Ilja Ehrenburg Das Hassobjekt
Ein Gastbeitrag von Erhard Sanio
Trifft es zu, dass Ilja Ehrenburg in einem Aufruf sowjetische Soldaten aufforderte, deutsche Frauen als „Beute“ zu vergewaltigen?
Dies trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu. Trotz mehrjähriger intensiver Nachforschungen war es nicht möglich, Ehrenburg die Urheberschaft nachzuweisen. Ehrenburg selbst erklärte, er habe dies nie geschrieben.
Der sowjetische Propagandist Ilja Ehrenburg wird von Rechtsextremisten und Antisemiten oft als Beleg für die Behauptung genannt, die Juden seien nur darauf aus, Deutschland zu schaden. Konkret wird ihm vorgeworfen, einen Aufruf an sowjetische Soldaten verfasst zu haben, der dazu aufforderte, deutsche Frauen als „Beute“ zu sehen und sie zu vergewaltigen.
Ilja Ehrenburg
Der Aufruf selbst konnte in sowjetischen Quellen nicht nachgewiesen werden; erst die NS-Propaganda machte ihn bekannt. Daher besteht ein berechtigter Verdacht, dass sie den Aufruf selbst produziert hat. Dass die NS-Propaganda mit Fälschungen arbeitete, ist bekannt [vgl. Weissbücher].
Gut gesichert ist dagegen, dass der Aufruf, sofern überhaupt echt, nicht von Ehrenburg stammte. Das Institut für Zeitgeschichte forschte ab 1957 mehrere Jahre lang nach, ob Ehrenburg ihn verfasste, und erstellte dazu ein Dossier [vgl. Dossier Ehrenburg, Institut für Zeitgeschichte]. Ehrenburg schrieb nach dem Überfall des NS-Regimes auf die Sowjetunion mehrere aggressive Texte gegen die Angreifer, doch seine Urheberschaft an diesem konkreten Text konnte nicht nachgewiesen werden. Ehrenburg selbst bestritt die Urheberschaft mehrfach und sehr energisch.
Ilja Ehrenburg dementiert die Urheberschaft
Ilja Ehrenburg schrieb dort, bisher hätten die Deutschen für den Staat wichtige Dokumente gefälscht, und jetzt seien sie dazu übergegangen, seine Artikel zu fälschen.
Der Spiegel griff dieses Thema 1962 unter dem Titel Tötet, tötet auf, konnte jedoch nichts Neues berichten. Das nicht zugeordnete Zitat ist heute noch auf rechtsextremen/antisemitischen Webseiten zu sehen, die einerseits von den NS-Verbrechen ablenken und andererseits Ehrenburg als stellvertretend anprangern, um Juden pauschal als Übeltäter zu diffamieren.
Als Antwort auf diese Unterstellung schrieb Erhard Sanio im Mai 1996 einen Usenet-Artikel, der im Folgenden mit Erlaubnis des Autors unverändert dokumentiert wird. Aus Datenschutzgründen wurden Namen verfremdet.
From: sanio@xxx (Erhard Sanio)
Newsgroups: de.soc.kultur,de.soc.politik,soc.culture.german
Subject: Ilja Ehrenburg, was: Re: GOLDHAGEN
Date: 25 May 1996 20:33:32 GMT
Message-ID: 4o7qqs$6jl@unlisys.unlisys.net
In-Reply-To: Message-ID: 4nsu33$s5n@nz12.rz.uni-karlsruhe.de
Hallo Arne,
„Hotte“ (hk@xxx) wrote:
[ .. ]
Ich schenke mir Kommentare zu „Hottes“ Dreck. Der Typ kommentiert sich selbst.
Allerdings aergert es mich stets, wenn der Name des bedeutenden sowjetischen Schriftstellers Ehrenburg von Kreaturen dieser Sorte in den Dreck gezogen wird. Als Kommunist, Jude und Schriftsteller von Rang konnte er fuer die Nazis – schon zu Zeiten des 2. Weltkriegs – nichts anderes als eine Hassfigur sein.
Um eines klarzustellen: Der angebliche Aufruf Ehrenburgs, deutsche Frauen zu vergewaltigen, ist wahrscheinlich im November 1944 vom Reichspropagandaministerium fabriziert und in einem Tagesbefehl des AOK Nord sowie vom Stab Doenitz verbreitet worden, und zwar stets als Zitat, in indirekter Rede und als Berufung auf ein angebliches Flugblatt oder in einigen Versionen als einen angeblichen Artikel in der Prawda oder der Krasnaja Svjesda. Die letzteren Behauptungen werden praktisch nur noch in Nazi- und Vertriebenenverbandskreisen kolportiert, da sie nachweisbar falsch sind: Die Zeitungen befinden sich vollstaendig als Originale oder Mikrofilm in zahlreichen Archiven, z.B. der Osteuropasammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. Diese widerlegte u.a. in einem Schreiben vom 29.10.1961 Luegen der rechtsradikalen und Vertriebenenpresse ueber einen angeblichen Aufruf des bekannten Inhalts in der Prawda. Von dem oder den angeblichen Flugblaettern hat sich auch nie eine Spur gefunden.
Ehrenburg hat uebrigens schon 1944 von der Verleumdung erfahren und sie in einem an die Krasnaja Svjesda gerichteten Brief wie folgt kommentiert: "Frueher einmal haben die Deutschen Staatsdokumente gefaelscht. Jetzt sind sie soweit, meine Artikel zu faelschen. Die Zitate, die der deutsche General mir zuschreibt, verraten den Verfasser nur zu deutlich." Diesen Artikel kann man nachlesen.
