Das gefälschte Abegg-Gelpke-Archiv
Haben der jüdische Bankier Max Warburg und andere jüdische Finanziers Hitler und die NSDAP bereits in den 1920er/30er Jahren mit Millionensummen finanziert, und wird dies durch das sogenannte „Abegg-Archiv“) bewiesen?
Die Behauptungen, das Abegg-Archiv könne eine Finanzierung Hitlers durch jüdische Bankiers – namentlich die Warburg-Familie – beweisen, sind unwahr. Die wesentlichen angeblichen „Beweisdokumente“ in dieser Sammlung sind Fälschungen.
Angeblich hinterließ der ehemalige preußische Staatssekretär Wilhelm Abegg eine Reihe von Dokumenten, aus denen hervorgehen soll, dass Hitler aus dem Ausland und vor allem von Juden finanziert worden sei. Gelegentlich wird auch behauptet, das preußische Innenministerium habe unter Minister Severing aus diesem Grund Ermittlungen gegen Hitler durchgeführt, und in Abeggs Akten fänden sich entsprechende Beweise. Ermittlungen gegen Hitler und die NSDAP gab es tatsächlich, aber nicht wegen der Finanzierung der Partei, sondern wegen Hochverrats und umstürzlerischer Absichten [vgl. Robert M. W. Kempner, Der verpasste Nazi-Stopp].
Nach dem verschwörungslastigen Autor Karlheinz Deschner, Der Moloch, S. 223, sollen Abeggs Ermittlungsakten konkret auf einen „Bankier Warburg“ als Hitler-Finanzier hinweisen. Deschner bietet jedoch keinerlei Belege für seine Behauptung, Warburg habe Hitler mit 32 Millionen Dollar unterstützt. Der sogenannte Warburg-Bericht ist zudem längst als Fälschung entlarvt.
Jean Ledraque (Pseudonym für den Altnazi Hennecke Kardel) übernimmt in Springers Nazionismus eine Version des „Warburg-Berichts“ aus Sondereggers Buch Spanischer Sommer und fügt einige nichtssagende Dokumente hinzu, die größtenteils noch nicht einmal von Abegg selbst, sondern von Alhard Gelpke aufgrund angeblicher Erinnerungen und Notizen verfasst wurden.
Kardel behauptet, auch General von Schleicher habe Beweise für die Hitler-Finanzierung durch amerikanische Juden besessen, doch der Offizier sei beim sogenannten „Röhm-Putsch“ erschossen worden, und dabei seien die Unterlagen verschwunden. Weitere wesentliche Teile der „Beweise“ seien im Mai 1933 vernichtet worden [vgl. Kardel, Springers Nazionismus, S. 243]. Später habe Alhard Gelpke das Archiv wieder aufgebaut. Zwei Seiten danach beginnt Kardel allerdings nicht mit der Wiedergabe der Akten selbst, sondern beschreibt anhand einiger Dokumente lediglich die angebliche „Geschichte ihrer Vernichtung“ [Kardel, Springers Nazionismus, S. 245].
Gelpkes „Erinnerungen“, auf die sich auch Kardel bezieht, sind weitgehend fiktiv, obwohl einige echte zeitgenössische Dokumente beigemengt sind, die anscheinend einen Eindruck von Authentizität erwecken sollen. Das Schweizerische Sozialarchiv schreibt über das von Gelpke produzierte Abegg-Archiv:
Das „Abegg-Archiv“ wurde für verschiedene Publikationen ausgewertet; es hat allerdings keinen Quellenwert und muss als Fälschung spektakulären Ausmasses betrachtet werden.
Über Gelpke erfährt man bei der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, er habe sich „seine eigene Legende“
erschaffen, die ihm „Rollen von historischer Bedeutung zuschrieb“
, und weiter:
Als „Geheimarchivar“ produzierte er mit Unterstützung seiner zweiten Frau vor allem in den fünfziger Jahren umfangreiche Pseudoakten, die er ergänzt durch einzelne Originalbriefe, Artikel und Schriften als „Abegg-Archiv“ ausgab; 1959 verkaufte er dieses für 8'000 Franken über Dr. Michael Kohl der DDR. Weitere Produktionen aus dem „Abegg-Archiv“ schenkte er verschiedenen Instituten und Archiven in den USA, in Deutschland und in der Schweiz und sicherte sich so einen Platz in der Geschichte, bis 1980 durch Klaus Urner nachgewiesen wurde, dass das „Abegg-Archiv“ eine Fälschung ist.
