Zyklon B (mit / ohne Warnstoff)
Die nationalsozialistische „Schädlingsbekämpfung“
Die Firma Degesch entwickelte Zyklon B ursprünglich zur Schädlingsbekämpfung. Da warmblütige Säugetiere, zu denen biologisch auch Menschen zählen, auf das Gift HCN („Blausäure“) viel empfindlicher reagieren als Insekten, gab es eine Anleitung zum sicheren Umgang mit dem Gift. Gerhard Peters, Chemiker und Geschäftsführer der Degesch, beschrieb auf über 70 Seiten die Wirkungsweise und die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit Zyklon B.
Benutzungsanleitung für Zyklon B von Gerhard Peters, 1933
Da nicht alle Menschen Zyklon B riechen können, haben die Hersteller zum Schutz der Menschen einen sehr auffälligen und aggressiven Reizstoff oder Warnstoff beigemengt.
Germar Rudolf bezog sich in einer frühen Fassung seines Rudolf-Report auf dieses Dokument und fälschte ein Zitat, um behaupten zu können, Zyklon B sei zur Massenvernichtung von Menschen nicht geeignet [vgl. Jürgen Langowski, Argumente gegen Auschwitzleugner, S. 307–309].
Fred Leuchter schoss in seinem Leuchter-Report einen kapitalen Bock, als er die jeweils tödlichen Konzentrationen für Menschen und Insekten verwechselte und obendrein auch noch behauptete, aufgrund der Konzentration hätte Explosionsgefahr bestanden.
Zyklon B in den Lagern des NS-Systems
Aus zahlreichen Dokumenten geht hervor, dass Zyklon B von der Firma Degesch, die das Patent zur Herstellung besaß, direkt oder über Zwischenhändler in die Lager der Nationalsozialisten geliefert wurde. Offenbar hatte die mit den Massenmorden befasste SS trotz Knappheit Vorrang [vgl. Vorrang SS, JuNSV, 415]. Da die Lieferungen nicht wegzudiskutieren sind, werden sie von den „Revisionisten“ kurzerhand umgedeutet.
Zyklon-B-Dose
Die Auschwitzleugner machen sich den Umstand zunutze, dass ein Teil der Lieferungen in „Entlausungskammern“ tatsächlich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt wurde, und behaupten, das Zyklon B sei ausschließlich zu diesem Zweck benutzt worden.
Dagegen spricht beispielsweise ein Fahrauftrag für die Abholung von Zyklon B zum Zweck der Sonderbehandlung.
Das Gift ist extrem wirksam, und aufgrund der Empfindlichkeit von Menschen genügten zur Tötung von Menschen vergleichsweise geringe Mengen.
Dr. Gerhard Peters, der spätere Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), hob hervor, daß Chlor sechsmal, Kohlenmonoxid 34mal, Chloroform 750mal weniger giftig sind als Blausäure: »In ihrer Wirkung auf Schadinsekten und lästige Warmblüter wird die Blausäure von keinem anderen Gas erreicht.«
Kalthoff/Werner, Die Händler des Zyklon B, S. 32
Blausäure selbst kann nicht von allen Menschen einwandfrei anhand des Geruchs identifiziert werden. Zur Sicherheit der Anwender musste das Gift entsprechend präpariert werden:
Der Blausäure wurde ausserdem noch ein Warn- und Reizstoff (Chlorkohlensäuremethylester, später Bromessigsäuremethylester, Chlorpikrin oder eine andere organische Halogenverbindung) hinzugefügt. Dieser Reizstoff, der als 'Nachwarnstoff' eine längere Verdunstungszeit besaß als die Blausäure selbst, sollte anzeigen, daß Blausäure im Raum vorhanden bzw. noch vorhanden war. Der Mensch bemerkte den Reizstoff durch Tränen der Augen.
