Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn Die wahre ideologische Heimat des Nationalsozialismus

„Kein Gegensatz, sondern eher Konkurrenzkampf“

BEHAUPTUNG:

Hat Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn nachgewiesen, dass die Nationalsozialisten Sozialisten waren?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Das trifft nicht zu. Der Autor hat Quellen verfälscht und vieles nicht belegt und kommt zu einem unhaltbaren Ergebnis.

Der Text Die wahre ideologische Heimat des Nationalsozialismus von Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn erschien vermutlich ursprünglich in der Ausgabe 10/1997 des Deutschland-Magazin. Kernpunkt ist die These, die Nazis seien Linke und die NSDAP sei eine linke Partei gewesen.

Für jemanden, der sich „Seit einem halben Jahrhundert“ mit dem Unterschied zwischen Rechts und Links beschäftigt (so Kuehnelt-Leddihn über sich selbst) ist der Beitrag bemerkenswert schlecht recherchiert und dokumentiert. Es handelt sich eher um eine Meinungsäußerung als um eine sachlich fundierte Analyse, und an einigen Punkten lässt sich sogar nachweisen, dass Kuehnelt-Leddihn mit historischen Fakten – teilweise sogar mit seinen eigenen Quellen – ausgesprochen kreativ umgegangen ist, um es höflich auszudrücken.

Unter der Zwischenüberschrift „Goebbels sah sich als Repräsentant der politischen Linken“ schreibt Kuehnelt-Leddihn beispielsweise:

Erst am 5. Mai 1918 wurde die DAP in „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ umbenannt. Ihr Programm war eindeutig links.

Kuehnelt-Leddihn, Die wahre ideologische Heimat

Kuehnelt-Leddihn bezieht sich auf die österreichische und nicht auf gleichnamige deutsche DAP, aus der die NSDAP hervorging. Das Parteiprogramm der NSDAP wurde im Februar 1920 verabschiedet. Es enthält tatsächlich einige Passagen, die populistisch-antikapitalistisch gemeint waren. Als sozialistische Ideologie kann man dies jedoch nur auffassen, wenn man den dort ebenfalls formulierten völkisch-rassistischen Kontext ausblendet.

Diese irreführende Verwechslung der Parteien hat einen guten Grund. Würde Kuehnelt-Leddihn sich explizit auf das NSDAP-Programm von 1920 beziehen, dann müsste sich mit dem rassistisch-antisemitischen Kontext auseinandersetzen, und er müsste obendrein auch Hitlers 1928 erlassene Ergänzung behandeln. Dort wandte Hitler sich unmissverständlich gegen allzu sozialistische Tendenzen in seiner Partei und bezeichnete entsprechende Auslegungen sogar als „verlogen“.

Über die sozialistisch anmutenden Punkte des Parteiprogramms schreibt Wolfgang Wippermann:

Doch gerade diese Forderungen, mit denen die Partei ihrem Namen als Nationalsozialistischer Deutscher Arbeiterpartei gerecht geworden wäre, wurden 1928 von Hitler eingeschränkt.

Wolfgang Wippermann in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 11, (Hervorh. i. Original)

Eine ausführlichere Darstellung der taktischen Erwägungen, aus denen die Nazis sich zeitweise sozialistisch gebärdet haben, ist auf einer anderen Webseite zu finden, die sich mit auch mit dem Strasser-Flügel der NSDAP befasst. Hier soll der Hinweis reichen, dass die Nazis, als sie an der Macht waren und die Möglichkeit dazu hatten, keine Anstalten machten, sozialistische Ideale in die staatliche Realität umzusetzen.

Einen weiteren „Beleg“ – wenn man es denn so nennen will – für die linke Orientierung der Nazis sieht Kuehnelt-Leddihn offenbar in folgendem Punkt:

Dann kamen bald das Kriegsende und der „Umsturz“. Hitler diente in München mit roter Armbinde unter den Kommunisten (siehe J. Fest: Hitler, 1973, S. 122).

