Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Die Finanzierung Hitlers und der NSDAP

„(…) ich weiß, dass es Juden waren“

BEHAUPTUNG:

Trifft es zu, dass Hitler und seine Partei aus dem Ausland und vor allem von Juden finanziert wurden?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das ist falsch. Diese vielfach widerlegten Behauptungen dienen der Entlastung des Nationalsozialismus und der Täter-Opfer-Umkehr. Hitler hat Juden nicht nach Palästina „getrieben“, um Israel zu gründen, sondern rund sechs Millionen Juden ermordet.

Ein Dauerbrenner ist die Behauptung, Hitler sei aus dem Ausland finanziert worden. Die Überlegung dahinter: Wenn man nachweisen könnte, dass Juden (häufig auch: „Zionisten“) die NSDAP gefördert oder an die Macht „gekauft“ haben, oder wenn man belegen könnte, dass führende NSDAP-Funktionäre und sogar Hitler selbst Juden gewesen seien, dann könnte man den Holocaust, soweit er nicht sowieso geleugnet wird, als „innerjüdische Angelegenheit“ beschreiben, und der Nationalsozialismus wäre entlastet [vgl. angebliche jüdische Vorfahren, und Zionismus].

Der Altnazi Hennecke Kardel schrieb hierzu ein Buch mit dem vielsagenden Titel Adolf Hitler: Begründer Israels. Der Diktator sei im Grunde nur eine zionistische Marionette gewesen, der es oblag, das zur Gründung Israels notwendige Staatsvolk in jene Region zu schaffen. Und wenn man schon die Juden als Drahtzieher hinter dem NS-Regime sieht, liegt es nahe, auch gleich noch das Wort „Nazionisten“ zu prägen, das viele Antisemiten gern übernommen haben [vgl. Burg, Zionnazi Zensur in der BRD; Jean Ledraque (d.i. Hennecke Kardel), Springers Nazionismus].

Unbrauchbare „Quellen“

Die wichtigsten „Quellen“ für dieses Märchen sind das gefälschte Abegg-Archiv und der ebenfalls gefälschte Warburg-Bericht.

Im Kontext des Abegg-Archivs und der angeblichen Hitler-Finanzierung durch Juden erwähnen die Geschichtsfälscher manchmal auch ein preußisches Ermittlungsverfahren gegen die NSDAP. Die Ermittlungen gab es, aber nicht wegen der Finanzierung der NSDAP, sondern wegen staatsfeindlicher Umtriebe, sprich: Hochverrat.

Vor längerer Zeit nannte ein Usenet-Teilnehmer beide gefälschte Quellen als Belege, wurde dann aber kreativ und dachte sich zusätzlich noch etwas Eigenes aus.

Ich weiss, dass es Juden waren, deren Ziele Hitler ja auch umsetzte. Sehr extremistische Juden. Und den Namen, der wahrscheinlich tatsaechlich wichtiger ist, als der von Warburg, den habe ich nun auch:

OTTO KAHN

Gestorben am 10.3.1934 in New York. Von ihm gibt es Verbindungen zu Jakob Schiff, der die bolschewistische Partner-Revolution finanzierte. Wichtiges Bankhaus dabei: Kuhn, Loeb & Co., Verbindungen auch zu Warburg. Kahn hatte das Judentum zuvor offiziell verlassen.

„Normarz“, Date: Mon, 11 May 98, de.soc.politik, Subject: Re: Warburg und Sonderegger, Message-ID:6td6AqiZ-ZB@ nm01.bbrandes.in-brb.de

Das war unfreiwillig entlarvend. Diese Denkweise ist nach wie vor symptomatisch für Antisemiten: Er „wusste“ vorher schon, dass die Übeltäter Juden waren, und begab sich dann auf die Suche nach den passenden „Beweisen“.

Die letzte Bemerkung, die an finstere Umtriebe getarnter und geheimer Juden denken lässt, stammt vom gleichermaßen fantasievollen Jan van Helsing, den der Teilnehmer damals ebenfalls konsumiert hatte.

Mit einem etwas längeren Zitat wollte der Teilnehmer dann seinen selbst erfundenen Übeltäter endgültig überführen.

[…] eine Anzahl von Bankiers, die einen besonderen, indirekten Druck auf den Praesidenten nach seiner Rueckkehr nach Berlin ausuebten. Zum mindesten einer von ihnen hatte, wie man wusste, seit Oktober 1928 grosszuegig die Fonds der Nazis und der Parteien der Nationalisten mit Geld unterstuetzt. Er starb, kurz nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren. Das Finanzieren der Nazipartei, teilweise von Menschen, von denen man es am wenigsten erwartet haette, dass sie sie unterstuetzen wuerden, ist ein Kapitel fuer sich.

