Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Hitler war Sozialist. Es sei denn, er war es nicht.

Logik, komm raus, du bist unzingelt!

Konkreter Anlass für diesen Text war eine Diskussion vor vielen Jahren im Usenet. Die Beteiligten sind dort schon lange nicht mehr aktiv, deshalb wurden die Namen anonymisiert. Viel wichtiger als der Blick auf die Personen ist die Betrachtung der Argumentation, die zeitlos und auch heute noch zu beobachten ist.

Beim Versuch, die NSDAP um jeden Preis nach links zu schieben, um eine möglichst große Distanz zu den eigenen, in Teilen deckungsgleichen nationalistischen Standpunkten zu schaffen, verheddern sich rechtsextreme Akteure zwangsläufig in ihren eigenen Widersprüchen.

Hier ist zu beobachten, dass der Autor der folgenden Bemerkungen ausschließlich anhand der äußeren Erscheinung argumentiert und dabei gleich mehrfach dem gleichen Kurzschluss zum Opfer fällt: Ja, die Ostblockstaaten waren Diktaturen. Aber: Nicht jede Diktatur ist sozialistisch.

Um Letzteres zu klären, muss man die Motive untersuchen, auf denen die Unterdrückung beruhte. Im Ostblock war es Verwirklichung des Sozialismus (wie man dort bis zum Überdruss immer wieder hören konnte), im NS-System waren rassistischer Antisemitismus und der Kampf um Lebensraum die treibenden Motive. Äußere Ähnlichkeiten können nicht über innere Unterschiede hinwegtäuschen. Fledermäuse sind trotz ähnlicher Flugweise keine Vögel, sondern Säugetiere.

Eine Betrachtung der historischen Zusammenhänge ist in einem anderen Artikel zu finden.

Im Einzelnen hat der Teilnehmer damals Folgendes angeführt:

1. Vermeintliche Ähnlichkeiten zwischen „linkem“ und „rechtem“ Sozialismus

Es ist absurd, ueber diese offensichtlichen Aehnlichkeiten diskutieren zu wollen. Wenn Du keine Aehnlichkeiten siehst, dann siehst Du sie halt nicht. Ich nehme ja ohnehin an, dass Du sie nicht sehen sollst und die Fiktion eines bedeutenden Unterschiedes aufrecht erhalten sollst. Und weil ich das annehme, ist eine Besprechung ueberfluessig. Einige Aspekte sind "Kindergreif", Staatskult, Medienverwendung, Feindbildpflege, Idolpflege, Bespitzelung, lockere Einstellung zum Toeten, ideologischer Superdrill unter Ausschaltung konkurrierenden Denkens, KL/Gulag.

„Normarz“

Neunmal knapp daneben

„Kindergreif“
Gemeint ist wohl die Behauptung, man könne den Sozialismus daran erkennen, dass er sich möglichst früh die Kinder schnappt und beeinflusst. Das macht freilich jede weltanschauliche Gruppe – auch die katholische Kirche, die demnach eine sozialistische Organisation sein muss.
Staatskult
Es gab mal einen Herrscher, der sich mit dem Staat oder den Staat mit sich selbst identifiziert hat. Dies mündete in dem Satz „L'état, c'est moi“, der Staat bin ich. Offenbar war der „Sonnenkönig“ ein Frühsozialist, der den Sozialismus gepredigt hat, bevor diese Ideologie überhaupt entstanden ist.
Medienverwendung
Dies soll vermutlich heißen: Verwendung der Medien zur Propaganda. Es ist natürlich richtig, dass die Nationalsozialisten genau wie die sowjetischen Anführer Propaganda betrieben haben. Allerdings haben die Alliierten während des Krieges ebenfalls Propaganda betrieben. Demnach müssen die Amerikaner, Franzosen, Briten, Kanadier und die vielen anderen, die mit propagandistischen Mitteln gegen Deutschland gekämpft haben, Vertreter sozialistischer Staaten gewesen sein.
Feindbildpflege
Der amerikanische Senator McCarthy hatte in den fünfziger Jahren ein klares Feindbild: Alles, was in seinen Augen links war, galt als unamerikanisch und musste bekämpft werden. Demnach war McCarthy ein Sozialist, weil er bei der Jagd auf Sozialisten und Kommunisten ein klares Feindbild gepflegt hat.
Idolpflege
Aber sicher doch: Elvis lebt, und seine Fans sind Sozialisten. Oder sind politische Idole gemeint? Es gibt einen regelrechten Kult um König Ludwig II. von Bayern, und wer den Bayernkönig verehrt, muss natürlich ein Sozialist sein – genauso wie die Anhänger Francos oder des japanischen Herrscherhauses. Mal ganz abgesehen von den Fans, die Chuck Norris verehren.
Bespitzelung
Der chilenische Diktator Pinochet hat wie jeder andere Diktator seine Gewaltherrschaft nicht zuletzt durch Bespitzelung der Bevölkerung aufrecht erhalten. War Pinochet, der gegen den Sozialisten Allende geputscht hat, ein Sozialist?
Lockere Einstellung zum Töten
Endlich wissen wir es: Jack the Ripper war Sozialist.
Ideologischer Superdrill unter Ausschaltung konkurrierenden Denkens
Das gibt es auch bei Scientology. Die Geldgier dieser Leute ist sicher nur Tarnung – in Wirklichkeit sind sie Sozialisten. Die katholische Kirche hat Ketzer umgebracht, also waren die Päpste damals Sozialisten.
KL/Gulag
Pinochet hat ein Fußballstadion als Konzentrationslager benutzt. Daher war er ein Sozialist.