Kuehnelt-Leddihn, Die wahre ideologische Heimat

Diese Bemerkung suggeriert, Hitler habe auf Seiten der „Roten“ beim Aufbau der Münchener Räterepublik mitgewirkt. Das hat Fest in der von Kuehnelt-Leddihn referenzierten Hitler-Biographie allerdings nicht geschrieben. Wenn man dort nachschlägt, findet man die folgende Einschätzung zu Hitlers politischem Standort:

Alles spricht vielmehr dafür, dass sein Verhalten zu jener Zeit eine Mischung aus Verlegenheit, Passivität und opportunistischer Anpassung war. Nicht einmal an den turbulenten Vorgängen der ersten Maitage, als die Truppen des Freikorps Epp zusammen mit anderen Verbänden München entsetzten und die Räteherrschaft stürzten, nahm er in irgendeiner bemerkenswerten Weise teil.

Joachim C. Fest, Hitler, S. 123

Entgegen Kuehnelt-Leddihns Behauptung hat Hitler also gerade nicht auf Seiten der „Roten“ gekämpft. Aber wie ist Hitler denn nun zu seiner roten Armbinde gekommen? Joachim C. Fest erklärt das so:

Da er nicht wusste wohin, nahm er wieder Quartier in der Kaserne in Oberwiesenfeld. Vermutlich ist der Entschluss ihm nicht leicht gefallen, denn er nötigte ihn, sich der herrschenden Roten Armee zu unterstellen und deren rote Armbinde anzulegen (…) Kaum etwas unterstreicht deutlicher, wie gering zu diesem Zeitpunkt sein politisches Bewusstsein entwickelt war (…) allen nachträglichen Stilisierungen zum Trotz, war in dieser Phase seine politische Indolenz offenkundig stärker als das Gefühl der Kränkung, ein Soldat im Kommandobereich der Weltrevolution zu sein.

Fest, Hitler, S. 122

Hitler war die Zugehörigkeit zum Militär offenbar wichtiger als alles andere, und so unterwarf er sich trotz seiner Abneigung gegen die Kommunisten den neuen Machthabern. Also müssen wir hier nicht etwa eine Neigung zu linken Ideen, sondern reinen Opportunismus als Beweggrund festhalten.

Damit nicht genug. Als die Räteherrschaft zerschlagen war, stellte Hitler sich sogar den neuen Machthabern zur Verfügung, und

(…) beschaffte Informationen, machte Kameraden ausfindig, die sich dem kommunistischen Räteregime angeschlossen hatten, und erfüllte offenbar im ganzen seinen Auftrag so zufriedenstellend, dass er kurz darauf zu einem Aufklärungskurs für „staatsbürgerliches Denken“ kommandiert wurde.

Fest, Hitler, S. 123

Das klingt ganz und gar nicht nach einem Vorkämpfer linker Ideologien, wie Kuehnelt-Leddihn es darstellt, sondern eher nach einem Opportunisten – und nach einem Denunzianten. Wenn überhaupt, dann hat Hitler für die rechten, konservativen und nationalistischen Gegner der Räterepublik aktiv gearbeitet, und nicht etwa für deren Vertreter. Noch genauer gesagt: Hitler diente genau jenen Kräften als Spitzel, von denen Kuehnelt-Leddihn ihn möglichstw weit entfernen will.

Kuehnelt-Leddihn mag ja anderer Meinung sein und Hitler trotz alledem noch als Sozialisten sehen. Es ist sein gutes Recht, sich mit absurden Behauptungen selbst ins Abseits zu stellen. Wenn er sich aber auf Joachim C. Fests Hitler-Biographie beruft, dann sollte man in seinen Anmerkungen doch wenigstens das wiederfinden können, was Fest gemeint und geschrieben hat. Das ist leider nicht der Fall. Kuehnelt-Leddihn hat Fests Aussagen verfälscht.

Eine oft und gern kopierte Falschmeldung

Ein Stück weiter meint Kuehnelt-Leddhin dann:

Ja aber, fragt vielleicht der naive Zeitgenosse, haben die Braunen nicht „dennoch“ behauptet, „rechts“ zu stehen? Keine Spur! Goebbels erklärte am 6. Dezember 1931 im Angriff, dass die NSDAP die „deutsche Linke“ verkörpere und den „bürgerlichen Nationalismus“ verachte. Kann das deutlicher gesagt werden? Was will man mehr?

