Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Martin Broszat und die Gaskammern im „Altreich“

Ein böswilliges Missverständnis der „Revisionisten“

BEHAUPTUNG:

Sagte der Historiker Martin Broszat, es habe keine Vergasungen im „Altreich“ gegeben?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, das sagte er nicht, und dies hätte auch nicht der Wahrheit entsprochen. Es gab Vergasungen im „Altreich“ (Grenzen von 1937), beispielsweise bereits während der sogenannten „Euthanasie“, und es gab Massenvergasungen im Osten Polens.

Wie an verschiedenen Stellen schon deutlich wurde, verstecken sich die Leugner des Judenmords gern hinter echten oder vermeintlichen Autoritäten, um ihren Lügen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

So auch geschehen mit einer Äußerung, die auf Martin Broszat zurückgeht. Manchmal in wörtlicher Wiedergabe, oft aber nur in indirekter Rede, ziehen die Holocaustleugner ein Zitat dieses Historikers heran, aus dem hervorgehen soll, dass es im „Altreich“ keine Vergasungen gegeben hätte.

Faksimile des Leserbriefs. Zweispaltig kursiv gedruckt, unterbrochen von einer Karikatur, die nichts mit dem Thema zu tun hat. Transkription folgt im Anschluss

Martin Broszat, Leserbrief an Die Zeit 1960: Keine Vergasung in Dachau – Massenvernichtung im Osten

Transkription: Leserbrief Martin Broszat

Weder in Dachau noch in Bergen-Belsen noch in Buchenwald sind Juden oder andere Häftlinge vergast worden. Die Gaskammer in Dachau wurde nie ganz fertiggestellt und „in Betrieb“ genommen. Hunderttausende von Häftlingen, die in Dachau oder anderen Konzentrationslagern im Altreichsgebiet umkamen, waren Opfer vor allem der katastrophalen hygienischen und Versorgungszustände: Allein in den zwölf Monaten von Juli 1942 bis Juni 1943 starben laut o?zieller Statistik der SS in allen Konzentrationslagern des Reiches 110 812 Personen an Krankheiten und Hunger. Die Massenvernichtung der Juden durch Vergasung begann 1941/1942 und fand ausschließlich an einigen wenigen hierfür ausgewählten und mit Hilfe entsprechender technischer Einrichtungen versehenen Stellen, vor allem im besetzten polnischen Gebiet (aber nirgends im Altreich) statt: in Auschwitz-Birkenau, in Sobibor am Bug, in Treblinka, Chelmno und Belzec.

Dort, aber nicht in Bergen-Belsen, Dachau oder Buchenwald, wurden jene als Brausebäder oder Desinfektionsräume getarnten Massenvernichtungsanlagen errichtet, von denen in Ihrem Artikel die Rede ist. Diese notwendige Differenzierung ändert gewiß keinen Deut an der verbrecherischen Qualität der Einrichtung der Konzentrationslager. Sie mag aber vielleicht die fatale Verwirrung beseitigen helfen, welche dadurch entsteht, daß manche Unbelehrbaren sich einzelner richtiger, aber polemisch aus dem Zusammenhang gerissener Argumente bedienen, und daß zur Entgegnung Leute herbeieilen, die zwar das richtige Gesamturteil besitzen, aber sich auf falsche oder fehlerhafte Informationen stützen.

Dr. M. Broszat, Institut für Zeitgeschichte, München

Robert Faurisson zitiert möglichst wenig

In indirekter Wiedergabe taucht das Zitat beispielsweise in einem Artikel von Robert Faurisson auf:

Da musste dieser Historiker am 19. August 1960 seinen verblüfften Landsleuten mitteilen, dass abschliessend nie eine „Gaskammer“ existiert habe im GANZEN ALTREICH, sondern „ausschliesslich an einigen wenigen hierfür ausgewählten […] Stellen“, „vor allem im besetzten polnischen Gebiet“, darunter Auschwitz-Birkenau. [In der englischen Version folgt hier der Zusatz: „[…] aber nicht in Majdanek.“ - JL]

Diese überraschende Nachricht hatte er sich entschlossen, in einem einfachen Brief an die Wochenzeitschrift Die Zeit anzukündigen (19. August 1960, Seite 16). Der Titel war seltsam einschränkend: „Keine Vergasung in Dachau“ anstatt „Keine Vergasung im Altreich“.

Robert Faurisson, Das Problem der Gaskammern, Lyon 1978, S. 4.

An dieser Stelle muss man Faurissons Ausführungen kurz unterbrechen.

Der erste Satz enthält eine Lüge. Broszat hat nicht gesagt, im Altreich habe niemals eine Gaskammer existiert. Er hat sich auf drei ausdrücklich genannte Konzentrationslager beschränkt: Dachau, Buchenwald und Bergen-Belsen.

Über die anderen Konzentrationslager im Altreich sagt er nichts, und in einigen dieser Lager gab es tatsächlich Gaskammern; als Beispiel sei hier Sachsenhausen genannt.

