Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Der Konservative Gesprächskreis Hannover

Ein Kreis hält sich geschlossen.

Etwa um 1998/1999 machte sich in deutschen Usenet-Gruppen eine Vereinigung bemerkbar, die sich „Konservativer Gesprächskreis Hannover“ (KGH) nannte.

Der Name ließ an honorige Herren in Schlips und Kragen denken. Heute würde man an die Werte-Union und Hans-Georg Maaßen denken. Die Zeiten ändern sich, die Gruppierungen ändern sich, aber die schöne Fassade vorne und das moralische Trümmerfeld am Hinterausgang bleiben gleich.

Den KGH gibt es schon lange nicht mehr; die hochtourige Drehtür zwischen Konservativen und Rechtsextremen und die Art und Weise, wie sich der KGH damals verhalten hat, sind jedoch mühelos auf heutige Verhältnisse übertragbar.

Was diese Gruppe im Usenet verbreitete, klang teilweise überhaupt nicht distinguiert, sondern eher nach verbalem Baseballschläger, und allzu viele Haare hatte die Herrenrunde wohl auch nicht.

Andererseits: Selbst wenn es irgendwo deutlich nach Rechtsextremismus riecht, kann es sinnvoll sein, sehr höflich und sachlich zu bleiben, um solchen Personen und Organisationen keinen billigen Vorwand zu liefern, Fragen nicht zu beantworten. Und es ist ja auch immer möglich, dass der erste Eindruck trügt.

Rechtsextremes Hin und Her

Also habe ich höflich nachgefragt, was sich die konservative Herrenrunde dabei dachte, als sie auf ihrer Homepage den Text eines Holocaustleugners verlinkt hat [vgl. 1. Anfrage an den KGH vom 28.1.1999]. Daraufhin kam ein Zwischenbescheid: Der Vereinsvorstand werde sich mit meiner Frage befassen und mir antworten.

Vier Monate und mehrere Nachfragen später: Der Kreis war immer noch nicht gesprächsbereit, also habe ich gepetzt und den Stand der Dinge veröffentlicht [vgl. Wir veröffentlichen Kritik – oder auch nicht].

Kurz danach stellte sich heraus, dass die Website VHO, die damals der Holocaustleugner Germar Rudolf betrieb, den Besuchern die Homepage des KGH in der Rubrik „Revisionismus“ empfahl. Holocaustleugner nennen sich „Revisionisten“.

Ich glaubte damals und glaube immer noch, dass jeder Nicht-Leugner empört reagieren würde, wenn er missverstanden und auf diese Weise von antisemitischen Verschwörungskaspern vereinnahmt würde. Meine zweite Anfrage, wie denn der KGH über diese unappetitliche Umarmung dachte, blieb leider ebenfalls unbeantwortet [vgl. 2. Anfrage an den KGH vom 28. Mai 2000].

Auch diese Anfrage war bewusst höflich formuliert und enthielt sogar eine positive Unterstellung in der Form, dass sich eine Gruppierung wie der KGH doch keinesfalls mit Holocaustleugnern gemein machen würde.

Dann glauben wir den Neonazis einfach mal

Dagegen sprach wiederum, dass der KGH am 31.05.2000 einen Text mit der Überschrift „15-köpfige Familie kassiert 10.441 Mark vom Sozialamt“ ins Usenet schickte. Ganz vorne im Text der Hinweis, dass es sich „um eine 15-köpfige türkische Asylanten-Familie“ gehandelt habe. Es könnte von heute sein, ist aber von vorgestern.

In dem Text findet man außerdem diese Perle:

Der wegen Trunkenheit am Steuer vorbestrafte Vater lebt mit seiner Lebensgefährtin, die nach islamischem Recht seine Zweitfrau ist […]

KGH, 31 May 2000, de.soc.politik.misc, Subject: 15-köpfige Familie kassiert 10.441 Mark vom Sozialamt, Reply-To: pc-ag@xxxxxxxiv.de (Horst Schilling KGH e.V.), Message-ID: 39359372.30212372@ news.btx.dtag.de

Entweder, der Vater war ein strenggläubiger Moslem, dann hatte er vielleicht zwei Frauen, aber sicher nichts mit Alkohol am Hut. Oder er trank tatsächlich Alkohol, aber dann war er kein gläubiger Moslem, der das islamische Recht voll und ganz akzeptierte.

