Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Karl Marx

Über die Herstellung antisemitischer Feindbilder

BEHAUPTUNG:

Trifft es zu, dass Karl Marx vom Judentum stark beeinflusst war, und dass sich dies auf seine Schriften ausgewirkt hat?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, das trifft nicht zu. Karl Marx stand allen Religionen sehr ablehnend gegenüber, und seine Theorien sind nicht mit religiösen Vorstellungen vereinbar.

Wenn Rechtsextremisten irgendjemanden als Übeltäter oder Verbrecher identifizieren, folgt häufig auf dem Fuße der Hinweis, der Betreffende sei Jude. Manchmal ersetzt der Hinweis auf die (oft nur vermeintliche) Religionszugehörigkeit eines Menschen sogar vollständig die eingehende Auseinandersetzung mit dem, was dieser Mensch tatsächlich oder angeblich getan hat.

Portrait von Karl Marx mit Vollbart. Er ist im Anzug auf einem Stuhl und hat die rechte Hand unter das Revers geschoben.

Karl Marx (1818–1883), 1875

Als besonders verwerflich gilt offenbar die Kombination „Jude und Kommunist“ oder „Jude und Sozialist“ – ein klassisches Feindbild des NS-Regimes, dessen Ideologen die Existenz einer jüdisch-bolschewistisch-freimaurerischen Weltverschwörung unterstellten; und selbstverständlich hört man auch heute noch den gleichermaßen negativ besetzten Kommentar, Karl Marx sei ja auch Freimaurer gewesen.

Um die Verbindung zum Judentum zu betonen, wird bei Marx häufig die Bezeichnung „Karl Mordechai Marx“ eingesetzt. In antisemitischen Texten gibt es unzählige Fundstellen für diese Verballhornung; auch recht bekannte Autoren wie Helmut Schröcke benutzen dieses Manöver [vgl. H. Schröcke, Der Jahrhundertkrieg, S. 220]. Oft reichen der verständigen Leserschaft schon Hinweise auf den angeblich „richtigen“ (und natürlich sehr „jüdisch“ klingenden) Namen, um die Assoziationskette nachzuvollziehen: Ach, schau an, mal wieder ein Feind Deutschlands, der außerdem Jude gewesen sei – vielen Dank, keine weiteren Fragen.

Die Haltung dieser Kundschaft gegenüber Karl Marx ist allerdings von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Einerseits bringen sie Marx mit allen möglichen Verrenkungen mit dem Judentum in Verbindung, andererseits zitieren sie hämisch Marx' antisemitische Äußerungen. Einerseits ist Marx der Feind, dient sein angeblich „richtiger“ Name doch als Zeugnis dafür, dass Juden immer verdächtig und immer böse seien; und andererseits gilt Marx als durchaus glaubwürdiger Zeuge, dessen antisemitische Äußerungen man ganz unkritisch übernehmen könne.

Die Jüdische Allgemeine benennt einige antisemitische Ausfälle des Philosophen, ordnet sie in den historischen Kontext ein und schreibt: „Er war Religionsgegner, und doch hat man ihn stets als Juden angefeindet“; vgl. JA, Jude, Antisemit und Hassobjekt.

Der Holocaustleugner Jürgen Graf, wie immer durch Tatsachen völlig unbeeindruckt, stellt den Zusammenhang zwischen Kommunismus und Judentum folgendermaßen her:

Hingegen hat man nach Beginn der Perestroika unzählige Massengräber mit insgesamt Millionen von Opfern des roten Terrors gefunden. (…) Das sind die Segnungen, die der „wissenschaftliche Sozialismus“ des Juden Karl Marx mit sich gebracht hat.

Jürgen Graf, Der Holocaust im Klassenzimmer, o.O. 1995

War Karl Marx wirklich Jude?

Beide Eltern stammten aus Rabbinerfamilien. Kurz vor Karl Marx' Geburt konvertierte der Vater Heinrich Marx zum Protestantismus, am 26. August 1824 wurden Karl Marx und seine Geschwister getauft, ein Jahr später konvertierte auch die Mutter [vgl. DHM, Karl Marx 1818–1883]. Karl Marx wurde also als Sohn des Protestanten Heinrich Marx geboren und einige Jahre später getauft.

Damit müsste die Frage eigentlich beantwortet sein. Antisemiten unterstellen Karl Marx dennoch eine starke Verbindung zum Judentum oder bezeichnen ihn sogar direkt als Juden, obwohl er mit Sicherheit kein Freund irgendeiner Religion war; man denke nur an seinen verächtlichen Ausspruch, Religion sei „das Opium des Volkes“ – also etwas, an dem sich das Volk berauscht, um der grässlichen Wirklichkeit zu entfliehen.

Da Marx' eigene Einstellung eher gegen eine starke Bindung an das Judentum spricht, muss man seine Erziehung, das soziale Umfeld und seine Familie nicht weiter betrachten. Es wäre ohnehin kaum vorstellbar, dass Marx' Vater zum Christentum konvertierte, nur um seinen Sohn anschließend doch noch zum gläubigen Juden zu erziehen.

Bleibt noch eine dritte Ebene, die Karl Marx in den Augen von Antisemiten zum Juden macht: seine Abstammung. Unausgesprochen steht hinter dieser offensichtlich falschen Zuordnung die Überzeugung, das Judentum sei etwas, das man auch durch Taufe und gewachsene antireligiöse Überzeugung nicht abstreifen könne.