„Normarz“, 25 Dec 1997, de.soc.politik, Subject: Preussen und Hitler (1), Message-ID: 19971225201500.PAA24492@ ladder02.news.aol.com

Dieser Textbaustein stammt nicht von „Normarz“ selbst, sondern aus Springers Nazionismus des Altnazis Hennecke Kardel, der die Ansicht vertrat, Hitler sei jüdischer Abstammung gewesen und habe den Nationalsozialismus verraten [vgl Kardel, Adolf Hitler: Begründer Israels]. Kardel gibt seinerseits Deutsche Rundschau, Heft 7, Juli 1947, als Quelle an.

Dieses Zitat erfreut sich einer gewissen Beliebtheit; auch der Verschwörungserzähler Jürgen Eggert benutzt diesen Textbaustein. Eines dürfte jedoch bei allen klar sein: Keiner von ihnen hat jemals die Zeitung selbst in der Hand gehabt. Vermutlich geht diese „stille Post“ ursprünglich auf Emil Aretz zurück. Dessen Buch Hexeneinmaleins einer Lüge, wo man dies ebenfalls findet, erschien in erster Auflage bereits 1970.

Drei Haken. Mindestens.

Diese dürftigen Angaben reichten damals, um definitiv Otto Kahn als angeblichen Hitler-Finanzier zu benennen (was der zitierte Kardel allerdings gar nicht getan hatte).

Die Sache hat allerdings mindestens drei Haken. Erstens starb Otto Kahn nicht „kurz nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren“, sondern mehr als ein Jahr später; es war auch nicht am 10.03.1934, wie oben fälschlich angegeben, sondern am 29.03.1934.

Der größere Haken ist politischer und geografischer Natur. Otto Kahn war amerikanischer Staatsbürger und lebte in den USA, hatte also schon allein aufgrund der Entfernung nicht jederzeit Zugang zu Hindenburg. Der Bankier, den Brüning erwähnt, hat diesen Zugang aber gehabt. Außerdem ist kaum vorstellbar, dass der äußerst nationalistische und patriotische Hindenburg als Berater einen Bankier gewählt haben soll, der Amerikaner war – also den Staatsbürger einer Siegermacht von Versailles, der aus Hindenburgs Sicht zumindest potenzieller Feind Deutschlands war.

Und schließlich sind da noch die Ermittlungen wegen Hochverrats, die „Normarz“ fälschlich auf die angebliche Finanzierung bezog. In diesem Fall hätte jedoch auch ein Verdacht gegen den US-Bankier Kahn bestanden. Der wäre aber angeblich gleichzeitig unbehelligt durch Berlin gewandert und hätte obendrein praktisch ungehinderten Zugang zu Hindenburg gehabt.

Ich habe diese sonst nirgendwo mehr aufgegriffene Argumentationsweise bewusst etwas ausführlicher dokumentiert, weil sie eines zeitlos und sehr deutlich zeigt: Antisemiten scheuen weder Mühen noch Widersprüche, wenn sie Juden als Übeltäter darstellen wollen.

Wenn Leute wie „Normarz“ hingegen ausnahmsweise erwähnen, dass beispielsweise auch der Industrielle Thyssen Hitler unterstützt hat, dann entfällt dort zuverlässig jeder Hinweis auf die Religion.

Eine Kleinigkeit fehlt

Im Übrigen ignorieren Antisemiten, die argumentieren wie „Normarz“, bei der Diskussion um die angebliche Hitler-Finanzierung durch amerikanische Juden einen ganz entscheidenden Punkt. Die Finanzierung allein – egal von wem – hat nicht ausgereicht, um Hitler zum Diktator zu machen.

Der letzte Schritt auf dem Weg von der Weimarer Republik in die Hitler-Diktatur war die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933. Die NSDAP hatte zu diesem Zeitpunkt keine Mehrheit im Reichstag; Hitler war auf die Stimmen der Deutschnationalen und des Zentrums angewiesen. Er hat die fehlenden Stimmen bekommen, das Ermächtigungsgesetz wurde verabschiedet, und von diesem Zeitpunkt an war Hitler mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet.

Es waren keineswegs amerikanische Juden, sondern vielmehr konservative, reaktionäre deutschnationale Politiker, die Hitler geholfen haben, sich zum Diktator aufzuschwingen. Diese Leute waren zu einem nicht geringen Teil ebenso antisemitisch eingestellt wie Hitlers Gefolge. Bei diesen Akteuren verzichten die antisemitischen Schreiber nicht nur auf die Nennung der Religion – sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und erwähnen diese Vorgänge und Personen vorsichtshalber gleich gar nicht.

Angebliche Finanzierung der NSDAP