Robert Faurisson Grundlagen zur Zeitgeschichte (Vorwort)
Zwei „Revisionisten“ unter sich
Der französische „Revisionist“ Faurisson schrieb das Vorwort zu Ernst Gauss (d.i. Germar Rudolf), Grundlagen zur Zeitgeschichte. In seinem Text bezieht sich Faurisson mehrmals auf Walter Laqueurs Buch Was niemand wissen wollte (engl. The Terrible Secret).
Cover Walter Laqueur, Was niemand wissen wollte
Bevor wir uns Faurissons Umgang mit diesem Buch zuwenden, sind einige Bemerkungen über den Bezugsrahmen nötig, in den Laqueur und sein Verlag das Buch stellen.
Laqueurs Intentionen gehen schon aus dem Untertitel hervor: „Die Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers Endlösung“
. Im Klappentext heißt es, die Nationalsozialisten hätten die Absicht gehabt, den Massenmord an den Juden insgeheim durchzuführen, aber „nicht alle Informationen über den Völkermord ließen sich wirksam kontrollieren (…) Die ‚Mauer des Schweigens‘ war durchlässig.“
Schon recht früh sei das Wissen über den Massenmord vorhanden gewesen, das Wissen habe jedoch keinen Glauben gefunden – „entscheidend war wohl, dass ein Völkermord dieses Ausmaßes schlicht ‚unvorstellbar‘ war.“
Der Autor Laqueur, so heißt es weiter im Klappentext, „stellt auch eindringlich die Frage nach den bewußten und unbewußten Grenzen der Wahrnehmungsfähigkeit und des Wahrnehmungswillens der Menschen.“
Dies ist also der Bezugsrahmen, in dem das Buch zu sehen ist. Der Autor meldet nicht den geringsten Zweifel am Massenmord an den Juden an; vielmehr lässt er im gesamten Buch immer wieder durchblicken, dass der Massenmord eine Realität war, die verschiedene Personen, als sie davon erfuhren, einfach nicht glauben wollten.
Faurisson schreibt nun beispielsweise:
Das Foreign Office sah in den neuen Gerüchte des Zweiten Weltkrieges nur jüdischen Erdichtungen, und viele amerikanische Kreise teilten diese Überzeugung.[4]
[Fußnote 4:] Ebenda, siehe unter ‚Foreign Office‘ im Verzeichnis sowie die Seiten 83, 91, 94, 116, 225.
Faurisson, Vorwort, S. 7
Möglicherweise hat Faurisson die englische Ausgabe benutzt, denn die Seitenzahlen weichen ab. Eine Überprüfung aller Fundstellen für „Foreign Office“ laut Verzeichnis der deutschen Ausgabe ergab, dass nirgends von jüdischen Erdichtungen die Rede ist, und auch „amerikanische Kreise“ sind dort nicht zu finden; auf S. 107 ist lediglich von „Übertreibungen“ die Rede. Die „Erdichtungen“ sind Faurissons eigene Dichtung.
An einer anderen, ebenfalls mit „Foreign Office“ auffindbaren Stelle, erfahren wir andererseits, dass manche Leute ganz im Gegenteil Gründe gesehen hätten, die „Ermordung der Juden herunterzuspielen“
(Laqueur, S. 118). Auf derselben Seite liest man auch über Bedenken, allzu laut zur Rettung der Juden aufzurufen, „denn derartige Erklärungen hätten nur eine noch grausamere Behandlung der Opfer zur Folge“ (Laqueur, S. 118).
Vermutlich war das differenzierte Bild, das sich hier ergibt, den „revisionistischen“ Lesern nicht zumutbar und musste deshalb unter den Tisch fallen.
Auf S. 103 ist zudem von polnischen Berichten die Rede, die nicht akzeptiert worden seien.
Nach Meinung des Foreign Office behandelten die Deutschen die Juden grausam, ließen sie verhungern und massakrierten alle, die als Arbeitskräfte unbrauchbar waren. Die polnischen Berichte über weiterreichende Pläne der Deutschen wurden offenbar nicht geglaubt.
Laqueur, S. 103
Im Original sind es hier polnische Berichte, die das Foreign Office nicht glauben will, Faurisson erdichtet „jüdische Erdichtungen“. Im Original ist unmissverständlich zu erkennen, dass das Foreign Office den Massenmord an nicht arbeitsfähigen Juden für erwiesen hielt, was Faurisson gleich ganz unterschlägt. Kurz danach liest man bei Laqueur, der tschechische Exilparlamentarier Ernst Frischer habe ein Memorandum verfasst, in dem es hieß, „daß es in der ganzen Geschichte der Juden und auch der Menschheit kein Beispiel gebe für ein derart perfekt organisiertes Massentöten“
(Laqueur, S. 105). Auch dieses nicht ganz unwichtige Detail verschweigt Faurisson seinen Lesern.
Laqueurs Buch dreht sich, so viel wird schnell deutlich, nicht um die Realität der Massenmorde selbst. Dies steht für Laqueur und stand für viele der im Buch erwähnten Personen völlig außer Frage. Es geht dem Autor lediglich um die Wahrnehmung der Massenmorde im Ausland, um Gleichgültigkeit gegenüber den Verbrechen, um Verdrängung und Verleugnung der Realität.
Was Faurisson mit Laqueurs Buch tut, ist im Grunde Folgendes: Er schlägt sich, völlig unbeeindruckt von den gegenläufigen Aussagen im Buch, auf die Seite der Zweifler und will daraus wohl ableiten, da man damals den Berichten über die Massenmorde vielfach nicht geglaubt habe, müsse man heute eben auch daran zweifeln. Dabei ignoriert Faurisson den Unterschied zwischen der Wahrnehmung eines Ereignisses zu einer bestimmten Zeit bei bestimmten Personen und dem Ereignis selbst.
