Listojewski „Jüdische Demografie“
Hat der jüdische Statistiker Listojewski berechnet, dass das NS-Regime nicht mehr als 500 000 Juden ermordet haben kann?
Das trifft nicht zu. Der angebliche Statistiker ist völlig unbekannt, nicht einmal sein Vorname wird genannt, und nirgends kann man seine Arbeiten einsehen und prüfen. Wahrscheinlich existierte er nicht einmal.
In wörtlicher oder indirekter Wiedergabe geistert das folgende Zitat durch zahlreiche rechtsextremistische Publikationen:
Ich habe mich als Statistiker 2½ Jahre bemüht, die Zahl der während der Hitlerzeit (1933-1945) ums Leben gekommenen und vermißten Juden festzustellen. Die Zahl schwankt zwischen 350.000 und 500.000. Wenn wir Juden behaupten, es wären 6 Millionen gewesen, so ist das eine Lüge!!!
angeblich: Dr. Listojewski, russischer Demograf, (verschiedene Schreibweisen)
Das Zitat erscheint u.a. in:
- Manfred Adler
- Die Söhne der Finsternis; zitiert nach: Unabhängige Nachrichten
- Emil Aretz
- Hexeneinmaleins einer Lüge; zitiert nach: The Broom, Rheinzeitung, 28.03.1958
- Carl-Arthur Bühring
- In: J. G. Burg, Zionnazi Zensur in der BRD, S. 76., ohne Quellenangabe
- Richard Harwood
- Starben wirklich sechs Millionen?; zitiert nach: „Studien für Zeitfragen“, Nr. 3/4, 14.4.1960
- Hennecke Kardel
- Adolf Hitler, Begründer Israels; zitiert nach: Deutsche Hochschullehrerzeitung, Tübingen, Nr. 3/4, 1959
- Claus Nordbruch
- In: Der Große Wendig, Band 2, S. 686; zu Nordbruch vgl. Übersicht: Claus Nordbruch
- Johannes Rothkranz
- Wußten Sie schon ...?; zitiert nach: The Broom / „Studien für Zeitfragen“, Nr. 3/4, 14.4.1960 / Richard Harwood
- Dr. Dr. Dr. Franz J. Scheidl
- Geschichte der Verfemung Deutschlands, Band 5, „Die Ausrottung der Juden“; zitiert nach: The Broom 11. Mai 1952, San Diego, California
Obwohl dieses Zitat von zahlreichen Autoren an zahlreichen Stellen benutzt wird, war nirgends eine Angabe zu finden, wer dieser Dr. Listojewski ist, an welcher Universität oder in wessen Auftrag er seine statistische Untersuchung durchgeführt hat und in welchem Archiv seine Arbeit eingesehen und überprüft werden kann. Nicht einmal sein Vorname wird irgendwo genannt.
Über die Zeitschrift The Broom und ihren Herausgeber konnte ein Teilnehmer der Usenet-Diskussionsgruppe de.alt.soc.verschwoerung allerdings einige Details herausfinden. Offenbar sah sich der Verantwortliche als „Arier“ und war gegenüber Juden recht voreingenommen.
Herausgeber und Besitzer dieses obskuren Blättchens war ein gewisser "C. Leon de Aryan" [1].
In einem Artikel der Union-Tribune von San Diego wird „de Aryan“ bezeichnet als „mainly a publisher of anti-Semitic tracts“ [2]. Er hatte 1942 wegen Aufwiegelung als Mitglied einer pro-Nazi-Gruppe vor Gericht gestanden [3]. Dieser „de Aryan“ hatte 1953 gegen den Stadtrat von San Diego geklagt, der dem Trinkwasser Fluorid zugesetzt hatte [4]. Diese Klage hatte aber einen bestimmten Hintergrund, denn „de Aryan“ war der Ansicht, es handle sich um „a plot to weaken the Aryan race by paralyzing functions of the frontal lobes.“
Albrecht Kolthoff, de.soc.verschwoerung, Mon, 03 Dec 2001, Subject: Re: Hololeus duerfen wir hier nicht dulden, Herr Langowski!, Message-ID: 9ughc4$8b4b3$1@ ID-3778.news.dfncis.de
Kolthoff gibt in seinen Anmerkungen als Quellen an (URLs z.T. nachträglich aktualisiert bzw. ergänzt):
[1] http://www.sandiegoyesterday.com/wp-content/uploads/2016/05/DeAryan.pdf
[2] http://fluoride.oralhealth.org/ [...] (nicht mehr online)
[3] http://www.spiritone.com/~gdy52150/1930sbib.html (nicht mehr online)
[4] http://www.nofluoride.com/reports/Dental%20Diadiatics%20Overview.pdf
Seit einigen Jahren ist eine Studie online, die zwar nicht zu Listojewski, aber immerhin zum Herausgeber Leon de Aryan einige Hintergrundinformationen bietet. Die Autorin der Studie schreibt, Leon de Aryan sei sehr antisemitisch eingestellt gewesen. Als Person sei er von Lokalhistorikern in San Diego für eher unbedeutend gehalten worden, aber seine Publikation The Broom habe landesweit großen Einfluss bei der radikalen Rechten gehabt [vgl. Juliana Smart, C. Leon de Aryan, S. 3]. Während des Zweiten Weltkriegs sei er wegen Aufwiegelung verhaftet worden.
Der Herausgeber sei aus Rumänien eingewandert und habe sich von „Legenopol“ zu „de Aryan“ umbenannt. Dies sei jedoch, schreibt Smart, nicht aus politischen Gründen geschehen, etwa aufgrund einer Hitler-Verehrung, sondern sei aus seiner Religion, der Mazdaznan-Lehre, begründet gewesen (Smart, S. 9). Die Autorin weist darauf hin, dass Antisemitismus damals zwar weit verbreitet war, doch nicht alle Antisemiten seien zugleich auch Hitler-Anhänger gewesen.
Anscheinend waren aber manche Glaubenssätze dieser Weltanschauung durchaus mit der NS-Ideologie kompatibel, denn auch diese Ideologie hielt die „Arier“ für die höchste Form menschlicher Wesen (Smart, 16), was wohl so gedeutet werden muss, dass auch de Aryan Juden für minderwertige Menschen hielt. Im Gegensatz zu den Nationalsozialisten hatte de Aryans Antisemitismus und Rassismus jedoch eher religiöse Wurzeln.
Zu Listojewski, dem angeblichen Autor der oben zitierten Aussage, ließ sich auch bei einer zweiten Recherche absolut nichts finden. Keine Universität, keine Publikationen, keine indirekten Hinweise von akademischen Kollegen, die wenigstens seine Existenz plausibel machen könnten. Sergey Romanov meinte in seinem kurzen Text zu diesem Zitat, wahrscheinlich habe de Aryan den Statistiker Listojewski einfach erfunden.