Jürgen Kalthoff/Martin Werner, Die Händler des Zyklon B, S. 59; vgl. Warnstoff/Reizstoff, JuNSV, 415
Praktischer ohne Warnstoff
Die Anwendung des Gifts mit Reizstoff brachte jedoch verschiedene Probleme mit sich. Im Verfahren gegen Peters erklärte der Angeklagte, der SS-Hygienefachmann Gerstein habe ihm gesagt,
auf Befehl des Reichsführers SS würden gewisse Verbrecher, unheilbar Kranke und geistig Minderwertige getötet. Die hierbei verwendeten Verfahren seien zuerst grausam und quälend gewesen; man hätte es nun mit Blausäure versucht, um humaner vorzugehen; hierin läge noch eine große Grausamkeit, weil man nur behelfsmäßig mit dem der SS verfügbaren Zyklon die Tötungen vorgenommen hätte. Gerstein habe ihn gebeten, ihm zu helfen, eine schnellere Tötungsmethode zu finden. Sie seien beide der Überzeugung gewesen, dass ein solches Vorgehen zwar abscheulich und grausam, aber offenbar unvermeidbar und angeordnet sei, sie hätten dann nochmals die Frage diskutiert, wieweit wenigstens durch Anwendung geeigneterer Mittel der Tod menschenwürdiger werden könnte. Gerstein habe die von ihm beobachteten Qualen auf den Reizstoff des handelsüblichen Zyklons zurückgeführt. Er habe ihn (P.) gefragt, ob Zyklon B ohne Warnstoff lieferbar wäre, was er, der Angeklagte, bejaht hätte. Darauf habe Gerstein die Lieferung von Zyklon B ohne Warnstoff ohne Zwischenschaltung von Testa und Heli verlangt. Auf Grund dieses Auftrags seien dann die Mengen von Zyklon B ohne Warnstoff von der Degesch geliefert worden.
Forschungsgruppe Zyklon B, Zyklon B, S. 38f
Dr. Münch von der SS-Apotheke in Auschwitz war allerdings der Ansicht, für den Einsatz von Zyklon B ohne Warnstoff habe es vor allem praktische und organisatorische Gründe gegeben:
Der Zeuge M. hat den Grund angegeben, weshalb zu der Menschenvernichtung Zyklon ohne Reizstoff gewünscht wurde. Es waren nicht Humanitätsgründe, sondern technische Gründe. Innerhalb einer halben Stunde nach einer Vergasung wurden die Kammern schon wieder gefüllt, nachdem sie mechanisch gelüftet worden waren. Der Reizstoff im Zyklon hätte die Opfer warnen und dadurch den Vergasungsvorgang am laufenden Band beeinträchtigen können. Man benötigte also Zyklon ohne Warnstoff.
Kalthoff/Werner, S. 163.
Die „Revisionisten“ behaupten mitunter, Zyklon B ohne Warnstoff sei zur Ungezieferbekämpfung bei Lebensmitteln eingesetzt worden, deren Qualität unter dem Reizstoff gelitten hätte. Offenbar waren nicht alle der damaligen Experten dieser Ansicht. Dr. Tesch, als Chemiker und Unternehmer an der Lieferung des Zyklon B beteiligt, nahm eine dem oben Gesagten entsprechende frühere Einschätzung ausdrücklich zurück:
Eine Reihe von Untersuchungen [...] haben gezeigt, dass auf alle wichtigen Lebensmittel weder das Chlorpikrin noch der Bromessigsäuremethylester einen schädigenden Einfluss besitzt. Infolgedessen werden die Bedenken, die der eine von uns (Tesch) in der oben zitierten Arbeit über den Einfluss von Reizstoffen auf Nahrungsmittel äußerte, hinfällig.
Kalthoff/Werner, S. 78
Außerdem weisen manche „Revisionisten“ darauf hin, dass die Rohstoffversorgung im Laufe des Krieges schlechter wurde, so dass das Zyklon B nicht mehr mit dem sonst üblichen Warnstoff versehen werden konnte. Einerseits trifft dies in gewissem Maße zu, andererseits vermag dies aber nicht zu erklären, warum Zyklon B, wie oben geschildert, ausdrücklich ohne Warnstoff bestellt wurde.
Rechnung für das bestellte Gift. Die Etiketten tragen den Vermerk: „Vorsicht, ohne Warnstoff!“ Quelle: Poliakov/Wulf, Das Dritte Reich und die Juden, S. 111
Siehe auch
- Widerlegung: Leuchter-Report
- Die wenig hilfreiche Chemie: Rudolf-Report