Das auf eine Mailadresse gesetzte „Reply-To:“ war übrigens nach damaligen Usenet-Gepflogenheiten ein böses Foul. Wer achtlos einfach auf „Reply“ gedrückt hat, sendete seine Antwort nicht als Folge-Artikel („Follow-up“) in die öffentliche Gruppe, sondern nur an die Mailadresse des KGH-Vorsitzenden Horst Schilling.

Noch wichtiger als dies alles ist allerdings die Quelle dieser Meldung, die mit Link angegeben war. Es waren die Unabhängigen Nachrichten der Unabhängigen Freundeskreise. Dort war zeitweise auch der verurteilte Rechtsterrorist Ekkehard Weil aktiv.

Attacke gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

In vieler Hinsicht war der KGH ein Vorreiter für die rechtsextreme Agitation, die man heute noch sieht. Damals wie heute richten sich die Attacken gegen Moderatorinnen und Moderatoren, in den letzten Jahren kam noch eine verstärkte Agitation gegen die „Zwangsgebühren“ hinzu. Offensichtlich geht es aber gar nicht um die Finanzierung (die ihnen bei privaten Medien völlig gleichgültig ist), sondern um die unbequemen Inhalte. Guter Journalismus heißt zwangsläufig, dass Rechtsextremisten kritisiert werden.

Mitte 2001 veröffentlichte der KGH eine Meldung des Arbeitskreises Funk und Fernsehen (AFF), die gleich mehrere unwahre Behauptungen über den damaligen Chef der Sendung Monitor, Klaus Bednarz, enthielt [vgl. Eine Meldung vom Arbeitskreis Funk und Fernsehen (AFF)].

Die falschen Behauptungen über Bednarz waren leicht widerlegbar. Trotz aller Hinweise blieb der Beitrag auf der Homepage stehen.

Und auf einmal sind sie wach

Nach mehreren Nachfragen und Erinnerungen, dass noch einige Fragen zu seiner politischen Position offen sind, kam im Juni 2000 eine etwas hilflose Reaktion vom KGH.

Ich hatte spontan den Eindruck, dass der KGH nicht gut auf mich zu sprechen war.

Trotz allem wäre es falsch gewesen, dem KGH auf den Kopf zuzusagen, was von Anfang an schon recht klar war. Soweit es überhaupt möglich ist, sollte man politische Gruppierungen und Personen nicht nach dem beurteilen, was sie (vermeintlich) sind, sondern nach dem, was sie tun und sagen. Der KGH hatte die Gelegenheit, sich von Holocaustleugnern und Antisemiten zu distanzieren, und wollte sie nicht nutzen. Danach durfte man ihn dann auch beurteilen. Nach dem teils heftigen Gegenwind im Usenet stellte die konservative Herrenrunde ihre Kommunikationsversuche relativ bald wieder ein.

Fazit für 2026: Wer heute fragt, wie konservative Brandmauern so löchrig werden können, muss nicht bis ins Jahr 1933 und nicht mal bis ins Jahr 1998 zum KGH zurückgehen. Die Schläfrigkeit der echten Konservativen, wenn Radikale ihren guten Namen kapern, schlägt jeden Tag ein neues Loch.

Einmal wollte wohl ein Konservativer mit der Vergangenheit abschließen und leistete sich im persönlichen Gespräch einen unvergesslichen Lapsus: Schwarz sei die einzige Farbe, die Braun zuverlässig deckt. Ein „auf“ vor dem verfänglichen Wort wäre mir erheblich lieber gewesen.

Die Radikalisierung der Mitte begann nicht mit Social Media, sondern viel früher im analogen Leben und dann in den Newsgroups, und sie findet weiter statt. Aufhören wird es erst, wenn eine Mehrheit der echten Konservativen begreift, dass die Solidarität mit linken Demokraten wichtiger ist als der heimelige Stallgeruch mit Feinden der Demokratie. Wenn sie nicht nur so tun, als hätten sie Werte, sondern endlich anfangen, ihre demokratische Haltung offensiv zu vertreten.

Der KGH – Eine Dokumentation

  1. Der Konservative Gesprächskreis Hannover (KGH)
  2. 1. Anfrage an den KGH vom 28.1.1999
  3. „Wir veröffentlichen Kritik“. Oder auch nicht.
  4. KGH verlinkt (2. Anfrage an den KGH)
  5. Eine Meldung vom Arbeitskreis Funk und Fernsehen
  6. KGH: Ein Beitrag zur konservativen Gesprächskultur