es der Geschichtswissenschaft ermöglicht, im Laufe der Zeit zu sehr präzisen Resultaten zu kommen, entfällt in der Literatur der Holocaust vollkommen. Es ist ein Prozess, der englisch als „peer review“ bezeichnet wird – die kritische Auseinandersetzung mit den Aussagen der Fachkollegen. Bei den Geschichtsfälschern ist anscheinend jede Opferzahl zu Dresden willkommen, solange sie nur (gefühlt) hoch genug ist.

Unvollständige Übersicht der „revisionistischen“ Zahlenangaben

25.000 Opfer
David Irving nannte schon 1966 in einem Leserbrief an die Londoner Times die korrekte Zahl.
80.000 – 150.000 Opfer
Wolfgang Schaarschmidt in einem Interview auf bombenkrieg.net. Diese Website wird laut Impressum von der rechtsextremen Zeitung Junge Freiheit betrieben. Schaarschmidts Aussagen wurden von der Dresdener Historikerkommission verworfen, die Junge Freiheit hält es aber offenbar nicht für angebracht, die aktuellsten Forschungsergebnisse in irgendeiner Weise zu berücksichtigen. In einer tabellarischen Übersicht der Opfer in verschiedenen Städten wird für Dresden eine Zahl von 35.000 bis 250.000 genannt. Eine Begründung, warum die Junge Freiheit von dem auf ihren eigenen Seiten zitierten Schaarschmidt nun doch abweichen möchte, sucht man vergebens. Schaarschmidts Zahlen wurden außerdem unkritisch in einer Veröffentlichung des Compact-Magazins recycelt.
100.000+

Dr. A. R. Wesserle, „Der Blitz – Ein USA-Historiker über den Luftkrieg 1939-1945“, in: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 30(1) (1982), S. 18f (erscheint im rechtsextremen Grabert-Verlag).

Auch in: David Irving, Von Guernica bis Dresden, FPP 2002, S. 61,123.

135.000 Opfer
Diese Zahl stammt aus David Irvings Buch Der Untergang Dresdens.
„Einäscherung von mindestens 135.000 Menschen“
The Barnes Review, Februar 1995
100.000 – 250.000 Opfer
Ebenfalls David Irving in der 1966 erschienenen Ausgabe seines Buchs; Joachim Nolywaika orientiert sich in Die Sieger im Schatten ihrer Schuld an Irvings Vorgaben, ebenso Richard Harwood (d. i. Richard Verall) in Did Six Million Really Die?, dt. Starben wirklich sechs Millionen?; außerdem weitere Autoren.
200.000+

Unabhängige Nachrichten 3/1990; der Text sei die Dokumentation eines Artikels von Ulrike Meinhoff in der TAZ vom 14.02.1990 aus dem Jahr 1965.

Thies Christophersen, Die Auschwitz-Lüge, S. 8.: In einer einzigen Nacht seien „in Dresden mehr wehrlose und unschuldige Deutsche, Kinder, Frauen, Greise und vor allem Verwundete umgekommen, als in allen KZ's Juden während der NS-Zeit!“

202.040 Opfer
Auch diese Zahl wurde von David Irving verbreitet. Sie beruht auf einem gefälschten Polizeibericht von 1945 und geht offenbar auf Goebbels' Propagandaministerium zurück. Die Nazis hatten an die Zahl von 20.204 Opfern im Bericht eine Null angehängt.
250.000
Jürgen Graf, Todesursache Zeitgeschichtsforschung, (Online-Version, keine Seitenzahl).
135.000 – 300.000
Kevin Alfred Strom in einem Online-Artikel.
200.000 – 300.000
Ernst Gauss (d. i. Germar Rudolf), Vorlesungen über Zeitgeschichte, Grabert, 1993 (Online-Version, keine Seitenzahl). In der Fußnote verweist Rudolf auf David Irvings Buch Der Untergang Dresdens als Quelle, ohne die Diskrepanzen zu erklären.
300.000
Willie Martin, "1001 Quotes By and About Jews, Nr. 24".
350.000 – 400.000
Franz J. Scheidl, Geschichte der Verfemung Deutschlands, Band 6, S. 251, dort zitiert nach einem anonymen Bericht.
Hunderttausende
Dipl.-Ing. Wolfgang Fröhlich, „Ein Verfahrenstechniker zu Vergasungsbehauptungen“, in: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 2000/1, S. 57. Die VffG wurden von Germar Rudolf herausgegeben, als „Leiter der Fremdsprachenredaktion“ ist Jürgen Graf ausgewiesen. Auch hier keine kritische Kommentierung der abweichenden Zahlen.

Was ist wirklich in Dresden passiert?

Da es für die meisten oben erwähnten Angaben keine überprüfbare Grundlage gibt, erübrigt sich die weitere Diskussion. Eine Auseinandersetzung mit den Zahlen wäre nur möglich, wenn man nachvollziehen könnte, auf welchen Quellen sie beruhen. Eine der wenigen Konstanten ist die Zahl von 135.000 Opfern, die im Vorwort von David Irvings Buch Der Untergang Dresdens erscheint.

Trümmer und zerstörte Häuser, im Vordergrund ein Berg von Leichen nach den alliierten Bombenangriffen.