Ehrenburg hat waehrend des Krieges eine Reihe von Aufrufen an die Rote Armee verfasst. In einigen davon hat er in bedenklicher Form zu Hass und zum Toeten der Eindringlinge aufgerufen. Darin fanden sich so wenig geschmacksfeste Formulierungen wie: " .. Fuer unsere Soldaten gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen ..", wobei sich all dies aber unmissverstaendlich auf die eingedrungenen Soldaten bezog und nicht auf irgendwie geartete Plaene der Eroberung des Reiches. Ueberdies war der Aufruf "Toete" nicht schlimmer als andere blutruenstig-patriotische Aufrufe in anderen Laendern zu aehnlichen Gelegenheiten. Es gab allerdings einen Unterschied zu den Entgleisungen von Poeten etwa zu Beginn des Ersten Weltkriegs.
Der Aufruf war entstanden unter dem Eindruck der ersten Wochen des deutschen Ueberfalls und der unglaublichen Massenmorde an sowjetischen Juden, ueber die Ehrenburg zusammen mit Vassilij Grossmann das (erst vor kurzem veroeffentlichte) Schwarzbuch mit Zeugnissen von Augenzeugen ueber die Verbrechen niederschrieb.
Ehrenburg schrieb in jenen Jahren des Krieges auch folgendes (auch fuer die Rote Armee): "Europa traeumte von der Stratosphaere – jetzt muss es wie ein Maulwurf in Kellern und Erdloechern haeusen. Nach dem Willen Hitlers und seiner Schergen hat sich das Jahrhundert verfinstert. Wir hassen die Deutschen nicht nur, weil sie niedertraechtig und gemein unsere Kinder morden, wir hassen sie auch deshalb, weil uns von allen Worten, die den Menschen zu eigen sind, nur das eine geblieben ist: Toete! Wir hassen die Deutschen deshalb, weil sie das Leben bestohlen haben."
Und in einem Artikel mit dem Titel "Rechtfertigung des Hasses" (Krasnaja Svjesda, Sommer 1942):
" .. Unsere Menschen traeumen nicht von Rache. Nicht dafuer haben wir unsere Juenglinge erzogen, damit sie auf die Ebene Hitlerscher Gewalttaten herab-sinken. Niemals werden Rotarmisten deutsche Kinder toeten, das Goethehaus in Weimar anstecken oder die Bibliothek in Marburg zerstoeren. Rache bedeutet, dass man Gleiches mit Gleichem vergilt, dass man die Sprache des Feindes zu sprechen sich anschickt. Wir aber haben mit den Faschisten keine Sprache gemein. .."
Das sind die Worte eines beleidigten Humanisten, nicht eines Gewaltpredigers.
Nun ist der Krieg eine Weile vorbei, fuer die unverschaemten Verleumdungen, die Goebbels und seine Kreaturen ebenso wie Doenitz und andere Verbrecher gegen Ehrenburg schleuderten, kann und soll man die heute lebenden jungen Deutschen nicht verantwortlich machen. Dass die alten und neuen Nazis nie aufgehoert haben, ihre dreckige Mischung aus Antisemitismus und Antikom-munismus zu verbreiten, versteht sich.
Das literarische Werk von Ehrenburg ist (jedenfalls in Deutschland) im Moment nur antiquarisch erhaeltlich. Lesenswert sind seine zahlreichen Romane und Essays – meist in einem distanziert-ironischen Stil gehalten -auf jeden Fall. Ehrenburg hat sich schon als Schueler politisch betaetigt, wurde dafuer inhaftiert und lebte bis 1917 als Emigrant in Paris. Er hat in seinem Leben eine unglaubliche Zahl der bedeutendsten Gestalten des europaeischen Kulturlebens dieses Jahrhunderts kennengelernt. Hiervon legt seine 1962 und 1965 auch in der BRD erschienene Autobiographie "Menschen, Jahre, Leben" (Ljudi, gody, shisn) Zeugnis ab ebenso wie von den beiden Weltkriegen, dem Spanischen Buergerkrieg (hier fasziniert Ehrenburgs freundliche Schilderung der katalanischen Anarchisten) und der Epochenwende, die der Sturz Berijas und die Entstalinisierung fuer die UdSSR bedeuteten. Ehrenburgs Roman "Tauwetter" markierte diesen Wendepunkt. Seine Autobiographie ist ein einzigartiges Zeugnis unseres Jahrhunderts und jenseits politischer Ablehnung oder Zustimmung mehr als nur lesenswert.
Ehrenburg war kein Dissident, wohl aber ein distanziert-kritischer Intellektueller, der seine Freunde Isaak Babel, Boris Pasternak und Vasilij Grossmann auch verteidigte, als sie verfolgt wurden und der waehrend der Kampagne gegen das "Kosmopolitentum" in grosse Schwierig-keiten geriet.
Dass „Hotte“ gegen jeden Juden hetzt und darueber hinaus fanatischer Antikommunismus fuer jeden Nazi typisch ist, verwundert und erschreckt mich eigentlich nicht. Dass allerdings aus einem Posting von Erika Schelby zu entnehmen war, dass die dreckigen Goebbelsluegen in einem US-Buch von 1995 (Naimark) unkritisch wiedergekaeut werden, ist eher niederschmetternd. Ehrenburg hatte recht, als er schrieb, dass der Faschismus nicht unter den Opfern des Krieges zu finden war ..
regards, es