Kuehnelt-Leddihn, Die wahre ideologische Heimat

Dieses angebliche Goebbels-Zitat ist in sozialen Medien heute noch als „Beweis“ für den angeblichen Sozialismus des NS-Systems in Umlauf.

Auf schwarzem Hintergrund links Goebbels' Gesicht, das mit gesenkten Mundwinkeln herausschaut, rechts in weißer Schrift das angebliche Zitat über die „deutsche Linke“.

Nicht von Goebbels: angebliches Zitat in Der Angriff

Das Problem ist nur: Am genannten Tag gab es überhaupt keine Ausgabe der Zeitung. Tatsächlich stand das Zitat in einer anderen Publikation, und der Urheber war nicht Goebbels [vgl. dpa-Faktencheck, Nicht von Goebbels].

Kuehnelt-Leddihns Argumentation bewegt sich hier ohnehin auf der etwas unterkomplexen Ebene: Die Nazis haben sich Sozialisten genannt, also waren sie Sozialisten. Nun denn – die DDR hat sich demokratisch genannt, also war sie es.

Sollte Kuehnelt-Leddihn, der seine Bemerkungen sicher nicht in jugendlichem Leichtsinn, sondern eher in reiferen Jahren aufgeschrieben hat, nicht erkannt haben, dass nicht überall das drin ist, was außen draufsteht? Tatsächlich entmachtete Hitler den „linken“ Parteiflügel um die Strasser-Brüder [vgl. Die Sozialisten verlassen die NSDAP].

Wählerwanderungen?

Aber sehen wir weiter:

Die NSDAP kämpfte doch gegen den so linken Kommunismus, also war sie sein rechter Feind! Aber man erinnere sich daran, dass bei den Wahlen im November 1932, bei einem Rückgang der braunen Stimmen, die Kommunisten 100 Vertreter in den Reichstag schickten: Viele Nationalsozialisten waren über Nacht zu Internationalsozialisten geworden.

Kuehnelt-Leddihn, Die wahre ideologische Heimat

Erstaunlich, was Kuehnelt-Leddihn über die Wählerwanderungen in der Weimarer Republik zu wissen glaubt – und das alles ganz ohne Quellenangabe.

Im Jahr 1932 fanden zwei Wahlgänge statt. Es trifft zu, dass die NSDAP in dieser Zeit Stimmen verlor und die KPD Stimmen gewann. Aber darf man daraus schließen, dass die Wähler von den Nazis direkt zu den Kommunisten übergelaufen sind?

Für einige Wähler mag das zutreffen, denn da die Hitler-Partei sich eine Weile sozialistisch gab, ohne es wirklich zu sein, ist denkbar, dass enttäuschte Wähler, die von der KPD abgeworben worden waren, in ihre alte politische Heimat zurückkehrten.

Dies allein ist aber keine hinreichende Erklärung, denn während die Nazis zwei Millionen Stimmen verloren, konnten die Kommunisten nur 700 000 Stimmen hinzugewinnen. Wenn man die Wahlergebnisse von 1932 durchgeht, sieht man, dass auch die erzkonservative, deutschnationale DNVP Stimmen hinzugewann – und zwar etwa 800 000, also sogar noch mehr als die KPD [Daten nach Michalka, Deutsche Geschichte S. 342].

Wenn man schon so argumentiert wie Kuehnelt-Leddihn, dann könnte man anhand der Zahlen ohne weiteres auch sagen: Viele Nationalsozialisten waren über Nacht zu nationalkonservativen Rechten geworden.

Das verrät Kuehnelt-Leddihn den Lesern aber nicht – denn er will ja gerade die nationalkonservative Rechte aus ihrer intimen Verbundenheit mit dem Hitler-Regime herauslösen, weil er selbst dieser politischen Richtung nahesteht. Dazu sind ihm offenbar auch Methoden recht, die alles andere als redlich sind.

