Roland Baader totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören
Immer wieder behaupten Teilnehmer in sozialen Medien, die Nationalsozialisten seien Sozialisten gewesen. Manche berufen sich auf den Ökonomen Roland Baader.
X: Ein Teilnehmer zitiert Roland Baader
Transkription
Roland Baader
Statement zum Sozialismus:
„Deren kollektivistischer und latent totalitärer Kern sei am Stichwort Nationalsozialismus illustriert: Der Nationalsozialismus war (und ist, soweit er noch in einigen kranken Hirnen existiert) Sozialismus, Sozialismus, Sozialismus!“
Das Zitat stammt aus Roland Baader, totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören, S. 267.
Schon Shakespeares Hexen wussten, dass die dreifache Bekräftigung ein Wesensmerkmal jeder Beschwörung ist. Ein Blick in Baaders Kochkessel zeigt allerdings, dass seine Argumentation in Sachen NS-„Sozialismus“ eher dünn geraten ist.
Roland Baader: Totgedacht …
Bereits der Titel des Buchs gibt Anlass zu Fragen, denn Bücher schreiben gilt gemeinhin als intellektuelle Leistung (hier: PDF nach der Printausgabe, 2002).
Wollte Baader sagen, dass er seine intellektuellen Fähigkeiten bewusst nicht genutzt habe, um ein mangelhaftes Buch zu schreiben? Vermutlich nicht; ich bin sicher, dass er genügend Intellektualität besaß, um diesem Fallstrick zu entgehen.
Oder unterscheidet Baader zwischen zwei Arten von Intellektuellen? Zwischen den Guten (er selbst) und den anderen, die böse seien? Das ist denkbar, denn soweit ich es im Buch überblicken kann, zeigt er gern mit dem Finger auf „die Intellektuellen“ und nimmt sich selbst offenbar aus.
Genauer gesagt, zeigt er mit dem Finger auf die Intellektuellen, die er links verortet. Die anderen zitiert er.
Wenn man den deutschen Faschismus mit so viel Nachdruck als sozialistisch einordnet, sollte man doch ein gewisses Maß an Intellektualität riskieren, ein möglichst breites Spektrum historischer Quellen heranziehen und daraus gute Argumente entwickeln.
Otto und Gregor Strasser: Die „linken“ Nazis
Ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt war sicherlich der Aufruf der Strasserianer vom 4.7.1930: Die Sozialisten verlassen die NSDAP.
Die Strasserianer sahen sich selbst als die Sozialisten in der NSDAP, was ein gutes Argument für Leute wie Baader sein könnte, wenn die Strasser-Brüder nicht dummerweise mit der Partei gebrochen hätten. Hitler habe die nationalsozialistische Idee verraten, hieß es damals.
Baader erwähnt die Strasserianer nur ein einziges Mal beiläufig, ihren Protest behandelt er überhaupt nicht. Wenn Baader belegen möchte, dass die NSDAP bis 1945 sozialistisch geblieben sei, wäre der Aufruf von 1930 ein methodisch sehr naheliegender Ansatzpunkt gewesen. Baader führte allerdings eine betont nicht-intellektuelle Aufsicht über seinen Kochkessel, und deshalb musste die allzu komplexe Zutat der Strasserianer draußen bleiben.
Das Parteiprogramm der NSDAP
Für all jene, die das NS-System als sozialistisch bezeichnen wollen, ist das NSDAP-Parteiprogramm mit seinen vermeintlich sozialistisch klingenden Passagen ein oft gefundenes und gern wiedergekäutes Fressen. Dabei unterschlagen sie allerdings regelmäßig Hitlers Ergänzung vom 13. April 1928, mit der er allzu sozialistische Ideen als verleumderisch zurückgewiesen hat. Man stehe zum Privateigentum, schrieb er dort.
Ein redlicher Historiker hätte natürlich beides bewertet, das Programm und Hitlers Relativierung. Baader schenkt sich das komplett. Vielleicht wäre eine differenzierte Darstellung unerwünscht intellektuell geworden.
Die Nationalökonomie
Baader ist der Ansicht, man müsse dem NS-Wirtschaftssystem etwas Aufmerksamkeit widmen.
