Luftkrieg: Coventry
„Englands Luftrüstung vernichtend geschlagen“
Salzburger Volksblatt, 16./17.11.1940: „Englands Luftrüstung vernichtend geschlagen“
Die Zeitungsschlagzeile ist eine Falschmeldung. Durch die Luftangriffe der deutschen Luftwaffe in der Nacht des 14/15.11.1940 wurden nicht etwa die Rüstungsbetriebe in Coventry ein für alle Mal zerstört, sondern vor allem zahlreiche Gebäude in der Innenstadt, darunter die Kathedrale.
Mehr als 550 Menschen starben bei diesem Angriff, ca. 70.000 Wohnungen wurden zerstört. Die Rüstungsbetriebe konnten nach fünf bis sechs Wochen ihre volle Kapazität wieder erreichen, die Innenstadt lag nach wie vor in Trümmern [vgl. etwa Janusz Piekałkiewicz, Luftkrieg 1933–1945, S. 113].
Zerstörte Kathedrale von Coventry, November 1940
Es leuchtet ein, dass die Nazis sehr daran interessiert waren, die Rüstungsbetriebe ihrer Feinde zu zerstören. Daraus darf man aber nicht schließen, dass die Terrorisierung der Zivilbevölkerung nicht auch in ihrer Absicht gelegen hätte. Hitler-Apologeten mögen hier einwenden, es habe sich um ein Versehen gehandelt, und sie mögen die üblichen Ausreden vorbringen, in denen von schlechter Sicht, unglücklichen Kursabweichungen, ungünstigen Windverhältnissen und so weiter die Rede ist. Glaubhaft und vor allem belegt ist das alles nicht.
Apologetisch argumentiert auch die „revisionistische“ Barnes Review im Februar 1995 unter Bezug auf Philipp Knightley:
Darüber schrieb Knightly[!]: „Coventry war in Wirklichkeit ein rechtmäßiges militärisches Ziel, das für die britische Kriegsanstrengung von zentraler Bedeutung war“
George Fowler in: The Barnes Review, Februar 1995; deutsch als „Holocaust in Dresden“, 2002.
Der Titel „Holocaust in Dresden“, von manchen Rechtextremisten auch als „Bomben-Holocaust“ formuliert, zeigt sehr deutlich, dass hier einerseits Relativierung des jüdischen Holocaust und andererseits eine Täter-Opfer-Umkehrung im Spiel sind. Das NS-Regime soll als weitgehend unschuldiges Opfer feindseliger fremder Mächte dargestellt werden.
Angeblich, so schreibt die Barnes Review, habe Churchill sogar britische Abwehrmaßnahmen verhindert:Aber Churchill verhinderte das Abfangen des Luftwaffenangriffs, weil er befürchtete, daß das den Deutschen verraten würde, daß ihr Signalschlüssel entziffert worden war. Deshalb wurde Coventry zu einer doppelten Täuschung von britischer Seite.
George Fowler, Barnes Review
Es wäre interessant gewesen, dies genauer nachzulesen. Leider verzichtet die Barnes Review hier, genau wie im übrigen Text, auf jegliche Quellenangabe.
Johannes Heyne wiederholt diese Behauptung, ebenfalls ohne Quellenangabe, in seinem Beitrag „Der wahre Brand“, Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, Juli 2004.
Zu den Herausgebern und Mitarbeitern dieser „revisionistischen“ Zeitschrift zählen übrigens Germar Rudolf, Carlo Mattogno und Jürgen Graf, die in Bezug auf den Holocaust gern „forensische Beweise“ verlangen.
Interessanterweise bewertet der „Revisionist“ David Irving den Angriff auf Coventry als „Symbol der Unmenschlichkeit“ (Von Guernica bis Vietnam, S. 57), ohne Churchill und Enigma zu erwähnen.
In Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1979/3, räumt Jürgen Rohwer mit verschiedenen unzutreffenden Darstellungen auf:
Doch war die Wirklichkeit auch hier vielschichtiger, als es die vielfach kolportierte Sensationsstory berichtet, Churchill habe eine rechtzeitige Warnung vor dem deutschen Angriff auf Coventry erhalten, die Stadt jedoch nicht warnen oder räumen lassen, um das lebenswichtige Geheimnis "Enigma/Ultra" nicht preiszugeben.
Jürgen Rohwer, Der Einfluß der alliierten Funkaufklärung auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges, S. 344
In den folgenden Abschnitten erklärt er, auf der britischen Seite habe es Missverständnisse und Fehleinschätzungen gegeben.