Broszats Einschränkung war nicht „seltsam“, sondern entsprach der Realität. Im Übrigen wurde Dachau wurde eine Gaskammer gebaut, die definitiv zur Massenvernichtung gedacht war, aber höchstwahrscheinlich gar nicht oder nur in geringem Ausmaß benutzt wurde. Broszat ist – richtigerweise – sehr vorsichtig und sagt: In Dachau und in den beiden anderen genannten Lagern gab es keine Vergasungen. Dies entspricht dem heutigen Wissensstand [vgl. Gedenkstätte Dachau, Krematoriumsbereich].

Faurisson findet Broszats Formulierung jedoch „seltsam einschränkend“ und entscheidet, welche Aussage seiner Ansicht nach richtig gewesen wäre. Im Anschluss argumentiert Faurisson dann nicht mehr mit dem, was Broszat tatsächlich gesagt hat, sondern mit dem, was Broszat nach Faurissons Ansicht hätte sagen müssen: Es habe überhaupt keine Vergasungen im Altreich gegeben.

Nach diesem Taschenspielertrick klagt Faurisson wie zu erwarten: „Herr Broszat lieferte, um seine Behauptungen zu stützen, nicht den geringsten Beweis.“ Das ist völlig richtig, aber durchaus entschuldbar. Ein Leserbrief ist nicht der richtige Ort für historische Beweise. Und zweitens: Wie sollte Broszat fast zwei Jahrzehnte vor Faurissons Manöver ahnen können, dass er eines Tages in die Verlegenheit kommen würde, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, das nicht einmal er selbst, sondern Faurisson gesagt hat?

Nachdem Faurisson diese verzerrte Darstellung dem Historiker Broszat erst in den Mund und dann zur Last gelegt hat, spinnt er seinen „revisionistischen“ Faden weiter:

Heute, 18 Jahre nach seinem Brief, haben weder er noch seine Mitarbeiter die geringste Erklärung für dieses Geheimnis geliefert. Es wäre jedoch von höchstem Interesse zu erfahren:

  1. Wie beweist Herr Broszat, dass die „Gaskammern“ im ALTREICH Betrügereien sind;
  2. Wie beweist er, dass die „Gaskammer“ in Polen Wirklichkeit sind;
  3. Warum haben die „Beweise“, die „Gewißheiten“, die „Zeugenaussagen”, welche über die KZ-Lager, die uns, geographisch gesehen, nahe liegen, plötzlich keinen Wert mehr, wogegen die „Beweise”, „Gewißheiten”, „Zeugenaussagen“, die über die Lager in Polen – ein kommunistisches Land – gesammelt wurden, wahr bleiben sollten.

Robert Faurisson, Das Problem der Gaskammern, Lyon 1978, S. 4.

Faurisson verzichtet auf das Faksimile

Wenn Holocaustleugner mit Broszats Leserbrief argumentieren, fügen sie meist einen Screenshot des damaligen Artikels bei; im Web kursieren unzählige Exemplare. Die mir vorliegende Version von Faurissons Text (anscheinend veröffentlicht am 29.4.2019 von D. Belucci) ist offenbar ein Word-Dokument, das als PDF verbreitet wird. In solche Dokumente kann man mühelos Illustrationen einbinden. Man ahnt, warum Farisson im Gegensatz zu vielen anderen kein Faksimile des Leserbriefs eingebunden hat.

Sehen wir uns noch die Version an, die ein anderer Holocaustleugner präsentiert hat:

19.8.1960 DIE ZEIT Seite 16
Weder in Dachau noch in Bergen Belsen noch in Buchenwald sind Juden oder andere Häftlinge vergast worden. Die Gaskammer in Dachau wurde nie ganz fertiggestellt in Betrieb genommen. Hunderttausende von Häftlingen, die in Dachau oder anderen Konzentrationslagern im Altreich umkamen, waren Opfer vor allem der katastrophalen hygienischen und Versorgungszustände. Alleine in den zwölf Monaten vorn Juli 1942 bis Juni 1943 starben laut offizieller Statistik der SS in allen Konzentrationslagern des Reiches 110.812 Personen an Krankheiten und Hunger. Die Massenvernichtung der Juden durch Vergasung begann 1941/1942 und fand ausschließlich an einigen wenigen hierfür ausgewählten und mit Hilfe entsprechender technischer Einrichtungen versehenen Stellen, vor allem im besetzten polnischen Gebiet (aber nirgends im Altreich) statt: in Auschwitz-Birkenau, in Sobibor am Bug, in Treblinka, Chelmno und Belzec.

Dr. Martin Broszat, zitiert von „Manni“, de.soc.politik, 20 Dec 1996, Message-ID: <32b9e513.2880761@netnews.worldnet.att.net>.

Eine andere Version des Leserbriefs mit anderem Layout, aber identischem Inhalt..

Martin Broszat, Leserbrief an die Zeit

Es gab einen nicht mehr verifizierbaren Hinweis, dass eine Version des Leserbriefs aus einer deutschen und die andere aus einer internationalen Ausgabe der ZEIT stammen könnte; dies würde, falls es zutrifft, das unterschiedliche Layout erklären.

