Germar Rudolf Ein vielfältiger Selbstvervielfältiger
„Wenn uns die deutsche Justiz nicht hindern würde, frei zu forschen, dann könnten wir hervorragende Argumente aufbieten, die den Holocaust widerlegen.“ So reden sich manchmal Holocaustleugner in Europa heraus, wenn sie keine Argumente mehr haben: Wir könnten ja, aber wir dürfen leider nicht.
Germar Rudolf, Polizeifoto 2020, Quelle: York Daily Record, 02.07.2019
Germar Rudolf lebt seit Jahren in den USA. Da dort die Leugnung des Holocaust nicht strafbar ist, kann er sich ungehindert betätigen. Was er in den USA schreibt, unterscheidet sich allerdings kaum von dem, was europäische Holocaustleugner verbreiten. Anscheinend ist er mitunter viel zu sehr mit anderen Aktivitäten beschäftigt und kommt einfach nicht dazu, die versprochenen unumstößlichen Beweise vorzulegen.
Freizeit, Freiluft, Freizügigkeit
Wie die Zeitung York Daily Record und andere Medien berichteten, gab sich Rudolf im Sommer 2019 keine „revisionistischen“, sondern ganz andere Blößen.
Buchcover Moral Turpitude: Rudolf fühlt sich diskriminiert.
Den Polizeiberichten zufolge wurde er eines frühen Morgens in einem Park, von der Hüfte abwärts nackt, von einem Polizisten aufgegriffen. Rudolf war, wie die Zeitung schreibt, mit einer Flasche Babyöl und einem Handtuch bewaffnet. Der Polizist fand diese Art von Freiheit „unglaublich“. Germar Rudolf verteidigte sich mit der Behauptung, er habe eine fleischfarbene Sporthose getragen. Die Polizei und das Gericht sahen das anders. Sein gelbes T-Shirt habe wie ein Leuchtfeuer gewirkt: Schaut euch meine Genitalien an. Wie die Zeitung berichtet, sei Rudolf schon einmal wegen eines ähnlichen Sachverhalts aufgefallen.
Bemerkenswert ist, dass Rudolf sich ausgerechnet in den USA diese Freiheit genommen hat. Dort ist man in Sachen Nacktheit erheblich prüder und strenger als in Europa, und das hätte er eigentlich wissen müssen.
Bis zu diesem Punkt ist das nichts weiter als eine Anekdote aus Rudolfs Privatleben. Er ist ein freier Mann, und wenn er in bestimmter Hinsicht oder an bestimmten Stellen ganz besonders frei sein möchte, dann soll er meinetwegen zeigen, was er hat.
Berichtenswert ist dies nur deshalb, weil Germar Rudolf selbst aus dem Vorfall ein Politikum gemacht hat. Er nahm dies zum Anlass, das Buch Moral Turpitude zu schreiben, das in etwa den Tenor hatte: „Frauen dürfen sich weitgehend unbekleidet zeigen, Männer dürfen das nicht. Wir armen Männer werden vom System systematisch diskriminiert.“
Doktorand beim Max-Planck-Institut in Stuttgart
Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre war Germar Rudolf bei der Max-Planck-Gesellschaft als Doktorand beschäftigt.
In dieser Zeit war der Altnazi Otto Ernst Remer wegen Holocaustleugnung angeklagt.
Otto Ernst Remer war in der NS-Zeit Kommandeur des Berliner Wachbataillons und wurde am 20. Juli 1944 von Hitler per Telefon persönlich beauftragt, den Putsch gegen den Diktator niederzuschlagen. Remer war damals und auch nach dem Krieg ein überzeugter Nazi und Hitler-Anhänger.
Remers Anwalt Hajo Herrmann (ehemaliger NS-Oberst und Szene-Strafverteidiger) beauftragte Germar Rudolf zur Entlastung seines Mandanten mit der Erstellung eines Gutachtens, das den Holocaust und vor allem die Massenmorde in Gaskammern bestreiten sollte.
Germar Rudolf verquickte diese private Tätigkeit mit seinen dienstlichen Aufgaben und wurde gekündigt. Die Max-Planck-Gesellschaft sah sich veranlasst, eine Presseerklärung herauszugeben, in der es unter anderem heißt:
Der Doktorvater wies darauf hin, dass es sich nicht um eine Arbeit des Instituts handle, und dass er sie nicht für publikationswürdig halte.