Wer so denkt, wer Marx allein aufgrund seiner Abstammung und nicht aufgrund dessen eigener Überzeugung als Juden bezeichnet, sieht das Judentum nicht als religiöses oder kulturelles Phänomen, sondern als etwas, das genetisch festgelegt und damit unveränderlich und völlig unabhängig vom Verhalten und den Ansichten des Betreffenden sei. Wer so denkt, der sieht – ob nun bewusst formuliert oder nur implizit – das Judentum als Rasse und macht zwangsläufig eine Anleihe bei der NS-Ideologie: einmal Jude, immer Jude.

So schreibt Schröcke beispielsweise:

(…) trat den Illuminaten Karl Marx (al. Mordechai Marx Levy) bei, der aus einer alten Rabbinerfamilie stammte.

Schröcke, Der Jahrhundertkrieg, S. 220

Offenbar kommt es den Antisemiten in diesem Punkt nicht auf das an, was jemand sagt und tut (hier: Marx' offensichtlich religionskritische Haltung), sondern auf das, was Marx ihrer Ansicht nach sei: ein Jude kraft Abstammung, was sich niemals ändern werde.

Interessant ist, dass Schröcke hier auf der gleichen Verschwörungsschiene fährt wie einschlägig bekannte andere Autoren. Gary Allen (Die Insider, 1971, S. 223) und Des Griffin (Wer regiert die Welt?, 1992, S. 45) erklären Karl Marx ebenfalls ohne jeden Beleg zum Illuminaten. Wolfgang Eggert (Israels Geheimvatikan 1, S. 133) bezeichnet Marx dagegen als jüdischen Freimaurer.

Anscheinend sind alle diese Verschwörungserzähler und Antisemiten der Ansicht, die Zuordnung zum Judentum sei hinreichend, um die betreffenden Personen zu diskreditieren – was in den Augen einer gewissen Untermenge der Leserschaft sogar zutreffen mag.

Aber, so wenden manche ein, Karl Marx wurde doch als Sohn einer jüdischen Mutter geboren und müsse allein schon deshalb als Jude gelten?

Es trifft zu, dass orthodoxe Juden so denken. Die Antisemiten, die dieses „Argument“ benutzen, sind jedoch definitiv keine orthodoxen Juden. Diese Judenfeinde machen sich die Regel einer Religion zu eigen, die sie ablehnen, um jemanden (hier: Karl Marx), der die Religion ebenfalls ablehnt, dieser Religion zuzuordnen und ihm genau das dann zum Vorwurf zu machen. Wer gute Argumente hat, kann auf solche Verrenkungen verzichten.

Rassistischer Antisemitismus

Manche Verschwörungserzähler behaupten sogar, der Konfessionswechsel des Vaters, der aus beruflichen (wirtschaftlichen) Gründen geschah, sei nur ein Tarnmanöver gewesen. In Wirklichkeit und insgeheim sei die Familie Marx stets dem Judentum verpflichtet geblieben, und besonders der Sohn Karl habe sich hier als Zerstörer der Welt hervorgetan. Um das den Lesern beizubringen, muss man die Verrenkungen zirkusreif ins Akrobatische steigern:

Dass dieser sich als „Kuenstler“ dann nur Karl Marx nannte und seinen Familiennamen Levi wegliess, das ist wiederum ganz typisch fuer die Anagramm-Form „veil“ von „Levi“, also: Verschleiern, verhuellen. Denn zuviele haetten ja sonst bemerken koennen, dass sie da als Sozialisten mit eigentlich antireligioesem Bewusstsein einer uralten Religion und dem Stamm Levi nachlaufen.

„Normarz“, in de.soc.politik, 5.12.1998, Message-ID: <76I0ntdLbXB@ nm01.vision.IN-BRB.DE>

Man hört hier deutlich die bereits erwähnte rassistische Ideologie der Nationalsozialisten heraus: Jude bleibt Jude, auch wenn er getauft ist; und wenn er sich taufen lässt, dann tut er es sowieso nicht aus echter Überzeugung, sondern aus finsteren Motiven, um seine verbrecherischen Ziele zu verschleiern. In einem anderen Text räumte derselbe Teilnehmer ein, dass er bei Friedrich Engels vergeblich nach jüdischen Vorfahren gesucht habe:

Friedrich Engels wird noch oft in Verbindung mit Marx gesehen. Zu ihm fand ich bislang keinen familiären religiösen Hintergrund mit Rang, was nicht heißt, daß es diesen nicht auch gegeben haben kann.

„Normarz“, WAL, S. 90

Engels' pietistischer Vater spielte bei dieser Suche nach jüdischen Engels-Vorfahren natürlich keine Rolle. Es kommt Antisemiten nicht auf den tatsächlichen Glauben (oder Nicht-Glauben) an, sondern auf die Abstammung, auf den „Stamm Levi“. Wenn man die Abstammung (im Gegensatz zur Sozialisation) zum bestimmenden Faktor für das Wirken eines Menschen erklärt, muss eben dieses Wirken letztlich genetisch bedingt sein – eine Position, die jeder Alt- und Neonazi, wenngleich erheblich unfreundlicher formuliert, sofort teilen würde.

Quellen und Verweise

  1. Karl Marx, Biografie beim Deutschen Historischen Museum
  2. Jüdische Allgemeine: 200 Jahre Karl Marx: Jude, Antisemit und Hassobjekt

Siehe auch