Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Sonja Margolina Das Ende der Lügen

Eine unmoralische Geschichte

1941 schrieb Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen, in sein Diensttagebuch:

Wir haben im Generalgouvernement schätzungsweise 2,5 vielleicht mit den jüdisch Versippten und dem, was alles daran hängt, jetzt 3,5 Millionen Juden. Diese 3,5 Millionen können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber doch Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen, und zwar im Zusammenhang mit den vom Reich her zu besprechenden großen Maßnahmen. Das Generalgouvernement muß genau so judenfrei werden, wie es das Reich ist.

zit. n. Buchheim u.a. (Hrsg.)
Anatomie des SS-Staates, S. 646; auch unter Diensttagebuch Hans Frank, 16.12.1941

Wenngleich Franks Zahl zu hoch ist – zum fraglichen Zeitpunkt haben sich eher 2,5 als 3,5 Millionen Juden in dieser Region befunden – muss man doch festhalten, dass von einigen Millionen Juden nach dem Krieg nur noch etwa 100 000 in Polen zu finden waren. Die Frage ist natürlich: Wo sind sie geblieben?

Die Antwort der Geschichtswissenschaft lautet: Die Juden wurden in Ghettos zusammengetrieben, in Vernichtungslager transportiert und ermordet.

Die Antworten der Holocaustleugner lauten:

Die Tatsache, dass diese beiden Behauptungen widersprüchlich klingen, stört die „Revisionisten“ nicht, solange das gewünschte Ergebnis herauskommt: Angeblich habe der Massenmord nicht stattgefunden.

Eine spezifische Variante der Version „sie waren ja gar nicht mehr da“ formulierte der Geschichtsrevisionist Werner Maser, als er über Holocaustforscher schrieb, folgendermaßen:

Dass Stalin die bis zu 2 Millionen Juden, die nach dem Krieg nicht mehr aus der UdSSR in ihre Ursprungsorte zurückkehren konnten, weil sie dort ihr Leben verloren hatten, wahrheitswidrig als Opfer des NS-Regimes darstellte, war für viele von ihnen kein Thema.

Werner Maser, Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Stalin und Hitler, S. 339

Maser nennt an dieser Stelle keine Quelle für die Morde an zwei Millionen Juden.

Hier sollte man darauf hinweisen, dass der „Revisionist“ Germar Rudolf in Bezug auf Beweise für den Mord an Juden sehr, sehr streng ist. 2017 forderte er etwa in Die Chemie von Auschwitz in einer Zwischenüberschrift: „Forensische Untersuchungen als moralische Pflicht“.

Zweitens muss man wohl feststellen, dass Rudolfs Pflichtbewusstsein zu wünschen übrig lässt, denn in Vorlesungen über den Holocaust (2005, S. 177) zitierte er genau diese durch keinerlei Quellen gesicherte Passage aus Masers Buch.

Die mannigfaltigen Versuche, den Judenmord durch Kleinrechnen der jüdischen Bevölkerung wegzudiskutieren, bereicherte der Usenet-Teilnehmer „Normarz“ durch eine weitere Variante, nachdem er Sonja Margolinas Buch Das Ende der Lügen entdeckt hatte. Die Autorin habe in ihrem Buch eine Zahl von acht Millionen Juden erwähnt, die erst vor kurzem in der ehemaligen Sowjetunion „entdeckt“ oder „wiederentdeckt“ worden seien.

Der Gedanke: Wenn auf einmal Millionen Juden „auftauchen“, hätte das NS-Regime erheblich weniger Juden ermordet. Die Ähnlichkeit mit Rudolfs und Masers Idee ist unverkennbar.

Wie es während des Krieges mit Russland möglich gewesen sein soll, an der Front vorbei einige Millionen Menschen nach Sibirien zu befördern, konnte „Normarz“ allerdings so wenig erklären wie Rudolf seine irrlichternden Moralvorstellungen. (Es muss Sibirien sein, denn ein großer Teil der europäischen Sowjetunion war von den NS-Truppen besetzt, und auch dort sind Millionen Juden verschwunden.)

Um dieses gewaltige Umsiedlungsprojekt zu bewerkstelligen, hätte das NS-Regime mit dem Kriegsgegner ein Abkommen schließen müssen, das es erlaubt hätte, mit Billigung und sogar Unterstützung der Sowjets eine sehr große Zahl von Juden an den Frontlinien vorbei nach Sibirien zu transportieren.

