Kurt Tucholsky Dänische Felder
Böswillig missverstanden
Er war Jude, Pazifist und ein Linker, er war ein scharfzüngiger und intelligenter Kritiker der Militaristen und Nationalisten in Weimar – kein Wunder, dass die Nazis Kurt Tucholskys Bücher verbrannt haben.
Kurt Tucholsky, 1928, Sonja Thomassen, GFDL 1.2
Die alten Nazis sind tot, aber ihre geistigen Nachkommen haben die Abneigung von den Alten geerbt. Hin und wieder beziehen sie sich auf den Text „Dänische Felder“ von Kurt Tucholsky, und wie es dem „revisionistischen“ Handwerk entspricht, geben sie sich große Mühe, die Intention des Autors böswillig misszuverstehen. So schreibt beispielsweise Cedric Martel:
Der Publizist und „Pazifist“ Kurt Tucholski haßte „den Bürger“. Er schreckte selbst davor nicht zurück, Kindern den Gas-Tod zu wünschen:
„Möge das Gas in die Spielstuben unserer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen (…)“(vgl. Weltbühne, 1927, Nr. 30, S. 152; vgl. HT, a.a.O., Nr. 5, S. 24)
Cedric Martel, Der Holocaust – Korrektur eines Mythos
Martels etwas kryptischer Vermerk bezieht sich auf Udo Walendys Reihe Historische Tatsachen, in der so etwas nicht fehlen darf.
Der Vergleich mit dem Original entlarvt Martels Darstellung als böswillige Textmontage: Tucholsky wünscht den Gastod nicht herbei, sondern er beschwört ihn als zwangsläufige Konsequenz der herrschenden Gleichgültigkeit. Die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber den Opfern des letzten Krieges ebnet den Weg für den nächsten.
Weil sie es so wollen, ohne es zu wollen. Weil sie herzensträge sind. Weil sie nicht hören und nicht sehen und nicht fühlen. Leider trifft es immer die Falschen.
Kurt Tucholsky, Dänische Felder
In Zusammenhang mit Tucholsky und einigen anderen Autoren kommt die Doppelmoral der Holocaustleugner besonders deutlich zum Vorschein. Einerseits klagen sie über die restriktiven deutschen Gesetze, die der rechtsextremistischen Agitation enge Grenzen setzen, andererseits formulieren sie in Bezug auf die Bücherverbrennungen der Nazis Bemerkungen wie diese:
Die obigen Autoren waren entweder Juden, Kommunisten, Staatsfeinde oder kulturzersetzend. Jede Nation reinigt sich ab und zu mal von solchem Mist. Also Weltliteratur kann man das ja wohl nicht nennen. Grade dieses Literaturschwein Tucholski[!] nicht. Ihre Werke wurden bewußt in andere Nationen eingeschleppt, als Weltliteratur gepriesen und gebauchklatscht, um auch dort die Zersetzung zu vollziehen. Und sollten Schriften nicht zersetzend sein, dann bitte, warum der Index?
„Manni“, de.soc.politik, 07 Nov 1996, Subject: Re: LIEBE NAZIS, 3281447e.3403207 @netnews.worldnet.att.net
Die Bücherverbrennungen seien eine notwendige Reinigung gewesen, behauptet dieser wackere Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Und wenn die Bücher es nicht wert gewesen wären, verbrannt zu werden, dann hätte man sie ja wohl auch nicht verbrannt, oder?
Dass man dieses „Argument“ problemlos auf die „revisionistische“ Literatur übertragen könnte, kommt dem Herrn offenbar nicht in den Sinn: Das sei ja auch, würde er vermutlich sagen, etwas ganz anderes.
Das entstellte und missbrauchte Zitat aus Tucholskys Text hat eine lange Geschichte. Der Urheber war möglicherweise der Antisemit Hermann Esser mit Billigung von Goebbels' Propagandaministerium. Die Liste zeigt, wer keine Probleme damit hat, sich einzuverleiben, was man aus solchen Quellen schöpfen kann.
- Hermann Esser, Die jüdische Weltpest (1939, PDF o.S.)
- Wilhelm Stäglich, Der Auschwitz-Mythos, S. 94
- Emil Aretz, Hexeneinmaleins einer Lüge, S. 105
- Horst Mahler, Die verbotene Wahrheit, S. 9
- Hennecke Kardel, Adolf Hitler: Begründer Israels, S. 126
- Rolf Kosiek in: Der große Wendig, S. 130
- Germar Rudolf (scheinbar wissenschaftlich-kritisch), Diktatur Deutschland u.a., S. 23
- Georg Wiesholler, „Revisionismus“ Der Verfassungsschutz ‚klärt auf‘ in: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung (Hrsg. Germar Rudolf), 2001/4, S. 367“
- Georg Wiesholler, Ein Gedicht von Günter Grass, S. 148
Quellen und Verweise
- Armin Pfahl-Traughber, Revisionistische Behauptungen und historische Wahrheit
- Volltext: Kurt Tucholsky, Dänische Felder