Tarnbegriffe des NS-Regimes
Die Verschleierung des Offensichtlichen
Zur Vertuschung ihrer Verbrechen benutzten die NS-Täter eine Reihe verharmlosender oder beschönigender Vokabeln. Andererseits hinterließen sie viele Aussagen und Dokumente, die erklären, was wirklich gemeint war.
- Ausrottung und Evakuierung
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Diese beiden Begriffe entschlüsselte Heinrich Himmler bei seiner Ansprache im Oktober 1943: „Ich meine die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes.“
Holocaustleugner haben immer wieder versucht, beide Begriffe umzudeuten. Wie hilflos diese Versuche sind, kann man am Beispiel des Begriffs „Ausrotten“ aufzeigen.
- Aussiedlung, Umsiedlung
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Auch hier gibt es ein Zitat, das alle Verharmlosungsversuche sofort widerlegt.
Umsiedlungsgelände: Auf dem Umsiedlungsgelände befinden sich 2 Gruben. An jeder Grube arbeitet je eine Gruppe von 10 Führern und Männern, die sich alle zwei Stunden ablösen. […] Für das Kraftfahrwesen während der Vorbereitung in Minsk, während des Transportes nach Sluzk und für die Aufsicht der Transporte der Juden vom Ghetto zum Umsiedlungsgelände ist SS-Unterstuf. Wiechert verantwortlich. Gleichzeitig ist Vorgenannter für die Gestellung der Munition zuständig. Als Patronenausgeber auf dem Umsiedlungsgelände sind SS-Mann Kraft und Rottwachtmeister Altmann zuständig.
Befehl Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Weißruthenien vom 5. 2. 1943, zit. n. Andrej Angrick u.a., Deutsche Besatzungsherrschaft in der UdSSR 1941–1945, S. 524
Eine ganz andere Art von Umsiedlung war die geplante „Germanisierung“ nach dem Generalplan Ost. Wer sehr viele Menschen tatsächlich umsiedeln und nicht ermorden will, denkt über ganz andere logistische Probleme als über einen „Patronenausgeber“ nach.
Vergleiche zur „Umsiedlung“ auch die Fahrgenehmigung zur Abholung von „Material zur Judenumsiedlung“ nach Dessau. In Dessau befand sich eine Niederlassung der Firma Degesch, die Zyklon B hergestellt hat.
- Auswanderung
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Eine Zeitlang versuchten die Nationalsozialisten tatsächlich, die Juden zur Auswanderung zu nötigen. Ende 1941 erließ Heinrich Himmler jedoch ein Auswanderungsverbot, und die Juden mussten als Gefangene im Herrschaftsbereich des NS-Regimes bleiben. Sie wurden in Ghettos konzentriert und vernichtet. Als die Tötungsanlagen der „Aktion Reinhardt“ zurückgebaut wurden, resümierte Hitlers Generalgouverneur in Polen Hans Frank auf eine ausgesprochen zynische Weise:
Hier haben wir mit dreieinhalb Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist — sagen wir einmal — ausgewandert.
Diensttagebuch Hans Frank, 02.08.1943
- Endlösung, Endlösung der Judenfrage
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Dieser Begriff taucht im Wannsee-Protokoll auf. Einwand der Holocaustleugner: Dort sei aber nicht von Töten und Massenmord die Rede, also habe der Begriff „Endlösung“ eine harmlosere Bedeutung. Außerdem müsse man auch wegen Madagaskarplans unter „Endlösung“ nicht Mord, sondern Auswanderung oder Deportation verstehen.
Die Bedeutung des Begriffs verschob sich allerdings, und zum Zeitpunkt der Wannsee-Konferenz war allen Beteiligten klar, dass damit „Mord“ gemeint war. Adolf Eichmann führte in der Villa am Großen Wannsee das Protokoll, Heydrich redigierte es. Bei seiner Verhandlung in Jerusalem sagte Eichmann:
Die Endlösung der Judenfrage selbst, also ich meine jetzt mal diesen Sonderauftrag zum Beispiel, den Heydrich bekommen hat, um es mal ganz krass zu sagen, die Tötung, war kein Reichsgesetz gewesen, das war ein Führerbefehl gewesen […]
Mit Audioclip dokumentiert unter Adolf Eichmann: Prozess in Jerusalem
- Sonderbehandlung
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„Sonderbehandlung“ (4 Teile) war einer der bekanntesten Tarnbegriffe und anscheinend auch den Holocaustleugnern so wichtig, dass Carlo Mattogno es für nötig hielt, ein ganzes Buch über die Sonderbehandlung in Auschwitz zu schreiben. Weniger wichtig war ihm, den Frankfurter Auschwitz-Prozess zu erwähnen, in dem der Begriff mehrfach unmissverständlich eingeordnet wurde. Aussagen wie die des Angeklagten Boger waren wohl zu viel Realität für die zarte „Revisionistenseele“.
Dazu möchte ich erwähnen, daß unter der „Sonderbehandlung“ damals im Lager Auschwitz das Töten eines Häftlings verstanden werden mußte.
Frankfurter Auschwitz-Prozess, S. 3370 (vgl. Blatt 9047)
Nachdem Heinrich Himmler eine statistische Übersicht der Vernichtung angefordert hatte, bemängelte er in der ersten Fassung das Wort „Sonderbehandlung“ und gab die Anweisung, dieses Wort nicht mehr zu verwenden. An einer Stelle im Text blieb es versehentlich stehen [vgl. Himmler an Korherr, 10.04.1943]. Im Korherr-Bericht taucht zudem die exakte Zahl der Opfer der „Aktion Reinhardt“ auf, wie sie mit dem Höfle-Telegramm übermittelt wurde:
Es wurden durchgeschleust durch die Lager im Generalgouvernement 1 274 166 Juden
An einer anderen Stelle fallen gleich mehrere Tarnbegriffe:
Die Evakuierung der Juden löste, wenigstens im Reichsgebiet, die Auswanderung der Juden ab. Sie wurde seit dem Verbot der jüdischen Auswanderung ab Herbst 1941 in großem Stile vorbereitet und im Jahre 1942 im gesamten Reichsgebiet weitgehend durchgeführt. In der Bilanz des Judentums erscheint sie als „Abwanderung“.
Korherr, der angeblich von nichts gewusst hat, setzte hier Anführungszeichen um das Wort „Abwanderung“, das ohne diese Hervorhebung harmlos und unauffällig geblieben wäre.
Quellen und Verweise
- Hans Frank: „[…] alles andere ist – sagen wir einmal – ausgewandert“
- Umsiedlungsaktion in Rawa-Ruska
- „Judenumsiedlung“ in Ostgalizien
- „Sonderbehandlung“ (4 Teile)
- Korherr-Bericht
Umdeutungsversuche der Holocaustleugner
- Holocaustleugner und „Sonderbehandlung“: Die „ZEIT“ lügt
- Holocaustleugner und „Sonderbehandlung“: Grundlagen zur Zeitgeschichte
- Endlösung: Johannes Peter Ney über die Wannsee-Konferenz