ETHZ, Gelpke, Alhard
vgl. auch ibid. Abegg-Nachlass.
Sowohl das Schweizerische Sozialarchiv als auch die Dokumentation der ETHZ verweisen auf Klaus Urner, der sich in Der Schweizer Hitler-Attentäter mit Abegg und Gelpke befasst hat. Gelpke habe demnach auch über angebliche Attentatspläne gegen Hitler berichtet, aber:
Eine direkte Befragung von Dr. Alhard Gelpke, der diese Attentatserzählung auch in seiner 1959 unter dem Pseudonym «Alardus» publizierten Schrift «Krieg in Sicht?» wiedergibt, lässt eines vermissen: Hinweise, die nachprüfbar sind.
(…)
Es fehlt nicht an unkritischen Geistern, die im sogenannten «Abegg-Archiv» bedeutsame Funde zu entdecken meinen.
Urner, Attentäter, S. 133/134
Anschließend erklärt Urner, wer diese Erfindungen mit Vorliebe verbreitet hat, und nennt im weiteren Verlauf u.a. auch Hennecke Kardel:
Da Alhard Gelpke in zahlreichen Notizen festgehalten hat, was ihm die Polizeioffiziere über die geheimen Kapitalzuflüsse der NSDAP anvertraut haben sollen, werden die sogenannten Abegg-Materialien mit Vorliebe von Publizisten beigezogen, die Hitler als Marionette einer skrupellosen Hochfinanz darstellen möchten.
(…)
Auch Hennecke Kardel, der Verfasser des Buches «Adolf Hitler – Begründer Israels», versucht, den Einfluss amerikanischer und jüdischer Geldgeber unter anderem durch Hinweise auf Abegg-Materialien zu dokumentieren.
Urner, Attentäter, S. 135
Wie Urner schreibt, hat Abegg dem „Münchhausen“ Gelpke keinerlei Nachlass zukommen lassen. Gelpkes Fälschungen beruhen allein auf dessen lebhafter Fantasie. Folglich fällt Urners Urteil über Gelpkes „archivarische Tätigkeit“ vernichtend aus:
Als Treuhänder und Archivar fungiert einzig Dr. Alhard Gelpke, der gleichsam als ein moderner Münchhausen aus einem Kern an Selbsterlebtem, angeregt durch umfangreiche Lektüre und beflügelt von lebhafter Phantasie, Tausende von sogenannten Archivnotizen produziert hat, die er als Diktate Abeggs ausgab.
Urner, Attentäter, S. 136
Urner ging der Frage nach, warum Gelpke sich so große Mühe gab, ein „Archiv“ aufzubauen, das vor allem auf seiner eigenen Fantasie beruhte. Einen Zeugen hierfür fand er in dessen Bruder:
Pfarrer Rhenus Gelpke beurteilt seinen Bruder, der subjektiv seine Handlungen als wahr angesehen habe, wie folgt: «Er baute sich eine Welt auf mit einem Netz bedeutender Beziehungen, die ihm wohl als Selbstbestätigung dienten, als Kompensation für die vielen beruflichen Frustrationen.»
Urner, Attentäter, S. 140
Im Folgenden berichtet Urner über Alhard Gelpkes Versuche, das „Archiv“ an verschiedene Stellen zu verkaufen. Seine Angebote an das Institut für Zeitgeschichte, das Bundesarchiv Koblenz und die Hoover Institution der Stanford University lehnten jedoch ab, weil die Fachleute offenbar genau wie Rudolf Humm vom Archiv für Zeitgeschichte in Zürich recht schnell erkannten, „dass die noch vorhandenen Unterlagen in ihrem überwiegenden Teil keinen Quellenwert besitzen“.
[Urner, Attentäter, S. 142]
Obwohl schon länger bekannt ist, dass es sich um eine Fälschung handelt, werden das Abegg-Archiv und seine Reinkarnation in Springers Nazionismus nach wie vor als vermeintlicher Beweis für die Finanzierung Hitlers durch ausländische, vor allem jüdische Geldgeber benutzt.
Quellen und Verweise
- Biografische Informationen: Wilhelm Abegg
- Fälschung Gelpke: Schweizerisches Sozialarchiv
- Ermittlungen gegen Hitler
- Robert M. W. Kempner, Der verpasste Nazi-Stopp
- ETHZ: Gelpke, Alhard; vgl. auch ibid. Abegg-Nachlass
- Klaus Urner, Der Schweizer Hitler-Attentäter
Siehe auch
- Angebliche Auslandsfinanzierung der NSDAP: Warburg-Bericht