Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Daniel Goldhagen im Dienst der Auschwitzleugner?

Daniel J. Goldhagen wird „eingemeindet“

BEHAUPTUNG:

Hat Daniel J. Goldhagen mit seiner Aussage, das Vergasen sei eine „Nebenerscheinung“ der NS-Massenmorde gewesen, den industriellen Massenmord relativiert oder die Existenz der Gaskammern bestritten?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das trifft nicht zu. Goldhagen argumentiert vielmehr, der Vernichtungswille der Täter sei so absolut gewesen, dass er auch ohne Gaskammern zum Ziel geführt hätte. Dies belegt er unter anderem mit den Todesmärschen am Ende des Krieges, bei denen das Morden auch ohne technische Hilfsmittel unvermindert weiterging. Die Methode war für die Täter sekundär, die Vernichtung selbst war das Ziel.

Die Leugner des Judenmordes ziehen manchmal eine Bemerkung von Daniel Jonah Goldhagen heran, um den Eindruck zu erwecken, der Autor des vielfach kritisierten Buchs Hitlers willige Vollstrecker stelle, genau wie sie selbst, die historische Realität der nationalsozialistischen Massenmorde in Gaskammern in Frage.

Goldhagen mit kurzem braunem Haar und Brille, er trägt ein Jackett und ein braunes Hemd und ist offenbar in einem öffentlichen Raum in ein Gespräch mit jemand außerhalb des Bildes vertieft.

D. J. Goldhagen, Autor von Hitlers willige Vollstrecker, © Matanya, CC BY 2.0

Wie wir gleich sehen werden, kann davon keine Rede sein. Die Behauptungen sind beispielsweise in folgender Form aufgetaucht:

Denn wenn Vergasungen gemaess Goldhagen eine „Nebenerscheinung“ gewesen waeren, dann kann Goldhagen schlecht gleichzeitig von Massenvergasungen ausgehen. Folglich stellt Goldhagen durch die Behauptung von Vergasungen als Nebenerscheinung die Annahme der Massenvergasung ganz eindeutig in Frage, d.h. er verneint Massenvergasungen sogar.

„Normarz“, 2 Feb 1998, de.soc.politik.deutschland, Subject: Re: Das 3. Reich (1), Message-ID: 19980202204800.PAA09642@ladder03.news.aol.com

Da hat „Normarz“ wohl Quantität und Qualität verwechselt, oder genauer gesagt, eine Mordmethode mit dem Ergebnis eben dieser Mordmethode.

Diese falsche Bewertung stammte offenbar aus der antisemitischen Publikation National Journal, und wenn man auf jenen grellgelben Seiten nachgeschaut hat, konnte man feststellen, dass Goldhagens Einschätzung ursprünglich im SPIEGEL 21/1996 erwähnt wurde.

Nazipostille National Journal: Goldhagens missbrauchtes Zitat

Auf grellem Gelb der schwarze Text, der beklagt, ein prominenter jüdischer Autor dürfe angeblich den Holocaust leugnen, „Revisionisten“ aber nicht.

Das National Journal hat dieses Thema mehrmals aufgegriffen, Robert Faurisson hat es in seinen Aufsätzen „Historiker: Keine Gaskammern“ und „Das Detail“ und noch einmal in Germar Rudolfs Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1998/2 getan.

Man fragt sich unwillkürlich, ob die „Revisionisten“ nicht über sich selbst frustriert sind, wenn sie immer wieder auf echte Forschung verzichten und lieber Textbausteine recyceln. Andererseits könnte es natürlich auch sein, dass genau dies die Kernkompetenz der „revisionistischen Wahrheitssucher“ ist.

Wie auch immer, natürlich ist es nicht Goldhagen, sondern es sind die Leugner, die den Holocaust wegdiskutieren möchten.

Es ist ein beliebter Trick dieser Zunft, sich auf echte oder vermeintliche Autoritäten – am liebsten natürlich Juden – zu berufen, die angeblich den Judenmord in Abrede stellen. In vielen Fällen ist dies allerdings nur möglich, wenn die betreffenden Äußerungen verzerrt wiedergegeben werden.

