Claus Nordbruch Offenkundigkeit des Holocaust
Dieser Text erschien im Großen Wendig, Band 2, S. 681–690. Der Wendig ist ein Standardwerk der rechtsextremen Geschichtsfälschung, herausgegeben von den Rechtsextremisten Wigbert Grabert, Rolf Kosiek und Olaf Rose.
Nordbruch beginnt mit einer kleinen Täuschung.
Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte 1994 fest: »Der Massenmord an Juden in den Gaskammern von Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieges ist als geschichtliche Tatsache offenkundig. Gemäß dem Duden (Band 8) ist der Begriff »offenkundig« ein Synonym von »eindeutig erkennbar«, während »Offenkundigkeit« vor allem »Bekanntheit in der Öffentlichkeit« bedeutet.
Nordbruch, Wendig, S. 681
Der Subtext, den ich hier erkenne, lautet: „offenkundig“ sei gewichtiger als „Offenkundigkeit“; Letzteres beschreibe nur die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, die auch falsch sein könne.
Der Band 8 (Synonymwörterbuch) liegt mir nicht vor. Im Band 1 wird „Offenkundigkeit“ allerdings ohne weitere Warnungen vor möglichen Irrtümern oder unzulässigen Anwendungen der Begriffe als Substantiv für „offenkundig“ angegeben.
Offenkundigkeit, Duden online
Der Online-Duden nennt „Evidenz“ als einziges Synonym für „Offenkundigkeit“ – offenbar geht es da wohl doch um Beweise und nicht nur um Bekanntheit in der Öffentlichkeit.
Offenkundigkeit in Woxikon
Das Woxikon nennt für „Offenkundigkeit“ mehrere Begriffsfelder und Synonyme, darunter auch „Beweisbarkeit“, „Evidenz“, „Unwiderlegbarkeit“(!).
Daran anschließend präsentiert Nordbruch eine kleine juristische Abhandlung und ein Zitat von Germar Rudolf, die zu referieren sich nicht lohnt. Im Grunde läuft es auf die Forderung hinaus, die Gerichte müssten sich eben doch mit der Behauptung befassen, dass die Erde eine Scheibe sei.
Die Offenkundigkeit, auf die sich die Gerichte mit Recht aus Effizienzgründen zurückziehen, wird jedoch nicht von ihnen selbst festgestellt. Die Richter verlassen sich auf das, was anhand der Geschichtsschreibung als gesichert und bewiesen gelten kann. Wer die „Offenkundigkeit des Holocaust“ erschüttern will, muss sich mit seinen Behauptungen der Kritik von Historikern stellen. Das geschieht immer wieder, und regelmäßig werden Holocaustleugner dabei als Fälscher entlarvt [vgl. etwa Hoggan und die Dokumente].
Gerichte unterstellen den Holocaust als Tatsache, weil er bewiesen ist, und weil die Beweise dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Was Holocaustleugner tun, hat eine Autorin einmal mit Recht als „Amoklauf gegen die Wirklichkeit“ beschrieben.
Kurz danach beklagt sich Nordbruch, der Holocaust gelte für Historiker als
eine historisch erwiesene Tatsache, über die es nichts mehr zu forschen gibt.
Nordbruch, Wendig, S. 682.
Was Nordbruch da schreibt, ist verkürzt. Man muss folgendermaßen ergänzen: Der Holocaust ist eine Tatsache, über die es nichts mehr zu forschen gibt, solange keine überzeugenden neuen Erkenntnisse vorgelegt werden. Dies beschreibt genau das, was Historiker tun, „Revisionisten“ aber gerade nicht. Man nennt so etwas auch „Stand der Wissenschaft“, und es wäre höchst erstaunlich, wenn Gerichte wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse nicht respektieren würden.
Nordbruch erwähnt anschließend einen Rabbiner, der den Holocaust ebenfalls als bewiesene Tatsache dargestellt hatte, und bemängelt:
Wo und von wem dieser Beweis konkret erbracht worden sein soll, hatte der Geistliche nicht erwähnt.
Nordbruch, Wendig, S. 683.
Ich nehme an, Herr Nordbruch ist ein weitgehend vernünftiger Mann, sodass er, wenn ich ihn bitte, mal kurz auf die Straße hinauszugehen, nicht von mir den Beweis dafür verlangen wird, dass da draußen irgendwo Asphalt existiert. Nur in Bezug auf den Holocaust setzt die Vernunft anscheinend sehr schnell aus.