Presseerklärung MPG, 28.03.1994
Germar Rudolf war nach Auschwitz gefahren, wo er ohne Erlaubnis Proben entnahm, um anschließend dem Institut Fresenius den Auftrag zu erteilen, die Proben auf Zyklon-B-Rückstände zu untersuchen. Dazu benutzte er offenbar Briefbögen seines Arbeitgebers. Die Zeitschrift Nature schrieb dazu:
It is said that Rudolf had misled the Fresenius Institute by implying that the samples were related to work at the Max Planck institute, because he had used institute notepaper.
[Es heißt, Rudolf habe das Fresenius-Institut getäuscht, da er Briefpapier des Max-Planck-Instituts benutzte und Fresenius damit zu verstehen gab, die Proben hätten mit der Arbeit am Max-Planck-Institut zu tun.]
Alison Abbott, Holocaust Denial Research Disclaimed, in: Nature, 368, 7. April 1994, S. 483
Ein Rose ist ein Rose ist ein Rudolf
Im November 1996 tauchte in einer Usenet-Diskussion ein Teilnehmer namens „Lennard Rose“ auf und verteidigte Rudolfs Arbeit. Als er auf eine Quellenfälschung im Rudolf-Report hingewiesen wurde, schrieb er Rudolf eine E-Mail und bat um eine Stellungnahme, die er kurz danach veröffentlichte. Germar Rudolfs Erklärung für die Quellenfälschung war fadenscheinig; es sei ein Versehen gewesen [vgl. Jürgen Langowski, Argumente gegen Auschwitzleugner, S. 307–309].
Wie sich später herausstellte, war „Lennard Rose“ in Wirklichkeit Germar Rudolf selbst. Er vertrat in dieser Diskussion außerdem die Ansicht, ein Pfennigartikel wie ein zweckentfremdeter Briefbogen des Arbeitgebers sei doch kein Grund, jemandem zu kündigen:
Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon einmal Papier vom Arbeitgeber benutzt, einen Bleistift oder Radiergummi mit nach Hause genommen oder auch mal einen privaten Brief in der Firma geschrieben. All das ist nicht korrekt (kleines Dienstvergehen), stempelt einen Menschen aber nicht zu einem Verbrecher.
Lennard Rose (d.i. Germar Rudolf), 10 Nov 96, de.soc.politik, Subject: „Re: Rudolf Gutachten“, Message-ID: 0000391b+00006263@msn.com
Der springende Punkt war allerdings, wie schon angedeutet, nicht das physische Stück Papier, sondern die Tatsache, dass Germar Rudolf auf diesem Briefpapier einen Auftrag erteilt hat. Fresenius musste daher glauben, dass es sich um einen offiziellen Auftrag des Max-Planck-Instituts handelte.
In der Pressemitteilung zur Trennung von Rudolf schreibt das Max-Planck-Institut:
Bei seinen Recherchen zum Gutachten hat Herr Rudolf allerdings Dritten gegenüber den Eindruck erweckt, er handle für das Institut; so benutzte er zum Beispiel pflichtwidrig Briefbögen des Max-Planck-Instituts, als er Firmen mit den Analysen seiner Proben beauftragte, ohne dabei aber diese Firmen über den Hintergrund der Untersuchungen zu informieren. Nach Bekanntwerden dieser Tatsachen wurde das Arbeitsverhältnis mit Herrn Rudolf gelöst.
Max-Planck-Gesellschaft, 28.03.1994, Betrifft: Diplomchemiker Germar Rudolf
Offensichtlich ging es eben nicht nur um einen Pfennigartikel, sondern um eine bewusste Täuschung und eine irreführende Aneignung des guten Rufs der MPG. Und wenn Germar Rudolf Fresenius in dieser Hinsicht getäuscht hat, dann darf man natürlich auch fragen, an wen Fresenius nach Abwicklung des Auftrags wohl die Rechnung geschickt hat.