Faurisson war Literaturprofessor. An mangelnden sprachlichen oder intellektuellen Fähigkeiten kann dies nicht liegen, ein versehentliches Missverstehen muss man ausschließen.
Etwas später, ebenfalls an einer Fundstelle für „Foreign Office“, die nachzuschlagen Faurisson uns empfohlen hat, erfahren wir, laut einem Bericht der Jewish Telegraphic Agency (JTA) hätten „die Deutschen mit Massenvertreibungen aus Warschau mit dem Ziel der Massenvernichtung begonnen“
(Laqueur, S. 145). Als Datum der ersten Deportationen wird der 22. Juli 1942 genannt. Diese mündlichen Berichte aus Polen werden durch ein Dokument des NS-Regimes selbst bestätigt.
Am 28. Juli 1942 berichtete Albert Ganzenmüller, der stellvertretende Generaldirektor der Reichsbahn:
Seit dem 22.7. fährt täglich ein Zug mit je 5000 Juden von Warschau über Malkinia nach Treblinka (…)
Ganzenmüller-Fernschreiben, 28.07.1942
Ganzenmüller: Bericht über die Deportierung von Juden nach Treblinka im Juli 1942
Zwei unabhängige Hinweise auf ein und dasselbe Ereignis sind ein recht starkes Indiz und daher für „Revisionisten“ wie Faurisson ein Grund, den Kontext zu ignorieren und schnell weiterzublättern, ohne den Lesern zu verraten, was man nicht gesehen haben möchte.
Im Rückgriff auf Faurissons Behauptung über die angeblichen „nur jüdischen Erdichtungen“ ist eine weitere Fundstelle interessant, die nachzuschlagen er uns selbst ans Herz gelegt hat, offensichtlich verbunden mit der stillen Hoffnung, niemand werde es tun.
So ergab es sich, dass die polnische Exilregierung, deren Schätzungen der Opfer bis Juli 1942 im großen und ganzen stimmten, nunmehr anfing, Zahlen zu nennen, die zu niedrig waren.
Laqueur, S. 147
Hier erfahren wir zweierlei: erstens waren die Zahlen bislang weitgehend richtig gewesen – was Faurisson wohl bestreiten möchte –, und zweitens nannten die Polen von nun an sogar zu niedrige Zahlen. Man fragt sich, warum „Revisionisten“ überhaupt noch ein Buch in die Hand nehmen, wenn sie am Ende sowieso selbst entscheiden, was dort hätte stehen müssen.
Alles, was ich bis zu diesem Punkt angemerkt habe, hat sich ausschließlich aus Faurissons Empfehlung ergeben, die Fundstellen für „Foreign Office“ zu überprüfen. Ich breche an dieser Stelle ab, weil nicht zu erwarten ist, dass sich das Bild ändert. Hätte es unmissverständliche Belege dafür gegeben, dass Juden Angaben erfunden haben, dann hätte Faurisson keinen allgemeinen Hinweis, wo man nachschlagen solle, sondern mehrere konkrete, überzeugende Zitate geliefert.
Faurisson sagt hier im Grunde: Ich behaupte einfach mal etwas, und jetzt sucht euch die Quellen dafür selbst zusammen; aber wenn möglich lasst es bitte bleiben.
Im Vorwort zu Grundlagen zur Zeitgeschichte schreibt Faurisson weiterhin:
Edward Benesch, der (im Londoner Exil lebende) frühere Präsident der Tschechoslowakei, erklärte im November 1942, nach Nachforschungen seiner Dienste, daß entgegen allen Berichten die Deutschen die Juden nicht vernichteten.[5]
Faurisson, „Vorwort“, S. 7
Fußnote [5] verweist auf eine Textstelle, die in der deutschen Ausgabe auf S. 203f zu finden ist. Demnach hat Benes tatsächlich behauptet, die Deutschen bereiteten keinen Plan zur totalen Ausrottung der Juden vor.
Grundlage dafür waren aber nicht alle, sondern lediglich zwei(!) Berichte, die Benes bekommen habe. Im Anschluss erklärt Laqueur obendrein, Benesch sei nicht gut informiert gewesen, und seine „irreführende Äußerung wurde von den Ereignissen überholt“
, und weiter: „Es stimmt auch, daß die Lagebeurteilungen Beneschs im allgemeinen öfter falsch als richtig waren“
(Laqueur, S. 205).
Faurisson hat eine vom Autor ausdrücklich als unzuverlässig gekennzeichnete Aussage als zuverlässig behandelt und den gesamten Kontext unterschlagen.
Faurissons Bezugnahme auf Laqueurs Buch Was niemand wissen wollte ist nur eine halbe Seite lang, und hier wurden nur zwei von vier zugehörigen Fußnoten besprochen. Schon dieser gleichsam mikroskopische Blick auf eine einzige Textstelle von wenigen Zeilen Länge reicht völlig aus, um zu zeigen, dass Faurisson wie alle „Revisionisten“ mit gezinkten Karten spielt.
Vielleicht sollte man ihn an den ersten Satz seines Beitrags in diesem Buch erinnern:
Eine Zeugenaussage muß immer überprüft werden.
Faurisson, „Die Zeugen der Gaskammern“, in: Grundlagen zur Zeitgeschichte, S. 152.
Dies schrieb er im Hinblick auf Zeugenaussagen, die den Massenmord in Gaskammern als Realität darstellen. Gut möglich, dass für Faurissons eigene Behauptungen ganz andere Maßstäbe gelten sollen. 2003 wirkte Faurisson neben Ursula Haverbeck und anderen bekannten Leugnern bei der Gründung des „Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“ mit.
Quellen und Verweise
- Überblick: Germar Rudolf