Es lohnt sich nicht, weiter über diese offensichtlich absurde Behauptung zu reden. Bemerkenswert – und symptomatisch für die „revisionistische Wahrheitssuche“ – ist allerdings, wie der Usenet-Teilnehmer damals mit Margolinas Text umgesprungen ist. Er behauptete,

dass Frau Margolina von 8 Millionen Juden in den GUS-Staaten schrieb, die laut der Schriftstellerin das Recht haetten als Juden nach Israel zu kommen

„Normarz“, 15 Aug 1998, de.soc.politik.deutschland, Subject: Re: Sonderbehandlung, Message-ID: 6zvRXzcLbXB@nm01.vision.IN-BRB.DE

Tatsächlich bezieht sich Margolina aber auf Menschen, die nach dem israelischen Rückkehrgesetz „als Juden“ einwandern dürfen, obwohl sie keine Juden sind. Margolina kritisiert die Einwanderungspraxis des Staates Israel und schreibt:

Für jene Nichtjuden, die ausreisen wollen, aber keine Möglichkeit haben, sind jüdische Papiere, eine jüdische Braut oder entfernte Verwandte ein Schatz. In der Sowjetunion leben ungefähr acht Millionen Menschen, die nach israelischen Gesetzen berechtigt wären, als Juden nach Israel zu kommen. Allein diese Tatsache zeigt, wie absurd und künstlich heute Vorstellungen von einer Blutsverwandtschaft sind. Der moderne Staat kann sich doch nicht durch eine Blut-und-Boden-Ideologie legitimieren.

Einmal abgesehen von den aus einer derart massiven Emigration für Israel entstehenden sozialen und politischen Problemen, entleert die Aufnahme von Nichtjuden aus der Sowjetunion den Sinn des Zionismus und ist gleichbedeutend mit dem Ende Israels als nationalem jüdischem Staat.

Mit der Beschneidung werden die Einwanderer formell zu Juden erklärt. Was sich nicht beschneiden läßt, ist eine siebzig Jahre währende Vergangenheit, in der diese Menschen aufgewachsen und erzogen worden waren.

Margolina, Ende der Lügen, S. 113

Ich habe in Margolinas Text zweimal das Wort „Nichtjuden“ markiert. Die weiter oben zitierte Behauptung, die Autorin habe von Juden gesprochen, die aus den GUS-Staaten nach Israel einwandern dürften, ist die unmoralische Fantasie eines „Revisionisten“.

Wie man leicht erkennen kann, meint Sonja Margolina die israelischen Bestimmungen, die auf einer Webseite folgendermaßen erläutert werden:

Seit 1970 wurde das Immigrationsrecht unter diesem Gesetz erweitert. Es bezieht sich fortan auch auf Kinder und Enkel eines Juden, den Ehepartner eines Kindes eines Juden und den Ehepartner eines Enkels eines Juden (…) Absicht dieses Zusatzes ist es, die Einheit von Familien zu garantieren, in denen es zu religiös gemischten Ehen kam; er bezieht sich nicht auf Personen, die Juden waren und ihre Religion freiwillig geändert haben.

Rückkehrgesetz, Erwerb der israelischen Staatsangehörigkeit

Dieses Gesetz zielt ausdrücklich nicht auf Juden, die vom NS-Regime verfolgt wurden. Es ist sehr weit gefasst und erstreckt sich sogar auf angeheiratete Verwandte – also auf Menschen, die nach den rassistischen Vorstellungen des NS-Regimes nicht als Juden gegolten hätten.

Diese Praxis ist es, die Sonja Margolina kritisiert, wenn sie sagt, dass Nichtjuden „als Juden“ einwandern dürfen, obwohl sie keine Juden sind.

Margolinas Text, „Normarz“' Fantasien, die israelischen Einwanderungsgesetze und Rudolfs unmoralische Eskapaden bieten keinerlei Grundlage für die Behauptung, in der ehemaligen Sowjetunion seien mehrere Millionen Juden „aufgetaucht“ oder gestorben, und deshalb müsse die Gesamtzahl der jüdischen Opfer reduziert werden.