Das Arbeitsverhältnis wurde aufgrund dieser Täuschung gekündigt, und nicht weil Rudolf ein Blatt Papier für private Zwecke benutzt hatte. Die Kündigung erfolgte fristlos, nach einer Klage von Rudolf einigte man sich auf dem Vergleichswege auf Kündigung „im gegenseitigen Einvernehmen“. Rudolf erhielt keine Abfindung oder Entschädigung, muss also in einer äußerst schwachen Verhandlungsposition gewesen sein. Womöglich ist er mit der einvernehmlichen Kündigung sogar noch sehr glimpflich davongekommen.
Rudolf hat betont, er habe rein privat gehandelt, und dies habe man im Institut auch gewusst. Das ist aus heutiger Sicht schwer zu widerlegen. Andererseits hätte eine von Fresenius an ihn privat ausgestellte Rechnung alle Zweifel aus der Welt schaffen können. Meines Wissens hat Rudolf eine solche Rechnung aber bis heute nicht veröffentlicht.
„Revisionistische“ Selbstvorlagen
Germar Rudolf ist einer der produktivsten Autoren des „revisionistischen“ Zitierkartells. Unter mindestens einem halben Dutzend Pseudonymen schreibt er und zitiert – am liebsten sich selbst.
Besonders skurril wird dies, wenn Ernst Gauss (Germar Rudolf) ein Buch (Grundlagen zur Zeitgeschichte) mit einem Beitrag von Manfred Köhler (Germar Rudolf) herausgibt, der sich seinerseits in einer Fußnote artig bei Ernst Gauss (Germar Rudolf) für die Überlassung von Material bedankt, um ein paar Fußnoten später auf Germar Rudolf (Germar Rudolf) Bezug zu nehmen.
Auf einigen weiteren Seiten werden ohne Unterscheidung zwischen Germar Rudolf und seinen literarischen Seitentrieben die folgenden Werke behandelt:
Erwähnenswert ist vielleicht noch Germar Rudolfs Begründung für die Entscheidung, den Text Die ZEIT lügt unter vier verschiedenen Pseudonymen zu schreiben:
My conclusions were that one obviously had to be at the same time an engineer, a chemist, a toxicologist, a historian and a perhaps even an barrister to be accepted as an expert witness at a German court. The legal process being so perverted in Germany, we decided to mock it by inventing a person with all these features, but then we realized that this would be a bit unrealistic, so we split that person into many.
Ich zog daraus den Schluss, dass man offensichtlich gleichzeitig Ingenieur, Chemiker, Toxikologe, Historiker und vielleicht sogar Jurist sein muss, um von einem deutschen Gericht als Sachverständiger akzeptiert zu werden. Das pervertierte juristische Prozedere in Deutschland wollten wir verspotten, indem wir eine Person erfanden, die alle diese Qualitäten in sich vereinigt, doch dann wurde uns klar, dass dies ein wenig unrealistisch wäre, so dass wir mehrere Personen einführten. [eigene Übersetzung / JL]
Germar Rudolf, zitiert nach Richard J. Green, Postscript to Chemistry is not the Science: Rudolf's Character Suicide
„Anders ausgedrückt“
, so erklärt Richard Green auf der zitierten Webseite, „hat Rudolf eine Person mit falschen Referenzen erfunden, um seiner Argumentation Glaubwürdigkeit zu verleihen.“
Richard Green bewertet dies als Beleg für „intellektuelle Unredlichkeit der übelsten Sorte.“
Den Einwand, man könne die Kritik an Rudolfs Verhalten und seinen Texten als Rufmord bewerten, konterte Green mit der lakonischen Bemerkung, es sei wohl eher ein Ruf-Selbstmord gewesen.
Rudolf war und ist in der rechtsextremistischen bzw. Neonazi-Szene sehr gut vernetzt. 2003 wirkte er neben Ursula Haverbeck und anderen bekannten Leugnern bei der Gründung des „Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“ mit.
Texte zu Germar Rudolf und seinen Aktivitäten
- Biografische Informationen: Germar Rudolf
- Der Rudolf-Report
- Grundlagen zur Zeitgeschichte
- Vorlesungen über Zeitgeschichte
- Die ZEIT lügt
- Presseerklärung der MPG zur Kündigung Rudolfs
Germar Rudolfs Pseudonyme
- Harry W. Mazal: What's in a nym?
Siehe auch
- Bailer-Galanda, Die Auschwitzleugner
- Bailer-Galanda, Wahrheit und "Auschwitzlüge"
- Fred Leuchter / Leuchter-Report