Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Usenet: Der Wilde Westen des frühen Internet

Spielwiese für „Revisionisten“

Im Jahr 2000 war das Usenet das soziale Netzwerk der Stunde. Ursprünglich war es eine rein akademische Möglichkeit des Austauschs, schließlich wurde es aber für die Allgemeinheit geöffnet, und schnell entstanden viele verschiedene Gruppen, die man abonnieren und in denen man lesen und schreiben konnte. In den weitgehend unreglementierten Newsgroups konnte man ohne Identitätsprüfung und völlig unbehelligt von Behörden alle möglichen Nachrichten einstellen. Es gab in dem dezentralen Netzwerk (bis auf relativ wenige moderierte Ausnahmen) keine Administratoren, die eingreifen oder löschen konnten.

Unter den zigtausenden Newsgroups für sehr unterschiedliche harmlose Hobbys und Interessen gab es auch einige, in denen Binärdateien (sprich: urheberrechtlich geschützte Werke oder sogar kinderpornografische Fotos) getauscht wurden. Wahrscheinlich hat dies dazu beigetragen, dass die Behörden nach und nach doch noch wach geworden sind und strenger überwacht haben, wer dort was mit anderen Teilnehmern teilte.

Die weitaus meisten Gruppen waren Textwüsten, in denen nur ASCII-Texte (anfangs noch ohne Umlaute) eingestellt werden konnten. Die Nachrichten waren technisch ähnlich aufgebaut wie unformatierte E-Mails, und man konnte sich mit der Antwortfunktion in Threads einklinken. Was die Teilnehmer dort schrieben, war binnen Sekunden weltweit für alle Abonnenten der jeweiligen Gruppe sichtbar.

Natürlich waren dort auch Holocaustleugner unterwegs. Es gab sogar eine englischsprachige Gruppe namens alt.revisionism, die ausschließlich der Diskussion des „Revisionismus“ vorbehalten war. Auch in deutschen Diskussionsgruppen wie de.soc.politik setzten mehrere Teilnehmer immer wieder den Holocaust leugnende Texte ab.

Oft waren dies nur kurze Schnipsel, angebliche Zitate und knappe Behauptungen ohne belastbaren Hintergrund, manchmal auch längere Texte, die unterschiedlich gut durchdacht und aufbereitet waren.

Die historisch fundierten Widerlegungen ließen nicht lange auf sich warten, und es stellte sich sehr schnell heraus, dass manche Teilnehmer ihr vermeintliches Wissen von Neonazi-Webseiten abkopiert hatten. Wenn sie in den Diskussionen ins Hintertreffen gerieten, was bei Leugnern zwangsläufig sehr schnell geschieht, brachen sie ab, verschwanden ein paar Tage, wechselten das Thema oder schrieben vorübergehend über andere Dinge. Kurz danach waren sie wieder da und stellten erneut die widerlegten Texte ein. Diese Ermüdungstaktik bezeichnete ein Teilnehmer einmal als „Textbausteinigung“.

Einige zeitlose Beispiele aus diesen Diskussionen sind auch auf dieser Website zu finden. Es ist lange her, und die Namen der Teilnehmer sind heute uninteressant und daher verfremdet. Die Themen und Strategien sind heute noch aktuell und symptomatisch für die „revisionistische Wahrheitsuche“. Man beobachtet in ähnlicher Weise heute noch in sozialen Medien, was damals schon ein gewisser „Manni“ sehr intensiv mit einem großen Fundus an Textbausteinen betrieben hat.

Eines seiner liebsten Zitate stammte angeblich aus Gerald Reitlingers Buch Die Endlösung. In diesem Fall stellte sich heraus, dass „Revisionisten“ oft in Schwierigkeiten geraten, wenn man ihre Quellen überprüft, weil sie häufig fälschen oder gar Zitate erfinden. Ein Test, dem „Manni“ unterzogen wurde, war die Bitte, doch mal einen Satz von der Seite aus Reitlingers Buch zu zitieren, die direkt auf sein eigenes Zitat folgte. Nach einigen Hin und Her und einigen Ausweichmanövern sah „Manni“ sich zu einem bemerkenswerten Eingeständnis gezwungen: „Habe Reitlinger nie gelesen.“

„Manni“ war auch der Teilnehmer, der besonders laut über die Restriktionen schimpfte, denen die holocaustleugnende Literatur in Europa unterliegt. Er sprach in diesem Zusammenhang sogar von Bücherverbrennungen. Auf die Frage, ob er denn bereit sei, die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen genauso scharf zu verurteilen, antwortete er, es sei doch richtig gewesen, dass sich das NS-Regime von jenem „Schund“ befreit habe.

Die Diskussionen zogen sich manchmal über Wochen hin, bis die Leugner argumentativ so weit in die Ecke gedrängt waren, dass sie schwiegen. Das Nizkor-Projekt, The Holocaust History Project und diese Website gingen aus dem Wunsch hervor, solche Fälschungen nicht unbeantwortet stehen zu lassen.

Nach einigen Jahren verlagerten sich die Diskussionen zunehmend in Online-Foren, die es ermöglichten, formatierte Texte zu veröffentlichen und sogar Bilder einzufügen. Technisch existiert das Usenet auch 2026 noch, es spielt aber im Vergleich zu früher und zu anderen Medien mit hunderten Millionen oder Milliarden Teilnehmern nur noch eine untergeordnete Rolle.

Quellen und Verweise

„Revisionismus“