Eine kleine Randnotiz ist dieser Ausschnitt: „nie ganz fertiggestellt [und] „in Betrieb“ genommen“. In vielen Zitaten der Leugner fehlen das Wort „und“ sowie die Anführungszeichen um „in Betrieb“. Wer Lust und Zeit hat, mag sich auf eine Schnitzeljagd begeben und nachschauen, wer bei wem ungeprüft Textbausteine kopiert hat.

Zurück zum Text. Was hat Broszat gesagt? Er hat gesagt: Im „Altreich“ haben keine Massenvernichtungen von Juden stattgefunden. Dies ist allerdings keineswegs eine erstaunliche neue Erkenntnis, wie Faurisson behauptet hat, sondern längst bekannt.

Broszat hat damit allerdings nicht gesagt, dass die Gaskammern im „Altreich“ sämtlich „Betrügereien“ seien, und dass dort überhaupt keine Vergasungen stattgefunden hätten. Es gab sehr wohl Gaskammern im „Altreich“, die auch benutzt wurden. Allein im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion haben die Nationalsozialisten mehr als 100 000 Menschen ermordet, nicht wenige davon in Gaskammern.

Majdanek fehlt

In der englischen Version dieses Textes schreibt Faurisson, dass Broszat in seinem Leserbrief Majdanek nicht erwähnt habe und schließt daraus, Broszat habe somit eingestanden, dass es auch dort keine Gaskammern gegeben hätte. Das ist schlichtweg lächerlich. Man könnte Broszat vielleicht vorwerfen, er sei nachlässig, unaufmerksam oder vergesslich gewesen, als er Majdanek nicht nannte – doch aus der Tatsache, dass ein Historiker einen bestimmten historischen Sachverhalt in einer bestimmten Situation nicht erwähnt, kann man nicht schließen, es hätte das betreffende historische Ereignis nie gegeben. Diese „Logik“ ist dermaßen abstrus, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt.

Am Ende des Faurisson-Zitats kann man dann sehen, wie die „revisionistische Wahrheitssuche“ in voller Pracht zur Entfaltung kommt. Aus der zutreffenden Darstellung Broszats, dass die Massenvernichtung der Juden im Osten stattgefunden hat, was die Morde in Gaskammern im „Altreich“ keineswegs ausschließt, konstruiert Faurisson mit bewundernswerter Fingerfertigkeit die Unterstellung, Broszat habe die Gaskammern im „Altreich“ pauschal als Schwindel bezeichnet.

Germar Rudolf übernimmt diese Verzerrung und schreibt kurz und bündig:

Interessant ist zunächst die Tatsache, daß das Institut für Zeitgeschichte die Feststellung ihres vormaligen Leiters M. Broszat revidiert, der festgestellt hatte, daß es in den Konzentrationslagern des Altreiches keine Vergasungen gegeben habe.

Germar Rudolf, „Statistisches über die Holocaust-Opfer“, in: Ernst Gauss, Hrsg. (d.i. Germar Rudolf), Grundlagen zur Zeitgeschichte (1994), S. 214–258.

„Revisionistische“ Bastelgruppen

Diese Art von böswilligem Missverstehen ist typisch für die Leugner des Judenmordes. Fakten haben sie nicht, also fertigen sie sich die „Beweise“ an, wie sie gerade gebraucht werden.

Immerhin hat Reinhold Schwertfeger in seinem Text „Gab es Gaskammern im Altreich? Vom Ende einer revisionistischen Illusion“ einige Fehler der „revisionistischen“ Argumentation richtiggestellt, kommt dann aber – wie bei einem „Revisionisten“ nicht anders zu erwarten – doch wieder auf das Leugner-Credo zurück, die Berichte über Vergasungen seien auf jeden Fall eine „Legende“.

Trotz der Richtigstellung durch Schwertfeger erscheint Broszats Äußerung auch heute noch gelegentlich in Social-Media-Beiträgen und auf den Webseiten von Holocaustleugnern.

Auf der Konferenz der Holocaustleugner in Teheran im Dezember 2006 sprach Faurisson über die „Siege des Revisionismus“ und erwähnte in diesem Zusammenhang auch Broszats Leserbrief. Wenn es die „Revisionisten“ drei oder vier Jahrzehnte nach diesem Leserbrief immer noch für einen Sieg halten, etwas widerlegt zu haben, das Broszat überhaupt nicht gesagt hat, dann möchte man über ihre Niederlagen gar nicht erst nachdenken.

Abschließend bleibt noch festzuhalten, dass sich die Holocaustleugner ein logisches Problem einhandeln, wenn sie versuchen, die Vergasungen im Altreich ausgerechnet durch ein Zitat in Abrede zu stellen, aus dem klar hervorgeht, dass Massenvergasungen von Juden im Osten stattgefunden haben.

Die angebliche Reduzierung der Opfer von Auschwitz auf eine „symbolische Zahl“ (ebenfalls ein missbrauchtes Broszat-Zitat) wird in einem eigenen Artikel behandelt.

Quellen und Verweise

  1. Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 2001/4, herausgegeben von Germar Rudolf.