Ich warte hier sehr gespannt auf den Einwand, Nordbruch lebe in Südafrika auf einer Farm, zu der eine nicht asphaltierte Straße führe. Wer allerdings seine persönlichen Lebensumstände zum Maßstab erhebt, um historische Ereignisse zu beurteilen, muss „Revisionist“ sein.
Im Übrigen gibt es nicht den Beweis für den Holocaust. Es gibt unzählige Beweise, die jeweils einen ganz konkreten Teilaspekt belegen und in der Summe ein unumstößliches (offenkundiges) Gesamtbild ergeben [vgl. Revisionismus: Alexandermosaik].
Verdrängte Studienzeit
Nordbruch meint, über die Opfer des Holocaust seien viele falsche Angaben gemacht worden und behauptet zu wissen warum.
Es war »STALINS mordlüstiger Greuelpropagandist Ilja EHRENBURG«, der schon im Dezember 1944 die Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden unter deutscher Herrschaft in die Welt gesetzt hatte. Diese Zahl hat sich bis heute in der gängigen Publizistik und Geschichtsschreibung durchgesetzt.
Nordbruch, Wendig, S. 683.
Die Behauptung lautet: Der Propagandist Ilja Ehrenburg habe eine Zahl in die Welt gesetzt, die von der Geschichtsschreibung einfach übernommen worden sei.
In vielen historischen Werken, die den Holocaust detailliert beschreiben, wird Ehrenburg nicht einmal erwähnt; dafür findet man dort zahlreiche Dokumente der NS-Täter. Entweder, Nordbruch kennt die historische Literatur nicht (unwahrscheinlich), oder er vertraut darauf, dass seine Kundschaft sowieso nicht nachschaut (sehr wahrscheinlich); und selbst wenn, dass sie diese kleinen „revisionistischen“ Serviceleistungen eher begrüßen als kritisieren wird (äußerst wahrscheinlich).
Wie auch immer, Nordbruch tut hier recht überzeugend so, als hätte er niemals in Pretoria Geschichtswissenschaft studiert. Gleich im Anschluss erweckt er ebenso erfolgreich den Anschein, auch sein Germanistikstudium sei eine Fehlinvestition gewesen.
Norman SOLOMON, Dozent für Hebräische und Jüdische Studien in Oxford, beispielsweise stellte für einen Akademiker recht unwissenschaftlich fest: »Sechs Millionen – die genaue Zahl ist kontrovers – wurden ermordet.« Beweise, die diese Aussage untermauerten, erbrachte er nicht.
Nordbruch, Wendig, S. 683
Wer Germanistik und Geschichtswissenschaft studiert hat, setzt sich zwangsläufig dem Verdacht aus, er könne lesen, Kontext erfassen und zitieren. Man bekommt hier den Eindruck, Nordbruch möchte dringend von allen Verdachtsmomenten freigesprochen werden.
Zunächst einmal ist die Aussage des Dozenten inhaltlich völlig richtig. Die Größenordnung von rund sechs Millionen jüdischen Opfern ist gesichert, während sich eine bis auf die letzte Ziffer exakte Zahl vermutlich nicht mehr ermitteln lässt.
Zweitens behandelt Solomons Buch nicht den Holocaust, sondern zielt auf die jüdische Kultur und Religion und gibt einen Überblick über die mehrere tausend Jahre alte Geschichte des Judentums. Der Holocaust ist nicht das Hauptthema.
Drittens gibt es im Buch das Kapitel „Das Judentum im 20. Jahrhundert“, in dem der Autor sehr wohl einige konkrete Aussagen zum Holocaust macht.
Zahlen, bitte!
In dieser Sammlung „revisionistischer“ Verdachtsfälle darf der Historiker Martin Broszat nicht fehlen. Broszat habe gesagt, die Zahl von sechs Millionen Opfern sei „lediglich eine »symbolische Zahl«. Wissenschaftlich belegt sei sie nicht“
. Der erste Teil der Aussage trifft zu, allerdings taugt dies nicht, um den Holocaust zu widerlegen. Den zweiten Teil hat Nordbruch sich selbst ausgedacht.
Nordbruch führt in diesem Text einige Zahlen an, die vor allem von Holocaustleugnern selbst verbreitet werden, um die richtigen Zahlen der Historiker gleichsam zuzuschütten und nach getaner Arbeit achselzuckend zu sagen, man könne ja überhaupt nichts mehr glauben, wenn so viele falsche Zahlen genannt würden. Wie er mit teils offensichtlich falschen und völlig veralteten Zahlen widerlegen möchte, was die Geschichtwissenschaft heute weiß, erklärt er nicht.