So auch hier. Grundlage dieses Manövers ist, wie oben richtig wiedergegeben, die SPIEGEL-Ausgabe 21/1996. In einem längeren Beitrag über das Naziregime von Fritjof Meyer findet sich auf Seite 77 der folgende Abschnitt:

Selbst nach dem Krieg währte es lange noch, bis die SS-Tarnung der schrecklichsten Stätte in der Menschheitsgeschichte ganz enthüllt wurde; im Nürnberger Tribunal war außer dem Geständnis des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß wenig von Auschwitz die Rede. Verleitete sein wirkliches Wissen um die Unwissenheit der Deutschen Goldhagen zu einer absurden Relativierung? Er behauptet: „Vergasen war eine Nebenerscheinung des Abschlachtens der Juden durch die Deutschen.“

Wenigstens lenkt er damit die Aufmerksamkeit auf die zentrale Bedeutung der Erschießungen, ein deutsches Trauma, weil es im Kriege durchaus den Deutschen ins Bewußtsein gedrungen war.

Fritjof Meyer, Ein Volk von Dämonen?

Der letzte Satz bezieht sich auf die Tatsache, dass rund zwei Millionen Juden außerhalb der Lager ermordet wurden, die weitaus meisten von den Erschießungskommandos der Einsatzgruppen, eine geringere Zahl auch mit Gaswagen. Dieser durchaus wichtige Hinweis fällt in der Zitierweise der Holocaustleugner natürlich unter den Tisch.

Wahrscheinlich sah Goldhagen den unbedingten Willen der Nationalsozialisten, die Juden zu ermorden, als den entscheidenden Punkt an, demgegenüber die Methode in den Hintergrund trat. Dafür spricht, dass er in seinem Buch ausführlich über die „Todesmärsche“ schreibt. Als die Lager geräumt werden mussten, ging das Morden weiter, während die Nationalsozialisten die Opfer durch das Land trieben – nicht etwa, um die Häftlinge zu retten, sondern um den Kriegsgegnern den Zugriff auf die Zeugen ihrer Verbrechen zu erschweren.

Goldhagen meint vermutlich, die konkrete Mordmethode sei angesichts des unbedingten Willens zum Mord sekundär gewesen – eben ein Nebenaspekt oder eine Nebenerscheinung. Es war den Nazis egal, wie die Juden umgebracht wurden, solange sie nur möglichst schnell in möglichst großer Zahl beseitigt wurden.

Gestützt wird dieser Erklärungsansatz durch einen Abschnitt in Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker.

Deutsche erschossen während des ganzen Krieges Zehntausende Juden, so daß gar nicht sicher ist, ob Vergasungen wirklich „effizienter“ waren. In vielen Fällen war sogar das Gegenteil der Fall. Die Deutschen zogen die Vergasungsmethode aus Gründen vor, die nichts mit „Wirtschaftlichkeitsberechnungen“ zu tun hatten. Der Einsatz von Gas bei der Vernichtung der Juden durch die Deutschen war daher – anders als weithin angenommen – ein nebensächliches Phänomen. Es war leicht anzuwenden, aber nicht unentbehrlich. Auch ohne die Erfindung der Gaskammern hätten die Deutschen ebenso viele Juden ermorden können. Nicht die Mittel, der Wille war entscheidend.

Daniel Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 603

Es mag sein, dass Goldhagen, wie im SPIEGEL angedeutet, eine unkluge, absurde und ungeschickt formulierte Bemerkung gemacht hat. Als Autor eines weit verbreiteten Buchs sollte er sich eben genauer überlegen, was er sagt, und er müsste eigentlich damit rechnen, dass alle seine Äußerungen sehr kritisch unter die Lupe genommen werden.

Doch so sehr man Goldhagens Äußerung auch kritisieren mag, eines hat er sicherlich nicht getan: Er hat mit Sicherheit nicht die Realität der Massenvergasungen in Frage gestellt.

Wenn also, wie oben im Titel angedeutet, Daniel Goldhagen im Dienst der Holocaust-Leugner zu stehen scheint, dann ganz bestimmt nicht freiwillig, sondern nur aufgrund einer „revisionistischen“ Zwangsrekrutierung.