Tatsächlich also war zwar Coventry als eine Zielangabe unter anderen in der Intelligence aufgetreten, doch hatte die den operativen und taktischen Entscheidungen zugrundeliegende Interpretation bis zum Nachmittag des 14. 11. Ziele im Raume London für wahrscheinlicher gehalten, sodaß Churchill sogar eine angetretene Reise abbrach und in London blieb. Als dann kurz nach 15.00 Uhr die Erfassung der sich über Coventry kreuzenden Leitstrahlen durch ein Spezialflugzeug Klarheit brachte, leitete man die vorbereitete Gegenoperation "Cold Water" ein (...)
Jürgen Rohwer, „Funkaufklärung“, S. 345
Hier erfahren wir also zweierlei: Erstens unterband Churchill das Abfangen der deutschen Flugzeuge nicht vorsätzlich, und zweitens gab es in der Tat Gegenmaßnahmen, sobald klar war, dass ein Angriff auf Coventry bevorstand.
Die Quellen für die „vielfach kolportierte Sensationsstory“ waren offenbar F.W. Winterbotham, The Ultra Secret, London 1974, und A.C. Brown, Bodyguard of Lies, New York 1975.
Der Große Wendig (2006) bezieht sich – etwas einschränkend und vorsichtig – auf Winterbothams Buch, vergisst aber völlig, Jürgen Rohwers 1979 erschienenen Aufsatz zu rezipieren [vgl. Wendig, Band 1, S. 837]. Für ein „revisionistisches“ Werk ist das freilich nicht weiter verwunderlich.
Gleich danach bezieht sich Der Große Wendig auf Luftkrieg 1933–1945 von Janusz Piekałkiewicz (S. 133), der schrieb, die Toten in Coventry seien der Preis für die Wahrung des Geheimnisses gewesen. Ob Churchill tatsächlich aus dem oben erwähnten Grund gehandelt hat, belegt auch Piekałkiewicz nicht; er formuliert hier offenbar nur seine eigene Einschätzung. Nach heutigem Stand gab es 568 Tote, Piekałkiewicz nannte nach damaligem Stand eine etwas niedrigere Zahl.
Der Bezug auf Piekałkiewicz zeigt, wie manipulativ und apologetisch Der Große Wendig vorgeht. Einerseits macht er sich die Einschätzung des polnischen Historikers zu eigen, andererseits zitiert er unmittelbar vorher einen anderen Autor:
W. GÖRLITZ nennt [für Coventry] 380 Tote und 800 Schwerverletzte.
Der Große Wendig, Bd. 1, S. 837.
Warum benutzt der Wendig nicht die Zahlen, die der offenbar doch als vertrauenswürdig eingeschätzte Piekałkiewicz an genau dieser Stelle nennt? Die Erklärung liegt auf der Hand – Piekałkiewicz' hier durchaus korrekte Zahlen waren den Autoren zu hoch:
(…) 554 tote und 865 verletzte Einwohner von Coventry.
Janusz Piekałkiewicz, Luftkrieg 1933-1945, S. 113.
Angesichts der Herausgeberschaft – beim Wendig wirkte u.a. der Holocaustleugner Claus Nordbruch mit – ist dieses Manöver nicht weiter verwunderlich; und selbstverständlich haben sie auch Rohwers aufschlussreichen Aufsatz ignoriert.
Auf deutscher Seite fand man die zivilen Opfer und Schäden in Coventry im Übrigen keineswegs bedauerlich. Vielmehr wurde der Angriff in der deutschen Propaganda gefeiert und wurde mit der Drohung verbunden, man werde ganz England „coventrieren“.
Knapp zwei Jahre später notierte der italienische Außenminister Graf Ciano, in seinem Tagebuch:
Das einzige interessante Ereignis ist: dass die Deutschen die Intervention des Papstes erbeten haben, um die Bombardierungen offener Städte in Deutschland aufhören zu lassen. Dabei ist das Wort «coventrieren» in Deutschland geprägt worden!
Cianos ironischer Tonfall ist nicht zu überhören: Da hatten die Deutschen das hämische Wort „coventrieren“ geprägt und wurden knapp zwei Jahre später selbst in nicht unerheblichem Ausmaß „coventriert“.
Triumphierender Bericht der NS-Propaganda
Offenbar billigte das NS-Regime ausdücklich den Angriff auf die Zivilbevölkerung der Stadt und verkündete, dies in anderen Städten wiederholen zu wollen.
Die zerstörte Innenstadt von Coventry
Quellen, Verweise und weiterführende Informationen
- Janusz Piekałkiewicz, Luftkrieg 1933–1945
- Graf Galeazzo Ciano, Tagebücher 1939–1943
- Jürgen Rohwer, Der Einfluß der alliierten Funkaufklärung auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges
- Jörg Fuchs, Coventry – Ein Ort der Erinnerung