Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Die Berner Tagwacht, 24. August 1945

Mit Falschmeldungen gegen die Geschichtsschreibung

BEHAUPTUNG:

Ist eine Meldung der Berner Tagwacht von 1945 ein Anlass, an der Geschichtsschreibung zum Holocaust zu zweifeln?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das trifft nicht zu. Diese fehlerhafte Meldung von 1945 wurde von der Geschichtswissenschaft nie als Fakt übernommen und entkräftet nicht die jahrzehntelange, akribisch dokumentierte Forschung zum Holocaust.

Am 24. August 1945 hat die Berner Tagwacht eine Falschmeldung abgedruckt.

In dieser Meldung hieß es, in deutschen Konzentrationslagern seien 26 Millionen Menschen ums Leben gekommen, die meisten davon in Dachau. Die von der Agentur Reuter übernommene Meldung ist absurd und offensichtlich falsch, und es würde sich eigentlich nicht lohnen, auch nur ein weiteres Wort darüber zu verlieren. Es soll ja sogar heute noch vorkommen, dass Zeitungen sensationelle Meldungen drucken, die für eine gute Auflage, aber nicht unbedingt für gute Aufklärung der Leser sorgen.

Ein Faksimile des Titelblatts. Name der Zeitung oben halb abgeschnitten in Fraktur, darunter die Datumszeile, wieder darunter „Hitler-Deutschland“ ebenfalls in Fraktur als Hauptüberschrift. Transkription folgt unten.

Falschmeldung der Berner Tagwacht: angeblich 26 Millionen Tote der KZs

Transkription: Berner Tagwacht, 24.8.1945

Hitler-Deutschland

„in der Welt voran“

26 Millionen Menschen

in deutschen Konzentrationslagern ermordet

[…] Wie der Pariser Korrespondent des „News Chronicle“ meldet, sind laut amtlichen Zahlen, auf die Untersuchungsbeamte der französischen Regierung gekommen sind, in allen deutschen Konzentrationslagern 26 Millionen Menschen ermordet worden. Die meisten davon wurden in Dachau getötet. Durchschnittlich wurden dort täglich 10 000 bis 15 000 Menschen umgebracht. Wie der Korrespondent hinzufügt, hielten die Hinrichtungsmänner in Dachau am 10. Juli 1944 ein Trinkgelage, um ihren Rekordtag zu feiern, an dem 24 000 Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden.

Trotzdem wollen „Revisionisten“ diese Meldung als Begründung dafür benutzen, dass der Holocaust ein Lügengebäude sei. Ihre Argumentation geht in etwa dahin, dass die Massenvernichtungen in Auschwitz nicht stattgefunden haben können, wenn über den Holocaust unzutreffende Meldungen wie die in der Berner Tagwacht verbreitet wurden.

Wer aber den Nachweis führt, dass eine Zeitung eine ganz bestimmte Falschmeldung gedruckt hat, der hat bewiesen, dass die Zeitung diese Meldung gedruckt hat – und zwar nur dies und nichts anderes. Die Falschmeldung einer bestimmten Zeitung über einen bestimmten Sachverhalt lässt keinen Schluss auf historische Ereignisse zu, die in dieser Meldung überhaupt nicht erwähnt werden.

Man könnte als Gedankenexperiment ja mal Folgendes versuchen: Eine Zeitung möge die absurde Meldung drucken, Stalin habe nicht zig Millionen, sondern eine halbe Milliarde Menschen auf dem Gewissen. Daraufhin stellt man fest: Das sei völlig übertrieben, und daher könne man die zig Millionen auch nicht mehr glauben.

Ich höre die berechtigten Proteste: So dürfe man mit den Opfern des Verbrechers nicht umgehen, das sei eine zynische Verfälschung der Tatsachen und eine Verhöhung der Opfer.

Stimmt. Wer sagt's den Leugnern?

Übrigens hat kein Historiker den Inhalt dieser Zeitungsmeldung als historisch gesicherte Tatsache angesehen. Genau dies unterstellen die „Revisionisten“ aber, um anschließend zu suggerieren, sie hätten die angeblich manipulierte „Geschichtsschreibung der Sieger“ nach dem Krieg bei einer Unwahrheit ertappt. Den Nachweis, welche Historiker diese Falschmeldung als wahr angesehen und verbreitet haben, bleiben sie schuldig.

Das führt zu der paradoxen Situation, dass die Holocaust-Leugner etwas offensichtlich Unwahres (die Meldung) benutzen, um etwas offensichtlich Wahres (die Massenvernichtung) in Zweifel zu ziehen.

Als wäre diese Art von Argumentationsakrobatik noch nicht genug, kursiert unter „Revisionisten“ außerdem auch noch eine manipulierte Version dieser Meldung. Sie wurde beispielsweise im Usenet folgendermaßen „zitiert“:

24. August 1945 Berner Tagwacht Seite 1
13 Millionen Ermordete in Dachau
"Hitler-Deutschland in der Welt voran"
"26 Millionen Menschen in deutschen Konzentrationslagern ermordet"
London, 23. August, ag. (Reuter)
Wie der Pariser Korrespondent (...)

Berner Tagwacht, zit. n. „Manni“, Thu, 07 Nov, de.soc.politik, Subject: Re: Der irreale Deutsche (3), Message-ID: 3280d2ba.3410348@ netnews.worldnet.att.net

Die von mir hervorgehobene Zeile ist im Original nicht enthalten. Auf diese Veränderung angesprochen, erklärte „Manni“, dagegen könne man doch überhaupt nichts einwenden, denn die Zahl sei „das Resultat logischer Errechnung“.

Es scheint so, als sei den „Revisionisten“, die angeblich so großen Wert auf akkurate Geschichtsschreibung legen, der Unterschied zwischen richtig rechnen und richtig zitieren nicht geläufig.

Die Sorglosigkeit, mit der die kommentierende Zeile in das Zitat eingefügt wurde, gibt Anlass zu dem Verdacht, dass auch andere von den „Revisionisten“ vorgelegte Zitate nicht immer den Originalen entsprechen.