Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Yehuda Bauer „alberne Geschichte“ und „bolschewistische Methode“

BEHAUPTUNG:

Kann man aus Yehuda Bauers Bemerkungen über die alberne Geschichte vom Wannsee und die bolschewistische Methode den Schluss ziehen, dass der Historiker den Holocaust in Zweifel zog?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das trifft nicht zu. Yehuda Bauers Bemerkungen wurden und werden verfälschend wiedergegeben. Der Historiker hat den Holocaust immer als reales Ereignis betrachtet und ist nie davon abgewichen.

Der Historiker Yehuda Bauer (1926–2024) lehrte an mehreren renommierten Universitäten und war zuletzt Leiter des International Centre for Holocaust Studies in der Gedenkstätte Yad Vashem. Natürlich zweifelt er nicht an der Realität des Judenmordes. In verschiedenen Publikationen der Holocaustleugner kursieren jedoch Äußerungen von ihm, die – aus dem Zusammenhang gerissen – den Eindruck erwecken sollen, er wolle hiervon abrücken.

Ein älterer Herr mit Brille und hellem Hemd, der leicht lächelnd in die Kamera blickt; im Hintergrund ist ein gefülltes Bücherregal zu sehen.

Yehuda Bauer; Bildquelle: Tzahy Lerner, Wikimedia

In seinem Buch Freikauf von Juden? vergleicht Yehuda Bauer allerdings Himmlers Versuche, seine Verbrechen zu bestreiten, mit dem Verhalten der Holocaustleugner:

Das einzig Interessante an dieser Sammlung dummdreister Lügen ist ihre überraschende Ähnlichkeit mit den „Argumenten“, die vierzig oder fünfzig Jahre später von denen verbreitet werden, die leugnen, daß es den Holocaust gab.

Yehuda Bauer, Freikauf, S. 389

Die alberne Geschichte (silly story) vom Wannsee

Betrachten wir beispielsweise die folgende Äußerung, die sogar zweimal verfälscht wurde. Der Holocaustleugner Ernst Zündel zitierte seine Verteidigerin Barbara Kulaszka, die ihrerseits Yehuda Bauer zitiert habe, folgendermaßen:

Die Öffentlichkeit wiederholt immer und immer wieder die alberne Geschichte (silly „story“), daß man in Wannsee die Hinrichtung von Juden beschloß.

Barbara Kulaszka, „Was ist Holocaust-Leugnung?“, Homepage Ernst Zündel (nicht mehr online)

Man beachte das unangebrachte Wort „Hinrichtung“, das in Zündel in seine Übersetzung einfügt. In ihrem englischen Original benutzte Kulaszka wie Yehuda Bauer selbst das Wort „extermination“ – Vernichtung. Eine Hinrichtung bezieht sich immer nur auf Einzelne oder eine überschaubare Gruppe von Menschen, während der Holocaust die systematische Vernichtung einer ungeheuer großen Anzahl von Menschen war. Anscheinend war der Holocaustleugner Zündel noch nicht einmal bereit oder fähig, seine eigene Verteidigerin ordentlich zu zitieren.

Egal in welcher Version diese Äußerung kolportiert wird, die Zielrichtung ist immer die, dass Yehuda Bauer einen wichtigen Baustein aus dem vermeintlichen Lügengebäude des Holocaust gerissen habe, da man ja nun davon abrücke, auf der Wannsee-Konferenz sei die Vernichtung der Juden beschlossen worden.

Yehuda Bauers Äußerung klingt mit etwas mehr Kontext folgendermaßen:

Bauer sprach auf der Eröffnungssitzung einer internationalen Konferenz anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Entscheidung, die Endlösung umzusetzen. Diese Entscheidung fiel jedoch nicht in Wannsee, sagte der in Tschechien geborene Wissenschaftler.

„In der Öffentlichkeit wird immer wieder die alberne Geschichte wiederholt, dass am Wannsee die Vernichtung der Juden beschlossen wurde. Wannsee war lediglich eine Entwicklungstufe in der Entfaltung des Massenmordes“, sagte er. [eigene Übersetzung / JL]

Canadian Jewish News, 30. Januar 1992; ursprünglich erschien die Meldung am 23.01.1992 bei der JTA.

In der Bildunterschrift fügt die Redaktion hinzu:

Ein israelischer Wissenschaftler widerlegte die Theorie, dass Wannsee der Geburtsort des Holocaust gewesen sei.

Canadian Jewish News, 30. Januar 1992

Nach Christian Mentels Ansicht trug der Artikel mit der Überschrift „Wannsee's importance rejected“ (Bedeutung der Wannsee-Konferenz zurückgewiesen) dazu bei, dass es den „Revisionisten“ sehr leicht fiel, Bauers Äußerung für ihre Zwecke zu verwerten:

Dabei kommt die Berichterstattung, die reißerisch und vor allem falsch den Eindruck erweckt, das Bild einer Beschlusskonferenz sei von Bauer erstmalig „entlarvt“ und deren bislang unbestrittene „Bedeutung zurückgewiesen“ worden, den Revisionisten durchaus gelegen.