Dresden 1945, Tote nach den alliierten Bombenangriffen, Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA 3.0

David Irving, von jeher ein Hitler-Apologet, driftete irgendwann endgültig ins Lager der Holocaustleugner und schrieb schließlich auch das Vorwort für die englische Ausgabe des Leuchter-Report. Er gilt bei vielen Holocaustleugnern als Autorität und glaubwürdiger Fachmann.

Allerdings korrigierte Irving seine oben zitierte Angabe schon vor langer Zeit, nur um sie später doch wieder zurückzunehmen – ein erratisches Verhalten, das bei Holocaustleugnern prinzipielle Einwände hervorruft, sofern es nicht gerade bei einem der ihren festzustellen ist.

In seinem Gutachten für Deborah Lipstadt im Prozess gegen David Irving wies der Historiker Richard Evans nach, dass Irving auch in Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens nicht auf Fälschungen und grobe Verzerrungen verzichten konnte [vgl. Jürgen Langowski, Argumente gegen Auschwitzleugner, S. 185.]

In einem Leserbrief an die Londoner Times vom 7. Juli 1966 erläuterte Irving, wie die falschen Angaben in seinem Buch entstanden seien. Inzwischen sei er jedoch im Besitz eines Polizeiberichts vom „Höheren SS- und Polizeiführer Elbe“, der einen Monat nach dem Angriff auf Dresden herausgegeben wurde, und in diesem Bericht würden 25.000 Opfer aufgeführt.

Die Authentizität dieses Berichts, so Irving in seinem Leserbrief, sei für ihn „über jeden Zweifel erhaben“, und er meint, die vorher verbreiteten unzutreffenden Zahlen seien „wahrscheinlich im Jahre 1945“ gefälscht wurden (also offenbar von der NS-Propaganda selbst).

Mit dieser Zahl von 25.000 Opfern der Angriffe auf Dresden lag David Irving (auch wenn er später wieder davon abrückte und wider besseres Wissen andere Zahlen nannte) in der Größenordnung, die unter Historikern als Stand der Forschung gilt; vergleichbare Angaben sind beispielsweise auch auf den Seiten der Stadt Dresden und in einem von Wolfgang Benz herausgegebenen Buch zu finden:

Diese Berechnungen und auch die als Originalquelle 1965 aufgetauchte Meldung des Befehlshabers der Ordnungspolizei Dresden zeigen, dass die Zahl von 35.000 Bombenopfern der Realität am nächsten kommt.

Monika Mayr in Benz
Legenden, Lügen, Vorurteile, S. 62

Es geht nicht darum, die Angriffe der Alliierten zu bagatellisieren, und wie anfangs bereits angedeutet wurde, gibt es nach wie vor kontroverse Diskussionen über die Frage, wie die Angriffe zu bewerten sind.

Die Richtigstellung der Verdrehungen und Fälschungen, die von Holocaust-Leugnern verbreitet werden, hat aber mit der Bewertung der historischen Fakten nichts zu tun; hier geht es nicht um die Bewertung, sondern um Fakten selbst, die von Rechtsextremisten bestritten werden. Es geht, wie Monika Mayr an der bereits zitierten Stelle schreibt,

um ernsthafte und glaubwürdige Geschichtsschreibung, die in diesem Fall auch ohne Mammutzahlen grausam genug ist.

Benz, Legenden, Lügen, Vorurteile, S. 62

Anfang 2010 legte eine Historikerkommission der Stadt Dresden das endgültige Ergebnis einer mehrjährigen Untersuchung vor. Das Ergebnis lautet, dass bei den Luftangriffen in Dresden etwa 25.000 Menschen ums Leben kamen.

Auf S. 72 weist die Kommission zudem darauf hin, dass die oft zitierten Horrorberichte über „Tieffliegerangriffe“ und Beschuss der Menschen mit Bordwaffen größtenteils auf Propaganda aus Goebbels' Ministerium zurückgehen. Offenbar fanden diese Erzählungen auch dank David Irving große Verbreitung; Götz Bergander konnte sie jedoch als „fantasievolle Erfindungen“ entlarven [vgl. Historikerkommission, S. 73}.

So stärkte und stärkt das Tiefflieger-Motiv eine anklagende Interpretation der Luftangriffe, wie sie heute unter anderem für geschichtsrevisionistische Zielsetzungen typisch ist. Im persönlichen Erinnern nicht weniger Betroffener (und ihrer Familien) repräsentiert die Erzählung stellvertretend erlittenes Unrecht.

[…]

[Götz Bergander war] – gestützt sowohl auf deutsche und alliierte dokumentarische Überlieferungen als auch auf Augenzeugenberichte – zu dem Schluss gekommen, dass die behaupteten Massaker durch Tiefflieger nicht stattgefunden haben.

Abschlussbericht der Dresdener Historikerkommission, S. 73

Abschließend sei noch auf eine letzte Unstimmigkeit im Verhalten der Holocaustleugner hingewiesen. Germar Rudolf will den Holocaust widerlegen und behauptet, er sei als Chemiker ausschließlich der Wissenschaft verpflichtet und halte daher subjektiv gefärbte Zeugenaussagen für eine sehr schwache Beweisart, auf die man besser nicht zurückgreifen solle. Nirgends in seinen vielen Schriften ist auch nur ein Wort der Kritik an seinen Leugner-Kollegen zu finden, die unter Berufung auf Zeitzeugen von „hunderttausenden“ Opfern in Dresden ausgehen. Ein Schelm, wer hier an „Revisionismus“ denkt.

Quellen und Verweise

Der Luftkrieg