Die falschen Schlagworte und irreführenden Lehren der Verteidiger von Staatszugriffen, Sozialismus, Kommunismus, staatlicher Planung und Totalitarismus können nur durch nationalökonomische Überlegungen entlarvt werden.
Ludwig von Mises, zitiert nach Baader, totgedacht, S. 165
Das ist völlig richtig. Wenn man über den „Sozialismus“ des NS-Systems redet, muss man über die nationale Ökonomie des Systems reden, und wenn man das tun will, muss man die Literatur zum Thema zur Kenntnis nehmen [vgl. Rezeption].
Sogar ich als geschichtswissenschaftlicher Laiendarsteller kenne Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Auch dieses Grundlagenwerk war Baader jedoch viel zu intellektuell. Den Namen des Autors und den Titel sucht man in Baaders Buch vergeblich. Überhaupt liest man dort, dem Zitat zum Trotz, bemerkenswert wenig zur NS-Wirtschaftsordnung.
Das ist auch kein Wunder, denn sie war nicht sozialistisch geprägt. Als kleines Indiz mag die Tatsache gelten, dass Hitler von 1933-1945 keine einzige wesentliche Entscheidung damit begründet hat, dass man den Sozialismus verwirklichen oder weiterentwickeln müsse, wie man es im ehemaligen Ostblock bis zum Überdruss gehört hat.
Was Baader noch nicht wissen und berücksichtigen konnte, sind Germà Bels Veröffentlichungen zu den Privatisierungen des NS-Systems. Die Arbeiten erschienen für Baader zu spät, bestätigen aber im Nachhinein erneut, dass die Verortung des Nationalsozialismus als Spielart des Sozialismus nicht haltbar ist.
Auch ohne Germà Bel hätte Baader allerdings wissen können, dass die NS-Führung mehrere zuvor verstaatlichte Banken (gewissermaßen das Herz des Kapitalismus) in Privateigentum zurückführten, genauso wie die HAPAG und den Norddeutschen Lloyd. Diese beiden größten deutschen Schifffahrtslinien wurden 1934/36 reprivatisiert. Es gäbe noch einige weitere Beispiele für das durchaus unsozialistische Privatisierungsprogramm der Nazis.
Baader hat hier konsequent nicht-intellektuell argumentiert und seinen Lesern die Konfrontation mit allzu viel historischer Realität erspart.
Zwangsarbeit und „Arisierungen“
Baader bespricht die Zwangsarbeit als Symptom sozialistischer Systeme und verliert kein Wort über die Zwangsarbeit im NS-System. Auch das verwundert nicht, denn hätte Baader die NS-Zwangsarbeiter erwähnt, dann hätte er einräumen müssen, dass die Nationalsozialisten auf höchst unsozialistische Weise der kapitalistisch wirtschaftenden Industrie Sklaven zur Ausbeutung zugeführt haben. In Auschwitz III errichteten sie sogar eigens einen Lagerkomplex für jene Zwangsarbeiter, die in den privatwirtschaftlichen Buna-Werken der IG Farben eingesetzt wurden.
Auch die sogenannten „Arisierungen“ kommen bei Baader nicht vor. Angeblich, so sagen manche, seien das doch genau die Enteignungen gewesen, die einem sozialistischen System entsprächen. Baader benennt die Judenverfolgungen durchaus, unterschlägt aber diesen wirtschaftlich nicht ganz unwichtigen Aspekt. Als Ökonom weiß Baader natürlich genau, wann es sinnvoll ist, eins und eins lieber doch nicht zusammenzuzählen.
Hätte er die „Arisierungen“ erwähnt, dann hätte er ehrlicherweise sofort zugeben müssen, dass die enteigneten jüdischen Betriebe gerade nicht in Gemeineigentum überführt (sozialisiert) wurden. Vielmehr hat das NS-Regime sie an „arische“ Kapitalisten übergeben und die kapitalistische Produktionsweise unangetastet gelassen. Anders gesagt, haben die Nazis lediglich ihren erwünschten „arischen“ Unternehmern geholfen, die unerwünschte jüdische Konkurrenz auszuschalten – ein durchaus kapitalistischer Ansatz, dessen Erwähnung Baader allerdings den Brei verdorben hätte.