Auch Gitta Sereny darf nicht fehlen. Sie habe gesagt:
Warum nur in aller Welt haben all diese Leute Auschwitz zu einer heiligen Kuh gemacht ... Auschwitz war ein schrecklicher Ort - aber es war kein Vernichtungslager […]
Nordbruch zitiert Sereny, Wendig, S. 684
Nordbruch zitiert dies nach einer Website, die nicht mehr online ist, und war wohl zu faul, sich nach der tatsächlichen Quelle umzusehen. Das Zitat stand tatsächlich so in der Times vom 29.08.2001 vgl. Auschwitz sei „kein Vernichtungslager“ gewesen?
Allerdings spricht Sereny hier, wie der Kontext belegt, über Auschwitz I (Stammlager) und nicht über Auschwitz II (Birkenau), wo die Massenvernichtung stattfand, an der sie natürlich keinerlei Zweifel hat. Holocaustleugner wie Nordbruch klammern sich gern ohne Kontext an das „was da steht“ und beziehen sich nicht auf das, was gemeint war. Nur bei Hitler sieht es anders aus: Der habe immer gerade nicht das gemeint, was in seinen kriegerischen und mörderischen Reden zu hören war.
Man sollte noch erwähnen, dass Nordbruch im Rahmen seiner Wahrheitssuche auch die vier Millionen von Auschwitz bemüht. Damit leitet er einen Abschnitt ein, in dem er beweisen möchte, dass die Geschichtswissenschaft nicht stimmt. Einer dieser „Beweise“ nimmt zwei Drittel einer Seite ein und ist ein Faksimile einer Zeitungsmeldung von 1946.
Nordbruch hat sogar noch eine zweite Zeitungsmeldung, dieses Mal von 1945 aus der Berner Tagwacht.
Auch Listojewski kommt bei Nordbruch vor, als müsste man das auf einmal ernst nehmen, nur weil es im Wendig steht. Dann folgen ein irreführender Verweis auf Zahlen des Roten Kreuzes und die Totenbücher und zahlreiche weitere Verzerrungen der Wirklichkeit.
Wenn das Beweise sein sollen, fragt man sich, wie bei Nordbruch akute Beweisnot aussehen mag.
Was durchgängig fehlt, sind klare Belege, ob diese Angaben überhaupt von der Geschichtswissenschaft als gültige Aussagen zum Holocaust akzeptiert wurden. Nordbruch benutzt Strohmann-Argumente und hält den Historikern hier vieles vor, was diese nie vertreten haben.
Umgekehrt lässt Nordbruch die Historiker, die tatsächlich über den Holocaust geforscht haben, weitgehend unerwähnt; und wenn er sie nennt (wie Broszat), dann bezieht er sich auf einen Leserbrief, aber nicht auf Broszats geschichtswissenschaftliche Arbeiten.
Zum Abschluss kommt Nordbruch auf die Rechtsprechung zurück und behauptet einen Zirkelschluss, wo keiner ist:
Die BRD-Justiz behilft sich hier mit einer zirkulären Argumentation: Sie teilt die Geschichtsschreiber und Forscher wie folgt ein: Autoren, die die gewünschte Version unterstützen, gelten als Wissenschaftler und haben deshalb bei der Erkenntnisfrage Gewicht. Autoren, die der gewünschten Version widersprechen, gelten als »politische Extremisten«
Nordbruch, Wendig, S. 688
Was Nordbruch als zirkuläre Argumentation bezeichnet, ist in Wahrheit die Konvergenz der Beweise: Wenn Tätergeständnisse, Zeugenaussagen, Sachbeweise und interne Dokumente unabhängig voneinander zum selben Ergebnis führen, nennt die Wissenschaft das gesichert – und die Justiz nennt es „offenkundig“. Die für Holocaustleugner deprimierende Wahrheit ist viel einfacher: Historiker legen korrekte und überprüfbare Ergebnisse vor, „Revisionisten“ wie Nordbruch machen sich lächerlich, und die Gerichte nehmen sie nicht ernst.
Die Argumentation der „Revisionisten“ mutet häufig an, als wollten sie die Existenz des Bodensees mit der Behauptung bestreiten, die Nordsee sei gerade zu kalt zum Baden. Nordbruch übt sich hier in Meinungsfreiheit im allerluftigsten Sinne – frei schwebende Meinungen, die jegliche Bodenhaftung verloren haben.