Martin Broszat Die symbolische Zahl
Kann man aus Martin Broszats Äußerung, die Zahl von sechs Millionen jüdischen Opfern des Holocaust sei ein Symbol, den Schluss ziehen, dass diese Zahl nicht der Realität entspricht?
Das trifft nicht zu. Viele Dinge sind zugleich Realität und haben einen symbolischen Wert für die Menschen.
Neben dem gewollten Missverständnis, das sich um die Gaskammern im Altreich dreht, gibt es noch ein zweites Zitat von Martin Broszat, das von „revisionistischen“ Autoren immer wieder bemüht wird: Der Historiker habe die Zahl von sechs Millionen jüdischen Holocaust-Opfern als "symbolisch" bezeichnet und ihr damit die reale Grundlage genommen. Das Zitat taucht beispielsweise in der folgenden Form auf:
Und obwohl die 6-Millionen-Zahl als eine höchst »symbolische Zahl« bezeichnet wurde, hat sie inzwischen einen beinahe sakrosankten Status erreicht.
Don Heddesheimer, Der erste Holocaust, S. 7.
Broszats Äußerung fiel anscheinend in einem Verfahren gegen den Altnazi und Holocaustleugner Erwin Schönborn, sie wird aber immer nur ohne Kontext zitiert oder paraphrasiert. Udo Walendy druckt in Historische Tatsachen Nr. 13, S. 39, eine eidesstattliche Erklärung des Angeklagten ab, die möglicherweise der Ursprung dieses Zitats ist:
Screenshot Erwin Schönborn, eidesstattliche Erklärung, Historische Tatsachen 13, S. 39.
Leider fehlt auch hier wie bei allen anderen, die dieses Zitat verwenden, jeglicher Kontext. Andererseits fällt sofort auf, dass Schönborn etwas offensichtlich Unwahres in den Raum stellte und den Historiker damit möglicherweise einfach überrumpelte. Schönborn sagte nach eigenen Angaben Folgendes:
Herr Professor Broszat, Sie haben gerade hier ausgesagt und es wird in dem 'Tagebuch von Rudolf Hoess', das von Ihnen herausgegeben ist, bestätigt, daß in Auschwitz rund 1 Million Juden umgekommen oder 'vergast', wie sie sagen, sind. Bisher galten in allen einschlägigen Unterlagen '4 Millionen' als die für Auschwitz gültige Zahl. Diese 4 Millionen nun sind in den 'Sechs Millionen' enthalten, die allgemein als die Gesamtzahl getöteter Juden verbreitet wird. Wenn Sie jetzt hier für Auschwitz eine Million getöteter Juden angeben, dann fehlen die 3 Millionen ja auch in der Gesamtsumme von 6 Millionen. Wie erklären Sie das?
Erwin Schönborn, „Eidesstattliche Erklärung“, in: Historische Tatsachen 13, S. 39 [meine Hervorhebung, JL].
Es trifft nicht zu, dass die Zahl von vier Millionen jüdischen Opfern in Auschwitz allgemein anerkannt war. Bereits in den 1950er Jahren wies Gerald Reitlinger in Die Endlösung darauf hin, dass man dieser sowjetischen Angabe nicht trauen dürfe, und nannte eine Zahl, die sich in der richtigen Größenordnung bewegte; auch Raul Hilberg machte sich Schönborns falsche sowjetische Zahl in seinem Standardwerk Die Vernichtung der europäischen Juden nicht zu eigen. Bei allen Berechnungen der Historiker, die von insgesamt rund sechs Millionen jüdischen Opfern ausgehen, wird für Auschwitz eine Opferzahl von rund einer Million Opfern angesetzt. Daher muss aufgrund einer offensichtlich falschen sowjetischen Zahl auch nichts korrigiert werden [vgl. Die vier Millionen von Auschwitz].
Gut möglich, dass Broszat so überrascht war, dass er diesem Trick, der seit vielen Jahren in „revisionistischen“ Publikationen immer wieder aufgegriffen wird, in diesem Moment nichts entgegensetzen konnte. Gut möglich, dass man Broszat vorwerfen kann, er habe nicht geistesgegenwärtig und souverän Schönborns Darstellung als billiges Manöver entlarvt.
Was aber auf keinen Fall möglich ist: Diese eine sehr knappe Äußerung eines erschrockenen und verblüfften Historikers als Beweis dafür zu betrachten, dass der Holocaust nicht geschehen sei. Seltsamerweise verzichten die „Revisionisten“ in solchen Situationen äußerst großzügig auf die Strenge, die sie sonst an Beweismittel für den Holocaust anlegen: Um den Holocaust zu bestreiten, reicht ihnen eine einzige sehr knappe Äußerung eines Historikers, doch um den Holocaust glaubhaft zu machen, müsse man mindestens „forensische Beweise“ vorlegen.
Ein anderer „Revisionist“ behauptete, dass
(…) Broszat im Lauf der Jahre mit Rücksicht auf die geschichtliche Wahrheit gewissen zeitgeschichtlichen Legenden ein Ende machen musste […] So war es am 3. Mai 1979, als er im Prozeß gegen Erwin Schönborn zugab, daß es sich bei der Zahl von sechs Millionen umgebrachter Juden um eine 'symbolische Zahl' handle.
Armin Mohler, Der Nasenring, S. 218–219.