Christian Mentel, Nur ein „Fetzen Papier“? Das Protokoll der Wannsee-Konferenz als Objekt revisionistischer Geschichtsfälschung

„Wannsee's importance rejected“. Rechts ein Pressefoto mit Heinz Galinski, Rudolf Seiters, Rita Süßmuth und Eberhard Diepgen im Haus der Wannsee-Konferenz. Süßmuth betrachtet ein historisches Foto aus Buchenwald, auf dem Elie Wiesel zu sehen ist. Links daneben der Beginn des Artikels zu Yehuda Bauers Thesen.

Canadian Jewish News, 30.01.1992

Die Wannsee-Konferenz war keineswegs unwichtig, und das Protokoll ist nach wie vor ein Schlüsseldokument; sie muss im historischen Kontext nur etwas anders eingeordnet werden, was Yehuda Bauer völlig zu recht angemerkt hat. Es gibt keine Sensation und keine große Veränderung; es gibt lediglich eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der viel präziseren Darstellung der Historiker. Auf der Wannsee-Konferenz wurde nichts entschieden oder beschlossen, denn die Entscheidung zur Vernichtung der Juden war bereits vorher gefallen. Dieses Treffen diente dazu, die Ministerien und Beamten, die mitwirken sollten, „auf Kurs“ zu bringen.

Es wäre müßig, die „Revisionisten“ herauszusuchen, die mit diesem Trick operieren; es fällt im Gegenteil schwer, Bücher von Holocaustleugnern zu finden, die auf diesen Trick verzichten. Abschließend sei noch angemerkt, dass die Geschichtsfälscher auch hier wieder versuchen, den Holocaust mit einem Text zu negieren, aus dem hervorgeht, dass er stattfand.

Die "bolschewistische Methode"

Ein anderes missbrauchtes Zitat stammt aus Yehuda Bauers Buch Freikauf von Juden?. Dort heißt es:

In einer Niederschrift für Hitler vom Mai 1940 findet sich die Überlegung, daß die „bolschewistische Methode der physischen Ausrottung eines Volkes aus innerer Überzeugung als ungermanisch und unmöglich“ abzulehnen sei.

Yehuda Bauer, Freikauf von Juden?, S. 95

Am Rand des Dokuments habe Hitler vermerkt: „Sehr richtig.“

Dies bewerten manche Holocaustleugner als Beleg dafür, dass Hitler pauschal die Vernichtung des Judentums abgelehnt habe. Was die Holocaustleugner regelmäßig unterschlagen, ist Yehuda Bauers Gedankengang, der sich direkt anschließt:

Da wir Hitlers Gedanken nicht lesen können, ist es auch unmöglich zu beurteilen, wie aufrichtig diese Bemerkung gemeint war; es ist noch nicht einmal zu entscheiden, worauf sie sich bezieht: auf den zitierten Satz oder ganz allgemein auf die im Memorandum dargelegte Behandlung der Bevölkerung in Polen.

Bauer, Freikauf, S. 95

Das betreffende Zitat, das die „bolschewistische Methode“ erwähnt, stammt aus Himmlers Überlegungen zur Behandlung der Fremdvölkischen im Osten vom 15.5.1940 und bezieht sich explizit auf die folgenden Gruppen:

(…) also neben den Polen und Juden die Ukrainer, die Weißrussen, die Goralen, die Lemken und die Kaschuben. Wenn sonst noch irgendwo Volkssplitter zu finden sind, auch diese.

Heinrich Himmler über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten

Allerdings bildeten die Juden hier eine Ausnahme, denn Himmler wollte den „Begriff Juden“ durch eine „große Auswanderung“ gänzlich auslöschen. Er ging davon aus, dass die Juden verschwinden und nicht unter die in seinem Papier formulierten Reglungen fallen sollten. Als Himmler diese Gedanken 1940 niederschrieb, hatte die industrielle Massenvernichtung der Juden noch nicht begonnen, und der Madagaskar-Plan (Auswanderung aller Juden) war noch nicht endgültig verworfen.

Dennoch zielen der größte Teil des Textes und wahrscheinlich auch die zitierte Bemerkung über die ungermanische physische Ausrottung auf die Behandlung der nichtjüdischen Menschen im Osten, die im Gegensatz zu den Juden in den jeweiligen Ländern verbleiben sollten.

Im Oktober 1941 erließ Himmler ein generelles Auswanderungsverbot für die Juden für den gesamten Machtbereich der Nazis. Davon, dass die 1940 angesprochenen Regelungen nunmehr auch auf die zuvor eigens ausgenommenen Juden angewendet werden sollten, war allerdings nirgends die Rede.

Quellen und Verweise