Übrigens haben bei den Wahlgängen im Jahre 1932 auch das katholisch-konservative Zentrum (700 000) und die SPD (700 000) Wähler verloren. Hinzu kommt noch, dass die Wahlbeteiligung insgesamt um 1,4 Millionen Stimmen gesunken ist. Wer da zu welcher Partei gewandert ist oder wessen Anhänger nicht zur Wahl gegangen sind, ist also alles andere als klar. Wenn Kuehnelt-Leddihn derart konkrete Aussagen über Wählerwanderungen macht, die ihm als Stütze seiner Argumentation dienen sollen, dann müsste man eigentlich erwarten können, dass er seine Aussagen mit harten Fakten belegt. Er tut es nicht, und ich wage zu behaupten: Er kann es auch nicht.

Die Behauptung über die angebliche Wählerwanderung ist bei weitem nicht die einzige, die Kuehnelt-Leddihn ohne überprüfbare Angaben in den Raum stellt – und dort, wo er konkrete Angaben macht, zeigt sich mitunter sogar, dass der Autor manipuliert, indem er verfälschend wiedergibt, was z.B. in Fests Hitler-Biographie zu finden ist.

Links ist, was ich so nenne

Nachdem Kuehnelt-Leddihn in dieser Manier seine „Beweise“ um sich versammelt hat, fällt es ihm natürlich leicht, den großen Schlussakkord anzustimmen:

Nationalismus und Rassismus sind links, Patriotismus ist rechts.

Kuehnelt-Leddihn, Die wahre ideologische Heimat

Das primäre Entscheidungkriterium im NS-System war der Rassismus, also der Blick auf unveränderliche biologische Eigenschaften („Blut“). Schon hier entsteht ein unüberbrückbarer Gegensatz zu sozialistischen Ideen, die auf veränderbare ökonomische Bedingungen abheben. Ein augenfälliges Beispiel ist die Tatsache, dass die Hitlerdiktatur jüdische Proletatier verfolgt und vernichtet und „arische“ Kapitalisten beschenkt hat.

Wer die Nationalsozialisten links einordnen möchte, sollte diese Gegensätze mindestens erwähnen und diskutieren. Kuehnelt-Leddihn ignoriert sie. Sein Text ist eine Ansammlung von unbelegten Behauptungen und irreführenden Angaben und unterschlägt wesentliche historische Fakten.

Steigbügelhalter

Im Verlauf seines Textes wagt es der Autor sogar, Folgendes zu behaupten:

Nationalismus und Rassismus sind links, Patriotismus ist rechts.

Kuehnelt-Leddihn, Die wahre ideologische Heimat

Das hätte Otto Wels sicher anders gesehen. In einer flammenden, patriotischen Rede sprach sich der SPD-Fraktionsführer gegen das Ermächtigungsgesetz aus, das die NS-Diktatur endgültig installierte.

Für die Annahme des Ermächtigungsgesetzes, mit dem die Weimarer Republik endgültig beerdigt wurde, stimmten das konservative Zentrum und alle weiter rechts stehenden Parteien, deren politischer Standort ungefähr in jener verlorenen Region lag, von der aus Kuehnelt-Leddihn die Geschichte umschreiben möchte. Dieses einschneidende Ereignis erwähnt Kuehnelt-Leddihn mit keinem Wort. Das ist kein Wunder, denn es wirft eine unangenehme Frage auf: Was hat wohl seine rechtskonservativen bis rechtsextremen Gesinnungsgenossen damals bewogen, dem angeblich linken Hitler in den Sattel zu helfen?

Ebenso eigenartig ist die oben schon angedeutete Behauptung, der Nationalsozialismus habe Linke aus Konkurrenzgründen verfolgt. Folgt man Kuehnelt-Leddihns Überlegungen, dann führt dies ganz zwanglos zu der Feststellung, dass Konservative nicht verfolgt worden seien, weil sie keine Konkurrenten, sondern die besten Freunde des Systems gewesen seien. Falls sie aber doch verfolgt wurden (was zutrifft), müssten sie ebenfalls linke Konkurrenten der Nationalsozialisten gewesen sein.

Es wäre allerdings ebenso billig wie unfein, dem betagten Autor zu unterstellen, das Alter habe sein Denk- und Sehvermögen beeinträchtigt. Sein konzentrierter Adlerblick an dem vorbei, was er nicht sehen wollte, war ganz im Gegenteil bis ins hohe Alter äußerst fokussiert und ließ sich auch durch noch so aufdringliche Quellen nicht beirren.

Quellen und Verweise

Siehe auch