Der Vierjahresplan
Ein weiteres beliebtes Argument ist der Vierjahresplan des NS-Regimes: Schau mal, sagen die Gläubigen, auch die Nazis hatten einen Vierjahresplan, genau wie die sozialistischen Ostblockstaaten.
X-Posting: Beinahe ein Argument
Transkription
Das hört sich doch schon mal nach Sozialismus an. „Jahrespläne“ sind ja ein Markenzeichen des Sozialismus (Planwirtschaft)!
Richtig daran ist, dass die NS-Diktatur die Wirtschaft unterworfen hat; kein Diktator lässt zu, dass die Wirtschaft Dinge tut, die er nicht will. Dies entspricht dem Wesen einer Diktatur, sagt aber für sich genommen nichts über links und rechts aus.
Auch der aus ökonomischer Sicht nicht ganz uninteressante Vierjahresplan durfte nicht in Baaders streng bewachten Kochtopf hinein, und auch dafür gibt es einen guten Grund.
Ich stelle damit folgende Aufgabe:
I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein.
II. Die deutsche Wirtschaft muß in 4 Jahren kriegsfähig sein.
Wilhelm Treue, Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936
Der Vierjahresplan war keine sozialistische Planwirtschaft, sondern faschistische Kriegswirtschaft. Dieses Dokument, das für die NS-Wirtschaft nicht ganz unwichtig war, hätte die Intellektualität der Leser vermutlich überstrapaziert und musste deshalb ebenfalls im Lagerraum bleiben.
„Kranke Hirne“ und andere Geschmacklosigkeiten
Baader hat ein klares Feindbild: Das NS-System sei links gewesen, und er ist strikt gegen alles, was nach Sozialismus riecht. Außerdem meint er, nur „kranke Hirne“ könnten dem Nationalsozialismus irgendetwas abgewinnen.
Wie reagiert jemand, der sich so klar positioniert, auf Autoren, die das NS-Regime entlasten wollen? Man sollte meinen, Baader müsste sie als minderbemittelte Sympathisanten eines vermeintlich sozialistischen Systems scharf angreifen.
Erstaunlicherweise beruft Roland Baader sich im ganzen Buch mehrfach zustimmend, distanzlos und unkritisch auf den rechtsextremen Autor Armin Mohler. Zur Einordnung Mohlers soll folgender Abschnitt dienen:
In diesem Krieg gegen das Untermenschentum bewarb sich der junge Armin Mohler vergeblich um die Aufnahme in die Waffen-SS. In den Nachkriegsjahren diente er Ernst Jünger als Sekretär und machte sich einen Namen als konservativer Publizist. Im November 1995 stellte ihm die Zürcher Wochenzeitung die Interviewfrage: »Bewundern Sie heute Hitler immer noch wie in Ihren Jugendzeiten?« Und Mohler erwiderte: »Was heißt bewundern? Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil.«
Gerhard Henschel, Der Sexualantisemitismus der Nazis, jungle.world 2008 / 44
Noch drastischer zeigte sich Mohlers NS-Apologetik an einer anderen Stelle, wo er sogar der offenen Holocaustleugnung bedenklich nahekam.
Die abschließende Geschmacklosigkeit in Baaders Kochkessel ist der Neonazi Rolf Kosiek. Auch der war ein NS-Verharmloser und damit (in Baaders Augen) eigentlich höchst sozialismusverdächtig. Auch den zitiert Baader jedoch völlig distanzlos und unkritisch.
Fazit: In Baaders historischer Kochnische war Schmalhans Küchenmeister. Falls er aber seine Leser intellektuell und kulinarisch nicht überfordern wollte, hat er ihnen genau die richtige Suppe eingebrockt.
Siehe auch
- Übersicht: Der angebliche „Sozialismus der NSDAP“
- Einführung: Warum die Nationalsozialisten keine Sozialisten waren
- Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn und der wahre Charakter: Die wahre ideologische Heimat des Nationalsozialismus
- Roland Baader: Sozialisten! Sozialisten! Sozialisten!
- Usenet-Verrenkungen: Hitler war Sozialist. Es sei denn, er war es nicht.
- Video-Analyse: Warum die Nazis keine Sozialisten waren
- Video-Analyse: Die Umdeuter: Wer die Nazis links einordnet