Man muss schon ziemlich ahnungslos oder unverfroren sein, um den Lesern Schönborns Unwahrheiten als geschichtliche Wahrheit und die erwiesene Tatsache des Judenmordes als „Legenden“ zu verkaufen; aber da Mohler ein gebildeter und belesener Akademiker war, sollte man ihn vom Vorwurf der Ahnungslosigkeit wohl vorsichtshalber freisprechen. Vermutlich wusste er auch genau, was er tat, als er einem Autorenteam beitrat, das den Großen Wendig verfasste. Zu diesem Team gehörte der Holocaustleugner Claus Nordbruch. Anscheinend hatte Mohler in dieser Hinsicht keine Berührungsängste.
Immerhin, Mohler beschreibt Broszat als Mann von „eher grüblerischer Natur“
, was dafür sprechen könnte, dass Broszat angesichts einer so dreisten Verfälschung der Realität tatsächlich vorübergehend die Fassung verlor [vgl. Mohler, Nasenring, S. 217].
Ein anderer „Revisionist“ zitiert entweder eine neuere Ausgabe von Mohlers Buch oder hat sich selbst etwas ausgedacht:
„Der jüngst verstorbene Direktor des Instituts, Martin Broszat, machte unter dem Druck von Forschungsergebnissen widerwillig gewisse Zugeständnisse. So war es am 3. Mai 1979, als er im Prozeß gegen Erwin Schönborn zugab […] daß es sich bei der Zahl von sechs Millionen umgebrachter Juden um eine 'symbolische Zahl' handle.“
Georg Franz-Willing, Vergangenheitsbewältigung [meine Hervorhebung, JL]
Man weiß ja, wie streng die „Revisionisten“ sonst mit der Geschichtsschreibung sind, und so ist es doch etwas erstaunlich, mit welcher Leichtfertigkeit der Altnazi Schönborn hier zu einem Experten befördert wird, der „geschichtliche Wahrheit“
oder sogar „konkrete Forschungsergebnisse“
vorzuweisen gehabt hätte.
Der Denkfehler
Es kann natürlich keine Rede davon sein, dass Martin Broszat, der ehemalige Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, auf einmal den Holocaust in Zweifel zog, nachdem er jahrzehntelang Erkenntnisse über den Nationalsozialismus gesammelt und einige Standardwerke darüber verfasst hatte.
Selbst wenn man unterstellt, dass diese Bemerkung tatsächlich so fiel und weder verfälscht noch verfälschend aus dem Kontext gerissen wurde, was bei „Revisionisten“ schon ein äußerst großzügiges Entgegenkommen ist, erkennt man auf den ersten Blick, wo der Denkfehler liegt: Aus der Bemerkung, die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden habe einen symbolischen Charakter, folgt nicht zwingend, dass sie falsch ist.
Manche Dinge sind ein Symbol und stehen zugleich für eine Realität.
Der Petersdom ist ein Symbol des katholischen Glaubens und ein reales Gebäude. Die Tora ist ein reales Dokument und ein Symbol des Judentums. Die Türme des World Trade Center waren Symbole der amerikanischen Wirtschaftsmacht, und genau deshalb wurden sie angegriffen. Niemand wird behaupten, die Türme hätten niemals existiert, nur weil sie neben ihrer physischen Erscheinung eben auch ein Symbol des amerikanischen „Way of Life“ waren.
Auf ganz ähnliche Weise kann das Lager Auschwitz als Symbol für das gesamte verbrecherische Regime der Nazis aufgefasst werden, doch dabei bleibt es immer ein realer historischer Ort, an dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden, und ebenso kann man ohne jeglichen Abstrich an der grausamen Realität die historisch gesicherte Zahl von sechs Millionen Opfern als symbolischen Platzhalter für das äußerst komplexe, aus vielen Details zusammengesetzte Gesamtbild des Judenmordes verstehen.
Dieses Zitat von den „symbolischen sechs Millionen“ taucht, immer in Verbindung mit der Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust, in zahlreichen Publikationen der Holocaustleugner auf, die offenbar der Ansicht sind, mit diesem vereinzelten Zitat könnten sie einen wertvollen Beitrag für jenes Gewerbe leisten, das sie mit Geschichtswissenschaft verwechseln.
- Ernst Manon, Rückblick auf den Revisionismus
- Reinhold Elstner, Deutsches Volk, wache endlich auf!
- Robert Faurisson, Procès Amaudruz à Lausanne
- Robert Faurisson, Zum Zündel-Prozeß in Toronto
- Anonym, Jüdischen Kabbalismus besser verstehen
- Wolfgang Borowsky, Christus und die Welt des Antichristen
- Cedric Martel, Der Holocaust – Korrektur eines Zahlen-Mythos
- Claus Nordbruch, Die Weltrepublik: Deutschland und die Neue Weltordnung
- Rolf Kosiek und Olaf Rose (Hrsg.) Der große Wendig 2/3
- Germar Rudolf, „Statistisches über die Holocaust-Opfer“, in: Ernst Gauss (Hrsg.; d.i. Germar Rudolf) Grundlagen zur Zeitgeschichte
- Germar Rudolf, Vorlesungen über den Holocaust
- Germar Rudolf (Hrsg.), Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte
Siehe auch
- Missbrauchtes Zitat: Martin Broszat, Gaskammern im Altreich