Wie man sieht, kann man alle Punkte ohne Weiteres mit Personen, Systemen und Ideologien in Verbindung bringen, die ganz sicher nicht sozialistisch genannt werden dürfen. Deshalb sind diese Attribute nicht geeignet, den NS-Staat als sozialistisches System zu identifizieren.

Bemerkenswert ist hier höchstens noch, dass der Autor neunmal den gleichen Fehler gemacht hat.

2. Die „internationalistischen“ Nazis

Dieses Argument betraf eine Partei in der Tschechoslowakei, die sich nationalsozialistisch nannte. Aus der Behauptung, es hätte irgendwo auf der Welt eine nationalsozialistische Gruppierung gegeben, kann man nicht ableiten, dass die Nationalsozialisten sozialistisch gewesen seien.

Die freie Assoziation sollte hier wohl sein: Da es eine „Kommunistische Internationale“ gibt, könne man aus der Benutzung des Begriffs „nationalsozialistisch“ in einem anderen Land den Schluss ziehen, auch der Nationalsozialismus sei international und daher sozialistisch gewesen.

Das NS-Regime hatte jedoch überhaupt nicht die Absicht, diese Ideologie weiter zu verbreiten:

Hitler wünschte keinen Export des deutschen Nationalsozialismus. Er stand da in krassem Gegensatz zu Lenin, der den Kommunismus entsprechend den Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels internationalisieren wollte (Komintern – Kommunistische Internationale).

Henry Picker, Tischgespräche, S. 86

3. Der „nationalistische“ Ostblock

Im Uebrigen konnte sich der „linke“ Sozialismus in DDR und UdSSR auch ausgesprochen national geben.

„Normarz“

Soll wohl heißen: Die Nazis waren Sozialisten, weil die Sozialisten nationalistisch waren. Aber andererseits, nicht lange davor:

Sozialismus ist aber niemals national.

„Normarz“

Hier sieht man auch den Grund, warum die Zitate unkenntlich dargestellt sind. So eine Peinlichkeit, nach Jahrzehnten noch im Netz zu sehen, tut weh.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Es geht hier nicht darum, einen einzelnen Teilnehmer lächerlich zu machen. Viel wichtiger ist, dass solche krassen Widersprüche in der eigenen Argumentation immer ein Hinweis darauf sind, dass der betreffende Standpunkt nicht auf sachlichen Abwägungen, sondern auf vorgefassten Urteilen beruht, die nicht selten stark emotional besetzt sind. An solchen Stellen zeigt sich der Unterschied zwischen Glauben und Wissen sehr deutlich, und insofern ist dieses alte Beispiel immer noch ein wertvoller Fingerzeig für aktuelle Diskussionen in sozialen Medien.

4. Aber der Name, der Name!

Witzbold. Erstmal nannten sie sich ja Sozialisten (…)

„Normarz“

Das hat Herr Kuehnelt-Leddihn auch schon versucht. Aus der Tatsache, dass die Nazis sich Nationalsozialisten genannt haben, darf man aber nicht einfach schließen, dass sie auch wirklich Sozialisten waren. Die DDR hat sich als „demokratische Republik“ bezeichnet. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Nebenbei bemerkt, übersehen die meistens weit rechts stehenden Personen, die auf diese Weise argumentieren, notorisch den ersten Teil des Worts. Könnte man nicht genauso leicht sagen, dass das NS-System äußerst nationalistisch war? Das muss man sogar sagen, denn es trifft zu. Das Problem ist, dass die deutsche Rechte in Teilen ebenfalls nationalistisch denkt. Das ergibt eine höchst unappetitliche Schnittmenge mit dem NS-System. Genau deshalb kommen die Versuche, die Nationalsozialisten nach links zu schieben, so gut wie immer von rechtsaußen.

These, Antithese, alles Käse

Schließen wir diese Betrachtung mit einer kleinen Übung in dialektischem Denken ab: Aus These und Antithese soll die Synthese entwickelt werden.

Die These:

Viele setzen aber national = Hitler. Dabei war Hitler Sozialist und vollkommen antinational, er war ein Landesverraeter.

„Normarz“

Die Antithese:

Hitler selbst war auch kein Sozialist.

Ebenfalls „Normarz“ im Abstand weniger Wochen

In Bezug auf den Landesverrat hatte „Normarz“ sogar recht. Es gab mehrfach Ermittlungen gegen Hitler und die NSDAP wegen Hochverrat.

Den Rest der Argumentation kann man in einem knappen Axiom zusammenfassen: Es ist so, außer es ist nicht so.

Quellen und Verweise